Gedanken zum Beitrag: Impuls von Stefan Buß: Ein Besuch an den Gräbern der Apostelfürsten in Rom, veröffentlicht am 15.4.26 von osthessen-news.de
Darum geht es
Stadtpfarrer Buß pilgert zu Petrus und Paulus – doch was er als geistliche Tiefe beschreibt, ruht auf historisch unsicherem Boden und verschweigt die eigentliche, nämlich die dunkle Seite der kirchlichen Macht.Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda meldet sich mit seinem Impuls diesmal aus Rom. Er hat die Gräber der „Apostelfürsten“ Petrus und Paulus besucht und schildert eine Erfahrung, die ihn tief bewegt hat. Man mag das respektieren. Was man nicht respektieren muss, ist die Art und Weise, wie dabei historische Unsicherheiten zu frommer Gewissheit geronnen und institutionelle Machtgeschichte zur reinen Heilserzählung verklärt wird.
Der Text ist ein Musterbeispiel religiöser Verkündigung: persönlich, warm, theologisch ausgewogen klingend – und dabei an den entscheidenden Stellen entweder historisch schief oder schlicht blind gegenüber dem, was diese Orte wirklich repräsentieren. Das lohnt einen genauen Blick.
Das Grab des Petrus: Fromme Überlieferung, kein gesicherter Befund
Buß schreibt, der Besuch der Apostelgräber gehöre zu den „eindrucksvollsten geistlichen Erfahrungen, die ein Christ machen kann“. Im Petersdom, über dem Grab des Apostels Petrus, werde „die Größe und zugleich die Spannung seines Lebens spürbar“.
Nun ist aber „das Grab des Petrus“ keine gesicherte historische Tatsache, sondern eine Tradition mit erheblichem Fragezeichen. Was Archäologen unter dem Petersdom bei Ausgrabungen ab 1939 tatsächlich fanden, sind antike Begräbnisstätten aus dem 1. und 2. Jahrhundert, eine komplexe Nekropole und eine kleine Gedächtnisstätte (Tropaion) aus dem späten 2. Jahrhundert – aber keine eindeutig identifizierbaren Gebeine eines historischen Petrus. Die 1968 von Paul VI. präsentierten Knochen, die er als die des Apostels bezeichnete, sind wissenschaftlich nicht verifiziert. Forensische Analysen ergaben lediglich, dass es sich um die Überreste eines älteren Mannes handeln könnte – mehr nicht.
Petrus selbst ist als historische Figur schwer greifbar. Dass er nach Rom gelangte und dort im Zuge neronischer Verfolgungen starb, ist eine frühe christliche Überlieferung, aber kein durch unabhängige Quellen belegter Fakt. Das Neue Testament schweigt dazu weitgehend. Der erste Petrusbrief nennt „Babylon“ als Absendeort – eine mögliche Chiffre für Rom, aber kein Beweis.
Hinzu kommt ein quellenkundliches Problem, das den gesamten Bericht über Petrus betrifft: Die Evangelien, auf die sich sein Bild stützt, wurden nicht von Augenzeugen verfasst. Keiner der vier Evangelisten gehörte zu den Zwölf Aposteln. Markus und Lukas waren keine Jünger Jesu; die Texte, die heute „Matthäus“ und „Johannes“ heißen, entstanden Jahrzehnte nach dem Tod der gleichnamigen Apostel und sind anonym überliefert – die Verfasserzuschreibungen sind spätere kirchliche Tradition.
Wer also glaubt, in den Evangelien ein zuverlässiges Porträt des Petrus zu finden, vertraut einer mehrfach gebrochenen Überlieferungskette. Das alles macht den Petersdom nicht zu einem bedeutungslosen Ort. Es macht ihn aber zu dem, was er tatsächlich ist: einem Ort religiöser Erinnerungskultur, nicht zu einem archäologisch gesicherten Apostelgrab. Der Unterschied ist nicht trivial – er betrifft die Frage, ob Menschen an einem Ort beten, weil dort etwas Historisches geschah, oder weil die Kirche ihnen das seit Jahrhunderten so erzählt.
Der Petersdom: Bußtheologie über Blut und Ablasshandel
Buß schreibt, die Architektur des Petersdoms unterstreiche ein „Paradox – die Größe Gottes, die sich durch die Schwäche des Menschen entfaltet“. Eine elegante Formulierung. Sie unterschlägt allerdings, wie dieser Dom tatsächlich entstand.
Der Neubau des Petersdoms, der ab dem frühen 16. Jahrhundert Gestalt annahm, wurde maßgeblich durch den Ablasshandel finanziert. Papst Leo X. genehmigte 1515 einen groß angelegten Ablassverkauf, dessen Erlöse direkt in den Bau flossen. In deutschen Landen war es vor allem Johann Tetzel, der mit seinen berühmt-berüchtigten Verkaufsparolen Sündenvergebung gegen Münzen feilbot. Eben dies war einer der direkten Auslöser für Martin Luthers 95 Thesen von 1517 – und damit für die Reformation, die Europa zerriss und Millionen Menschen das Leben kostete.
