Bibelblind: Goldene Rosine am Band geht (wiedermal) an katholisch.de

~ 6 Minuten

Jeden Tag veröffentlicht die Onlineredaktion von katholisch.de auf ihrer Facebookseite ein Textfragment aus der Bibel. Die Idee dahinter scheint zu sein, durch die Verbindung biblischer Verslein oder oft auch nur Halbsätzen mit einem aktuellen Hintergrundfoto die biblische Mythologie in irgendeinen Bezug zur Gegenwart zu setzen.

Es ist dies ein weiterer Ausdruck des verzweifelten Ringens um Relevanz.

Den Gestaltern dieser Meme scheint nicht bewusst zu sein, dass sie mit ihren biblischen Impulsen eindrucksvoll dokumentieren, wie unbrauchbar und bedeutungslos die biblischen Narrative in Bezug auf gegenwärtige Themen bei Licht betrachtet tatsächlich sind. Zumindest dann, wenn man den Kontext berücksichtigt, aus dem die Stellen herausgepickt wurden.

Ringen um Relevanz

Goldene Rosine am BandAn den Kommentaren, die die Redaktion meist noch zu ihren Bibelmemes ergänzt lässt sich erkennen, dass sie offenbar sehr wohl der Meinung ist, die Bibelsprüche könnten noch für die Wirklichkeit der Menschheit im 21. Jahrhundert eine tiefere Bedeutung haben. Dabei scheint es ihnen völlig egal zu sein, dass sie diesen Anschein nur dann erwecken können, wenn sie die eigentliche Aussage des Textes, aus dem sie sich bedienen verschweigen.

Mit einer solch unredlichen Methode schafft man es, aus praktisch jedem beliebigen Text ein paar Wörter so herauszupicken, dass sie, für sich genommen und vom eigentlichen Zusammenhang separiert, zumindest unverfänglich erscheinen.

Schon zum dritten Mal verleihen wir der Online-Redaktion von katholisch.de deshalb die Goldene Rosine am Band für ihre Versuche, dem biblischen Mythen- und Legendenschatz durch hochselektives Herauspicken einzelner Textfragmente noch irgendeine Relevanz zu verleihen.

Herzlichen Glückwunsch!

Hier drei aktuelle Beispiele:

Impuls vom 22.02.2020

Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und genießt ihre Früchte!
Jeremia 29,28

Das Meme dazu zeigt eine Hand, die gerade einen Samen in die Erde legt. Kommentar der katholisch.de-Redaktion: Leisten wir einen Beitrag in dieser Welt.

In diesem Satz geht es nicht etwa um nachhaltigen Selbstversorger-Ackerbau, um faire Güterverteilung oder um die Vorzüge von “urban gardening”, wie die Aufmachung von katholisch.de suggeriert.

Mit diesem Satz lässt der liebe Gott sein auserwähltes Volk, das er gerade nach Babylon ins Exil verbannt hat wissen, dass es sich darauf einstellen soll, dass dieses Exil noch eine ganze Weile dauern wird.

In diesem Narrativ erfährt man auch, dass die, die “nur” verbannt worden waren sogar noch Glück hatten. Denn diesen, die sich nicht ordentlich unterwerfen wollten, droht der eifersüchtige Rache-Kriegsgott (HERR der Heerscharen) wie folgt:

  • so spricht der HERR der Heerscharen: Siehe, ich schicke unter sie Schwert, Hunger und Pest und ich behandle sie wie die verdorbenen Feigen, die vor Schlechtigkeit ungenießbar sind. Ich verfolge sie mit Schwert, Hunger und Pest und mache sie zu einem Bild des Schreckens für alle Reiche der Erde, zum Fluch und zum Entsetzen, zum Hohn und Gespött aller Völker, zu denen ich sie verstoße, weil sie nicht auf meine Worte gehört haben – Spruch des HERRN – , mit denen ich meine Diener, die Propheten, immer wieder zu ihnen gesandt habe; ihr aber habt nicht gehört – Spruch des HERRN.
    (Jer 29,17-19 EU)

