Das Erwachen des Bösen – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Hass

Lesezeit: ~ 9 Min.

Das Erwachen des Bösen – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Hass, verkündigt von Annette Behnken, veröffentlicht am 6.11.21 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Vom Mittrauern wegen des Suizides eines Arbeitskollegen ihres Mannes kommt Frau Behnken zum Thema Hass und Antisemitismus und von dort zu Liebe und Vielfalt. Sie warnt vor irreführender Sprache und scheint dabei nicht zu bemerken, dass sie sich selbst theologisch-rhetorischer Tricks bedient.

…vielleicht hat das auch was damit zu tun?

Was genau ihre Einleitung mit ihrem eigentlichen Thema zu tun haben soll, scheint Frau Behnken diesmal auch nicht so ganz klar zu sein:

[…] Und ich dachte, vielleicht hat das auch was zu tun mit dem, worüber ich heute zu Ihnen sprechen möchte.

Etwas, das es eigentlich gar nicht geben sollte. Wogegen ich kein einfaches Rezept habe. Vier Buchsstaben. Passen auf die Finger einer Hand, einer Faust. Anfangen tut es in unseren Köpfen und Herzen. Und geht weiter in Blicken, Fäusten, in Diskriminierung, kleinen Gesten. Roher Gewalt. Und es hat einen „Gedenktag“ am 9. November. Der Hass

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Das Erwachen des Bösen – Wort zum Sonntag zum Thema Hass, verkündigt von Annette Behnken, veröffentlicht am 6.11.21 von ARD/daserste.de)

Vorher hatte Frau Behnken davon erzählt, dass sich offenbar ein Arbeitskollege ihres Mannes tags zuvor selbst getötet hatte. Woraufhin dessen Kollegen in einer Videokonferenz dem Verstorbenen mit Schweigen gedachten.

Was das jetzt mit der Überschrift „Das Erwachen des Bösen“, bzw. mit dem Thema „Hass“ zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht wirklich.

Antisemitischer Hass – staatlich abgesegnet

Am 9. November 1938 haben Nazis ihrem Hass gegen jüdische Menschen freien Lauf gelassen. Geschäfte, Häuser zerstört. Synagogen niedergebrannt. Menschen ermordet. Ab da war der Hass gegen jüdische Menschen staatlich abgesegnet. Und viele haben mitgemacht.

Nicht nur staatlich, sondern auch kirchlich.

Abgesehen von einzelnen Kirchenangehörigen, die sich gegen Judenhass und damit auch gegen ihre Kirche stellten, war die Kirche an sich willfähriger Befürworterin und Unterstützerin des politischen Antisemitismus:

  • Kein hochrangiger Vertreter einer christlichen Kirche protestierte öffentlich gegen die Judenverfolgung. Weder der Boykott am 1. April 1933 noch die Nürnberger Rassengesetze vom 15. September 1935 oder das Novemberpogrom 1938 bewirkten ein Engagement für die Verfolgten und Ausgegrenzten. Der evangelische Bischof Otto Dibelius begrüßte gar die Ausschaltung der Juden mit dem Hinweis, dass am 10. November der Geburtstag Martin Luthers gefeiert werde; darin liege eine Symbolik, da Luther das Judentum bekämpft und die Juden als Feinde Christi bezeichnet habe. Auch prominente Repräsentanten der katholischen Kirche schwiegen. Sie waren teils ebenfalls vom Antijudaismus des augustinischen Weltbildes geprägt.
    (Quelle: wienerzeitung.at: Novemberpogrom 1938: „Der Jud muss weg – sein Gerstl bleibt da“ vom 06.11.2021, 12:00 Uhr | Update: 06.11.2021, 18:21 Uhr)

Bei Frau Behnken fehlt jedweder Hinweis auf die umfangreich dokumentierte und alles andere als rühmliche Rolle der christlichen Kirchen während der Nazidiktatur.

Christlicher Geschichtsrevisionismus

Stattdessen präsentiert sie vier der wenigen Berufschristen, die bis heute immer wieder gerne zur Legendenbildung herangezogen werden:

Lediglich der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg betete öffentlich für die Juden und protestierte von der Kanzel gegen die Pogromnacht: „Brennende Synagogen sind brennende Gotteshäuser.“ Auf protestantischer Seite nahmen Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller und Martin Gollwitzer in Fürbitten, Gebeten und Predigten öffentlich für die Verfolgten Stellung. Empathie für die Juden war aber insgesamt selten.

