Alexander Höner: Kinderfragen – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 6 Min.

Alexander Höner: Kinderfragen, das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Alexander Höner (ev.), veröffentlicht am 3.9.22 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Pfarrer Höner erzählt von seinen Problemen bei der Beantwortung der Frage seiner Tochter, wie es sich anfühlen würde, an Gott zu glauben. Spoiler: Vom Gott der biblisch-christlichen Mythologie bleibt am Schluss nichts mehr übrig.

Herr Höner spielt heute zur Abwechslung mal nicht das typische Wort-zum-Sonntag-Spielchen (Prangere einen Missstand an, mache irgendwen außer die Kirche dafür verantwortlich und präsentiere dann deine Religion als Lösung oder eine gläubige Person als gutes Beispiel).

Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man an Gott glaubt?

Nein, diesmal gehts um eine religiöse Gefühlsfrage, mit der Herr Pfarrer von seiner Tochter konfrontiert wurde:

[…] „Sag mal Papa, wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man an Gott glaubt?“ (Puh, Ausatmen, Pause) Gute Frage. Ja, wie fühlt sich das eigentlich an? Ist Glauben ein Gefühl? Was sage ich denn jetzt? Weitergehen, weitergehen, Zeit gewinnen. „Mmm… Wie kommst Du denn darauf?“ „Naja, ein Mädchen aus meiner Klasse hat mich heute gefragt, ob ich an Gott glaube.“ „Und?“ – wollte ich wissen – „was hast Du geantwortet?“ „Ich hab‘ ihr erzählt, dass ich vorm Schlafen immer bete, dass ich Danke sage für die schönen Dinge am Tag.“ „Das ist doch ne gute Antwort!“ „Ja, aber ich war mir trotzdem nicht sicher.“

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Alexander Höner: Kinderfragen, Wort zum Sonntag, verkündigt von Alexander Höner (ev.), veröffentlicht am 3.9.22 von ARD/daserste.de)

Diese Schilderung lässt vermuten, dass „Gott“ für das kindliche Ritual des abendlichen Dankgebetes überhaupt keine Rolle spielt. Ein bedeutungsloser Platzhalter, beliebig austauschbar – mit anderen Göttern, oder auch mit einem Stofftier.

Frühkindliche religiöse Indoktrination

Das Beten hatte die Pfarrerstochter vermutlich schon seit ihrer Geburt (oder auch schon davor) beigebracht bekommen.

Eine frühkindliche religiöse Indoktrination funktioniert so gut, dass es manche Menschen mitunter ihr ganzes Leben lang nicht schaffen, sich von diesen bis zum Beweis des Gegenteils falschen Vorstellungen wieder zu befreien.

Nebenbei bemerkt: Trotz der einzigartigen Sonderprivilegierung, auf Menschen schon vom Säuglingsalter an massiv Einfluss nehmen zu können und trotz Millionenschwerer staatlicher Subventionierung ist das Christentum gerade dabei, zumindest hierzulande früheren Religionen in die Bedeutungslosigkeit zu folgen.

Da sie ihren Dank für die schönen Dinge am Tag ja in Form eines Gebetes formuliert, hatte sie vermutlich beigebracht bekommen, ihren Dank an einen Gott zu richten.

Natürlich nicht an irgendeinen von den vielen tausend, die sich die Menschheit schon ausgedacht hatte. Sondern mit allergrößter Wahrscheinlichkeit an den Gott aus der biblisch-christlichen Mythologie. Den, mit dessen Bewerbung und Verbreitung ihr Vater sein Geld verdient.

Die Frage der Tochter legt nahe, dass der (erlernte) Götterglaube mit keinen bestimmten Gefühlen für sie verbunden ist. Sie fragt ja ganz allgemein – und nicht etwa nach der väterlichen religiösen Gefühlswelt, um dies mit eigenen Gefühlen abgleichen zu können.

