„Kehrt um – und folgt mir“: Autoritäre Zumutungen im Gewand der Hoffnung

Lesezeit: ~ 6 Min.

Gedanken zum Impuls Stefan Buß: „Kehrt um – und folgt mir“ – veröffentlicht am 11.2.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Pfarrer Buß entwertet wieder mal die autonome Existenz als Leben „im Dunkel“, um Menschen zur Unterwerfung unter eine religiöse Autorität zu bewegen, die er euphemistisch als „Befreiung“ verkauft – eine autoritäre Zumutung im Gewand spiritueller Fürsorge.

Wenn der Stadtpfarrer zum Gehorsam ruft – eine Dekonstruktion religiöser Unterwerfungsrhetorik

Bei oberflächlicher Betrachtung liest sich der neue „Impuls“ von Stadtpfarrer Stefan Buß wie eine freundliche Einladung zu persönlicher Neuorientierung. Doch bei genauerer Analyse offenbart sich eine Rhetorik, die klassische Muster religiöser Autoritätsausübung bedient: die Entwertung der gegenwärtigen Existenz, die Konstruktion eines Defizits, das nur durch Unterwerfung unter eine externe Autorität behoben werden kann, und die Verschleierung dieser Unterwerfung als „Befreiung“.

Die Konstruktion des Defizits

Buß beginnt mit dem Propheten Jesaja: „Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen.“ Diese Metapher ist nicht harmlos. Sie impliziert, dass Menschen ohne religiöse Erleuchtung „im Dunkel“ leben – eine fundamentale Abwertung der nichtreligiösen Existenz. Wer nicht an Jesus Christus glaubt, lebt demnach in Finsternis, ohne Hoffnung, ohne Orientierung.

Diese Dichotomie von Licht und Dunkel ist ein klassisches Herrschaftsinstrument: Sie teilt die Welt in Erleuchtete und Unwissende, in Gerettete und Verlorene. Sie konstruiert ein Defizit, das der Mensch angeblich selbst nicht beheben kann. Und sie bietet dann – wie praktisch – genau die Lösung an, die die religiöse Institution bereithält.

„Umkehr“ als euphemistische Unterwerfung

Buß versichert seinen Lesern, dass „Umkehr“ nicht „Vorwürfe, Schuld, moralischen Druck“ bedeute, sondern „Neu ausrichten. Die Richtung ändern.“ Doch was zunächst nach Selbstbestimmung klingt, entpuppt sich schnell als das Gegenteil: Die neue Richtung ist nicht selbstgewählt, sondern vorgegeben. Der biblische Romanheld Jesus sagt nicht: „Finde deinen eigenen Weg.“ Er sagt: „Komm und folge mir.“

Die Formulierung „weg vom Kreisen um mich selbst“ ist besonders perfide. Sie pathologisiert die individuelle Autonomie, die Sorge um das eigene Wohl, die Selbstbestimmung – all das, was seit der Aufklärung als Grundlage menschlicher Würde gilt – als egozentrisches „Kreisen“. Die Alternative wird präsentiert als „hin zu Gott, hin zum Vertrauen, hin zum Leben“.

Doch was hier als „Leben“ verkauft wird, ist die Aufgabe der eigenen Urteilskraft zugunsten einer externen Autorität. „Vertrauen“ meint nicht kritisches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten oder in menschliche Solidarität, sondern blinden Gehorsam gegenüber einer religiösen Figur.

Die Fischer-Geschichte: Glorifizierung irrationaler Unterwerfung

Die Berufung der Fischer wird von Buß als bewundernswertes Beispiel präsentiert: „Sie lassen alles liegen und folgen ihm.“ Keine Garantie, kein Plan, keine Sicherheit. „Nur sich selbst.“

Aus säkularer Perspektive ist dies ein erschreckendes Szenario: Menschen geben ihre Existenzgrundlage auf, verlassen Familie und Beruf, ohne Absicherung, ohne Reflexion, ohne kritisches Nachfragen – allein aufgrund der charismatischen Autorität einer einzelnen Person.

Buß fragt: „Warum? Nicht, weil sie lebensmüde sind. Nicht, weil sie alles satt haben. Sondern weil sie spüren: Hier ist etwas, das größer ist als mein bisheriges Leben.“

Diese Interpretation romantisiert eine Handlung, die in jedem anderen Kontext als hochproblematisch gelten würde. Wenn heute ein Guru Menschen dazu brächte, ihre Familien und Existenzen aufzugeben, um ihm bedingungslos zu folgen, würden wir von einer Sekte sprechen, von Manipulation, von psychischer Abhängigkeit. Im religiösen Kontext wird genau dieselbe Dynamik als spirituelle Erleuchtung verklärt.

