„Gott sei Dank schwanger“ – Warum das Wort zum Sonntag mehr Fragen aufwirft als beantwortet

Lesezeit: ~ 3 Min.

Guter Hoffnung, trotz allem – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Johanna Vering, veröffentlicht am 29.11.25 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Johanna Vering verkauft private Schwangerschaftsfreude als Gottesbeweis und vertagt reale Weltprobleme auf ein mythisches „Einmal“, statt anzuerkennen, dass Hoffnung menschliches Handeln erfordert, keine göttlichen Versprechen.

Johanna Vering eröffnet den Advent mit einer sehr persönlichen Botschaft: Sie ist schwanger und verknüpft diese private Freude mit der christlichen Hoffnungsbotschaft. Was auf den ersten Blick sympathisch und menschlich wirkt, offenbart bei genauerer Betrachtung die typischen Probleme religiöser Weltdeutung.

Hoffnung als theologisches Monopol?

Vering präsentiert den Advent als „die christlich geprägte Hoffnungszeit schlechthin“ und macht damit eine bemerkenswerte Exklusivbehauptung. Hoffnung wird hier konfessionell vereinnahmt, als sei sie ein genuin christliches Gefühl. Doch Hoffnung ist eine universelle menschliche Emotion, die keinerlei religiöse Grundlage benötigt. Menschen hofften lange vor dem Christentum und tun dies auch heute ohne religiösen Glauben – aus Liebe zum Leben, aus Vertrauen in menschliche Solidarität, aus Zuversicht in wissenschaftlichen Fortschritt.

Die rhetorische Klammer „voll von guter Hoffnung“ verbindet geschickt Schwangerschaft mit Advent, als gehörten beide Phänomene zusammen. Tatsächlich ist die eine biologisch, die andere liturgisch – eine Verbindung existiert nur im Kopf der Sprecherin.

Die Welt ist schlecht – also brauchen wir Gott?

Vering erkennt die globalen Krisen durchaus: bröckelnder gesellschaftlicher Zusammenhalt, weltweite Krisenherde. Ihre Schlussfolgerung ist jedoch verblüffend: Gerade deshalb müsse man die Hoffnung „so hoch halten wie nie“ – durch religiösen Glauben. Hier offenbart sich ein klassisches Muster religiöser Argumentation: Die Welt ist kompliziert und beängstigend, also fliehe in den Glauben.

Doch wäre nicht das Gegenteil angemessen? Gerade in Krisenzeiten brauchen wir rationale Analysen, wissenschaftlich fundierte Lösungen und politisches Engagement – nicht metaphysische Versprechen. Die Klimakrise wird nicht durch Adventskränze gelöst, Kriege nicht durch Weihnachtslieder beendet.

„Gott sei Dank“ – Die problematische Delegierung von Verantwortung

Besonders aufschlussreich ist die Formulierung: Sie könne Kinder bekommen, „Gott sei Dank“. Diese reflexartige Gottesbedankung ist symptomatisch. Verdankt Vering ihre Fruchtbarkeit wirklich einem Gott? Wenn ja, wie erklärt sie sich die Millionen ungewollt kinderlosen Paare? Hat Gott bei ihnen versagt, oder wollte er sie bestrafen?

Die Wahrheit ist profaner: Fortpflanzung ist Biologie. Dass es bei manchen funktioniert und bei anderen nicht, hat mit Genetik, Gesundheit und manchmal Glück zu tun – nicht mit göttlichem Wohlwollen. Diese Dankbarkeit an die falsche Adresse ist nicht nur logisch inkonsistent, sie ist gegenüber allen, die nicht „Glück“ hatten, auch unsensibel.

Die „Waffen des Lichts“ – Militärmetaphorik im Gewand der Sanftmut

Vering zitiert einen paulinischen Text von den „Waffen des Lichts“ und versucht, diese martialische Metapher umzudeuten: Es gehe um Dialog, Weihnachtsmärkte und singende Kinder. Doch warum überhaupt diese Kriegssprache? Warum muss selbst die angebliche Friedensbotschaft des Christentums in Militärvokabular gekleidet werden?

