„Ihr seid das Salz der Erde“: Wenn Menschen zu göttlichen Konservierungsstoffen werden

Lesezeit: ~ 10 Min.

Wie Stadtpfarrer Stefan Buß die totale Instrumentalisierung des Menschen als christliche Tugend verkauft: Gedanken zum Impuls: Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt!!“ (Mt. 5, 13a.14a), veröffentlicht am 28.2.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Buß instrumentalisiert Menschen radikal als göttliche Werkzeuge, indem er ihren Wert an ihre Funktion als Salz (sich auflösen, konservieren, verschwinden) und Licht (nur für andere leuchten, Gott sichtbar machen) knüpft, diffamiert Selbstwert als verwerfliches „Ego“ und negiert menschliche Autonomie zugunsten totaler religiöser Funktionalisierung – die Reduktion des Menschen auf sein Dienstsein für eine imaginäre Autorität.

Stadtpfarrer Stefan Buß hat einen neuen „Impuls“ veröffentlicht, in dem er die biblischen Metaphern vom „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ auslegt. Was zunächst wie eine ermutigende Botschaft über den Wert jedes Menschen klingt, entpuppt sich bei genauerer Analyse als perfide Rhetorik zur totalen Instrumentalisierung: Menschen sind nicht wertvoll an sich, sondern nur insofern sie als Werkzeuge Gottes dienen.

Ihr Licht soll nicht für sie selbst leuchten, sondern Gott erkennbar machen. Ihr Leben hat keinen Eigenwert, sondern ist „Hinweis auf etwas Größeres“. Was Buß als Würdigung präsentiert, ist in Wahrheit die radikalste Form der Entwertung – die Reduktion des Menschen auf seine Funktion als göttliches Würzmittel und als Beleuchtungsgerät für fremde Zwecke.

Die falsche Ermächtigung: „Ihr seid“ als Täuschung

Buß beginnt mit einem scheinbar kraftvollen Statement: „’Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt!!‘ So klar, so kraftvoll spricht Jesus im Evangelium die Menschen an. Kein ‚Ihr sollt werden‘, kein ‚Bemüht euch, irgendwann einmal…‘ – sondern: Ihr seid es. Jetzt.“

Diese Formulierung soll nach Ermächtigung klingen, nach bedingungsloser Anerkennung, nach Würdigung des gegenwärtigen Seins. Doch das ist eine rhetorische Täuschung. Denn was folgt, ist eine Liste von Forderungen, Erwartungen und Funktionszuschreibungen, die das scheinbar bedingungslose „Ihr seid“ sofort wieder zurücknehmen.

Salz der Erde

Die (Theo-)Logik ist gewohnt perfide: Indem Jesus sagt „Ihr seid Salz“, definiert er gleichzeitig, was Salz zu tun hat – nämlich zu würzen, zu konservieren, zu dienen. Das „Ihr seid“ ist kein Zuspruch von Wert an sich, sondern eine Funktionszuschreibung. Du bist wertvoll, weil du eine Funktion erfüllst. Du bist anerkannt, wenn du deiner Bestimmung entsprichst.

Aus humanistischer Sicht ist das Gegenteil richtig: Menschen haben intrinsischen Wert, unabhängig von ihrer Funktion. Sie müssen nicht Salz sein, nicht Licht sein, nicht irgendetwas „sein“, um wertvoll zu sein. Sie sind wertvoll, einfach weil sie Menschen sind – nicht weil sie Gott dienen, nicht weil sie anderen nützen, sondern an sich.

Die scheinbare Ermächtigung „Ihr seid es. Jetzt.“ entpuppt sich als Falle: Du bist nur wertvoll, insofern du die Funktion erfüllst, die dir zugeschrieben wird. Und wenn du diese Funktion nicht erfüllst? Dann bist du „Salz, das seinen Geschmack verliert“ – nutzlos, zu verwerfen.