„Nicht weg von deiner Familie“ – verschleiernde Relativierung und ein Betrugsverdacht

Interessanterweise relativiert Buß dann seine eigene Botschaft: „Jesus ruft nicht weg von deiner Familie. Nicht weg von deiner Verantwortung.“ Doch genau das ist es, was die Fischergeschichte erzählt: die radikale Aufgabe aller bisherigen Bindungen. Diese nachträgliche Relativierung soll die autoritäre Zumutung abmildern, verschleiert aber nur die eigentliche Botschaft: Dein Leben, wie du es führst, ist defizitär. Du musst es „neu ausrichten“ – und zwar nicht nach deinen eigenen Maßstäben, sondern nach denen Jesu.

A propos Jesus und Familie:

Genügt die folgenden Bibelstelle aus dem Neuen Testament, um Stadtpfarrer Buß Täuschungs- bzw. Betrugsabsicht vorzuwerfen für seine Aussage, Jesus rufe Menschen nicht weg von ihren Familien?

Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, vielmehr Zwiespalt. Denn von nun an werden fünf, die in einem Hause wohnen, entzweit sein: drei werden gegen zwei und zwei gegen drei stehen, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.« (Mi 7,6)

Lukas 12, Verse 51-53 MENG

Nein? Dann noch eine weitere:

»Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Nein, ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert (= Krieg). Denn ich bin gekommen, ›um den Sohn mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter zu entzweien, und die eigenen Hausgenossen werden einander feindselig gegenüberstehen‹ (Mi 7,6). Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. –Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es finden.«

Matthäus 10, Verse 34-39 MENG

Immer noch nicht?

»Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und seine Mutter, sein Weib und seine Kinder, seine Brüder und seine Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben haßt, so kann er nicht mein Jünger sein.

Lukas 14, Vers 26

Damit sollte der Beweis hinreichend erbracht sein, dass Pfarrer Buß sein Publikum täuscht, was die angeblichen An- und Absichten des Gottessohns aus der biblisch-christlichen Mythologie angeht. Und da er selbst von dieser Täuschung profitiert, sind auch die Voraussetzungen für einen dringenden Betrugsverdacht erfüllt.

Die universelle Anrufung: Niemand entkommt

Besonders aufschlussreich ist die Liste derer, die Jesus laut Buß angeblich ruft:

„Er ruft Eltern in ihren Familien. Er ruft Menschen in ihrem Beruf. Er ruft Kranke in ihrem Leiden. Er ruft Alte in ihrer Weisheit. Er ruft Junge in ihre Zukunft.“

Diese scheinbar inklusive Aufzählung ist in Wahrheit eine totale Vereinnahmung. Niemand ist ausgenommen. Jede Lebensphase, jede Situation, jede Rolle wird zum Schauplatz des göttlichen Rufs erklärt. Es gibt keinen Lebensbereich mehr, der nicht religiös besetzt, nicht von der Autorität Jesu durchdrungen ist.

Aus humanistischer Sicht ist dies eine Form der Kolonialisierung der Lebenswelt: Die Autonomie des Individuums, selbst zu bestimmen, was seinen Lebensweg ausmacht, wird aufgelöst in einem allumfassenden religiösen Anspruch. Dein Leiden? Jesus ruft dich. Deine Weisheit? Jesus ruft dich. Deine Zukunft? Jesus ruft dich. Nichts gehört mehr dir allein.

Die drei Fragen: Suggestivfragen als Druckmittel

Am Ende stellt Buß drei Fragen, die er als Selbstreflexion präsentiert:

„– Bin ich bereit, mich neu auszurichten? – Höre ich den Ruf Jesu in meinem Leben? – Traue ich dem Licht mehr als dem Dunkel?“

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Diese Fragen sind keine neutralen Einladungen zur Selbstreflexion. Sie sind Suggestivfragen, die bereits die erwünschte Antwort implizieren:

  • Wer nicht bereit ist, sich „neu auszurichten“, gilt als starrsinnig.
  • Wer den „Ruf Jesu“ nicht hört, ist taub für die (religiöse) Wahrheit.
  • Wer dem „Licht“ nicht mehr traut als dem „Dunkel“, bleibt in der Finsternis.

Die Fragen sind so konstruiert, dass jede andere Antwort als „Ja“ bereits als moralisches Versagen erscheint. Es ist die Rhetorik der Erweckungspredigt: Du hast die Wahl – aber es gibt nur eine richtige Antwort.

„Nicht irgendwann. Sondern jetzt.“ – Die Dringlichkeit als Manipulationsstrategie

Buß endet mit einem Appell zur Dringlichkeit: „Nicht irgendwann. Nicht wenn alles perfekt ist. Sondern jetzt. Mitten im Alltag. Mitten im Leben.“

Diese Rhetorik der Unmittelbarkeit ist ein klassisches Mittel religiöser Mobilisierung. Sie soll verhindern, dass Menschen innehalten, kritisch nachdenken, abwägen. Die Bekehrung soll spontan erfolgen, emotional, ohne rationale Distanz. „Nicht wenn alles perfekt ist“ – also nicht, wenn du in Ruhe überlegt hast, ob diese Weltanschauung wirklich zu dir und zur Welt passt. Sondern jetzt, mitten in der emotionalen Ansprache, mitten in der Unsicherheit.

