Schrecklich oder schön? – Das Wort zum Wort zum Sonntag, Thema Einsamkeit

Lesezeit: ~ 5 Min.

Schrecklich oder schön? – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Einsamkeit, verkündigt von Annette Behnken, veröffentlicht am 16.12.2023 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Gerade zur Weihnachtszeit sind einsame Menschen leichte Beute für religiöse Heilsverkäufer. Staatliches Engagement gegen Einsamkeit ist da eher kontraproduktiv…

Gute Sache.

Frau Behnken berichtet heute davon, dass die Regierung 111 Maßnahmen gegen Einsamkeit beschlossen hat.

[…] So. Jetzt sagt sogar die Bundesregierung: Einsamkeit muss raus aus dem Tabu. Und hat 111 Maßnahmen gegen Einsamkeit beschlossen. Gute Sache. Gut auch, sehr gut dass viele Kirchen an den Weihnachtstagen ihre Türen öffnen.

In meiner Heimatstadt in Hannover gibt es eine Tradition seit den 60-er Jahren: Die Weihnachtsstuben. Die sind an Heiligabend über die ganze Stadt verteilt geöffnet. Und viele, viele Menschen gehen da hin und sind für ein paar Stunden nicht allein und vielleicht fließt etwas weihnachtlicher Goldglanz und Hoffnung in ihr Herzen.

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Schrecklich oder schön? – Wort zum Sonntag, verkündigt von Annette Behnken, veröffentlicht am 16.12.2023 von ARD/daserste.de)

Na klar! Einsame Menschen, denen ihre Einsamkeit während der Weihnachtsfeiertage noch stärker und noch schmerzlicher bewusst wird als während des restlichen Jahres sind leichte Beute für Heilsverkäufer.

So eine Chance darf man sich als Kirche keinesfalls entgehen lassen!

Kirche gegen Obdachlose in Düsseldorf | extra 3

Das Geschäft mit der Einsamkeit

Was liegt da näher, als die anfallende Arbeit wie gewohnt zum Großteil an Ehrenamtliche outzusourcen, sich zusätzlich von der Stadt finanziell bezuschussen zu lassen – und das Ganze dann so zu verkaufen, als seien die „Weihnachtsstuben“ ein Werk kirchlicher Barmherzigkeit – und kein Mittel zum Zweck.

Dass sich jetzt plötzlich der Staat in die Bekämpfung von Einsamkeit einmischt, scheint Frau Behnken nicht so recht zu schmecken:

Einsamkeit ist weder peinlich noch eine ansteckende Krankheit. Wir werden sie nicht abschaffen können. Sie ist eine Grunderfahrung des Menschseins. Aber gerade deshalb müssen wir sie aus der Tabuzone holen. Mit meinetwegen 111 Maßnahmen. Mit Verständnis und mit offenen Herzen. Dann ist schon richtig viel gewonnen.

Ja, wenns denn sein muss, dann meinetwegen halt 111 staatlich initiierte oder unterstützte Maßnahmen…

Einfach mal googlen: Alternativprogramm statt Einsamkeit zu Weihnachten

Ginge es Frau Behnken tatsächlich um das Leid der einsamen Herzen, dann hätte sie ja auch mal auf das riesige Veranstaltungsangebot hinweisen können, auf das Menschen schon heute zurückgreifen können, wenn sie über Weihnachten nicht einsam (oder nicht in Gesellschaft mit ihren Angehörigen) sein möchten. Ganz ohne Kirche – und ganz ohne staatliche Maßnahmen.

Entsprechende Angebote, ob zum Beispiel künstlerischer oder kulinarisch-musikalischer Natur lassen sich problemlos praktisch überall finden.

Wie wärs zum Beispiel mit einer zünftigen Weihnachtsrock-Partynight in der Rockbase Offenbach an „Heiligabend“?

Quelle: Rockbase Offenbach e.V.

Kein Geheimnis, Jahr für Jahr schnell fertig erzählt

So ganz kampflos möchte Frau Behnken ihre gefühlte kirchliche Monopolstellung in Sachen Einsamkeit und ihre biblische Gottessohn-Geburtsmythologie dann aber doch nicht aufgeben:

Weihnachten. Die furchtbarsten Tage des Jahres? Vielleicht etwas weniger, wenn ich überlege, dass Weihnachten mehr ist, als ein Datum. Weihnachten ist ein Geschehen.

