Hab ich alles richtig gemacht? – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 6 Min.

Hab ich alles richtig gemacht? – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Alexander Höner (evangelisch), veröffentlicht am 1.3.24 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Pfarrer Höner ist überzeugt: Die Welt wäre eine andere, wenn sich wieder mehr Menschen vor einem göttlichen Gericht am Lebensende fürchten würden. Statt der biblisch-christlichen präsentiert er lieber eine unverfängliche Fielmann-Werbespot-Variante.

Mein Vater fragte mich einmal: Warum hast Du eigentlich nichts Vernünftiges gelernt? Bitter. Der eigene Vater. []

Tja, warum hast du eigentlich nichts Vernünftiges gelernt? Ich hab‘ das immer selbstbewusst abgetan. Schließlich ist Pfarrer-Sein ja nicht das Schlechteste, oder?!

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Hab ich alles richtig gemacht? – Wort zum Sonntag, verkündigt von Alexander Höner (evangelisch), veröffentlicht am 1.3.24 von ARD/daserste.de)

Das kommt wohl auf die Perspektive an: Solange sich noch genug zahlende Schafe finden und – noch viel wichtiger – solange das beispiellose staatlich-kirchliche Fremdfinanzierungsmodell noch läuft wie geschmiert, kann man als Pfarrer vermutlich ein relativ sorgenfreies Leben führen. So gesehen könnte man die Berufswahl schon als vernünftig bezeichnen.

Was die Frage nach der Vernunft bezogen auf den Beruf an sich angeht: Nein, mit Vernunft hat Religion nichts zu tun.

Immerhin: Menschen gewerbsmäßig und zum eigenen Vorteil in die Irre zu führen und ihnen vorzugaukeln, magisch-mythologische Märchen seien genauso real wie die irdische Realität ist zwar dreist, aber irgendwie auch clever. Und Glaubensanbieter sind ja bei Weitem nicht die einzigen Heilsverkäufer, die mit Illusionen fetten Profit machen.

Junge!!

Aber manchmal habe ich mich schon gefragt, ob ich vorm Studieren nicht doch eine Lehre hätte machen sollen.

Es ist nie zu spät, einen anständigen Beruf zu erlernen und zu ergreifen, Herr Höner!

Während Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn haben Sie ja sicher außer religiösen auch andere Skills entwickelt, die Sie bestimmt sinnvoller als zur Kirchenreklame einsetzen können.

[…] „Würdest du in deinem Leben alles genauso noch einmal machen?“ Würden Sie in ihrem Leben etwas anders machen? Bei mir gibt‘s Dinge, die ich … richtig … bereue. Und bei bestimmten Entscheidungen bin ich mir auch mittlerweile nicht mehr sicher, ob ich sie so wieder treffen würde.

Falls sich diese Zweifel auch auf Ihre Berufswahl beziehen: Sie wären weder der erste, noch der einzige Berufschrist, der – aus welchen Gründen auch immer – seinen Dienst für die Kirche quittiert und in einen anderen Beruf ergreift.

In solchen Fällen ist das clergyproject.de eine empfehlenswerte Anlaufstelle.

Nicht besonders hilfreich

Deshalb kann ich gerade eine der Hauptbotschaften meines Glaubens nicht gut hören: „So wie du bist, bist du richtig und gut. Gott liebt dich.“ Ist fundamental, ist wichtig, ohne dem geht christlicher Glaube nicht. Aber was ist denn, wenn ich mich selbst gerade nicht so richtig toll finde, unzufrieden bin und mein Leben verändern will? Dann ist so eine Zusage nicht besonders hilfreich. Sie verhindert vielleicht sogar eher, dass ich wirklich anfange, etwas anders in meinem Leben zu machen.

Wenn die biblische Textgrundlage an einem Punkt keinen Zweifel lässt, dann an dem, dass dich dieser Gott nur dann liebt, wenn du dich ihm exklusiv und vollständig unterwirfst.

Da es sich bei diesem Gott, wie bei allen anderen Göttern auch um ein rein fiktives Phantasiewesen handelt, das sich Menschen aus Unwissenheit, Angst, Hoffnungslosigkeit und zu ganz profanen Zwecken ausgedacht hatten, ist eine solche Zusage sowieso nicht nur nicht besonders, sondern überhaupt nicht hilfreich. Wer eine solche Zusage trotzdem als hilfreich empfindet, betrügt sich selbst.