Stracciatella statt Schleiermacher

Ok, jetzt ich, der Vater, der Pfarrer. Ich erzähle ihr, wie und woran ich glaube und dass ich deshalb zuversichtlich durch’s Leben gehe. Dass es früher einen großen Berliner Theologen gab, der mal gesagt hat: „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“ … „Ich nehme heute wieder Stracciatella,“ sagt meine Tochter. Wir sind am Eisladen angekommen. Stracciatella! Ich hatte den Moment vermasselt. Sie konnte mit meinen Worten nichts anfangen. Und „zuversichtlich“ ist ja auch nicht wirklich ein Gefühl, oder? … Tja, wie fühlt sich das an, wenn man an Gott glaubt?

Tja, was hatten Sie denn erwartet, Herr Höner? Eine liberaltheologische Diskussion über Schleiermachersche Sinn- und Geschmacksfragen? Oder darüber, was das dann noch mit dem widerwärtigen göttlichen Belohnungs-Bestrafungssystem zu tun hat, das die Kernaussage der biblisch-christlichen Mythologie darstellt?

Da würde ich mich auch für Stracciatella entscheiden, wenn ich ausgerechnet eine monotheistische Buchreligion als „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ angedient bekommen würde…

Ob eine Unendlichkeit einen Geschmack hat und wenn ja, welchen, ist mir persönlich mindestens genauso egal wie die Frage, welchen Geschmack Buntstifte angeblich haben.

Und auch die Darlegung Ihres persönlichen Glaubens als Grundlage Ihrer Zuversicht scheint zumindest für Ihre Tochter nicht so spannend und interessant gewesen zu sein, dass sie deswegen auf ihr Eis verzichtet hätte, Herr Höner.

Kinderverarschen

Verantwortungsbewusste Eltern dürften versuchen, ihren Kindern ein Weltbild zu vermitteln, das möglichst mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Ab einem bestimmten Alter sind Kinder zumeist sehr gut in der Lage, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Das ist die Zeit, in der Eltern dann auch irgendwann aufgeben, auf die Echtheit von Weihnachtsmännern und Zahnfeen zu bestehen.

Wer dann – aus welchen Gründen auch immer – meint, zur Tradierung religiöser Glaubensvorstellungen und -phantasien an die nächste Generation hier eine Ausnahme machen zu müssen, dem bleibt wohl auch gar nichts anderes übrig als das biblisch-christliche Glaubenskonstrukt so zu kastrieren, dass davon nur noch so etwas wie ein ein beliebig interpretierbares und damit irrelevantes Geschmäckle für die Ewigkeit übrig bleibt.

Göttliche Grundströmung

Nach diesem Versuch, sich durch die Schilderung seines eigenen Scheiterns als Glaubenserklärer beim Publikum Sympathie zu erhaschen, hat Herr Höner natürlich auch noch eine Version auf Lager, die er zur Beschreibung von Glaubensgefühlen für geeigneter hält als theologisches Geschwurbel.

Wir erahren, dass eine Paddeltour des Pfarrers auf der Elbe nicht wie geplant in Hamburg, sondern wegen des starken Westwindes in Lübeck endete.

Und so fühlt es sich an – so fühlt es sich an, wenn ich an Gott glaube: Wie die Strömung der Elbe. Sie trägt uns ans Ziel. Aber manchmal gibt es starken Gegenwind. Sehr starken Gegenwind und hohe Wellen. Dann aber wieder habe ich die starke Strömung der Elbe gespürt, wie sie uns trotzdem voran gebracht und begleitet hat. Da ist eine Grundströmung in meinem Leben, die mich trägt und auf die ich mich verlassen kann. Auch wenn sie mich mal dahin bringt, wo ich es nicht erwartet habe.

An dieser Beschreibung lässt sich die Absurdität und Irrationalität eines Götterglaubens gut nachvollziehen.

Herr Höner hatte bei seiner Tour ein bestimmtes Ziel: Hamburg. Gelandet war er in Lübeck.

Bei einer Freizeit-Paddeltour mag es ziemlich egal sein, wo genau man schließlich ankommt. Für Ziele, die man sich für sein Leben gesetzt hat, trifft das nicht unbedingt zu.

