Andere Welten – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Demenz

Lesezeit: ~ 5 Min.

Andere Welten – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Demenz, verkündigt von Anke Prumbaum, veröffentlicht am 16.03.2024 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Zur Bewältigung der Belastung, die der Umgang mit Menschen, die unter krankheitsbedingtem Realitätsverlust leiden mit sich bringt, tröstet sich Frau Prumbaum – mit religiöser Realitätsflucht.

Über eine Ankedote von einem dementen Hund kommt Frau Prumbaum auf das Thema Umgang mit dementen Menschen und die damit verbundene Belastung für Angehörige zu sprechen.

Beziehung zu Demenzkranken: Etwas zum Anknüpfen haben

[…] Zugleich ist die Sehnsucht da – mit dem Menschen da in den anderen Welten irgendwie in Beziehung zu bleiben. Etwas zum Anknüpfen zu haben. Wie halte ich als „Gesunde“ die Erinnerung wach, die im Anderen verschwindet?

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Andere Welten – Wort zum Sonntag, verkündigt von Anke Prumbaum, veröffentlicht am 16.03.2024 von ARD/daserste.de)

Keine Frage: Der Umgang mit dementen Menschen kann herausfordernd, belastend und bisweilen auch frustrierend sein. Besonders dann, wenn es sich um Angehörige oder andere Menschen handelt, zu denen man eine womöglich schon sehr lange persönliche Beziehung hatte.

Wenigstens gibt es heute viele Hilfsangebote und Möglichkeiten, sich zu informieren und mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Wer nicht von alleine Wege findet, den Umgang mit einem durch die Demenz in seiner Persönlichkeit veränderten und in kognitiven Fähigkeiten eingeschränkten Menschen zu gestalten, ist gut beraten, sich hier gut beraten zu lassen und auch professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Einmal mehr ist es die Aufklärung, die hier sinnvoll weiterhelfen kann: Je mehr ich über den Verlauf einer Demenz und die Symptome weiß, desto besser kann ich damit umgehen.

Wie richtig umgehen mit dementen Menschen?

Mitarbeitende in Pflegeheimen erzählen, wie wichtig es ist, viel vom Leben und der Persönlichkeit dieses Menschen sehr frühzeitig kennengelernt zu haben. Also reden, vorher, viel. Angehörige erzählen, wie wichtig es ist, geduldig zu sein, nicht zu korrigieren, den dementen Menschen in seiner Welt zu bestätigen.

Stimmt: Ananmese-Arbeit ist ein wichtiger Bestandteil in der pflegerischen Arbeit.

Aber: Die Empfehlung, den dementen Menschen in seiner krankheitsbedingt veränderten Gedankenwelt zu bestätigen zeugt nicht von pflegerischem Sachverstand.

Neben einer (nicht sinnvollen) Korrektur von falschen Aussagen desorientierter Menschen und einer (ebenfalls nicht sinnvollen) Bestätigung solcher Aussagen ist eine dritte Möglichkeit für einen respektvollen und mitmenschlichen Umgang mit Demenzkranken empfehlenswert:

Emotionen erkennen und spiegeln

Bei dieser Gesprächsmethode versucht man, die mitschwingenden Gefühle zu erkennen und diese dem Erkrankten verbal zu spiegeln.

Damit hat man den Demenzkranken weder in seinen (nicht zutreffenden) Ansichten bestätigt, noch hat man ihn korrigiert.

Für die Botschaft: „Ich habe wahrgenommen, wie du dich gerade fühlst“ spielt es keine Rolle, ob eine Aussage mit der Wirklichkeit räumlich, zeitlich oder situativ übereinstimmt oder nicht.

Dass sich diese Methode beim Umgang sogar mit sehr stark dementen Menschen bestens bewährt, kann ich aus eigener beruflicher Erfahrung bestätigen: Auf einer emotionalen Ebene ist es auch bei weit fortgeschrittener Demenz noch möglich, dass Betroffene Freud und Leid mit ihren Mitmenschen teilen können.

