Diesmal von zuhause – Das Wort zum Wort zum Sonntag

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Diesmal von zuhause – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Ilka Sobottke, veröffentlicht am 29.8.2020 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Pfarrerin Sobottke freut sich über ihren negativen Coronatest. Nicht wegen ihrer Gesundheit, sondern weil sie befürchtete, ihren Beruf für längere Zeit nicht ausüben zu können. Ihren Schilderungen zufolge spielt Religion offenbar kaum noch eine Rolle, was die Frage nach einer möglichen postreligiösen Folgenutzung kirchlicher Strukturen aufwirft.

Herzlich willkommen in meinem Wohnzimmer. Dienstag hatte ich Fieber, Kratzen im Hals, Erkältungssymptome. Also Mittwoch gleich einen Test gemacht. Der Arzt hat mir Quarantäne verordnet.

Ich war schon in Sorge, dass ich meine Arbeit als Pfarrerin für Wochen nicht ausüben kann.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Diesmal von zuhause – Wort zum Sonntag, verkündigt von Ilka Sobottke, veröffentlicht am 29.8.2020 von ARD/daserste.de)

Es freut mich, dass Sie offenbar nur ein bisschen krank waren/sind und vor einer Corona-Infektion bislang vermutlich verschont geblieben sind.

War ein möglicher Berufsausfall für ein paar Wochen tatsächlich Ihre vorrangige Sorge, weil Sie diese als erstes ansprechen? Und nicht etwa eine Sorge die eigene Gesundheit betreffend, Stichwort: Langzeitfolgen oder evtl. auch mögliche Komplikationen durch Vorerkrankungen? Oder wollten Sie damit nur ein bisschen demonstrieren, für wie unersetzlich Sie sich halten?

Wer ist isoliert?

Gerade jetzt, wo so viele ein offenes Ohr dringend brauchen, die Schwächsten sind noch immer isoliert. In meiner Gemeinde höre ich, dass sich manche seit Monaten und noch immer nicht vor die Tür trauen.

Solange kein Lockdown herrscht, liegt es im eigenen Ermessen, ob und wenn ja, in welchem Umfang man sich in die Öffentlichkeit begibt. Personen aus Risikogruppen sind sicher gut beraten, potentielle Infektionsquellen so gut es geht zu meiden.

Und da, wo das Zusammentreffen mit anderen Menschen unvermeidbar ist, helfen die inzwischen allgemein bekannten Verhaltensregeln, ein Infektionsrisiko signifikant zu vermindern. Wie wir inzwischen wissen.

Offene Ohren

Und dann gibt es auch viele Möglichkeiten, Menschen ein “offenes Ohr” anzubieten, ohne ihnen zu nahe zu kommen. Zum Beispiel auf dem Weg, auf dem Sie ja offenbar auch mitbekommen, was in Ihrer Gemeinde vor sich geht, Frau Sobottke.

Als Angestellte der Evangelischen Kirche haben Sie zudem sogar noch die exklusive Möglichkeit, sich über das öffentlich-rechtliche Fernsehen an alle Kunden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu wenden. Wie Sie gerade beweisen, müssen Sie dazu nicht mal Ihr Wohnzimmer verlassen.

Dieser Kommunikationskanal ist zwar nur one-way, aber wer möchte, kann ja Kontakt mit Ihnen aufnehmen und sich von Ihnen um seine Seele sorgen lassen.

Diese Möglichkeit haben nicht-kirchliche Zeitgenossen, die sich beruflich oder in ihrer Freizeit ebenfalls um andere Menschen kümmern nicht.

Bedenken… und falsche Versprechen

Oder schlimmer: Was, wenn ich wirklich krank bin und bei den Beerdigungen und beim Gottesdienst der letzten Woche jemanden infiziert habe?

Na, Sie werden sich doch hoffentlich an die Hygieneregeln gehalten haben…?

Falsches Versprechen aus der Bibel…wobei gerade ja religiöse Veranstaltungen immer wieder als Super-Spreader-Events identifiziert werden konnten. Bei denen nicht selten Berufschristen ihren Schäfchen vorgaukeln, ihr Gott helfe zuverlässig gegen eine Corona-Infektion. Wenn man ihn nur aufrichtig darum bittet. Und seine Hoffnung auf ihn setzt.

Im EKD-Mainstream finden sich so konkrekte und irreführende, weil falsche Aussagen eher nicht. Wenn überhaupt, wird eine nicht näher definierte Hoffnung auf die unendliche Liebe des zum lieben Gott umfunktionierten Bibelgottes  propagiert.

Fälle, in denen sich Religion einmal mehr als, um mit Pfarrer Meurer zu sprechen, saugefährlich erwiesen hatte, kommen nicht nur bei amerikanischen Televangelisten wie dem Spinner Kenneth Copeland vor. Sondern zum Beispiel auch bei einer Baptistengemeinde in Frankfurt, wo sich 200 Menschen bei einem Gottesdienst infiziert hatten.