Okay – oder nicht okay?

Auch Herr Höner scheint gewisse Zweifel zu haben:

„Bevor Du mir glaubst, kehr‘ erst einmal um! So wie Du bist, bist Du nicht okay.“ Sowas sagt Jesus auch. Wie ist das nun? Okay oder nicht okay?

Quelle: https://imgur.com/gallery/IbPCwHt
Kehr‘ erst einmal um!

Genau: Wenn für Jesus irgendwer „okay“ ist, dann ausschließlich wegen seines „einzig richtigen“ Glaubensbekenntnisses. Alles andere ist dem zweiten Gottesdrittel genauso wie auch den beiden anderen Falten des Dreifaltigen egal.

Und umgekehrt wirds noch schlimmer: Ganz egal, wie „okay“ jemand zu Lebzeiten auch gewesen sein mag – ohne den „einzig richtigen“ Glauben würde niemals irgendwer vom Gott der biblischen Mythologie für „okay“ gehalten werden (wenn es ihn denn gäbe).

Wenn es bei Ihnen also nicht gerade am „einzig richtigen“ christlichen Glauben mangelt, dann können Sie das zitierte Jesuswort getrost ignorieren, Herr Höner. (Da hätten Sie als Theologe aber auch selber draufkommen können…)

Hast du alles richtig gemacht?

Für mein Leben macht es einen Unterschied, wenn ich damit rechne, dass am Ende meines Lebens jemand wie bei der Fernsehwerbung kommt und mich fragt: „Sag mal, Alexander, wenn du dein Leben noch einmal leben könntest, würdest du alles genauso noch einmal machen?“

Wenn Sie hier auf das biblische „Jüngste Gericht“ oder auf das so genannte „Partikulargericht“ (eine eigentlich katholische Spezialität) anspielen, dann hat die Beschreibung dieser Veranstaltungen nichts mit einer jovial-sentimentalen Rückschau unter Freunden zu tun, wie im zitierten Fielmann-Werbespot dargestellt:

„Jeder Mensch empfängt im Moment des Todes in seiner unsterblichen Seele die ewige Vergeltung. Dies geschieht in einem besonderen Gericht, das sein Leben auf Christus bezieht – entweder durch eine Läuterung hindurch oder indem er unmittelbar in die himmlische Seligkeit eintritt oder indem er sich selbst sogleich für immer verdammt.“

(Katechismus der katholischen Kirche, 1022, Zit. n. Wikipedia)

Markus 16,16 als Greencard

Wie schon geschrieben: Da Sie ja sicher getauft sind und vermutlich auch zeitlebens gläubig gewesen sein werden (wenn nichts dazwischen gekommen sein wird), dann können Sie einfach Markus 16,16 als Greencard auf den göttlichen Richtertisch knallen.

Wenn Sie auf Nummer Sicher gehen wollen, sollten Sie noch ein paar Vorkehrungen treffen, damit Sie kurz, aber gerade noch rechtzeitig vor Ihrem Ableben Ihre Gläubig- und Unterwürfigkeit keit nochmal glaubwürdig versichern. Am besten mit einem Berufskollegen als Zeugen (man weiß ja nie).

Wenn Sie die biblische Jenseitsmythologie für wahr halten, dann sollte das genügen.

Und wenn Sie es wider Erwarten zu Lebzeiten doch noch schaffen sollten, sich vom Christentum zu befreien, dann wird Ihnen die Vorstellung eines göttlichen „Jüngsten Gerichtes“ so absurd vorkommen wie das vermutlich jetzt schon der Fall ist, wenn Ihnen zum Beispiel ein Pastafari etwas von der Stripperfabrik mit Biervulkan erzählt, die Das Fliegende Spaghettimonster für die ewige Afterlife-Party vorgesehen hat.

Wenn sich ein Pfarrer einen ehrlichen Moment wünscht

So ein ehrlicher Moment.