Die Salz-Metapher: Verschwinden als Tugend

Buß führt die Salz-Metapher aus: „Salz fällt nicht groß auf. Man sieht es kaum, wenn es im Essen ist. Und doch: Fehlt es, schmeckt alles fade.“

Diese Beschreibung ist aufschlussreich. Salz ist wertvoll, obwohl – oder gerade weil – es nicht auffällt. Es verschwindet im Essen, löst sich auf, wird unsichtbar. Sein Wert besteht darin, dass es sich selbst aufgibt zugunsten des Geschmacks der Speise.

Übertragen auf Menschen bedeutet das: Selbstauslöschung als Tugend. „Christsein heißt nicht, laut zu sein oder sich in den Vordergrund zu drängen“, erklärt Buß. Stattdessen heißt es, „dem Leben Geschmack zu geben“ – aber nicht dem eigenen Leben, sondern dem Leben anderer, dem „Essen“, in dem man sich auflöst.

Diese Metapher ist aus humanistischer Sicht destruktiv. Sie propagiert:

  • Unsichtbarkeit als Ideal: Man soll nicht auffallen, nicht gesehen werden, nicht für sich selbst sprechen.
  • Selbstaufgabe als Tugend: Wie Salz, das sich auflöst, soll der Mensch sich selbst aufgeben zugunsten anderer.
  • Funktionalität als Wert: Salz ist nur wertvoll, insofern es würzt. Der Mensch ist nur wertvoll, insofern er anderen „Geschmack gibt“.
  • Ausbeutbarkeit als Bestimmung: Salz ist dazu da, verbraucht zu werden. Der Mensch ist dazu da, sich für Gott und andere zu verausgaben.

Aus säkularer Sicht ist das Gegenteil erstrebenswert: Menschen dürfen sichtbar sein, dürfen für sich selbst sprechen, dürfen eigene Interessen verfolgen. Sie müssen sich nicht auflösen, nicht verschwinden, nicht unsichtbar werden. Sie dürfen präsent sein, selbstbewusst, eigenständig.

Die Salz-Metapher ist eine Anleitung zur Selbstauslöschung – und Buß verkauft sie als christliche Tugend.

Die Konservierungs-Funktion: Menschen als Schutzmittel gegen Verderben

Buß fügt eine weitere Dimension hinzu: „Salz bewahrt auch vor dem Verderben. In der Zeit Jesu wurde es benutzt, um Lebensmittel haltbar zu machen. Übertragen heißt das: Wo Menschen aus dem Geist Jesu leben – dort werden Hoffnung, Würde und Menschlichkeit bewahrt.“

Hier wird die Funktionszuschreibung noch expliziter. Menschen sind nicht nur dazu da, Geschmack zu geben – sie sind Konservierungsmittel, sie sollen verhindern, dass die Welt verdirbt. Sie sind Schutzmittel gegen „Zynismus, Gleichgültigkeit oder Härte“.

Diese Metapher impliziert ein fundamental pessimistisches Weltbild: Die Welt ist per se dem Verderben ausgesetzt, und nur durch christliche Menschen (als Konservierungsstoffe) kann sie bewahrt werden. Ohne Christen würde alles verderben, wäre alles hoffnungslos, würde alles in Zynismus versinken.

Aus säkularer Sicht ist diese Sicht nicht nur arrogant, sondern auch empirisch falsch. Hoffnung, Würde und Menschlichkeit werden nicht von Christen bewahrt, sondern von allen Menschen, die sich ethisch verhalten – aus humanistischen Überzeugungen, aus Empathie, aus rationaler Einsicht in das, was ein gutes Zusammenleben ermöglicht. Säkulare Gesellschaften sind nicht „verdorben“, säkulare Menschen nicht zynischer als religiöse.

Die Konservierungs-Metapher ist eine Form religiöser Selbstüberhöhung: Nur wir (die Christen) bewahren die Welt vor dem Untergang. Ohne uns würde alles verderben. Das ist nicht nur überheblich, es ist auch eine Abwertung aller nicht-christlichen Menschen, die implizit als unfähig dargestellt werden, Hoffnung und Menschlichkeit zu bewahren.

