Sind’s gute Leut, sind’s böse Leut? – Das Wort zum Wort zum Sonntag zu Knecht Ruprecht

Lesezeit: ~ 5 Min.

Sind’s gute Leut, sind’s böse Leut? – Das Wort zum Wort zum Sonntag zu Knecht Ruprecht, verkündigt von Stefanie Schardien, veröffentlicht am 5.12.2020 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Heute versucht Frau Schardien, dem immernoch verbreiteten Nikolaus-Ritual etwas Erbauliches für Erwachsene abzuringen. Mit mäßigem Erfolg.

Zunächst sinniert Frau Schardien über ihre eigenen Erinnerungen an den alljährlichen Nikolaus-Besuch. Dass man als Kind schon aufgeregt sein kann, wenn zwei albern verkleidete Erwachsene mit theatralischem Getue plötzlich ins eigene Wohnzimmer platzen und so tun, als wüssten sie alles, was man das Jahr über so getan und gelassen hat, ist gut nachvollziehbar.

Aber genau das ist ja der Sinn der ganzen Veranstaltung: Kindern vorzugaukeln, es gäbe eine höhere Instanz, die das Verhalten aller Menschen detailliert mitverfolgt, protokolliert und einmal jährlich nach eigenen Maßstäben bewertet, belohnt und bestraft.

Knecht Ruprecht als erzieherisches Druckmittel

[…] Diesen finsteren Knecht-Ruprecht-Typ mit der Rute sehe ich heute kaum noch. Vielleicht, weil er pädagogisch verpönt ist? Weil Eltern ihn als Druckmittel missbraucht haben und die Kinder womöglich einen Schaden fürs Leben bekamen? Siehst Du, wenn Du nicht lieb bist, dann…
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Sind’s gute Leut, sind’s böse Leut? – Wort zum Sonntag zu Knecht Ruprecht, verkündigt von Stefanie Schardien, veröffentlicht am 5.12.2020 von ARD/daserste.de)

Die Figur des „Knecht Ruprecht“ ist wohl keine Erfindung von Eltern mit erzieherischen Defiziten.

Über den genauen Ursprung dieser Sagengestalt existieren mehrere Theorien. Zu Beginn der christlichen Vereinnahmung repräsentierte der Gegenspieler des „Heiligen Nikolaus“ das Böse, ausgestattet mit typischen Teufels-Attributen.

Eltern, die ihren Kinder die Bestrafung durch „Knecht Ruprecht“ androhen, missbrauchen diese Phantasiefigur nicht. Vielmehr entspricht genau dies dem Narrativ. Zu diesem Zweck war sie erfunden (bzw. umgedeutet) worden.

Wie viele Generationen von Kindern tatsächlich einen Schaden fürs Leben bekamen – durch Angst vor „Knecht Ruprecht“ im Besonderen, aber auch durch Religion im Allgemeinen, das lässt sich nur erahnen. Viele Aspekte auch des biblisch-christlichen Glaubenskonstruktes erfüllen bei objektiver Betrachtung den Tatbestand des geistigen (Kindes-)missbrauchs.

Mag eh niemand

So einen Ruprecht hätte ich auch abgeschafft. Also schaut heute kein finsterer Gesell vom Nikolaus mehr ins Buch. Schluss mit Abfragen und Beurteilen. Mag eh niemand.

Wenn der „Knecht Ruprecht“ heute weitgehend aus dem christlichen Legendenschatz verbannt wurde, dann nicht deshalb, weil die Kirche von sich aus auf die Idee gekommen wäre, auf ihren perfiden Kinderschreck freiwillig zu verzichten. Sondern, wie in so vielen anderen Bereichen auch, weil sich die Gesellschaft dank Aufklärung und Säkularisierung längst weiterentwickelt hat.

Nachdem Frau Schardien „Knecht Ruprecht“ als unbrauchbar für die heutige Kindererziehung entlarvt hat, versucht sie, dem Krampus doch noch irgendeinen Sinn anzudichten. Dazu funktioniert sie ihn kurzerhand vom teuflischen Kinderschreck um zum „Controller für Erwachsene“:

Aber: Was wäre an einer Art Controlling eigentlich so schlecht? Ein Rückblick auf das Jahr, auf das, was ich gut und was ich schlecht gemacht hab. Also: Was würde Knecht Ruprecht Ihnen und mir vom 6.12.19 bis heute vorlesen? Vielleicht würden wir manches diskutieren: Es ist ja nicht immer so klar, was gut oder böse ist oder was anders gemeint war.