Und seit 2000 Jahren buchstabieren wir die biblische Geschichte durch, die davon erzählt. Jahr für Jahr für Jahr. Und sind nie fertig damit. Weil es ein so großes Geheimnis ist, das da erzählt wird. Gott kommt zur Welt.

Vorab: Das Weihnachtsevangelium von Lukas war vermutlich im 2. Jahrhundert n.d.Z. entstanden. Wenn überhaupt, dann waren frühere Vorlagen dieser Legende also über ungefähr 8 Generationen zunächst nur mündlich tradiert worden.

Natürlich werden Christen jedes Jahr fast rechtzeitig zur Wintersonnwendefertig damit“, ihre Gottessohn-Geburtslegende zu wiederholen. Gebetsmühlenartig, sozusagen.

Was da erzählt wird, ist in Wirklichkeit auch gar kein „großes Geheimnis.“

Das zu behaupten ist, wie bei Esoterik üblich, nichts weiter als eine wichtigtuerische Übertreibung. Hu-hu-hu! Wir haben hier ein großes Geheimnis! Wenn du dich unserem Gott unterwirfst (terms and conditions apply), darfst du, wie wir, so tun, als wüsstest du es!

Wir kennen diesen Mechanismus von beliebigen anderen Verschwörungsmärchen und -ideologien zu Genüge.

Jungfrauengeburt vs. Schenkelgeburt

Ein tatsächliches, auch nach heute genau 400 von mir kommentierten „Wort zum Sonntag“-Fernsehpredigten großes Geheimnis ist es für mich, wie es ansonsten vermutlich vernünftig und redlich denkende Menschen im 21. Jahrhundert schaffen, menschliche Fiktion ganz selbstverständlich so zu darzustellen und zu behandeln, als handle es sich dabei um historische Fakten.

Ich fände es deshalb mal interessant zu erfahren, was Frau Behnken zum Beispiel von der so genannten Schenkelgeburt hält. Damit bezeichnet man laut Wikipedia „…einen Vorgang in der griechischen Mythologie, bei dem der Göttervater Zeus den Dionysos (Gott des Weines und der Fruchtbarkeit) zur Welt bringt, nachdem er ihn drei Monate lang eingenäht in seinem Oberschenkel trug.“

Hand aufs Herz, Frau Behnken: Klingt das für Sie nicht mindestens genauso plausibel wie die biblisch-christliche Zeugungs- und Geburtsmythologie des biblisch-christlichen Gottessohns?

Was hat Ihrer Meinung nach dazu geführt, dass dieses griechische Glaubensmysterium, das zweifellos über einen langen Zeitraum zahlreiche fest gläubige Anhänger hatte heute von niemandem mehr für wahr oder zumindest für relevant gehalten wird?

Dabei ist das ja nur einer von tausenden Göttern, die zunächst aufrichtig angebetet und verehrt wurden. Und die trotzdem irgendwann in der Bedeutungslosigkeit verschwunden waren.

Von Jungfrauengeburt oder Geisterbegattung ist bei Frau Behnken freilich keine Rede mehr. Ausgerechnet das, was früher als untrüglicher Beweis für die Göttlichkeit angeführt wurde, ist heute so peinlich, dass man es lieber ganz verschweigt.

Viel ist jedenfalls nicht übrig geblieben, was jetzt noch abbröckeln und abblättern kann und muss, bis sich die biblisch-christliche Göttermythologie in Nichts aufgelöst hat – zumindest im christlichen Mainstream hierzulande.

Heilige Momente, mitten in der Nacht

Aber nicht in einem phantastischen modernen Kreissaal, sondern in einem stinkenden Stall, in von Vieh angesabbertem Stroh. Gott kommt zur Welt. Nicht unter besten, lange und gut geplanten Bedingungen. Sondern im chaotischen Provisorium des Lebens. Da passieren heilige Momente. Mitten in der Nacht. In der unsere Traurigkeiten, Sehnsüchte und Einsamkeiten uns am heftigsten überfallen. Das ist der Ort, an dem es Weihnachten wird. Heilige Nacht.

Jaja, das ist schon ein Elend mit diesem medizinischen Fortschritt. Kaum noch heilige Momente… Und gar keine Göttergeburten mehr, seit es diese verfluchten phantastischen modernen Kreißsäle gibt…. Heiliger Bimbam.

– oder wie sonst soll das zu verstehen sein?