Die Drohung: „Salz, das seinen Geschmack verliert“

Nun kommt die implizite Drohung: „Aber Jesus warnt auch: Wenn das Salz seinen Geschmack verliert… Salz, das nicht mehr salzt, ist nutzlos.“

Diese Warnung ist die Kehrseite der scheinbaren Ermächtigung. Wenn du nicht funktionierst, wenn du deine Aufgabe nicht erfüllst, wenn du deinen „Geschmack verlierst“ – dann bist du nutzlos. Dann hat dein Sein keinen Wert mehr.

Die Botschaft ist klar: Dein Wert ist bedingt. Du bist wertvoll, solange du funktionierst. Sobald du aufhörst zu funktionieren – sei es durch Zweifel, durch Abwendung vom Glauben, durch eigene Wege – bist du wertlos.

Diese Logik ist autoritär und destruktiv. Sie macht den Selbstwert des Menschen abhängig von seiner Funktionserfüllung. Sie schürt Angst: Was, wenn ich meinen Geschmack verliere? Was, wenn ich nicht mehr genug gebe? Was, wenn ich versage?

Obwohl der selbe Bibelvers diese Fragen beantwortet, unterschlägt der Stadtpfarrer aus irgendwelchen Gründen die Androhung des Gottessohns aus der biblisch-christlichen Mythologie (Hervorhebung von mir):

  • „Wenn aber das Salz fade geworden ist, womit soll es wieder gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als aus dem Hause geworfen und von den Leuten zertreten zu werden.“ (Mt 5,13 MENG)

Aus humanistischer Sicht ist diese Logik abzulehnen. Menschen haben unbedingten Wert, unabhängig von ihrer Leistung, ihrer Funktion, ihrer Nützlichkeit. Auch wer „seinen Geschmack verliert“ – wer zweifelt, wer scheitert, wer sich verändert – bleibt wertvoll. Nicht als Salz, nicht als Werkzeug, sondern als Mensch.

Buß konkretisiert: „Glaube, der keine Folgen hat – für unser Handeln, unseren Umgang miteinander – wird ebenfalls kraftlos.“ Hier wird explizit, was „Geschmack verlieren“ bedeutet: Glaube, der sich nicht in sichtbarem Handeln zeigt, ist wertlos. Es genügt nicht, innerlich zu glauben – man muss es beweisen durch Taten.

Diese Logik kennen wir bereits aus Buß‘ früheren Texten: Das Herz muss „an der Angel hängen„, man muss „mit ganzem Herzen“ bei Gott sein, man muss „auch vertrauen, wenn man nicht versteht“. Nun fügt er hinzu: Man muss auch handeln, konkret, sichtbar, messbar. Sonst ist man nutzlos.

Diese permanente Forderung nach Beweis, nach Leistung, nach sichtbarem Glauben erzeugt psychologischen Druck. Sie macht aus Glauben eine Pflicht, aus Christsein eine Performance, aus Spiritualität eine To-Do-Liste: „Fairness statt Ellenbogen, Mitgefühl statt Wegschauen, Ehrlichkeit statt Bequemlichkeit.“

Diese Forderungen sind ethisch nicht verkehrt – aber sie werden hier nicht als rationale ethische Prinzipien präsentiert, sondern als Beweis des Glaubens, als Funktionserfüllung des Salzes. Wer nicht fair ist, wer wegschaut, wer bequem ist, der hat seinen Geschmack verloren, ist nutzlos – und wird von den Leuten zertreten, was Herr Buß aber offenbar vergessen hat zu erwähnen.

Die Licht-Metapher: Existenz nur für andere

Die zweite Metapher ist noch expliziter: „Licht ist nicht für sich selbst da. Eine Lampe wird nicht angezündet, um dann unter einen Eimer gestellt zu werden. Licht will leuchten – damit andere sehen können.“

Diese Aussage ist entlarvend. Licht existiert nicht für sich selbst, sondern für andere. Es hat keinen Eigenwert, keinen Selbstzweck, keine intrinsische Bedeutung. Es ist Mittel zum Zweck – der Zweck liegt außerhalb seiner selbst.

Übertragen auf Menschen bedeutet das: Du existierst nicht für dich selbst. Dein Leben hat keinen Wert an sich, sondern nur insofern es anderen nützt, insofern es „leuchtet, damit andere sehen können“.