Genau das ist der Knackpunkt:

Nach wessen und vor allem nach welchen Maßstäben richtet sich denn dieser legendenhafte Controller? Vertritt „Knecht Ruprecht“ die Werte, die zur Zeit seiner Aufnahme in die christliche Mythologie irgendwann im Mittelalter gegolten hatten? Oder orientiert er sich an modernen, humanistischen, säkularen ethischen Standards?

Die Nikolaus-Ruprecht-Geschichte bietet hier eine vermeintlich einfache, wenngleich unbrauchbare Antwort: Was der mythologische Bischof aus seinem Buch vorliest, ist das Richtige, Gute. Und Fehlverhalten ist deshalb falsch und böse, weil es vom ursprünglich teuflischen Begleiter als Personifizierung des Bösen vorgetragen wird. Der ja als solcher eigentlich eine Höllenfreude daran haben müsste, wenn sich Menschen falsch verhalten!? Und der Fehlverhalten konsequenterweise belohnen statt mit der Rute bestrafen müsste?

Dafür, dass die Menschen überhaupt lernten, Gut und Böse zu unterscheiden, hatte sie der Gott der biblisch-christlichen Mythologie ja mit der Erbsünde bestraft. Die gemäß dieser Lehre alle Menschen bis heute mit sich herumschleppen und wegen der Gott sich später seinen eigenen Sohn vorübergehend als Menschenopfer für sich selbst zu Tode foltern lassen musste. Weil es ihm anders offenbar nicht möglich war, sich mit seiner verpfuschten Schöpfung wieder zu versöhnen.

Pauschalisierende Dualismen sind gerade in den monotheistischen grundlegender Bestandteil: Gut und Böse, Himmel und Hölle, Diesseits und Jenseits, „rechtgläubig“ oder verdammt…

Klar: Diese Vereinfachungen waren sicher hervorragend dazu geeignet, wozu sie konstruiert worden waren: Die einfachere Führung eines halbnomadischen Wüstenstammes in der ausgehenden Bronzezeit. Aber welche Rolle spielen diese Maßstäbe für ein friedliches und faires Zusammenleben der Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert?

Einfach nicht gut

Manchmal würde der finstere Gesell aber den Kopf schütteln. Manchmal gibt es nichts zu diskutieren. Manches war einfach nicht gut. Aber Ruprecht ist ja nur der Knecht. Er arbeitet dem Nikolaus nur zu. Diesem gütigen Bischof, der vor vielen hundert Jahren so viel Gutes getan hat.

Hier wird deutlich, wie geradezu lächerlich absurd die Ernennung des Krampus zum „Controller“ ist: Ein Controller müsste natürlich erklären, was er kritisiert und warum. Während „Knecht Ruprecht“ als personifiziertes Böses in Erscheinung tritt, sollte ein Controller einen neutralen, möglichst objektiven Standpunkt haben und seine Aussagen besser begründen können als mit: „Das ist so, weil ich, der Controller das sage.“.

Die eigentliche Aufgabe des „Knecht Ruprecht“ ist nicht die Aufklärung über, sondern die Bestrafung von Fehlverhalten. Oder zumindest die Androhung von Bestrafung anstelle vernünftiger Erziehungsmaßnahmen. Die gerade deshalb so perfide unnd kritikwürdig ist, weil ja Kinder davon betroffen sind.

Ein guter Controller (eigentlich dürfte wohl eher ein Coach gemeint sein) hingegen würde seine Aufgabe nicht darin sehen, menschliches Fehlverhalten zu bestrafen. Vielmehr würde er Fehlverhalten und die daraus entstehenden Folgen aufzeigen. Um Menschen mit guten Argumenten davon zu überzeugen, sich in Zukunft anders zu verhalten.

Placebo fürs Ego

Und hier kommen wir wieder zum eigentlichen Problem: An welchen Maßstäben sollten sich Menschen orientieren, um ihr Verhalten (oder das ihrer Klienten) zu beurteilen? Dass „Knecht Ruprecht“ als Maßstab nicht taugt, hatte Frau Schardien ja schon erkannt. Und wie schaut es beim Nikolaus aus?

Nikolaus räuspert sich und meldet sich endlich auch mal zu Wort. „Kommen wir zu dem, was noch wichtiger ist…“ Er holt sein eigenes Buch heraus. Goldglänzend. Während er nach meinem Namen blättert, erwische ich einen Blick hinein und sehe: Jede einzelne Namens-Seite beginnt mit denselben Worten, großgeschrieben: Du bist ein geliebtes Kind Gottes. Ein geliebtes Kind Gottes! Egal, was dann noch kommt an Lob. Egal, wie die Bilanz im Vergleich zu Knecht Ruprecht aussieht. Zuerst steht: Du bist ein geliebtes Kinde Gottes.