Übertragen auf das Leben würde die Paddelgeschichte bedeuten: Egal, welche Ziele du verfolgst und egal, ob du diese Ziele erreichst oder nicht – da ist jemand oder etwas, das dich immer weiter voranbringt. Und das ist zufällig genau der Gott, in dessen Anhängerschaft ich hineingeboren worden war.

Anders als die Grundströmung der Elbe, die problemlos mess- und nachweisbar ist, ist ein wie auch immer geartetes göttliches Eingreifen ins irdische Geschehen nicht von einer rein menschlichen Phantasie- oder Wunschvorstellung zu unterscheiden. Menschen haben sich schon tausende von Göttern, Geistern und anderen Phantasiewesen ausgedacht, von denen sie sich unterstützt oder auch bedroht fühlen.

Paddeln ohne Gott

Wie könnte jetzt eine Interpretation der Paddelgeschichte lauten, die ohne die Annahme von Fluss- oder sonstigen Göttern ausgeht? Und ohne sinnleere Ewigkeitsgeschmäcker?

Hier ein Vorschlag, ganz kurz und knapp:

  • Nutze deine Chancen und Möglichkeiten, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen und diesem Leben einen Sinn zu geben, der dir sinnvoll erscheint – solange noch das Lämpchen glüht.

Statt sich mit der Einbildung selbst in die Irre zu führen, es gäbe da tatsächlich ein bestimmtes magisches Himmelswesen, das sich in jeder nur erdenklichen Situation immer um einen kümmert (freilich ohne jemals tatsächlich in Erscheinung zu treten), kann und sollte man dieses eingebildete Gottesvertrauen getrost duch Selbstvertrauen ersetzen: Solange ich mich selbst noch nicht selbst aufgegeben habe, ist auch noch nicht alles zu spät.

Und selbst dann, wenn das letzte Stündlein geschlagen hat und die sprichwörtliche „Stunde der Wahrheit“ gekommen ist, dann halte ich es immernoch für wesentlich tröstlicher, diesen Umstand anzunehmen, statt sich selbst vorzugaukeln, das gerade unweigerlich zu Ende gehende Leben sei nur eine Bewährungsprobe für ein wie auch immer imaginiertes Jenseits gewesen.

Selbstvertrauen statt Gottvertrauen

Ich hoffe, meine Tochter wird diese Grundströmung auch in ihrem Leben spüren, egal was kommt.

Wenn die angeblichen Eigenschaften und Absichten des Gottes aus der biblisch-christlichen Mythologie sowieso keine Rolle mehr spielen und es im Grunde nur darum geht, auch in widrigen Situationen nicht das Selbstvertrauen zu verlieren, wieso lassen Sie den Gottesplatzhalter nicht einfach gleich ganz weg? Eigentlich tun Sie das ja sowieso schon, wenn Sie von einer „Grundströmung“ sprechen statt von Ihrem Gott.

Als Elternteil könnten Sie Ihrer Tochter neben Selbstvertrauen ja auch noch vermitteln, dass Sie immer für sie da sind, egal was kommt.

Und ich bin sicher: Wie sich das anfühlt, lässt sich sehr gut beschreiben. Von Ihnen und auch von Ihrer Tochter. Ganz ohne theologisches Geschwurbel und Grundströmungsmetaphern.

Auf eine abendliche Reflexion des Tages braucht Ihre Tochter auch nicht zu verzichten, wenn Sie Ihren Gott in den längst überfälligen Ruhestand schicken.

You never määääh alone

Und liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, das wünsche ich Ihnen angesichts der vielen Gegenwinde und Wellen, die uns gerade entgegen kommen, auch: dass Sie diese Grundströmung fühlen. Wir sind nicht allein unterwegs. Haben Sie eine gute und behütete Nacht.

Stimmt: Lebewesen, die in Gruppen zusammenleben, sind üblicherweise nicht allein unterwegs.

Und die Gewissheit, in schwierigen Situationen auf tatsächlich wirksame Hilfe meiner Mitmenschen vertrauen zu können, fühlt sich tatsächlich beruhigend an.

Dafür verzichte ich auch sehr gerne darauf, mich wie ein Schaf behütet zu fühlen. Von einem Gott, der sich, sollte es ihn geben, exakt so verhält, als gäbe es ihn nicht.