Diese Logik ist die radikale Negation menschlicher Autonomie. Sie negiert, dass Menschen ein Recht haben, ihr Leben für sich selbst zu gestalten, eigene Ziele zu verfolgen, eigenes Glück zu suchen. Stattdessen wird das gesamte Leben instrumentalisiert: Du bist dazu da, anderen zu dienen, anderen zu leuchten, anderen den Weg zu zeigen.

Buß verstärkt diese Botschaft: „Jesus sagt nicht: Ihr sollt andere beleuchten. Er sagt: Euer Licht soll leuchten. Nicht die Menschen stehen im Mittelpunkt, sondern das, was durch sie sichtbar wird: Gottes Nähe, seine Barmherzigkeit, seine Liebe.“

Hier wird die Instrumentalisierung auf die Spitze getrieben: Nicht einmal die anderen Menschen stehen im Mittelpunkt, sondern Gott. Du existierst nicht für dich. Du existierst auch nicht für andere Menschen. Du existierst, um Gott sichtbar zu machen.

Das ist die totale Enteignung des eigenen Lebens. Der Mensch ist nicht Subjekt seines Lebens, sondern Medium für eine externe Botschaft. Er ist nicht Lampe, die selbst leuchtet, sondern Lichtleiter für göttliches Licht. Sein Wert liegt nicht in ihm selbst, sondern darin, dass durch ihn etwas anderes sichtbar wird.

Aus existenzialistischer und humanistischer Sicht ist das die Negation menschlicher Existenz. Jean-Paul Sartre schrieb: „Die Existenz geht der Essenz voraus“ – der Mensch existiert zunächst, und dann gibt er sich selbst Sinn, gestaltet sein Leben, erschafft seine Werte. Doch Buß verkehrt das: Die Essenz (Gott sichtbar machen) geht der Existenz voraus. Der Mensch ist von vornherein definiert durch seine Funktion, festgelegt auf seinen Zweck.

Das ist nicht Befreiung, sondern Versklavung.

Die Ego-Diffamierung: Selbstwert als Sünde

Nun wird Buß explizit: „’So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.‘ Nicht der Mensch soll bewundert werden. Nicht das eigene Ego. Sondern Gott soll durch die Menschen erkennbar werden.“

Diese Passage ist zentral für das Verständnis von Buß‘ Menschenbild. Er diffamiert Selbstwert als „eigenes Ego“, als etwas Verwerfliches, das überwunden werden muss. Der Mensch soll nicht „bewundert werden“ – also nicht stolz sein auf seine Leistungen, nicht Anerkennung für sein Handeln erwarten, nicht Wertschätzung für sein Sein verlangen.

Stattdessen soll Gott gepriesen werden. Der Mensch tut Gutes – aber die Ehre gebührt nicht ihm, sondern Gott. Der Mensch leistet – aber die Anerkennung geht nicht an ihn, sondern an die höhere Instanz.

Diese Logik ist psychologisch destruktiv. Sie verhindert die Entwicklung eines gesunden Selbstwerts. Sie lehrt Menschen, dass sie nicht stolz sein dürfen auf ihre Leistungen, dass sie keine Anerkennung verdienen für ihr ethisches Handeln, dass jede Form von Selbstwertschätzung „Ego“ ist – und damit verwerflich.

Aus der Psychologie wissen wir, dass Selbstwert fundamental wichtig ist für psychische Gesundheit. Menschen brauchen das Gefühl, wertvoll zu sein, kompetent zu sein, Anerkennung zu verdienen. Wer systematisch gelehrt wird, dass jede Form von Selbstwertschätzung „Ego“ ist, entwickelt Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle, depressive Muster.

Die christliche Tradition hat eine lange Geschichte der Selbstgeißelung, der Demut als Selbsterniedrigung, des Stolzes als Todsünde. Buß setzt diese Tradition fort, wenn er „eigenes Ego“ als Gegenpol zu göttlichem Ruhm konstruiert.