Fassen wir Frau Behnkens Darstellung zusammen: Die Nazis hatten ihrem Hass gegen die Juden freien Lauf gelassen. Viele hatten, staatlich abgesegnet, mitgemacht. Und lediglich ein paar Leute, zufällig alles Christen, hatten sich mit Zivilcourage gegen Antisemitismus und Hass gestellt.

Welche Rolle die christlichen Kirchen im Dritten Reich tatsächlich spielten und wie sie die religiös-ideologische Legitimierung für Hass auf Juden lieferten, kann man zum Beispiel hier nachlesen.

Hass in der Bibel

Erwartungsgemäß findet auch der Hass in der Bibel keine Erwähnung bei Frau Behnken. Während Hass innerhalb der Glaubensgemeinschaft verpönt ist, finden sich auch Stellen, wo sich Menschen vor Gott damit brüsten, wie inbrünstig sie ihre und damit auch Gottes Feinde hassen:

  • Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen! Denn voller Tücke reden sie von dir, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden. (Psalm 139,19-22 LUT)

Hass, Abneigung – oder nur Kritik?

In diesem Jahr nimmt die antisemitische Gewalt in unserem Land wieder zu. So sehr, wie lange nicht. Das Hassen nimmt zu. Entzündet sich wahllos. An allem, was zur falschen Zeit am falschen Ort ist: Nationalitäten, Masken, Impfungen. Blätter im Garten vom Nachbarn. An geparkten Autos. Hautfarben. Religionen. An Meinungen. Antisemitismus ist übrigens keine Meinung. Sondern eine Straftat.

Hass

Statt einer Pauschalisierung halte ich hier eine Differenzierung für angebracht:

Geht es um Hass als Ausdruck für den stärksten Grad feindseliger Abneigung?

Oder um hassen im Sinne von „ich hasse Kartoffelbrei“ (Quelle der Definitionen: Wikipedia: Hass)?

Womöglich auch einfach um eine als Hass empfundene, jedoch nicht emotional aufgeladene oder gar gewalttätige, sondern deutliche und sachlich begründete Ablehnung von etwas?

Hass, der zu Feindseligkeit oder Straftaten führt ist sicher anders zu bewerten als wenn Menschen, zum Beispiel aufgrund der belastenden Corona-Situation, derzeit womöglich dünnhäutiger auf Dinge reagieren, die sie stören.

Hass als unterstelltes Motiv für Kritik

Und da Frau Behnken auch Religionen als Zielscheibe für Hass nennt:

Hass wird von Religiösen gerne auch als vermeintliches Motiv für geäußerte Kritik an ihrer Religion unterstellt.

Nun bieten Religionen und deren Vertreter aber vielfältige Gründe für massive Kritik. Diese Kritik zu artikulieren und argumentativ zu begründen ist etwas anderes als zum Beispiel Menschen wegen ihres Glaubens persönlich anzugreifen oder Kirchen zu zerstören.

Aber natürlich ist es einfacher, jemandem Hass als Motiv zu unterstellen, anstatt sich mit Argumenten auseinandersetzen zu müssen.

Auch in der Bibel wird all jenen Hass unterstellt, die keine oder andere Götter verehren. Und da kennt Gott nur eine Antwort – Overkill:

  • So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. (Quelle: 5. Mose 7,9-10 LUT)

Vokabular, das man kennen muss, um es zu verstehen

Und trotzdem scheint der Hass wieder salonfähig zu werden. Laut und ohne Scham. Oder auch versteckt, mit einem Vokabular, das man kennen muss, um es zu verstehen. Man sagt Globalisten statt Juden und deutet mit dem Great Reset eine jüdische Verschwörung gegen die Welt an.

Oder man stellt die Geschichte so dar, dass man unliebsame Fakten weglässt, um selbst in einem guten Licht zu erscheinen. Wie Frau Behnken in ihrem heutigen „Wort zum Sonntag.“

Erstaunlicherweise können Berufschristen rhetorische Tricks meist sehr zuverlässig als solche identifizieren. Bei Anderen.

Was hilft gegen Hass?