Und nicht verletzt zu sein, wenn man womöglich nicht einmal mehr erkannt wird. Und das von der eigenen Mutter oder dem Ehemann. Das ist leicht gesagt. Der Schmerz, das zu erleben, ist ein anderes.

Und deshalb ist es nicht nur wichtig, sich mit der Lebensgeschichte eines Menschen auseinandergesetzt zu haben. Sondern auch mit dem Krankheitsbild und -verlauf einer Demenz.

Langzeiterinnerungen

Aber manchmal gibt es Momente, wo für Sekunden die Person aus dieser anderen Welt zurückkommt. Bevor sie wieder geht. Meine schönste Erfahrung war, als eine hochbetagte Dame in das alte Lied mit eingefallen ist, das ich gesungen habe: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Sie hatte drei Jahre nicht mehr gesprochen. Aber das Lied singen, das konnte sie noch.

Selbst stark demente Menschen verfügen oft noch über einen erstaunlichen Schatz an Langzeit-Erinnerungen.

Dass sich Menschen mitunter sogar dann noch an Dinge, Orte, Erlebnisse, Personen, Gedichte oder auch Liedtexte aus ihrer Kindheit und Jugend erinnern, wenn sie weder zeitlich, örtlich noch situativ orientiert sind wird wohl jeder bestätigen können, der schon mal mit dementen Menschen zu tun hatte.

Wenn die alte Dame also den Herren, den mächtigen König der Ehren (der aber leider offenbar nicht mächtig genug oder willens ist, ihr eine Demenz und eine dreijährige Aphasie zu ersparen) zeitlebens immer und immer wieder singend gelobt hatte, dann erstaunt es kaum, dass dieser Text auch noch in einem fortgeschrittenen Stadium der Demenz abrufbar ist.

Aus meiner früheren beruflichen Praxis kann ich von einem ähnlichen Erlebnis berichten. Es war allerdings kein Kirchenlied, sondern das in fröhlicher Runde angestimmte „Hoch auf dem gelben Wagen“, das einen stark dementen ehemaligen Kurdirektor veranlasste, aufzustehen und voller Inbrunst und mit einem Tränchen der Rührung im Auge alle vier Strophen fehlerfrei mitzuschmettern.

…womit zumindest anekdotisch (und damit für das „Wort zum Sonntag“ sicher hinreichend) „bewiesen“ ist, dass der Inhalt solcher Erinnerungen für dieses Phänomen des Langzeit-Erinnerns erstmal keine große bzw. gar keine Rolle spielt.

„Ekklesiogene Neurose“

Die besondere Bedeutung der Gefühlsebene beim Umgang mit Dementen hatte ich ja gerade schon kurz angesprochen. Gerade deshalb ist es wichtig festzuhalten, dass leider nicht alle Erinnerungen angenehme Gefühle (oder schöne Momente der Rührung) hervorrufen.

Auch hierzu erinnere ich mich an etliche Demenzkranke, die unter ihren Langzeit-Erinnerungen litten.

Wie zum Beispiel eine hochbetagte Frau, die die letzten 4 Jahre ihres Lebens damit zubrachte, von früh bis abends praktisch ununterbrochen christliche Schuldeingeständnisse („durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld…“„Herr, erlöse mich. Christus, erlöse mich. Herr erlöse mich.“ „Heilige Mutter Maria, bitte für uns Sünder“ usw. usf.) vor sich hin zu murmeln.

…und jetzt?

Jetzt kommt – wie nicht anders zu erwarten – noch schnell der Glaubens-Werbeblock:

Mir hilft, zu vertrauen. Bei Gott ist das Leben aufgehoben. Daran glaube ich. Gut aufgehoben. Jede Persönlichkeit, jede Lebensgeschichte, jeder Gedanke. Bei Gott bleibt der Mensch verbunden mit seiner Geschichte, auch wenn er es selbst nicht mehr weiß. So verwirrt der Mensch auch ist. Er ist gehalten. Und alles, was zu ihm gehört, auch.

