Alexander Höner über den Jahreswechsel – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 6 Min.

Alexander Höner über den Jahreswechsel – Das Wort zum Wort zum Sonntag, veröffentlicht am 8.1.2022 von ARD/daserste.de

Darum geht es

In seinem Debut als Wort-zum-Sonntag-Prediger fühlt sich Alexander Höner zum Jahresbeginn am meisten dadurch bestärkt und ermutigt, dass seine Angehörigen ganz selbstverständlich mit Toten sprechen.

Herr Höner lädt zum Totentanz

Zum Einstieg erzählt Herr Höner, Leiter der Arbeits- und Forschungsstelle (sic!) „Theologie in der Stadt“ von einer Totenfeier, der er auf der Südseeinsel Tonga an Silvester 2004 beiwohnen durfte. Die fröhliche und ausgelassene Feier auf dem Friedhof hatte ihn offenbar beeindruckt:

Generationen waren da verbunden – über den Tod hinaus. Gemeinsam mit den Toten ging’s ins neue Jahr. Das ist im überwiegend christlichen Tonga ein wichtiges Ritual.

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Alexander Höner über den Jahreswechsel – Wort zum Sonntag, veröffentlicht am 8.1.2022 von ARD/daserste.de)

Klar: Mit einer Zwangskonvertierung zum Christentum, wie sie George Tupou I. auf Tonga durchgeführt hatte, sind 2000 Jahre polynesische Religion und vor allem die damit verbundenen Traditionen nicht einfach so verschwunden.

Und dass Zeremonien und Rituale die Glaubenskonstrukte, aus denen sie einst entstanden waren über erstaunlich lange Zeiträume überdauern können, lässt sich ja auch am Christentum beobachten.

Göttermythen: Beliebig kombinierbar

Lono

Das Praktische: Weil alle polynesischen und alle sonstigen Gottheiten genauso menschliche Phantasieprodukte sind wie auch der biblische Monogott, hat es faktisch keine tatsächlichen Auswirkungen, wenn Menschen ihre Götterkulte nach Belieben vermischen.

Oder wenn sie verschiedene, auch völlig widersprüchliche Glaubenskonzepte miteinander kombinieren. Wie zum Beispiel das christliche „Geheimnis des Glaubens“ und das polynesische „Tapu.“

Die „Gottesmutter“ Maria und die „Erdenmutter“ Pachamama haben sich auch noch nie beschwert, wenn jemand sie parallel toleriert verehrt oder um Hilfe gebeten hatte. Sollte sich die Dinge dann nach einem solchen Mehrfach-Bittgebet tatsächlich zum Guten gewendet haben, dann wird sich der Gläubige freilich sicherheitshalber bei allen angeflehten Entitäten mit einer Opfergabe bedanken müssen. Denn woran sollte er verlässlich feststellen können, welcher Gottheit er die positive Wendung nun tatsächlich zu verdanken hat?

Angst vor Verlust der Deutungshoheit

Gottheiten sind mangels tatsächlicher Existenz also beliebig kombinier- und austauschbar, ohne dass sich faktisch irgendetwas ändert.

Sehr große Probleme kann es jedoch Priestern bereiten, wenn sie ihre Deutungshoheit mit Heilsverkäufern anderer Anbieter teilen müssen. Um diesem Problem vorzubeugen, hatte man sich das Konzept des Monotheismus ausgedacht. Mit den bekannt fatalen Folgen für die Menschheit.

Und neben überzeugten Priestern gibt es leider auch im „Fußvolk“ religiöse Fanatiker, die den Exklusivanspruch ihres Gottes verteidigen – wenn es sein muss, auch mit Gewalt.

Die fühlen sich dann als „Werkzeuge“ ihrer Götter, wenn sie die Heiligtümer anderer Religionen im vermeintlich göttlichen Auftrag zerstören. Ein Vorgehen, das aus heutiger Sicht verachtenswert ist, aber trotzdem von religiösen Fundamentalisten bis heute praktiziert wird.

Toleranz in Form von Gedanken- und damit auch Religionsfreiheit ist einer der vielen Werte, die gegen den erbitterten Widerstand der Kirche durchgesetzt werden mussten.