Hass lügt. Hass ist schwach. Wer hassen muss, was ihm fremd ist oder ihn in Frage stellt ist schwach. Hass verpestet die Atmosphäre. Raubt uns Mut. Macht uns misstrauisch, ängstlich und hart.

Und das Furchtbare ist: Es gibt kein Patent-Rezept dagegen.

Auch gegen Hass hilft, was generell hilft: Auflärung, Vernunft, humanistische Werte und moderne ethische Standards.

Aber ein jüdischer Mann, der vor sehr langer Zeit lebte, hat gelehrt, dass die Liebe die größte, revolutionärste und heilsamste Kraft überhaupt ist. Liebe Deinen Nächsten. Wie Dich selbst. Wie Gott – das war ihm das höchste Gebot.

Wie sich dieser jüdische Mann, der vor sehr langer Zeit lebte das mit der Liebe als größte, revolutionärste und heilsamste Kraft überhaupt konkret vorstellte, verschweigt Frau Behnken:

  • Ich [Jesus, Anm. v. mir] bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte! Aber ich muss mich taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollendet ist! Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage euch: Nein, sondern Zwietracht. Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei. Es wird der Vater gegen den Sohn sein und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter. (Quelle: Lukas 12,49-53 LUT)

Wer mehr über die Verkitschung des biblischen Gottessohns zum Liebesfürst erfahren möchte, dem sei das Buch „Jesus ohne Kitsch – Irrtümer und Widersprüche eines Gottessohns“ von Dr. Heinz-Werner Kubitza zur Lektüre empfohlen.

Dies ist das höchste und erste Gebot

Gerade hatte Frau Behnken noch von sprachlichen Tricks gewarnt. Und schon präsentiert sie selbst eine theologisch-rhetorische Trickserei. Indem sie das biblische Dreifachgebot der Liebe einfach mal zweckdienlich nach ihrem persönlichen Gusto umstellt.

Bei Matthäus lautet es so:

  • Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18).
    (Quelle: Mt 22, 37-39 LUT)

Und bei Markus:

  • Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5. Mose 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. (Quelle: Mk 12, 29-31 LUT)

Der biblische Romanheld Jesus, für dessen Legenden möglicherweise tatsächlich die Biographie ein jüdischen Mannes, der vor sehr langer Zeit lebte als Grundlage gedient haben könnte hat gelehrt, dass das Wichtigste überhaupt die exklusive und vollständige Unterwerfung unter seinen Gott sei.

Liebe? Nötigung!

Die Liebe dieses Gottes ist allerdings gar keine Liebe. Sondern Erpressung.

Eine Nötigung, die mit der furchtbarsten Bestrafung bewehrt ist, die sich kranke Menschenhirne nur ausdenken konnten: Zeitlich unbegrenzte physische und psychische Dauerfolter mit Höllenqualen bei vollem Bewusstsein. Verhängt ohne eine ordentliche Gerichtsverhandlung, aufgrund der jeweiligen Glaubensüberzeugung und ohne jede Chance auf Amnesie.

Die biblischen Aufrufe zur Nächsten- und sogar Feindesliebe basieren auf dem festen Vertrauen auf das göttliche Versprechen, dereinst höchstpersönlich für eine „ausgleichende Gerechtigkeit“ zu sorgen:

  • Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
    (Quelle: Römer 12,19 LUT)

Nächstenliebe: Unrealistisch und zu kurz gegriffen

Der christliche Begriff der Nächstenliebe ist zudem unrealistisch.

Für ein friedliches und faires Miteinander ist es nicht erforderlich, alle Nächsten zu lieben.

Und sollte mit Nächstenliebe eigentlich ein solches Verhalten gemeint sein, dann greift der Begriff auch wegen seiner Begrenzung auf die Nächsten zu kurz:

  • Hans Jonas erklärte in seinem Hauptwerk Das Prinzip Verantwortung (1979), das christliche Liebesgebot greife zu kurz und sei auf den unmittelbaren Umkreis der Handlung begrenzt: „Man beachte, daß in all diesen Maximen der Handelnde und der ‚Andere‘ seines Handelns Teilhaber einer gemeinsamen Gegenwart sind. Es sind die jetzt Lebenden und in irgendwelchem Verkehr mit mir stehenden.“ Dies reiche angesichts der ökologischen Krise und der technischen Möglichkeit, die Menschheit dauerhaft auszulöschen, als Handlungsmaxime nicht mehr aus. Mit dem Wandel der Technik müsse die Ethik zur „Fernstenliebe“ erweitert werden. Jonas formulierte einen „ökologischen Imperativ“: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ (Quelle: Wikipedia: Nächstenliebe: Kritik)

Kurz gesagt: Religiös begründete Stammesregeln aus dem Vormittelalter eignen sich nicht als Grundlage für moderne ethische Standards. Sowohl die Herausforderungen, aber eben auch die Chancen sind heute ganz andere als damals.