Wie schön für alle Serienmörder, Vergewaltiger, Räuber, Demagogen, Betrüger, Lügner, Egoisten, Ausbeuter, Unterdrücker und was die Wirklichkeit sonst noch so alles an menschlichen Abgründen zu bieten hat. Es genügt, an den „richtigen“ Gott zu glauben, um sich einbilden zu dürfen, ein „geliebtes Kind Gottes“ zu sein. Und ausgerechnet das soll es also sein, was noch wichtiger ist als alles andere?

Auch hier verschweigt die Berufschristin einmal mehr den Umstand, dass der Gott in der biblisch-christlichen Mythologie Menschen eben auch ewige physische und psychische Dauerfolter durch Höllenqualen bei vollem Bewusstsein androht. Und zwar allen Menschen und für das „Vergehen“, sich zu Lebzeiten nicht von ihm „geliebt“ haben lassen zu wollen und/oder ihn nicht als einzigen, allmächtigen Gott anerkannt zu haben.

Als Moralinstanz sind weder der „Nikolaus“, noch der „Knecht Ruprecht“ geeignet

Wenn man Menschen dazu bringen möchte, ihr Verhalten zu reflektieren und es nach Möglichkeit an bestimmten Werten auszurichten, dann muss man schon bessere Argumente bringen als solche, die bestenfalls früher geeignet waren, um Kinder damit zu beeindrucken bzw. einzuschüchtern.

Sollte es bei Ihnen heute Nacht also klopfen, dann lassen sie beide in ihr Herz: Den Ruprecht für eine Bilanz und den Nikolaus mit dem goldenen Buch. In der Kombi sind sie für unser Leben unschlagbar.

Und sollten die Vernunft und Ihre intellektuelle Redlichkeit bei Ihnen heute Nacht anklopfen, dann denken Sie doch zunächst mal darüber nach, auf welchen Werten unsere heutigen ethischen Standards beruhen. Fragen Sie sich dann, inwieweit Ihr Verhalten diesen Werten entspricht oder rückblickend entsprochen hat.

Grundlegende Fragen könnten dabei sein:

Habe ich mit meinem Verhalten die Interessen Anderer verletzt? Habe mit meinem Verhalten gleichberechtigte Interessen Anderer verletzt oder mir damit selbst geschadet? Und falls ja, wie kann ich mein Verhalten verändern, um mich in Zukunft fairer, mitmenschlicher, gesünder (falls mir mein Leben lieb ist) zu verhalten?

Für die Beantwortung dieser Fragen spielt es keine Rolle, ob mich irgendwelche magische Himmelswesen lieben oder nicht. Genausowenig spielt es eine Rolle, wie und nach welchen Maßstäben erfundene Phantasiegestalten mein Verhalten angeblich beurteilen. Deren Lob oder Belohnung genauso imaginär und illusionär ist wie deren Bestrafung oder Strafandrohung in einem inszenierten Good Cop – Bad Cop-Spielchen.

Relevant ist lediglich, wie sich mein Verhalten auf meine Umwelt und auf mich auswirkt. Was Götter, Geister, legendenhafte Bischofsfiguren und sinistre Sagengestalten davon halten, ist deren Angelegenheit.

FacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Nutze die Kommentarfunktion, um mit deinen Gedanken zu diesem Artikel beizutragen!

1 Gedanke zu „Sind’s gute Leut, sind’s böse Leut? – Das Wort zum Wort zum Sonntag zu Knecht Ruprecht“

  1. Aah ja, so ist das also…

    Demnach wird die Figur des Satans ja auch gerne als christliche Kontrollinstanz bemüht.

    Der „böse“ Widersacher, des allzu „gütigen“ himmlischen Tyrannen, der dann in dessen Auftrag die, vom „alle Menschen liebenden“, auf Ewigkeit Verdammten foltern darf!

    Der Haken an der Sache ist nur:

    -Warum sollte dieser Widersacher die seinen bestrafen, sie haben doch in seinen Augen alles richtig gemacht?!
    -Warum erschafft ein „liebendes“ Wesen einen Ort ewiger Qual?!
    -Warum erschafft ein „allwissendes“ Wesen seinen eigenen Gegner, (ohne wärs ja langweilig)?!

    Kognitive Dissonanz, Märchen-/Horrorwelten,Todesangst gepaart mit totaler Überheblichkeit, fernab jeglicher Logik!!!

    -Dies ist das Christentum auf den Punkt gebracht-

    „Lieber in der Hölle braten, als im Himmel zu verrosten!“

    HEIL SATAN!!! (hat laut Bibel nicht mal ein 100stel von dem umgebracht, was Yahweh so an einem einzigen Tag schafft…)

    Antworten

Schreibe einen Kommentar