Frau Sobottke, wie würden Sie einem Berufskollegen wie Copeland erklären, dass dieser Glaube, den er verbreitet, ein gefährlicher Irrglaube ist? Welche Argumente würden Sie bringen, um ihn davon zu überzeugen, dass er lebensgefährlichen und völlig grotesken Unsinn behauptet, wenn er seinem Publikum weis macht, er könne mit der Unterstützung Ihres Gottes Corona “einfach wegpusten”? Das würde mich wirklich mal interessieren.

Frau Sobottke darf wieder raus, aber noch nicht überall wieder rein

Aber der Test war negativ. Alles gut! Ich darf wieder raus.

Ein einzelner Test kann nur einen momentanen Zustand nachweisen, nicht aber einen möglichen Verlauf. Ob ein Patient gar nicht, nicht mehr oder gerade erst infiziert ist, lässt sich erst mit mehreren Tests feststellen. Während für die Ausübung religiöser Zeremonien offenbar ein Test genügt, ist man beim SWR vorsichtiger:

Ins Studio zur Aufzeichnung für das “Wort zum Sonntag” komme ich trotzdem nicht rein. Im SWR braucht es immer zwei Tests im Abstand von fünf Tagen. Klare Regeln zum Schutz aller. Ich finde das gut und weder kompliziert noch schwer auszuhalten.

Klar: Dank moderner Technik kann es Ihnen völlig egal sein, ob Sie Ihr Geld im Fernsehstudio oder in Ihrem Wohnzimmer verdienen.

Leben wie vor Corona

In Deutschland leben wir ja in vielerlei Hinsicht wie vor Corona.

…was beweist, dass die Maßnahmen bislang geeignet waren, das gesetzte Ziel zu erreichen: Eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden.

Vielen aber gehen die Einschränkungen an die Existenz. Musikerinnen, Schauspieler, Theater, Kinos, Einzelhandel, Veranstalter, Caterer.

Und deshalb ist es wichtig, neben den virologischen Aspekten der Pandemie auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen zu berücksichtigen.

Mehrere Faktoren erschweren den Umgang mit der Pandemie.

Not so easy…

Ganz allgemein sind menschliche Gehirne nicht darauf spezialisiert, mit komplexen Problemen umzugehen. In dieser Hinsicht arbeiten sie noch im “Steinzeit-Modus”, wo Vereinfachungen für das tägliche Leben überlebenswichtig und potentielle Bedrohungen meist unmittelbar waren.

Dann gibt es praktisch keine Erfahrungen, auf die man zurückgreifen könnte, wenn es darum geht, im 21. Jahrhundert den besten Weg durch eine solche Krise zu finden. Man kann sich lediglich daran orientieren, wie die Pandemie zeitgleich in anderen Ländern verläuft und daraus Schlüsse für das eigene Vorgehen ziehen. Und natürlich, indem man die Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen und neu gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse in die Planung mit einbezieht.

Immer wieder macht sich auch das Präventionsparadox bemerkbar: Menschen beschweren sich ausgerechnet über die Maßnahmen, die Schlimmeres bislang wirksam verhindern konnten.

Das bedeutet wie gesagt nicht, dass die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen, die die persönliche Freiheit einschränken nicht immer wieder kritisch hinterfragt werden und auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen berücksichtigt werden müssen.

…kein Spaß

Herbst und Winter werden kein Spaß. Die Aggressionen steigen stetig: demonstratives Händeschütteln und Verweigerung von Masken. Oder Feiern bis zum Exzess, der zu Gewalt führt. Rechte Gruppen tun so, als kämpften sie um Bürgerfreiheiten. Demonstrationen gegen Coronaregeln in Berlin – nicht genehmigt. Eine Freundin motzt Leute beim Einkaufen an, die keine Masken tragen. Alle sind betroffen, alle haben eine Meinung. Selbst die Geduldigsten und Bodenständigsten verlieren die Nerven.

Nach wie vor ist es eine Minderheit, die hier in allen möglichen Formen und aus allen möglichen Gründen in Erscheinung tritt. Frau Sobottke, bis jetzt haben Sie einen Standpunkt präsentiert, der wahrscheinlich dem der großen Mehrheit entspricht. Ich frage mich einmal mehr, was Religion meint, zur Beantwortung von gegenwärtigen politischen oder gesellschaftlichen Fragen beitragen zu können.

Können wir das nicht besser? Streiten um den richtigen Weg – ohne Gewalt, körperliche, verbale.

Aufrufe, miteinander konstruktiv und respektvoll zu streiten sind besonders dann glaubwürdig, wenn man selbst mit gutem Beispiel vorangeht. Bis jetzt kann ich mich nicht erinnern, dass Sie zum Beispiel auf meine Fragen zu Ihren Veröffentlichungen schon mal eingegangen sind.