Der Petersdom ist also, nüchtern betrachtet, auch ein Denkmal institutioneller Korruption und ihrer Folgekosten. Wer diesen Bau als Ausdruck göttlicher Größe beschwört, ohne diesen Kontext auch nur zu streifen, betreibt Erinnerungsarbeit mit selektivem Gedächtnis. Das mag für eine fromme Andacht funktionieren. Als historische oder intellektuelle Reflexion reicht es nicht – im Gegenteil.
Petrus und das Petrusamt: Die theologische Erbschaft des Grabes
Buß beschreibt Petrus als denjenigen, den Christus zum „Felsen“ berief. Das ist natürlich der zentrale Legitimationsvers des Papsttums (Matthäus 16,18). Was der Stadtpfarrer dabei nicht sagt: Diese Berufung ist Teil einer theologischen und machtpolitischen Konstruktion, die sich über Jahrhunderte entwickelte und alles andere als fraglos ist – auch innerhalb des Christentums.
Dabei ist schon die Grundvoraussetzung dieser Erzählung historisch fragwürdig: Jesus hat keine Kirche gegründet. Der historische Jesus war, sollte er denn gelebt haben, ein apokalyptischer jüdischer Wanderprediger, der das unmittelbar bevorstehende Hereinbrechen der Gottesherrschaft erwartete – eine Institution für die Nachwelt zu errichten hatte er weder vor noch hätte er dafür Zeit gehabt. Die Kirche ist eine Nachlasskonstruktion seiner Anhänger, kein Stiftungsakt. Matthäus 16,18 – „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ – ist spätere Gemeindetheologie, kein historisches Jesuswort; selbst unter Theologen gilt die Stelle als redaktionell überformt, was eine höfliche Umschreibung für „frei erfunden“ ist.
Das Fundament, auf dem Buß das „Fundament der Kirche“ beschreibt, ist also seinerseits eine Konstruktion. Die Grabesverehrung des Petrus ist historisch untrennbar mit der Behauptung des Bischofs von Rom verknüpft, der unmittelbare Nachfolger des Apostels zu sein und damit über alle anderen Bischöfe zu herrschen. Der Besuch am Grab ist daher nie nur eine persönliche spirituelle Übung: Er ist immer auch eine implizite Bestätigung dieser Herrschaftsansprüche. Wer das unreflektiert als pure Frömmigkeit darstellt, verdeckt die politische Dimension religiöser Architektur.
Paulus: Der „Völkerapostel“ und die Schattenseite der Mission
Buß schildert Paulus als Verkörperung von „Dynamik, Mission und intellektueller Tiefe“. Paulus erinnere daran, dass das Christentum „von Anfang an eine Bewegung war, die hinausdrängt, die fragt, die sucht und die Brücken baut“.
Historisch ist das eine bemerkenswert beschönigte Darstellung. Der paulinische Missionsbegriff wurde über die Jahrhunderte zum Legitimationsmuster für Zwangsmission, Kolonisierung und kulturelle Auslöschung. Die Idee, dass eine Wahrheit universell gilt und daher überall zu verkünden ist – notfalls mit staatlicher Gewalt –, hat direkte Wurzeln in diesem Missionsverständnis.
Natürlich war Paulus selbst nicht verantwortlich für die Conquista oder die Zwangstaufen der Karolingerzeit. Aber ein Text, der Paulus als Brückenbauer begeistert feiert, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was mit dem Missionsgedanken in der Geschichte angerichtet wurde, ist intellektuell unehrlich. „Keine kulturellen oder geografischen Grenzen“ klingt wohlig universalistisch – es war aber genau diese Schrankenlosigkeit des Anspruchs, die Missionare ermächtigte, fremde Kulturen, Sprachen und Religionen als nichtig zu behandeln.
Das Apologetik-Muster: Schwäche als Tugend, Versagen als Hoffnung
Buß schreibt über Petrus: „Seine Schwäche, sein Versagen in der Stunde der Prüfung und seine anschließende Umkehr machen ihn zu einer zutiefst menschlichen Figur.“ Das Grab wirke daher „als Ort der Hoffnung: Wer hier steht, wird daran erinnert, dass Glaube nicht Perfektion voraussetzt, sondern Vertrauen und Bereitschaft zur Erneuerung.“
Das ist ein klassisches Muster religiöser Apologetik: Menschliches Scheitern wird zur theologischen Qualität umgedeutet. Wer versagt, kann gerettet werden – und das macht das System nicht schwächer, sondern angeblich stärker. Die Schwäche des Gründungsmythos wird zur Stärke ummontiert.