Ein Christ kann sich dabei zum Beispiel auf 1. Makkabäer 4,45 , 3. Mose 26,31 oder auf Hesekiel 7,24 berufen, wenn er, wie der österreichische Katholiban in diesem Fall, Pachamama-Figuren stiehlt, um sie im Fluss zu entsorgen. Nicht zu vergessen auch die Heiligenlegenden wie die von Bonifatius, in denen die Zerstörung fremder Heiligtümer nicht als Verbrechen, sondern als unzweifelhafter Beleg für die Überlegenheit dieser Verbrecher und als göttliche Legitimierung für diese Verbrechen hoch gelobt wird.

Nach diesem kurzen Exkurs gehts nun von Tonga direkt zurück nach Hamburg:

Wir hoffen, Euch geht’s gut…

Etwas Ähnliches habe ich erlebt, als ich jetzt zwischen den Jahren meine Mutter mit meinen beiden Kindern in Hamburg besuchte. Meine Mutter wollte unbedingt auf den Friedhof. Wir besuchten die Gräber meiner Großeltern und meines Vaters. Harkten ein wenig Laub weg und stellten rote Grablichter auf. Plötzlich sagte meine Mutter laut in Richtung der Grabsteine: „Schaut mal, wie groß die beiden Kinder schon geworden sind.“ Und meine Kinder? – wie selbstverständlich: „Schön, dass wir mal wieder bei Euch sind. Wir hoffen, Euch geht’s gut.“ Sie sprachen zu den Verstorbenen. Da war es wieder – das Tonga-Gefühl. Für meine Mutter und meine Kinder ist die Verbindung mit den Verstorbenen viel selbstverständlicher als für mich. Für sie sind die Verstorbenen jetzt schon gut aufgehoben bei Gott und dadurch auch noch mit dem Leben verbunden.

Leider verrät Herr Höner nicht, woher seine Zweifel rühren. Wer sich hauptberuflich mit dem Vertrieb des christlichen Glaubenskonstruktes beschäftigt, für den sollte es doch eigentlich völlig selbstverständlich sein, mit Toten zu sprechen. Bei Gebeten muss es ja schließlich auch klappen, diese am eigenen rationalen Denken vorbeizuschmuggeln.

Oder fällt es bei mythologischen Figuren wie Gottessöhnen womöglich leichter, sich diese als „gestorben, aber irgenwie doch wieder lebendig“ vorzustellen als bei Angehörigen, von denen man nicht nur glaubt, sondern weiß, dass sie tatsächlich gelebt hatten und tatsächlich gestorben sind?

„…gut aufgehoben bei Gott und dadurch auch noch mit dem Leben verbunden“!?

Quelle: Netzfund / Capriccio Kulturmagazin

Haben sich da vielleicht Verstand, Vernunft und die intellektuelle Redlichkeit zu Wort gemeldet?

Mit der Einsicht oder zumindest einer leisen Ahnung, dass die Vorstellung, Verstorbene seien nach ihrem Tod „gut aufgehoben bei Gott und dadurch auch noch mit dem Leben verbunden“ bei Licht betrachtet eine absurde und illusorische ist, sofern sie irgendwie anders als rein fiktiv gemeint sein soll? Eine Vorstellung, die in der Realität bis zum Beweis des Gegenteils schon an den Prämissen scheitert, die dafür erforderlich wären?

Als Leiter einer religiösen Forschungsstelle ist Herrn Höner ja sicher bekannt, dass der christliche Totenkult genauso eine rein menschliche Kulturleistung ist wie die Totenrituale anderer Religionen. Es waren Versuche, mit einem vergleichsweise minimalen Wissens- und Erkenntnisstand irgendwie die Kränkung der menschlichen Sterb- und Endlichkeit zu bewältigen.

Es könnte natürlich auch sein, dass Herr Höner diesen Zweifel nur vortäuscht. Um so ein Publikum anzusprechen und nach Möglichkeit wieder einzufangen, das seinerseits schon Zweifel an den biblisch-christlichen Jenseitsphantasien, -versprechen und -drohungen hegt.

