Gedanken zum Beitrag Impulse von Stadtpfarrer Buß: „Fronleichnam im Jahre 2021“, erneut veröffentlicht am 03.06.26 auf osthessen-news.de (O|N).
Darum geht es
Pfarrer Stefan Buß verkauft seinen Fronleichnams-Impuls von 2021 fünf Jahre später Wort für Wort als neuen Text – inklusive einer eucharistischen Behauptung, die so gebaut ist, dass sie sich gegen jede Überprüfung immunisiert.Déjà-vu zu Fronleichnam: alles schon mal dagewesen
Manche Botschaften sind so zeitlos, dass man sie offenbar gar nicht erst neu schreiben muss. Der Fronleichnams-Impuls, den Stadtpfarrer Stefan Buß am 3. Juni 2026 auf Osthessen News veröffentlicht hat, trägt die Überschrift „Fronleichnam im Jahre 2021“ – und das ist keine Schludrigkeit beim Datum, sondern die ehrlichste Zeile des ganzen Textes. Es ist der Impuls von 2021. Wort für Wort. Robinson Crusoe, die zufällig gefundenen Weizenkörner, das „Geschenk des Himmels“, die Johannes-Stelle, das Brot, das mehr ist als Brot: identisch mit dem Text, den ich hier bereits vor fünf Jahren kommentiert habe.
Das Erscheinungsmuster wiederholt sich sogar präzise: 2021 erschien der Impuls am 2. Juni, einen Tag vor dem Fest; 2026 erschien er am 3. Juni, einen Tag vor Fronleichnam, das in diesem Jahr auf Donnerstag, den 4. Juni fällt. Ironischerweise ist der 3. Juni genau jener Tag, auf den Fronleichnam 2021 fiel. Der Kalender hat sich gedreht, der Text nicht.
Das ist mehr als eine Anekdote über Redaktionsroutine. Wer eine Sache verkündet, die angeblich das lebendige Brot ist – stets gegenwärtig, jeden Tag neu, mitten ins Leben hinein – und diese Verkündigung dann als fünf Jahre alte Konserve aus dem Archiv aufwärmt, der liefert die Selbstwiderlegung gleich mit. Eine Botschaft, die ihre eigene Aktualität nicht einmal mehr als Aktualität inszenieren kann, sagt etwas darüber aus, wie lebendig der Stoff in Wahrheit ist.
Vom Schiffbruch zur Hostie: der Bauplan
Der Aufbau folgt dem bei Buß vertrauten Dreischritt: ein niedrigschwelliger, sympathischer Einstieg aus der Alltags- oder Kulturwelt, dann der theologische Umschlag, schließlich der fromme Appell. Hier ist der Einstieg ein Jugendbuch, die Brücke ein einzelner Satz – „Dieses Brot war für ihn wie ein Geschenk des Himmels“ –, und das Scharnier ist das Wort „Himmel“. Über dieses Stichwort gleitet der Text von Defoes Abenteuerroman direkt ins Johannesevangelium:
So etwas kann ja nur in einer Abenteuergeschichte vorkommen – oder? Im Evangelium sagt Jesus an einer Stelle im Johannesevangelium: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.“
Die rhetorische Bewegung ist elegant und sie ist durchschaubar: Ein literarisches Bild – Brot als Glücksfall – wird mit einem religiösen Anspruch kurzgeschlossen, als ergäbe das eine das andere. Doch zwischen „etwas berührt mich positiv“ und „ein Gott wird im Gebäck leiblich gegenwärtig“ liegt kein nahtloser Übergang, sondern ein Bruch, den die Wortgleichheit von „Himmel“ nur überpinselt.
Robinson, „Freitag“ und der blinde Fleck
Bleiben wir beim Einstieg, denn er trägt mehr Voraussetzungen, als Buß bewusst sein dürfte. Zwei davon verdienen es, benannt zu werden.
Aus Zufall wird Vorsehung
Buß referiert die Romanhandlung korrekt: „Rein zufällig hatte Robinson auch Weizenkörner auf dem gestrandeten Schiff gefunden.“ Im selben Atemzug wird dieser ausdrücklich als zufällig markierte Fund zum „Geschenk des Himmels“. Genau hier sitzt der Trick, der die gesamte Eucharistie-Deutung vorbereitet: Ein glücklicher Zufall wird umgedeutet in eine Gabe, die jemand absichtsvoll schickt. Das ist keine fromme Verzierung, sondern die Standardoperation religiöser Deutung – Kontingenz wird in Sinn übersetzt, Glück in Gnade. Wer überlebt, dankt dem Himmel; wer nicht überlebt, taucht in keiner Predigt auf. Diese Auswahllogik (man könnte sie Überlebenden-Statistik der Frömmigkeit nennen) ist der unsichtbare Boden, auf dem „Geschenk des Himmels“ überhaupt erst plausibel klingt.