Vielleicht so: Je schlechter es Menschen geht, je einsamer sie sie sich fühlen, desto empfänglicher werden sie für hoffnungsvoll erscheinende Illusionen aller Art. Selbst dann, wenn ihnen bewusst ist, dass es sich nur um Illusionen handelt, mit denen ihnen eine nie näher beschriebene Hoffnung vorgegaukelt wird.

Und dafür, dass die Einsamkeit mal wenigstens vorübergehend pausiert, nimmt man vermutlich auch gern in Kauf, ein bisschen christlichen Honig in den Tee gerührt zu bekommen.

Selig sind die Einsamen?

Statt einer Erklärung, was ihr Gestammel rund um die biblische Gottesgeburtsmythologie denn nun konkret an Tröstlichem für Einsame zu bieten haben soll („Weihnachtlicher Goldglanz und Hoffnung“!?), schließt Frau Behnken mit einem entweder selbst zurechtfabulierten oder aus dem apokryphen Thomasevangelium gepickten Verslein im Stil einer neutestamentarischen Seligpreisung:

Selig sind die Einsamen.

In dem Teil der Bibel, von dem der liebe Gott seine Followern hatte spüren lassen, dass es der Teil ist, den sie als das „Wort Gottes“ verkaufen sollen, findet sich keine solche Seligpreisung der Einsamen.

Ob sich Frau Behnken das nun selbst ausgedacht oder aus dem apokryphen Thomasevangelium geklaut hat, spielt für die Bewertung dieser Seligpreisung keine Rolle:

Hier wird die Einsamkeit als etwas gelobt, woran der liebe Gott Gefallen hat. Da steht ja schließlich nicht: „Selig sind die, die für Einsame da sind“, oder „Selig, die etwas gegen Einsamkeit unternehmen.“ oder so. Im Gegenteil: Seid gefälligst einsam, euer Gott steht drauf!

Nebenbei bemerkt: Natürlich hätte Frau Behnken auch in der „offiziellen“ Bibel etwas zum Stichwort Einsamkeit finden können. Beispiel:

  1. Besser ist es, (einsam) in einem wüsten Lande zu wohnen als bei einem zänkischen und grämlichen Weibe.
(Sprüche 21,19 MENG)

Wem nutzt Einsamkeit?

Einsamkeit

Aus Sicht der Kirche sind die „Einsamen“ natürlich sehr wohl selig, genauer: Potentiell wertvolle Kunden.

Je erfolgreicher die säkularen Maßnahmen gegen Einsamkeit sind, desto stärker schwindet die Zahl derer, die – wegen ihrer Einsamkeit leichter beeinflussbar – als potentielle Neukunden des Kirchenkonzerns in Frage kommen.

Wie praktisch für Frau Behnken, dass a) ihre 4 Minuten Sendezeit vorbei sind und dass sie b) sowieso keine Rückfragen zu ihren sinnleer aneinandergereihten Weihnachts-Wortfetzen befürchten muss. Heiliger Bimbam.

Nachwort – In eigener Sache

Wie zu erwarten wenig spektakulär endet hier mein heutiger Kommentar zum mittlerweile 400. „Wort zum Sonntag“ in Folge.

Dieses kleine Jubiläum möchte ich zum Anlass nehmen, mich herzlich bei meiner sehr geschätzten Stammleserschaft zu bedanken.

Mit euren Kommentaren liefert ihr nicht nur immer wieder interessante und inspirierende Aspekte zu den jeweiligen Themen – ihr motiviert damit auch zum Weiterschreiben 😎

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5 Gedanken zu „Schrecklich oder schön? – Das Wort zum Wort zum Sonntag, Thema Einsamkeit“

  1. Was ist denn nun mit der Einsamkeit, Frau Behnken?
    Ist es ein „unglaublich schmerzhaftes Gefühl“, das beseitigt gehört, oder ist man „selig“ zu nennen, wenn man einsam ist?

    Beides geht ja wohl nicht, es sei denn, man ist Masochist.

    Aber, wie stets, werden von den allwissenden und alles erklärenden Berufsscharlatanen die ständig fabrizierten Widersprüche in ihren Kalendersprüchen souverän ignoriert und unerschütterlich und ungestraft in den Äther posaunt.
    Wie sollte es auch anders sein, wenn man als wichtigstes Lehrbuch für seine zweifelhafte Profession die Bibel hat, ein unübertroffenes Meisterwerk der Widersprüche und Ungereimtheiten.
    Dagegen ist Münchhausen ein Waisenknabe.