„…weiter als große Gemeinschaft unterwegs“!?

Unabhängig davon gilt es nun, sich (und damit auch das dafür empfängliche Publikum) einmal mehr im eigenen Irr- und Aberglauben – auch wider alle begründete Zweifel und wider besseres Wissen – zu bestätigen und zu bestärken:

Wenn ich mich frage, was mich bei diesem Jahreswechsel am meisten gestärkt hat, was mir am meisten Mut für das neue Jahr gegeben hat, dann merke ich: es ist die Selbstverständlichkeit, mit der meine Mutter und meine Kinder zu den Verstorbenen gesprochen haben und die Erinnerung an das Silvesterfest auf Tonga. Denn beides macht mir klar, wie häufig ich trotz meines Glaubens diese zusätzliche Dimension im Leben aus den Augen verliere: dass wir nämlich allesamt in Gott verbunden bleiben und weiter als große Gemeinschaft unterwegs sind.

Wenn der Maßstab für die Plausibilität einer Behauptung sein soll, mit welcher Selbstverständlichkeit Leute diese Behauptung glauben, dann würde ich mich darauf keinesfalls verlassen wollen.

Gerade wenn man bedenkt, welchen groben Unsinn, widersinnigen Stuss und hanebüchenen Schwachsinn manche Menschen mit größter Selbstverständlichkeit und tiefster Überzeugung und manchmal sogar über Jahrtausende hinweg glauben und von sich geben, dann erscheint mir ausgerechnet dieses Kriterium als äußerst fragwürdig und unbrauchbar. Nicht nur, aber natürlich auch im religiösen Bereich.

Kritische Prüfung von Behauptungen vs. Aufruf zur Realitätsflucht

Wie man die Plausibilität von Behauptungen mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen und analysieren kann, erklärt Andreas Edmüller in seinem gerade erschienenen Buch „Dossier Verschwörungstheorie – Band 1: Verschwörungsspinner oder seriöser Aufklärer? – Wie man Verschwörungstheorien professionell analysiert“.

Quelle: ttt/ARD / Netzfund

Obwohl es der rationale Umgang mit der Wirklichkeit ist, der die brauchbarsten Ergebnisse liefert, ist für Herr Höner das Antrainieren eines chronischen Realitätsverlustes in Form einer Flucht in religiöse Phantasiewelten das, was ihm „am meisten Mut für das neue Jahr gegeben hat.“

Das mag ja sein. Andere zünden Wunderkerzen an oder trinken ein Schnäpschen, um sich wenigstens mal vorübergehend vom irdischen Unbill abzulenken.

Und natürlich sei es ihm selbst überblassen, ob er sich seine private Weltanschauung mit den magisch-esoterischen Jenseitsphantasien verziert, die der Glaube zu bieten hat, in den er zufällig hineingeboren worden war.

„Wort zum Sonntag:“ Cui bono? Und: Quis hoc eget?

Aber wie sinnvoll ist es, sich mit einer Offenbarung der eigenen Realitiätsverweigerung an das Publikum des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu wenden?

Und weiter gefragt: Wie absurd, belanglos und/oder sinnfrei müssen die Fernsehpredigten eigentlich noch werden, bis das „Wort zum Sonntag“ samt seiner äußerst fragwürdigen Rechtsgrundlage einmal mehr auf den Prüfstand ge- und dann hoffentlich endlich auch mal eingestellt werden wird?

Oder schwafeln die einfach in alle Ewigkeit weiter? Unabhängig von Sinnhaftigkeit, Einschaltquote, dafür aber auf das zugrunde liegende Reichskonkordat pochend?

Andererseits hat Herr Höner freilich schon einen ganz handfesten Grund, sein Publikum im christlichen Aberglauben zu bestärken: Schließlich verdient er sein Geld damit, dass Leute das, was er zu glauben behauptet, ebenfalls für glaub-würdig, relevant und – vor allem – als wertvoll erachten.

Wenn Berufschristen aufhören zu glauben…

Die intellektuellen Nöte, in die Glaubenskonstrukte ihre Vertreter bringen gehören zu den negativen Auswirkungen von religiösem Glauben, die selten bedacht und berücksichtigt werden.