Mögliche Folgenutzung kirchlicher Strukturen

[…] Wir machen ein Kultur-Festival bei uns an der Kirche, mit strengem Sicherheitskonzept, im Freien, vorsichtig und mit Abstand. Leute kommen zusammen, genießen die Musik, reden. Raus aus der Einsamkeit, manche brauchen jedes Mal eine Ermutigung zu kommen.

Wäre das nicht eine Option für eine sinnvolle Folgenutzung kirchlicher Strukturen und Einrichtungen? Mit vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten für Menschen, die heute noch ihr Geld damit verdienen, einen Gott zu verehren und zu verkünden, der sich aufgrund seiner Allmacht auch hervorragend selbst um seine Belange kümmern kann? Und der bis zum Beweis des Gegenteils sowieso nichts mehr als eine rein menschliche Illusion und Einbildung ist?

Wer möchte, kann sich ja gerne weiterhin immermal in religiöse Phantasiewelten flüchten, wenns Spaß macht. Die Nachfrage nach solchen Angeboten scheint aber schon heute so zurück gegangen zu sein, dass die Kirchen wirklich nichts unversucht lassen, um Menschen überhaupt noch irgendwie zu erreichen. Sei es mit Kultur-Festivals, Jazz-Gottesdiensten oder was sie sich nicht sonst noch alles einfallen lassen bzw. für ihre Zwecke adaptieren.

Neben dem Wegfall der nicht mehr benötigten religiösen Aspekte wären freilich noch einige weitere Veränderungen erforderlich. Wer sich zum Beispiel in Zukunft statt um Seelen um Menschen sorgen möchte, sollte eine entsprechende soziale, pflegerische bzw. psychologische Ausbildung vorweisen können.

Und eine solche säkulare Folgenutzung bzw. -betätigung müsste unbedingt mit einer Abschaffung der immernoch bestehenden kirchlichen Sonderprivilegien wie etwa des kirchlichen Parallel-Arbeitsrechtes und der völlig unverhältnismäßigen staatlichen Alimentierung einher gehen.

Ich fände es mal interessant zu erfahren, wie abwegig oder realistisch diese Überlegungen tatsächlich sind bzw. kirchlicherseits bewertet werden.

Das geht auch ohne Religion…

Auch wenn die Kirche in Ihren beruflichen Tätigkeitsfeldern wie die Ausrichtung von Zeremonien (Trauung, Beerdigung…) und auch in der psychologischen oder sozialpflegerischen Begleitung und Betreuung von Menschen nach wie vor historisch bedingt überproportional vertreten ist, ist all dies schon längst auch ohne irgendwelche religiöse Dekoration erhältlich. Fiktive Heilsversprechen und damit einhergehende Höllendrohungen aus der Bronzezeit und dem Vormittelalter braucht es dazu nicht. Und außer Räumen, in denen “die Seele weit” wird und einer “gesegneten Nacht” ist auch in Ihrer heutigen Fernsehpredigt praktisch nichts Religiöses oder sonstig Esoterisches mehr zu finden.

Ist Ihnen vielleicht bewusst geworden, dass praktisch keine Nachfrage mehr nach der “frohen Botschaft” besteht, die Sie ja eigentlich exklusiv zu verkünden haben? Und zu der es mich, nebenbei bemerkt, wirklich mal interessieren würde, worin diese Botschaft Ihrer Meinung nach konkret bestehen soll?

Oder, noch direkter gefragt: Können Sie sich eine Kirche, können Sie sich Ihre berufliche Tätigkeit auch ohne Religion vorstellen? Ein Wechsel von der illusionären “Hoffnung Gott” zur berechtigten “Hoffnung Mensch”? Was würde fehlen?

Für mitmenschliches Engagement, die Ausübung von Berufen im pflegerischen oder (psycho-)sozialen Bereich, Kultur-Festivals, gemeinsames Singen und feierliche Zeremonien braucht es keine Götter, Geister oder Gottessöhne.

Die braucht es immer dann, wenn es um Abgrenzung, Überhöhung der eigenen Gruppe und um die Legitimierung von jedem beliebigen Verhalten geht, bevorzugt dann, wenn sich das Verhalten nicht vernünftig rechtfertigen lässt.

Ein kleiner Blick beispielsweise in die evangelikale Abteilung Ihrer Religion genügt (urlaubsbedingt heute mal zum Selbergooglen… ;)). Oder zu jenen Populisten, die die Stimmen der Gläubigen gerne noch mitnehmen, indem sie vorgeben, im direkten Auftrag Gottes zu handeln. Und allein das sollte doch eigentlich schon Grund genug sein, dieses Glaubenskonstrukt, dessen Verbreitung und seine Notwendigkeit kritisch zu hinterfragen.

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