Das Dunkel als Konstrukt – die Welt ohne religiöse Brille

Buß spricht von „viel Dunkel“ in der Welt: „Krieg, Ungerechtigkeit, Einsamkeit, Angst“. Doch dann behauptet er: „Das Dunkel hat nicht das letzte Wort. Sondern Christus.“

Diese Aussage ist nicht nur theologisch diskutabel, sondern auch historisch falsch. Die großen Fortschritte in der Bekämpfung von Krieg, Ungerechtigkeit und Leiden wurden nicht durch religiösen Glauben erzielt, sondern durch Aufklärung, Wissenschaft, säkulare Ethik, Menschenrechte und soziale Bewegungen – oftmals gegen den Widerstand religiöser Institutionen.

Die christliche Heilsgeschichte hat weder Kriege verhindert noch Ungerechtigkeit beseitigt. Im Gegenteil: Jahrhundertelang waren christliche Institutionen Komplizen von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung – und sind es dort, wo sie die Macht und Möglichkeit dazu haben, bis heute. Das „Licht“, von dem Buß spricht, hat historisch oft genug die Dunkelheit religiöser Intoleranz, patriarchaler Unterdrückung und klerikaler Machtansprüche verbreitet.

Fazit: Autonomie statt Unterwerfung

Stefan Buß‘ „Impuls“ ist kein harmloses Angebot spiritueller Orientierung. Er ist eine autoritäre Zumutung, verpackt in freundliche Worte. Er wertet die säkulare Existenz ab, konstruiert ein religiöses Defizit, das nur durch Unterwerfung unter Jesus Christus behoben werden kann, und verschleiert diese Unterwerfung auch noch als „Befreiung“ und „Leben“. Ein Verhalten, das der Volksmund als „Stockholm-Syndrom“ bezeichnet.

Aus humanistischer Sicht ist die Antwort klar: Wir brauchen keine „Umkehr“ zu einer externen Autorität. Wir brauchen kritisches Denken, Selbstbestimmung und die Fähigkeit, unser Leben nach eigenen, rational begründeten Werten zu gestalten. Wir brauchen keine Fischer, die blind einem Guru folgen, sondern mündige Bürgerinnen und Bürger, die ihre Existenz selbst in die Hand nehmen.

Das „Licht“, das uns den Weg weist, ist nicht Jesus Christus, sondern die Aufklärung, die Vernunft und die Solidarität mit anderen Menschen. Nicht „weg vom Kreisen um mich selbst“, sondern hin zur Autonomie, zur Verantwortung für sich und andere, zur Gestaltung einer Welt, die nicht auf göttliche Erlösung wartet, sondern sie durch menschliches Handeln verwirklicht.

Kehrt um? Nein, danke. Wir gehen lieber selbstbestimmt unseren eigenen Weg.

KI

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2 Gedanken zu „„Kehrt um – und folgt mir“: Autoritäre Zumutungen im Gewand der Hoffnung“

  1. Das Rufen nach Umkehr wird immer lauter, je mehr die finanziellen Einnahmen zu schwinden drohen.
    Wir dürfen uns zukünftig also noch auf viel lauteres Gebrüll einstellen.
    Welch herrliche Musik in meinen Ohren…

    Antworten
  2. Diese romantizistische Sicht auf den Beruf des Fischers am See Genezareth wird in der Bibel selbst ad absurdum geführt. Spricht sie doch von ertraglosem Fischfang, und nur durch ein Wunder werden die Netze übervoll. Als arbeitslose Wanderschnorrer (die Bibel berichtet von keinerlei Arbeitsleistung für Lebensunterhalt und Unterkunft) hatten sie die nächsten drei Jahre offensichtlich ein wesentlich bequemeres Leben, eine gut gefüllte Vereinskasse und wollten dieses Leben auch nach dem Tod ihres Guru nicht aufgeben.
    Man kann nur hoffen, dass Piloten, Lokführer sowie Bus- und Taxifahrer dem Buß’schen Appell zur Dringlichkeit nicht folgen.
    In der katholischen Einheits-Übersetzung von 2016, also nach 2000 Jahren und entgegen der meisten anderen Übersetzungen, wurde übrigens das Wort „haßt“ durch „gering achtet“ ersetzt. Man erkennt natürlich die schönfärberische Absicht, aber dass „die Eltern gering achten“ immer noch das Gegenteil von dem ist, was das 5. Gebot fordert, ist den Übersetzern wohl entgangen.

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