Bezeichnend ist auch, was als „Waffen des Lichts“ gilt: Weihnachtsmarktbesuche trotz Anschlagsangst. Ist das wirklich Hoffnung – oder nicht vielmehr ein Schulterzucken gegenüber realen Bedrohungen? Statt konkreter Sicherheitskonzepte wird hier symbolischer Trotz als Tugend verkauft.

Das Baby als theologisches Argument

Der Höhepunkt der Argumentation: „Gott wird Mensch, mehr Hoffnung geht nicht.“ Hier zeigt sich die fundamentale Konfusion religiösen Denkens. Die angebliche Menschwerdung Gottes – ein historisch nicht belegtes, theologisch konstruiertes Ereignis – wird als Hoffnungsgrund präsentiert. Doch was genau soll daran hoffnungsvoll sein?

Ein Gott, der sich „klein und verletzlich“ macht, um dann gekreuzigt zu werden, ist bestenfalls eine tragische Geschichte, schlimmstenfalls eine bizarre Selbstinszenierung einer allmächtigen Entität. Welches Problem wurde dadurch gelöst? Welcher Krieg beendet? Welche Krankheit geheilt?

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Vering findet es „erstaunlich und ergreifend“, dass Gott sich auf diese „schwierige Welt einlässt“. Doch wenn dieser Gott allmächtig ist – warum hat er die Welt dann nicht gleich weniger schwierig geschaffen? Die Theodizee-Frage bleibt, wie nicht anders zu erwarten, unbeantwortet.

Die große Vertagung

Gott sei Dank schwanger

„Mit Gott an der Seite von uns Menschen wird es einmal gut und heil.“ Hier offenbart sich die entlarvende Vertröstungslogik des Christentums. Nicht jetzt, nicht durch unser Handeln, sondern „einmal“ wird es gut – wenn Gott es macht. Diese Haltung immunisiert gegen Enttäuschung (es ist ja noch nicht „einmal“ soweit) und entlastet von Verantwortung (Gott wird’s schon richten).

Tatsächlich brauchen wir keine eschatologischen Versprechen, sondern konkrete Solidarität, politisches Engagement und wissenschaftlichen Fortschritt. Die Welt wird nicht durch göttliches Eingreifen besser, sondern durch menschliche Anstrengung.

Fazit: Privates Glück, öffentliche Vernebelung

Die Vermischung von privatem Glück mit religiöser Heilsgewissheit ist problematisch. Sie suggeriert einen Zusammenhang, wo keiner ist, und bietet fiktiven Trost, wo rationales Handeln gefragt wäre.

Hoffnung braucht keinen Gott. Sie entspringt aus menschlicher Verbundenheit, aus dem Wissen, dass wir Probleme gemeinsam lösen können, aus dem Vertrauen in die nächste Generation – nicht weil ein Gott es verspricht, sondern weil wir es möglich machen.

In diesem Sinne: Einen hoffnungsvollen Advent – ganz ohne Götter.

KI

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1 Gedanke zu „„Gott sei Dank schwanger“ – Warum das Wort zum Sonntag mehr Fragen aufwirft als beantwortet“

  1. Preiset den Herrn!
    Ein weiteres Kind, welches in einem komplett religiös verstrahlten Umfeld aufwachsen muss und von kleinauf indoktriniert wird.

    Mein aufrichtiges Beileid gilt ihm jetzt schon.

    Manchmal denke ich, Zölibat (sofern sich überhaupt jemand dran hält) ist eigentlich ne ganz gute Sache für die Priesterkaste und sollte auch für die Evangelen gelten.
    Dann haben die Kinder wenigstens noch ne Chance, ohne religiöse Propaganda aufzuwachsen…

    Antworten

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