Andererseits hält sich das Mitleid auch in Grenzen: Wem als Pfarrer oder Theologe, vielleicht sogar gerade verursacht durch die intensive Beschäftigung mit der eigenen Religion dämmert, dass religiöser Glaube nicht mit Vernunft, Verstand und intellektueller Redlichkeit vereinbar ist, oder auch, dass wir ethisch heute schon viel weiter sind, der hat heutzutage zumindest die Möglichkeit eines Berufswechsels.

The clergy Project

Unterstützung finden Berufschristen, die aufgehört haben zu glauben oder die es nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können, diesen Glauben zu verbreiten oder für diese Kirche zu arbeiten beim Clergyproject.

Seltsam – …wird es erst mit Religion

Ich bin nicht der erste, der das Leben zu meistern hat. Es sind schon vor mir Menschen durch dunkle Täler und über lichte Höhen gegangen. Auf seltsame Weise wird der Blick zurück zur Spur in die Zukunft.

Für diese banalen Erkenntnisse muss ich mir aber doch nicht einbilden, dass ein mythologisches Himmelswesen dafür sorgt, dass meine verstorbenen Verwandten nach ihrem Tod weiterleben? Damit ich mit ihnen feiern und sprechen und mir vorstellen kann, weiter mit ihnen zusammenzuleben – eine Vorstellung, die offenbar selbst Herrn Höner so absurd erscheint, dass er sie mit Geschwurbel wie „…weiter als große Gemeinschaft unterwegs sein“ vernebeln muss?

Genügt es nicht völlig, seine verstorbenen Angehörigen in Erinnerung zu behalten? Sich an das Miteinander zu deren Lebzeiten zu erinnern ist doch eine ganz natürliche, realistische und deswegen erst recht mitmenschliche Art und Weise, wie „der Blick zurück zur Spur in die Zukunft“ werden kann.

Seltsam wird es erst, wenn absurde Jenseitsfiktionen ins Spiel kommen.

Wer zählt die zahlenden Schäfchen?

Kommen Sie behütet durch die Nacht und durch das neue Jahr.

Austreten, jetzt!

Herr Höner, natürlich auch an Sie die spannende Frage:

Glauben Sie allen Ernstes, der Berge-Wetter-Wüsten-Kriegs-Rache-Schöpfer-Stammes-Provinzialgott und Ex-Aschera-Gatte Jahwe & Sohn würden irgendwen vor irgendwas behüten, wenn Sie ihn/sie darum bitten?

Falls ja: Wie kommen Sie auf diese Idee und was unterscheidet diese Vorstellung von einer rein menschlichen Wunschphantasie/Einbildung?

Und falls das so Ihre Glaubensgewissheit nicht wiedergeben sollte: Wie stellen Sie sich das mit dem „behütet durch die Nacht“ konkret vor?

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2 Gedanken zu „Alexander Höner über den Jahreswechsel – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. Jede Wette: Forscher Höner wird die zum Schluss formulierten und ziemlich griffigen Fragen nicht beantworten.

    Ich hätte da auch noch drei:

    – Erstens, woher weiß Herr Höner, dass seine Verwandten im Himmel sind und nicht in der Hölle schmoren?

    – Zweitens, wie soll bzw. kann man sich denn die Gemeinschaft der Lebenden mit Gott und den Höllenbewohnern denken – vor allem aus Sicht letzterer?

    – Drittens, warum geht die WzS-Truppe nie auf solche wirklich interessanten Fragen ein?

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  2. Seltsam,

    Erst gestern Nacht hat mir mein verstorbener Grossvater im Traum erklärt, dass wenn ich jetzt seine Stiefel poliere, wir es bis zum Endsieg schaffen…

    Wie jetzt, ihr glaubt mir nicht, aber er ist doch tot und deswegen muss er doch Recht haben….

    (Keine Panik, bin Parteimitglied der Linken und mein Opa hatte die gleiche Einstellung) aber er hats gesagt, im Traum, das ist wirklich wahr!!!

    Jehovah, Jehova, JeHoHaHahaaaaa…..

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