    Und nicht nur widersprüchlich sind die Aussagen von Frau Behnken, sondern auch noch zynisch, wenn von ihr voller Stolz berichtet wird, wie einfühlsam und grosszügig die Kirche doch ist, wenn sie für ein paar Tage Weihnachtsstuben einrichtet, um sie dann gleich wieder zu schliessen, wenn die Weihnachtsduselei vorbei ist.
    Dann stehen die Einsamen nämlich vor verschlossenen Türen, ihre Einsamkeit ist aber immer noch da. So was nennt man billiges Abspeisen und entspricht dem Almosentrick, der ein weiteres Geniestück religiöser Verführungs- und Verdummungskunst darstellt.

    Und die Spitze der Scharlatanerie ist dann zu guter letzt die Vertröstung auf das Jenseits, in dem alle Einsamkeit und Not für immer verschwunden sind.

    Wie sprach doch der Fürst zum Kardinal über das Volk: Du hältst sie dumm, ich halt sie arm. Gilt heute glücklicherweise nur noch partiell.

    P. S. zum Nachwort:
    Ich gebe den Dank gern zurück an die Redaktion, die mit ihrer vortrefflichen website dem aufgeklärten Zeitgenossen Gelegenheit zur öffentlichkeitswirksamen Verbreitung humanistischer und religionskritischer Gedanken gibt.
    Macht bitte weiter so!

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  2. Unfassbare 400 Folgen vom WzWzS! Einfach unglaublich!

    Gratulation und ein riiiiiesiges Dankeschön, dass Du aufzeigst, wo die Fehlschlüsse, die Irrtümer und so mancher fiese Trick zu finden sind. Viele Leser lernen daraus, wie man richtig argumentiert und tragen die Argumente dann in ihren eigenen Debatten in die Welt. Dadurch wird die Welt schlauer, fairer und besser.

    Marc, Du bist ein Held!

    Jörn und die Ketzer-Crew

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    • Stimme vollumfänglich zu – nur: Es sind nicht „manche“ fiese Tricks, sondern die gehören zum Standardrepertoire der WzS-Darstellertuppe. Es fällt sofort auf, wenn es mal einer ohne probiert … man hat dann so ein Gefühl der Leere beim Lesen. 🤔

      Hau weiter rein, lieber Marc! 👍

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  3. Ach Frau Behnken, wie kann denn ein Christ einsam sein?

    Gott ist doch ständig bei ihm (wenn er mal weg muss, übernimmt garantiert der Heilige Geist)! Zusätzlich können Christen jederzeit Kontakt zu einem der unüberschaubar vielen Heiligen herstellen – und dann erst das ganze Gewimmel der Schutzengel um uns herum … Wäre es nicht sinnvoll, wenigstens einen Tag der sozialen Ruhe im Jahr einzuführen?

    Dieses WzS beweist es einmal mehr: Die wissen selber nicht, was sie daherplappern.

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  4. Dieses leutseelige und nichtssagende Geschwafel ist die Speerspitze der Religion an Weihnachten?
    Einsamkeit ist schon das richtige Thema, vor der Einsamkeit in den Kirchenbänken und von fehlenden Zahlungswilligen, da haben Sie, Frau Behnken, berechtigterweise Angst.
    Hier stellen Sie doch nur Ihre eigene Angst vor der Bedeutungslosigkeit, als Einsamkeit getarnt, dar.
    Ja, die Religiösen werden immer einsamer.
    Im sinnlosen Ringen um Bedeutung, lassen Sie vor lauter Furcht, sogar immer mehr von den absurden Stellen Ihrer Mythologie weg.
    Zum Schluss danke ich Ihnen noch, da Sie von einer Gottesgeburt an Weihnachten sprachen. Somit habe ich endlich eine Untermauerung, wenn ich bei Christen , wenn sie von Gott sprechen, immer die Frage, welchen ihrer Götter sie meinen.
    Den guten alten Kriegsgott Jahwe habt ihr ja schon in Rente geschickt, der passt nicht mehr zum heutigen Marketing, da passt der neue Hippigott Jesus deutlich besser ins Verkaufkonzept.
    Liebe Frau Behnken, die traurige Wahrheit ist mittlerweile, uns wird jeden Sonntag ein religiöser Lückentext (bloß nichts sagen, was angreifbar wäre) auf kosten Aller serviert.
    Und für die immer größer werdenden Lücken danke ich hier besonders unserem Marc für seine unermüdliche Arbeit an der Vergrößerung dieser.

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