Frau Prumbaum, wie stellen Sie sich das, was Sie hier mit salbungsvoll klingenden, aber bis zur Bedeutungslosigkeit vernebelten Phrasen umschreiben konkret vor?

Religiöse Realitätsflucht zur Bewältigung von krankheitsbedingtem Realitätsverlust?

Was meinen Sie mit „Bei Gott ist das Leben aufgehoben“ konkret? Wie stellen Sie sich diese Verbindung zwischen Menschen und ihren Geschichten „bei Gott“ vor? Wie das „gehalten„-Sein?

Worauf genau vertrauen Sie? Wobei und inwiefern hilft Ihnen dieses Vertrauen?

Oder spielen Sinnhaftigkeit, Plausibilität und Wahrheitsgehalt Ihrer öffentlich getätigten Aussagen für die von Ihnen beabsichtigte Wirkung sowieso keine Rolle?

Weil Sie einfach einen bequemen Aus- (eigentlich: Irr-)Weg anbieten möchten, sich nicht mit der unbequemen Realität auseinandersetzen zu müssen?

Dann müssen Sie sich vorwerfen lassen, Bullshit zu verbreiten und gleichgültig in Kauf zu nehmen, dass Sie Ihr Publikum in die Irre führen.

…oder Betrug

Vielleicht ist Ihnen auch sehr wohl bewusst, dass das, was Sie hier erzählen nichts mit der Realität, sondern mit irrealer Wunschphantasie zu tun hat.

Durch einen solchen Vorsatz werden Aussagen wie diese zum Betrug, zumal Sie ja davon profitieren, wenn Menschen Ihre Wunschphantasien ebenfalls für vertrauensstiftend und in der Folge Ihre Kirche und deren Glaubenskonstrukt für glaub- (und unterstützungs-)würdig halten.

Unabhängig von tatsächlicher, ehrlicher Glaubensüberzeugung (aufgrund der konsequent komplett verschwurbelten Aussagen kaum vorstellbar), Gleichgültigkeit (sehr wahrscheinlich) oder betrügerischem Vorsatz (nicht auszuschließen) stellt sich die Frage:

Halten Sie ausgerechnet eine religiöse Realitätsflucht für tröstlich oder gar für eine sinnvolle Empfehlung für den Umgang mit Menschen, die unter einem krankheitsbedingten Realitätsverlust leiden?

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Woran kann man erkennen, ob Ihr Wunsch in Erfüllung gegangen ist? Was kennzeichnet einen „gesegneten“ Sonntag? Wie unterscheidet er sich von einem ungesegneten Sonntag?

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8 Gedanken zu „Andere Welten – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Demenz“

  1. Habe am Sonntag zufällig in dieses WzS hineingezappt. Konnte kaum glauben, dass Fr. Prumbaum dieses „Lobet den Herrn“ so gefallen hat. Klingt das doch eher nach einer sarkastischen, zynischen Persiflage auf die Allmacht des „Herrn, der alles regieret“. Wird ja immer dann gern geschmettert, wenn eine Katastrophe ggf. nach Jahren ein real zu begründendes Ende findet, das Verdienst aber dem Lieben Gott und dem unverdrossenen Gebet zugeschrieben werden soll.

    Ich weiß auch nicht, wie sich Frau Prumbaum das vorstellt, was sie hier mit salbungsvoll klingenden, aber bis zur Bedeutungslosigkeit vernebelten Phrasen (!) umschreibt. Mir jedenfalls kam dabei die riesige Rumpelkammer eines Super-Messies in den Sinn.

    Ich würde eher vorsätzlichen Betrug für wahrscheinlich halten, Gleichgültigkeit würde ich zu ihren Gunsten eher ausschließen.