Wie stellen Sie sich das vor, Herr Höner? Ein Fürwahrhalten des christlichen Glaubensbekenntnisses auf der einen und gleichzeitig Ehrlichkeit auf der anderen Seite? Da müssen Sie sich schon entscheiden…

Wenn Sie sich einen ehrlichen Moment wünschen, dann hören Sie im ersten Schritt doch einfach mal damit auf, Ihrem Publikum wie auch diesmal wieder eine behütete Nacht zu wünschen.

Oder hören Sie auf, Menschen mit Bittgebeten vorzugaukeln, es gäbe den Gott aus der biblisch-christlichen Mythologie tatsächlich und es sei eine sinnvolle Sache, diesen ohnehin schon allmächtigen Gott um etwas zu bitten, weil der daraufhin möglicherweise seinen ewigen Allmachtsplan im Sinne des Bittenden ändert.

Und schon hätten Sie einen ersten, ganz kleinen ehrlichen Moment! Zumindest ehrlicher als bisher. Und nicht erst am Ende Ihres Lebens.

Hab ich alles richtig gemacht? – Reflections of my life

So ein Moment, in dem mir die Augen aufgehen für das unbemerkte Glück, aber auch das unbemerkte Unrecht, was ich verzapft habe. Ein letzter Moment für die Menschen, die ich übersehen habe. Zum Beispiel beim Familienstreit vor zwanzig Jahren, bei dem ich so dickköpfig geblieben bin.

Wer oder was hindert Sie daran, sich solche Fragen schon jetzt zu stellen? Und nicht erst irgendwann am Ende Ihres Lebens und auf Nachfrage eines fiktiven Götterwesens, sondern Sie selbst sich selbst? Was Sie ja augenscheinlich sowieso schon tun?

Es gibt Dinge, die kann man nicht zurückdrehen oder wiedergutmachen. Aber es ist ein Segen, von Zeit zu Zeit stehen zu bleiben, sich ehrlich zu machen und umzukehren.

Die triviale Erkenntnis, dass die Idee, ab und zu mal das eigene Verhalten zu reflektieren nicht die schlechteste ist, kommt auch ganz ohne Beimengungen religiöser Schwammigkeits-Begrifflichkeiten wie Segen und Umkehr aus.

Die völlig überflüssige Verwendung dieser Begriffe in diesem Zusammenhang verstärkt den Verdacht, dass das eigentliche Thema auch diesmal wieder nur Mittel zum Zweck ist. Einem Zweck, der darin besteht, dem Christentum Relevanz anzudichten.

Die Welt wäre/war eine andere – zweifellos.

Mit einem wohl kaum zufällig oder versehentlich bis zur Bedeutungslosigkeit verschwurbelten Statement endet das heutige „Wort zum Sonntag“:

Ich glaube, die Welt wäre eine andere, wenn wieder mehr damit rechnen würden, dass es am Ende jedes Lebens so einen ehrlichen Moment gibt. Kommen Sie gut und behütet durch die Nacht.

Das glaube ich nicht nur, das weiß ich sogar: Die Welt war definitiv eine andere während der Jahrhunderte, in denen die ständig präsente Androhung eines göttlichen „Jüngsten Gerichtes“ noch die von der Kirche beabsichtigte Wirkung erzielen konnte: Verunsicherung, Angst – und das Gefühl, minderwertig, abhängig, sündig und somit auf jeden Fall erlösungsbedürftig zu sein.

Und falls mit diesen vernebelnden Worten gar nicht das, sondern etwas anderes gemeint gewesen sein sollte: Dann fände ich es trotzdem prima, wenn Menschen mit ihren ehrlichen Momenten nicht bis zum Lebensende warten.

Sondern auch vorher schon selbstverantwortlich, selbstbewusst und selbstkritisch ab und zu mal hinterfragen, was sie bisher so alles getan und gelassen haben.

So kann man jederzeit versuchen herauszufinden, wo sich gemachte Fehler vielleicht wiedergutmachen lassen und wo nicht – und inwieweit man aus schon gemachten Erfahrungen Schlüsse ziehen kann für das eigene Verhalten in dem Lebensabschnitt, der noch vor einem liegt.

Selbstverantwortung statt Angst vor göttlichem Richterspruch

Ich kann Ihnen versichern, dass das auch vortrefflich ohne das Belohnungs-Bestrafungs-Konzept aus dem biblisch-christlichen Glaubenskonstrukt funktioniert.