Damit sein Volk in der Zeit des Exils nicht vom Glauben an ihn abfällt, sorgt Gott dafür, dass Leute, die andere Götter im Angebot haben aus religiösen Gründen (und wegen Fremdgehens) ermordet werden:

  • So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels, über Ahab, den Sohn Kolajas, und über Zidkija, den Sohn Maasejas, die euch in meinem Namen Lüge weissagen: Siehe, ich liefere sie Nebukadnezzar, dem König von Babel, aus. Er wird sie vor euren Augen niederhauen lassen.
    (Jer 29,21 EU)

Es ist mir völlig unbegreiflich, wie eine Kirche im 21. Jahrhundert offenbar ernsthaft meinen kann, diese Narrative seien eine geeignete Quelle für sinnvolle Impulse.

Es muss doch auffallen, dass diese archaische Wüstenmythologie überhaupt nichts mit der Gegenwart zu tun hat, dass es dabei um völlig andere Themen geht und dass nach den hier zitierten Narrativen der biblisch-christliche Gott zurecht als “The Most Unpleasant Character in All Fiction” bezeichnet werden kann?

Impuls vom 15.2.2020

Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat.
(Joh 15,18)

Das Meme zeigt einen Mann, der auf dem Bett sitzt und sich an den Kopf fasst. Kommentar von katholisch.de: Begegnet einander mit Liebe!

Die Opferrolle ist eine der vielen Parallelen zwischen religiöser und politisch-populistischer Ideologie: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Sich gemeinsam von jemandem gehasst zu fühlen kann auch identitätsstiftend wirken, wie zum Beispiel am Kommentar von Daniel Guggenberger zu sehen, der auf die Unterscheidung zwischen der “weltlichen” Welt (“widergöttlich” und deshalb böse) und “unserer” (also der mit magisch-esoterischen Ideen erweiterten und lt. eigenem Prädikat “sehr guten”) Welt hinweist. Eine klassische ingroup-outgroup-Ideologie also – Selbstüberhöhung der ingroup und Erniedrigung der outgroup.

Und ein solcher Satz ermöglicht natürlich auch eine starke Vereinfachung: Um sich nicht mit sachlicher Kritik an ihrem Glaubenskonstrukt auseinanderzusetzen zu müssen, unterstellen Gläubige mitunter einfach jedem, der solche Kritik äußert (oder ihr Glaubenskonstrukt auch nur hinterfragt) Hass.

Wer dann noch beigebracht bekommen hat, dass es sogar gut sei, seines Glaubens wegen gehasst zu werden, hat damit nicht nur den Denkverzicht umschifft, den religiöser Glaube verlangt, sondern er hat sich auch gleich noch einmal mehr in seiner Vorstellung bestätigt, er sei besonders fromm und tugendhaft, wegen seines Glaubens gehasst zu werden.

Impuls vom 14.2.2020

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.

Das Meme zeigt Weizenähren in Großaufnahme. Kommentar von katholisch.de: “Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen.”

Von Biologie wussten sie damals noch nicht wirklich viel, wie dieser Satz beweist. Kein Wunder, dass die damals verbreitete Weltanschauung noch magisch-esoterische Phantasievorstellungen zur Erklärung noch unbekannter Zusammenhänge beinhaltete. (Wenig) erstaunlich: Auch das 2. Drittel des Allwissenden hatte genau den Erkenntnisstand der Menschen damals.

Einen Satz weiter könnte der Bibelleser auch erfahren, was die Voraussetzung für die vermeintliche jenseitige göttliche Belohnung ist:

  • Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben.
    (Johannes 12,25 LUT)

Christen werden also sowohl dazu aufgefordert, sich selbst zu hassen und dann, andere zu lieben wie sich selbst. Das kann einiges erklären…

Wie viele der hier mitlesenden Christen würden denn von sich behaupten, dass sie sich selbst hassen?

Und was die von katholisch.de ergänzte Stelle Prediger 3,1-8 angeht:

Hier werden Töten, Steinewerfen, Hass und Krieg als genauso notwendig und unabdingbar dargestellt wie zum Beispiel Gebären und Sterben, Weinen und Lachen oder Schweigen und Reden. – das ist halt so, da kann man nichts machen, das gehört halt dazu.

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