Doch aus säkularer Sicht ist Stolz keine Sünde, sondern eine Tugend – wenn er berechtigt ist. Stolz auf eigene Leistungen, Stolz auf ethisches Handeln, Stolz auf Überwundenes ist Ausdruck von Selbstachtung. Und Selbstachtung ist die Grundlage für Respekt gegenüber anderen.

Wer gelernt hat, sich selbst als wertlos zu betrachten, als bloßes Instrument, als „Ego, das nicht bewundert werden soll“, der kann auch anderen nicht auf Augenhöhe begegnen. Selbstverachtung und Menschenverachtung sind zwei Seiten derselben Medaille.

Die entscheidende Frage: Wird Gott durch dich sichtbar?

Buß formuliert „die wichtigste Frage an jede und jeden: Wird durch mein Leben etwas von Gott sichtbar?“

Diese Frage ist die Quintessenz seiner Instrumentalisierungslogik. Die wichtigste Frage ist nicht: Bin ich glücklich? Lebe ich nach meinen Werten? Schade ich anderen? Trage ich zu einer besseren Welt bei? Habe ich ein erfülltes Leben?

Nein. Die wichtigste Frage ist: Dient mein Leben Gott?

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Diese Priorität ist aus humanistischer Sicht pervers. Sie stellt das Leben des Menschen nicht in dessen eigene Hände, sondern macht es abhängig von einer externen, imaginären Autorität. Sie entwertet alle säkularen Werte – Glück, Selbstbestimmung, Autonomie, zwischenmenschliche Beziehungen – zugunsten einer religiösen Funktionserfüllung.

Buß fügt hinzu: „Nicht perfekt, nicht fehlerfrei – aber echt.“ Diese Relativierung soll Druck nehmen, verschleiert aber die Radikalität der Forderung. Es geht nicht um Perfektion, aber es geht um Ausrichtung: Dein Leben soll Gott sichtbar machen. Das ist die Messlatte. Das ist der Maßstab. Das ist die „wichtigste Frage“.

Wer so lebt, lebt nicht für sich. Wer so lebt, lebt für Gott – und das bedeutet: für eine Projektion, für eine Idee, für ein Konstrukt, das außerhalb seiner Kontrolle liegt.

Das systematische Muster: Von der Angel über das Herz zum Salz

Buß‘ Text reiht sich ein in ein systematisches Muster, das sich durch alle seine „Impulse“ zieht:

  1. „Das Herz muss an der Angel hängen“ (25.02.): Der Mensch soll sich selbst zum Fang machen, emotional gefangen nehmen lassen, seine Autonomie aufgeben.
  2. „Ich vertraue, auch wenn ich nicht alles verstehe“ (25.02.): Rationales Denken wird als Halbherzigkeit diffamiert, irrationale Hingabe als Tugend verkauft.
  3. „Asche auf mein Haupt“ (18.02., im Kontext): Fehler werden zu moralischen Verfehlungen überhöht, die Buße und Reinigung erfordern.
  4. „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt“ (28.02.): Der Mensch wird auf seine Funktion reduziert, existiert nur für andere bzw. für Gott, hat keinen Eigenwert.

Das Muster ist klar: Totale Unterwerfung unter Gott, Aufgabe der Autonomie, Instrumentalisierung des eigenen Lebens, Diffamierung von Selbstwert als Ego, Funktionalisierung des Menschen als göttliches Werkzeug.

Buß propagiert nicht ein selbstbestimmtes spirituelles Leben. Er propagiert religiöse Totalität: Das gesamte Leben, alle Gedanken, alle Handlungen sollen auf Gott ausgerichtet sein. Der Mensch existiert nicht für sich, sondern als Salz, als Licht, als Werkzeug, als Medium.

Die falsche Bescheidenheit: „Nicht weil wir stark sind“

Buß endet mit scheinbarer Bescheidenheit: „Jesus traut den Menschen etwas zu. Er nennt sie Salz und Licht. Nicht, weil wir stark sind, sondern weil Gott durch den Menschen wirken will.“

Diese Formulierung verschleiert erneut die Instrumentalisierung hinter frommer Sprache. Menschen sind nicht „stark“ – sie sind nur Werkzeuge, durch die Gott wirkt. Sie haben keine eigene Kraft, keine eigene Kompetenz, keine eigene Fähigkeit zum Guten. Gott wirkt durch sie.