…oder mal drüber nachdenken

Daran kann man sich abarbeiten, sich reiben und daran kann man scheitern.

…oder man wählt mal einen anderen Ansatz als den, moderne ethische Standards auf Biegen und Brechen irgendwie aus „Heiligen Schriften“ herauslesen (oder genauer: in sie hineininterpretieren) zu wollen.

Und überlegt stattdessen, auf welchen Werten offene und freie Gesellschaften entstehen können.

Sobald man dann eine solide ethische Ausgangsbasis geschaffen hat, ergibt es sich quasi von selbst, wie man sich verhalten sollte – zumindest grundlegend. Hier sind Philosophen, Soziologen und Wissenschaftler weiterer Fachbereiche gefragt.

Ethische Evolution

Dies ist freilich keine einmalige Angelegenheit, die irgendwann abgehakt werden kann. Vielmehr handelt es sich um einen fortwährenden Prozess.

Würde man ethische Standards in Form von unveränderlichen Dogmen festzementieren, hätte man das gleiche Problem, vor dem progressive Christen mit ihrer Glaubenslehre heute stehen:

Diese Lehre passt hinten und vorne nicht mehr zu den Anforderungen an ein Moralsystem für die Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert. Und alle Versuche, sie trotzdem irgendwie passend zu machen, wirken verzweifelt, die Unbrauchbarkeit der Ergebnisse ist offensichtlich.

Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist, beschreibt Andreas Edmüller anschaulich und ausführlich in seinem sehr lesenswerten Buch „Die Legende von der christlichen Moral.“

Der einzige Weg

Aber seit zwei Jahrtausenden steht dieser Satz in der Welt. Und ich glaube, das ist der einzige Weg: Die Liebe.

Nun ist „Liebe“ keineswegs ein scharf definierter Begriff.

Wir erinnern uns: Christen zum Beispiel bezeichnen ja sogar das in der biblischen Mythologie beschriebene Gebaren ihres Gottes als Ausdruck von Liebe. Obwohl es sich um eine höchst unmenschliche und unmoralische Form der Erpressung handelt.

Wenn es also ausgerechnet der biblische Liebesbegriff sein muss, dann halte ich diese Form von Liebe keineswegs für den besten und – zum Glück – schon gar nicht für den einzigen Weg.

Das Christentum hatte rund 1700 Jahre Zeit, seine Liebe unter Beweis zu stellen. Herausgekommen ist eine beispiellose 10bändige Kriminalgeschichte, die jüngere Vergangenheit noch gar nicht berücksichtigt.

Toleranz und Zivilcourage

Wir müssen die Liebe neu lernen. Sagt der Autor Florian Illies, der gerade ein Buch geschrieben hat über die „Liebe in Zeiten des Hasses“. Liebe. Eine Haltung, die das Kostbare im andern sieht. Eine Kraft, in der Toleranz und Zivilcourage wurzeln.

Da ich dieses Buch nicht kenne, kann ich zu den Liebesvorstellungen von Florian Illies auch nichts sagen.

Meines Erachtens braucht es für Toleranz und Zivilcourage nicht zwingend Liebe. Weder die Liebe als Bezeichnung für eine besonders innige Form menschlicher Zuneigung.

Und schon gar nicht die Form von „Liebe“, wie sie dem Gott der biblisch-christlichen Mythologie zugeschrieben wird: Wenn du dich mir vollständig unterwirfst, verschone ich dich vielleicht von dem, was ich dir antue, wenn du es nicht tust.

Auf Köpfe und Herzen aufpassen

Ob wir, ob jeder Liebe lernen kann? Aber wir können auf unsere Köpfe und Herzen aufpassen und auf das, was sich darin bewegt.