    Antworten
    • >> Ich würde eher vorsätzlichen Betrug für wahrscheinlich halten, Gleichgültigkeit würde ich zu ihren Gunsten eher ausschließen.

      Um Missverständnisse zu vermeiden: Mit Gleichgültigkeit meinte ich nicht eine Gleichgültigkeit dem Publikum gegenüber, sondern eine Gleichgültigkeit dem Wahrheitsgehalt und der Sinnhaftigkeit der eigenen Aussagen gegenüber, also im Sinne von „Der Zweck heiligt die Mittel – wenn es sich nur irgendwie tröstlich anhört und anfühlt ist es egal, ob es wahr ist oder nicht…“.

      Antworten
        • …wie ich in Jörn Dycks Buch ‚Ist der Papst ein Betrüger?‘ gelernt habe, kommt beim Betrug noch die gezielte Absicht der eigenen Vorteilsnahme dazu. Beim ‚Bullshitting‘ muss das nicht unbedingt der Fall sein, aber natürlich gibt’s hier auch Überschneidungen und unredlich ist’s allemal…

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  2. Ich stelle fest, dass beim WzS die Diskrepanz zwischen Anekdoten-Inhalt und angeklebter religiöser Botschaft immer dramatischer wird.

    Der konzeptionell vorgeschriebene Zwang zur Verknüpfung banaler bzw. vermeintlich zu Herzen gehender Begebenheiten aus der säkularen Welt mit einer religiös-missionarischen Botschaft mit Erbauungscharakter bringt die WzS-Überbringer in immer grössere Verlegenheit, was man an den immer skurriler werdenden Bemühungen der Vortragenden, diese Verbindung herzustellen, erkennen kann.

    Den Preis für den peinlichsten Versuch in dieser Richtung hat nun vorläufig Frau Prumbaum gewonnen:
    Ein hochgradig dementer Mensch erfährt seine wenigen klaren Glücksmomente ausgerechnet dadurch, dass man ihm ein Kirchenlied vorträllert, das er als mutmasslich frommer Christ in seinem vergangenen Leben ins Hirn eingebrannt bekommen hat, womit zwar nicht seine klinische Demenz zu begründen ist, seine geistige hingegen schon. 😉

    Antworten
  3. Eine an Demenz erkrankte ältere Dame spricht nicht mehr, kann aber noch ein Kirchenlied singen.
    Für mich ist das wieder ein schlagender Beweis dafür, wie tief sich religiöse Indoktrination ins Gehirn frisst. Dieser Sachverhalt erklärt auch, warum es so schwer ist, sich davon zu befreien.
    Ich finde es widerlich und abartig, mit kranken Menschen Werbung für Religion zu machen. Zumal ja in der Logik der Gläubigen ihr Gott selbst ja die Demenz erfunden haben müsste.

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  4. Lieber Mark, du stellst hier sehr viele Fragen, aber die Religion hat angeblich nur Antworten. Wer Fragen stellt, ist nicht religiös.
    Wenn man Zwischenfragen stellen dürfte, würde ich gerne mal einen Gottesdienst besuchen. Den Spaß würde ich mir gönnen.
    Also merke dir: Fragen sind der Todfeind der Religionen. Aber das weißt du ja bereits, denn Religionen haben Antworten auf Fragen, die nie gestellt wurden.

    Antworten
    • Das ist auch der Grund dafür, warum die Administratoren und Teilnehmer in religiösen Foren sich nur in ihrer eigenen Blase sicher fühlen und deshalb nur Kommentare zulassen, die mit ihren eigenen Vorstellungen konform gehen.

      Ich und vermutlich auch alle anderen Foristen in diesem Forum hier würden sich nichts lieber wünschen, als sich mit gläubigen Religionsanhängern zu streiten, die aber leider nur recht selten den Weg in dieses Forum suchen.

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