Diese Logik entwertet jede menschliche Leistung. Wenn du etwas Gutes tust, dann nicht aufgrund deiner Empathie, deiner ethischen Überzeugung, deiner Anstrengung – sondern weil Gott durch dich wirkt. Du bist nur das Instrument, nicht der Akteur.

Aus säkularer Sicht ist das Gegenteil richtig: Menschen sind kompetent, sind fähig zum Guten, sind moralische Akteure. Sie brauchen keine göttliche Wirkkraft, um ethisch zu handeln. Sie handeln aus eigener Kraft, aus eigener Überzeugung, aus eigener Verantwortung.

Die scheinbare Bescheidenheit „nicht weil wir stark sind“ ist in Wahrheit eine Negation menschlichen Handelns. Sie macht aus autonomen Subjekten passive Gefäße göttlichen Wirkens.

Fazit: Menschen sind keine Gewürze

Stefan Buß‘ heutiger „Impuls“ ist die radikalste Form der Instrumentalisierung, die wir bisher in seinen Texten gesehen haben. Er reduziert Menschen auf ihre Funktion als Salz (würzen, konservieren, sich auflösen) und als Licht (leuchten für andere, Gott sichtbar machen, keinen Eigenwert haben).

Was als Würdigung beginnt („Ihr seid Salz, ihr seid Licht“), entpuppt sich als totale Entwertung: Du bist nur wertvoll, insofern du funktionierst. Du existierst nicht für dich, sondern für andere bzw. für Gott. Dein Selbstwert ist „Ego“ und damit verwerflich. Dein Leben soll Gott sichtbar machen, nicht dich selbst erfüllen.

Aus humanistischer Sicht ist diese Botschaft destruktiv und menschenverachtend. Menschen sind keine Gewürze. Sie sind keine Konservierungsstoffe. Sie sind keine Beleuchtungsgeräte. Sie sind autonome Subjekte mit intrinsischem Wert, mit eigenen Zielen, mit dem Recht auf Selbstbestimmung.

Menschen müssen sich nicht auflösen wie Salz. Sie dürfen sichtbar bleiben, präsent, selbstbewusst. Sie müssen nicht leuchten, um Gott sichtbar zu machen. Sie dürfen für sich selbst leuchten, ihr eigenes Leben erhellen, ihre eigenen Wege beleuchten.

Die wichtigste Frage ist nicht „Wird durch mein Leben etwas von Gott sichtbar?“, sondern: „Lebe ich ein Leben, das mir selbst und anderen gerecht wird? Handle ich ethisch? Bin ich glücklich? Trage ich bei zu einer besseren Welt?“

Diese Fragen brauchen keine göttliche Referenz. Sie sind säkulare, menschliche, autonome Fragen. Und ihre Antworten liegen nicht in religiöser Funktionserfüllung, sondern in selbstbestimmter Lebensgestaltung.

„Ihr seid das Salz der Erde“?

Nein, danke.

Lieber: „Ich bin ein Mensch. Mit eigenem Wert. Mit eigenen Zielen. Autonom. Nicht Salz. Nicht Licht. Nicht Werkzeug. Mensch.“

Ergänzung

Wenn sich ein erwachsener Mensch aus freien Stücken dafür entscheidet, sich selbst aufzugeben und sich der Gottheit eines Glaubenssystems seiner Wahl (das fast immer das gleiche ist wie das seiner Eltern) zu unterwerfen – etwa aus masochistischer Neigung, aus Überzeugung, aus beruflichen Gründen oder aus einer Kombination davon –, dann mag er das freilich tun.

Anders sieht es aus, wenn so jemandem unkontrollierter Zugriff auf Kinder gestattet wird und er diese mit seinen amoralischen, unmenschlichen, destruktiven und absurden Vorstellungen indoktrinieren darf, gar noch in einem schulischen Kontext und mit einer Schulnoten-Bewertung des Indoktrinierungserfolges.

Hier sind vor allem die Eltern gefragt:

Gebt eure Kinder nicht der Kirche!

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