Ein Konzept, das spätestens nach heutigen Maßstäben so absurd, ungerecht und unmenschlich ist, dass sich Mainstream-Berufsverkündiger wie Herr Höhner heute offenbar nur noch trauen, ihrem Publikum eine bis zur Bedeutungslosigkeit entkernte und vernebelte Version zu präsentieren.

An die Stelle des dauerbeleidigten, selbstverliebten und gnadenlosen „(selbst-)gerechten Richters“, der Menschen, die sich ihm zu Lebzeiten unterworfen haben möglicherweise vor dem bewahrt, was er ihnen androht, wenn sie es nicht tun, ist ein Schauspieler aus einem 80er-Jahre-Werbespot gerückt.

Fehlt noch die banale Antwort auf die banale Frage aus der Überschrift: Wohl niemand wird ehrlicherweise von sich behaupten können, immer alles richtig gemacht zu haben. Nicht mal Götter.

C’est la vieand try to make it better!

Fazit

…und wiedermal wirkt ausgerechnet der religiöse Aspekt der Sendung wie ein störender Fremdkörper. Den man, statt ihn wortreich zu vernebeln problemlos auch einfach komplett hätte weglassen können. Wenn es denn im „Wort zum Sonntag“ um Menschen und nicht um Religionsreklame ginge.

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4 Gedanken zu „Hab ich alles richtig gemacht? – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. Ich muss ja Marc, den Kommentator des WzS, immer wieder bewundern, wie er sich Woche für Woche der Mühsal unterzieht, diese spätabendlichen, staatskirchlichen 4-Minuten-Heuler nicht nur zur Kenntnis, sondern auch noch waidgerecht auseinander nimmt.

    Auch heute wieder hat er alles, was dazu zu sagen ist, gesagt.
    Gut analysiert und wo es Not tat, mit Sarkasmus gewürzt.

    Mein Kommentar fällt hingegen recht kurz aus:

    Herr Höner droht diesmal – wenn auch etwas umständlich – mit dem Jüngsten Gericht. Hatten wir schon lange nicht mehr. Sind der guten Worte genung gewechselt, Herr Höner? Denn auf die hört ja anscheinend keiner mehr, nicht wahr? Die Peitsche fühlt sich zwar immer noch wie Zuckerbrot an, aber wer genau aufmerkt, erkennt die Drohung.
    Das Motto lautet also: Am Schluss wird abgerechnet und wer nicht umkehrt, der wird schon sehen, was er davon hat. „Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Oder so. 😉

    Antworten
    • Sein Vater hatte wohl mehr Weitblick, als sein Sohn jemals haben wird.

      Was mich übrigens am unausweichlichen Tod ärgert, ist, dass ich nicht die Möglichkeit haben werde, Schadenfreude darüber geniessen zu können, wie Unrecht die Herren Höner und Konsorten hatten.
      (Vielleicht sollte ich Schadenfreude durch ewige Gerechtigkeit ersetzen.)

      Antworten
  2. >>Da es sich bei diesem Gott, wie bei allen anderen Göttern auch um ein rein fiktives Phantasiewesen handelt, das sich Menschen aus Unwissenheit, Angst, Hoffnungslosigkeit und zu ganz profanen Zwecken ausgedacht hatten, ist eine solche Zusage sowieso nicht nur nicht besonders, sondern überhaupt nicht hilfreich. Wer eine solche Zusage trotzdem als hilfreich empfindet, betrügt sich selbst.<<
    Und (der ausgewählte) Gott funktioniert und reagiert selbstverständlich exakt so, wie der an ihm Glaubende, es erwartet. Was auch passiert. Alles wird gut. Gott liebt und beschützt mich, weil er mich ja so lieb, wie ich bin. Und wenn's mal schief geht, kommt Gott und regelts' für mich. Und wenn ich mich mal Mist baue, vergibt Gott mir. Als Christ bin ich grundsätzlich auf der Gewinnerseite und baruche mir null Gedanken machen. Egal, was passiert! Das ist einfach kindlich-naiv, ständig auf den lieben Papa zu hoffen, der alles wieder gut macht und damit sich so Menschen aus der eigenen Verantwortung stehlen.

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