Das wiederum halte ich für eine sinnvolle Idee. Dazu gehört allerdings auch, ab und zu die eigenen Gewissheiten und Überzeugungen mit der Wirklichkeit abzugleichen. Und die Vorstellungen aufzugeben, die diesen Test nicht bestehen.

Was den Umgang mit Menschen angeht: Hier halte ich das Bild der Fairness für besser geeignet als einen schwammigen Liebesbegriff. Ganz zu schweigen von der christlichen Form der Nächstenliebe.

Gut sein – ohne Gott

Ich kann zum Beispiel überlegen, wie sich mein Verhalten auf meine Mitlebewesen auswirkt. Die Frage, die ich mir dazu stellen kann lautet: „Wie wäre es für mich, wenn ich von meinem eigenen Verhalten betroffen wäre?“

Mit einem solchen Perspektivwechsel kann man recht zuverlässig ermitteln, ob das eigene Verhalten ethisch richtig oder falsch ist. Und dazu brauche ich weder Geister, Götter, noch Gottessöhne.

Ein weiterer Vorschlag, wie man die Welt fairer und friedlicher machen kann, ist die Vermittlung von Ethik an Kinder. Ein solcher Ethikunterricht sollte und kann konfessionellen Religionsunterricht ersetzen. Religion kann und sollte dabei natürlich auch behandelt werden – als sozio-kulturelles und historisches Phänomen.

Einen wertvollen Beitrag für die Vermittlung ethischer Grundlagen bietet zum Beispiel das Buch „Gut sein ohne Gott – Ethik und Weltanschauung für Kinder und andere aufgeklärte Menschen“ von Christian Lührs.

…mal wieder in sich gehen

Und wir können uns Zeiten nehmen, schweigend oder anders. Am 9. November. An jedem Tag. Zeiten, in denen wir an uns ranlassen, was uns erschüttert, was uns verunsichert, was uns fremd ist. Und uns reich macht. Weil wir nicht nur unmenschlich sind, sondern auch furchtbar arm, wenn wir die Vielfalt nicht lieben.

Hier scheint Frau Behnken noch irgendwie den Bogen zurück zu ihrem Eingangsthema spannen zu wollen. Auch wenn das Schweigen zum Gedenken des Kollegen, der sich das Leben genommen hatte nichts mit Hass, Antisemitismus oder Vielfalt zu tun hat: Ab und zu mal innezuhalten ist sicher keine schlechte Idee.

Aber auch dazu braucht es keine magisch-esoterischen Fiktionen, die den Entwicklungs-, Wissens- und Erkenntnisstand der Menschen aus der Bronze- und Eisenzeit widerspiegeln.

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2 Gedanken zu „Das Erwachen des Bösen – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Hass“

  1. Es ist sehr beruhigend aus erster Hand zu erfahren, dass sich in Frau Behnkens Kopf etwas bewegt: Gratuliere!

    Ich gehe davon aus, dass ausschließlich oder fast nur gläubige Christen das WzS hören. Mir drängt sich dann angesichts dieses Sammelsuriums an Trivialitäten, Peinlichkeiten und Banalitäten folgende Frage auf:

    Warum brauchen die Christenmenschen eigentlich jeden Sonntag eine Erinnerung im TV daran, dass vorurteilsgeprägter Hass unmoralisch ist, dass man sich seinen Mitmenschen gegenüber wenigstens halbwegs anständig verhalten sollte, dass man nicht jeden Schmarrn auf Anhieb glauben soll, dass im Leben die eine oder andere Veränderung sinnvoll sein kann, dass man in der Kirche bleiben soll, obwohl es dafür eigentlich keinen rational und moralisch belastbaren Grund gibt (okay, verstehe ich), dass auch Ausländer anständige Menschen sein können oder dass Antisemitismus widerwärtig ist?

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  2. …völlig losgelöst von der Erde…ich bin so hässlich…ich bin der Hass…

    Wer nur über ein bisschen Verstand verfügt, sollte erkennen können, dass der christliche/abrahamitische Glaube keine Religion des Friedens darstellt, sondern eine Geisel des freien Geistes, des Fortschrittes, ja der menschlichen Entwicklung sebst ist…

    Seelig sind die GEISTIG ARMEN…
    …denn sie ertrinken im Gartenteich!

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