Nun hat diese narrative Figur durchaus eine gewisse psychologische Wirksamkeit: Sie bietet Identifikation, senkt die Zugangshürde, schafft Zugehörigkeitsgefühl. Was sie aber nicht tut, ist: inhaltliche oder historische Kritik beantworten. Dass Petrus „menschlich“ war, sagt nichts darüber aus, ob das auf ihn zurückgeführte Amt legitim ist. Dass Paulus scheiterte und sich verwandelte, sagt nichts über die Rechtmäßigkeit einer Kirche, die aus seiner Tradition entstammt.
Die Umdeutung von Versagen zu Hoffnung ist eine rhetorische Strategie, die jede kritische Rückfrage absorbiert. Wer fragt: „Aber war Petrus nicht unzuverlässig?“, bekommt zur Antwort: „Genau das macht ihn so wertvoll.“ Das ist zirkulär – und genau deshalb so wirkungsvoll, wenn die Gültigkeit von Argumenten für die Zielgruppe sowieso keine Rolle spielt.
Das spirituelle Erlebnis als erkenntnistheoretisches Problem
Am Ende seines Textes beschreibt Buß den Pilgerbesuch als „innere Bewegung“ und als Ort, der Fragen an das eigene Leben aufwerfe: „Wo brauche ich Standfestigkeit wie Petrus? Wo bin ich gerufen, aufzubrechen wie Paulus?“ So werde der Besuch „zu einer Reise an heilige Orte“ und zur Begegnung mit „einer lebendigen Wirklichkeit, die bis in die Gegenwart hineinwirkt“.
Das ist das vielleicht grundlegendste Problem des Textes: die Gleichsetzung von spirituellem Erleben und historischer Realität. Die Erfahrung, die Buß an diesen Orten macht, ist real – als Erfahrung. Dass er etwas spürt, ist nicht zu bezweifeln. Was zu bezweifeln ist, ist der Schluss, den er daraus zieht: dass diese Erfahrung etwas über die historische Wahrheit der Überlieferungen aussagt, die den Ort aufgeladen haben.
Religiöse Erlebnisse – Erschütterung, Weite, Stille, das Gefühl von Sinn – sind menschlich, verständlich und oft tief. Sie entstehen aber durch Architektur, Ritual, soziale Einbettung, Erwartung und Suggestion – nicht notwendigerweise durch die historische Richtigkeit der dazugehörigen Überzeugungen. Der Petersdom ist ein gewaltiges Bauwerk. Wer dort steht und von Größe überwältigt wird, erlebt tatsächlich etwas. Das beweist nicht, dass unter dem Altar Petrus liegt.
Säkular-humanistische Alternativen: Was bleibt, wenn man ehrlicher ist
Es wäre ungerecht zu sagen, dass die Orte, die Buß besucht, bedeutungslos sind. Das Gegenteil ist der Fall – nur aus anderen Gründen, als er beschreibt.
Der Petersdom ist eines der größten Bauwerke der abendländischen Geschichte – als Zeugnis menschlicher Gestaltungskraft, künstlerischer Schöpfung (Michelangelo, Bernini) und auch als Monument der Macht, ihrer Exzesse und ihrer Selbstdarstellung. Das ist historisch fesselnd und lohnend zu erkunden – ohne die Kulisse von Heilsversprechen.
Die Figuren des Petrus und Paulus sind, historisch-kritisch betrachtet, Quellen eines der bisher folgenreichsten Transformationsprozesse der Weltgeschichte: Der Entstehung einer Weltreligion aus einem jüdischen Reformjudentum heraus. Das ist intellektuell aufregend – und wird durch fromme Übermalung nicht spannender, sondern blasser.
Die Fragen, die Buß am Ende stellt – Wo brauche ich Standfestigkeit? Wo bin ich gerufen aufzubrechen? – sind gute Fragen. Es sind Fragen nach Identität, Handlungsfähigkeit und Lebensorientierung. Sie bedürfen keiner apostolischen Kulisse. Ein säkularer Humanismus stellt sie auch – ohne die Antworten an die Legitimation einer zweitausend Jahre alten Institution zu knüpfen, die eben auch eine beispiellose und noch immer andauernde Kriminalgeschichte zu verantworten hat.
Fazit: Verkündigung statt Reflexion
Stefan Buß schreibt einen Text, der als spiritueller Reisebericht beginnt und als Verkündigung endet. Was er nicht liefert, ist das, was er suggeriert zu liefern: eine ehrliche Begegnung mit Geschichte, mit Komplexität, mit dem, was diese Orte wirklich sind.
Wer an Gräbern steht, deren historische Identität unsicher ist, wessen spirituelle Heimat von einem Dom überwölbt wird, der durch Ablasshandel finanziert wurde, und wer einen Missionsauftrag begeistert beschreibt, ohne an die Zwangstaufen zu denken – der betreibt keine Reflexion, sondern frömmelnde Verklärung.

















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