KWQ.DE: Antworten auf Kinderfragen & Buchtipp

Antworten auf Kinderfragen zu religiösen Themen bieten wir auf unserer Webseite Kids with Questions – KWQ.DE.

Und als Buchtipp darf an dieser Stelle natürlich nicht das sehr lesenswerte Buch „Gut sein ohne Gott – Ethik und Weltanschauung für Kinder und andere aufgeklärte Menschen“ von Christian Lührs fehlen.

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4 Gedanken zu „Alexander Höner: Kinderfragen – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. „Müde bin ich geh zur Ruh, schliesse meine Augen zu…
    Deine Gnad‘ und Christi BLUT machen allen Schaden gut.“

    Das hat mir meine Oma jeden Abend vorgebetet…
    Es war einfach ein netter Reim ohne Bedeutung, Gewohnheit, selbstvertständlich.

    Dann mit ca. 4 Jahren fing klein FLO an, die Worte zu deuten und zu begreifen.
    Blut hab ich schon immer mit Verletzung assoziert, also nix gutes, warum braucht ein „lieber Gott“ denn das Blut seines Sohnes…

    Seitdem hatte die ganze Sache für mich was von Graf Dracula und hinterlies ein nagendes unheimliches Gefühl, welches heute einer gesunden Skepsis und einem flammendem Hass gegenüber kindlicher Indoktrination gewichen ist.

    Es lebe die Freiheit!

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  2. Tja – als verantwortungsvoller Vater müsste Herr Höner seiner Tochter in der Tat Selbstvertrauen vermitteln. Und sofort stellt sich die Frage, ob das im Rahmen seiner christlichen Religion überhaupt funktionieren kann: Erbsünde, Höllenqualen, Prädestination, Gnadenerweis, Sexualunmoral … nix liegt in unserer Hand, alles bei einer „Grundströmung“. Was mich wundert ist, dass er sich nicht auch noch bei seiner Grundströmung demütigst dafür bedankt hat, dass Stracciatella gerade nicht aus war.

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  3. “ In seiner Praxis als Pfarrer fährt Alexander Höner auch schon einmal mit einer Rikscha durch Berlin und fragt die Leute: „Wie sieht Dein Himmel aus?“ und ist überrascht, was die Berliner:innen alles darauf antworten. Oder er ist als (geistlicher) Barista mit einer italienischen Kaffee-Ape auf öffentlichen Plätzen unterwegs und bietet den Leuten kostenlos leckeren Cappuccino und Espresso an. Und wenn sie wollen, reden sie mit ihm, übers Wetter und das Leben. Auf dem Tempelhofer Flugfeld teilt er an der „Startbahn“ Segen aus (www.segensbuero-berlin.de). „Walk & Talk“ heißt sein Einzel-Seelsorgeangebot auf dem Tempelhofer Flugfeld. Als Hobby sammelt er Safety Instructions von Flugzeugen – „Please do not remove from aircraft“ – ausnahmsweise hält er sich nicht an dieses Gebot“

    Dem ist nichts hinzuzufügen..

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  4. Herr Höner, ohne Gott ist die Welt viel schöner. Probieren Sie es doch einfach mal aus.
    Mit Göttern laden wir uns nur Probleme auf, die wir ohne die gar nicht hätten!
    Befreien Sie ihr Kind von eingebildeten Göttern, es braucht sie nicht!
    Was ihr Kind wirklich braucht, ist ein Bewusstsein für die Realität und die Freiheit des offenen Denkens und Handelns mit den Werten der Aufklärung als Grundlage.

    Frühkindliche Indoktrination von Minderjährigen mit Religion ist für mich geistiger Kindesmissbrauch!

    Erziehen Sie ihr Kind zu einem lebenslustigen, frei denkenden Menschen, das ist die richtige „Grundströmung“.
    Kindlich eingetrichterte Religion ist unnötiger Ballast, von dem sich viele ein Leben lang nicht mehr befreien können.
    Zum Teufel mit den Göttern, da gehören sie hin.

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