Ein Freundschaftsmodell mit Schlagseite
Buß malt Robinson und „Freitag“ als rührendes Bild gegenseitiger Rettung: Der eine holt den anderen aus der Einsamkeit, der andere wird vor seinen Verfolgern gerettet, beide werden einander zum „Geschenk des Himmels“. Schön – nur ist die Vorlage alles andere als ein Modell auf Augenhöhe. Robinson rettet einen Menschen und gibt ihm umgehend einen Namen: „Freitag“, nach dem Wochentag. Er bringt ihm „seine“ Sprache bei, nicht umgekehrt. Aus dem Geretteten wird der Diener, aus dem Diener der „beste Freund“ – eine Freundschaft, deren Bedingungen ausschließlich der Stärkere setzt. Defoes Roman von 1719 ist ein Gründungstext kolonialer Selbstgewissheit, und dass ihm der zu benennende, zu zivilisierende, zu bekehrende „Eingeborene“ als selbstverständliches Inventar dient, ist sein Problem, nicht sein Charme.
Buß übernimmt dieses Bild ohne den kleinsten Vorbehalt als Illustration von Nähe und Gabe. Das ist symptomatisch: Eine Institution, die Empathie und Solidarität gern als ihr ureigenes Gut präsentiert, greift zur Veranschaulichung ausgerechnet zu einer Herr-Diener-Romantik – und merkt es nicht. Wer Mitmenschlichkeit predigt, sollte beim Auswählen seiner Bilder zumindest hinschauen, wem darin welche Rolle zugewiesen wird.
„Iss mein Fleisch“: die Pointe, die Buß nicht bemerkt
Es gibt im Text eine unfreiwillige Komik, die kein säkularer Spötter besser hätte konstruieren können. Der Einstieg erzählt, wie eine Gruppe Kannibalen einen Menschen verfolgt, um ihn zu verspeisen. Wenige Zeilen später zitiert Buß zustimmend:
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben!
Buß stellt die beiden Bilder unmittelbar nebeneinander, ohne die Spannung zu bemerken – obwohl der Bibeltext sie selbst markiert: „Die Juden damals jedenfalls stritten, wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ Genau diese Irritation, die der antike Text noch offen aussprach, wird im Impuls glattgebügelt. Dass eine Aufforderung zum Verzehr von Fleisch und Blut in jedem anderen Kontext blankes Entsetzen auslöste und hier zum Zentrum eines Hochfests erhoben wird, ist kein Detail, das man höflich übergeht. Es ist der Punkt, an dem die Deutungsarbeit ansetzen muss – und Buß löst die Aufgabe, indem er sie nicht stellt.
„Es verändert sich nichts – und trotzdem passiert etwas“
Wie also wird aus der anstößigen Stelle ein erbauliches Fest? Über einen Satz, der den argumentativen Kern des ganzen Impulses bildet:
Äußerlich und sichtbar verändert sich nichts und trotzdem passiert etwas. […] Es ist Brot und schmeckt wie Brot. Und doch ist es mehr.
Man sollte diesen Satz nicht überlesen, denn er ist ein Musterstück epistemischer Selbstabsicherung. Buß behauptet einen Vorgang – die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, seit dem Vierten Laterankonzil 1215 katholisches Dogma.
Zugleich räumt er ausdrücklich ein, dass an diesem Vorgang nichts wahrnehmbar, nichts messbar, nichts überprüfbar ist: „Äußerlich und sichtbar verändert sich nichts.“
Eine Behauptung, die so konstruiert ist, dass keine Beobachtung sie je bestätigen oder widerlegen könnte, ist keine Aussage über die Welt mehr. Sie ist gegen die Welt abgedichtet.
Der Effekt: Wer fragt, was sich denn nun konkret ändere, bekommt zur Antwort, dass sich nichts ändere – und dass sich trotzdem alles ändere. Das ist nicht Tiefe, das ist eine Formulierung, die jede Nachfrage ins Leere laufen lässt. Eben deshalb kann derselbe Satz fünf Jahre später unverändert wieder abgedruckt werden: Wo sich definitionsgemäß nichts überprüfen lässt, kann auch nichts veralten.
Der erzeugte Hunger
Im nächsten Schritt begründet Buß das Angebot vom Bedürfnis her:
Und er stillt mehr als den Hunger des Leibes, er stillt den Hunger der Seele, den Hunger nach ewigem Leben.
Hier wird zunächst ein Mangel postuliert – ein „Hunger der Seele“, ein „Hunger nach ewigem Leben“ – und gleich darauf das Mittel präsentiert, das als Einziges diesen Mangel stillen könne. Das ist die klassische Figur der jenseitigen Kompensation: Man definiert ein Defizit, das ohne die eigene Lehre niemandem aufgefallen wäre, und verkauft anschließend die exklusive Abhilfe. Ob es diesen „Hunger nach ewigem Leben“ tatsächlich als anthropologische Konstante gibt oder ob er erst durch jahrhundertelange Verkündigung herangezüchtet wurde, bleibt unbefragt – denn die Frage würde das Geschäftsmodell berühren.
Was eine säkulare Sicht stattdessen anbietet
Gegen all das steht keine Leere, sondern eine nüchternere und, wie ich finde, ehrlichere Lesart derselben Bilder.
Das Brot, über das Buß spricht, ist großartig genug, ohne dass man es zum Träger eines Gottes erklären müsste. Dass aus weggeworfenen Körnern Nahrung wächst, ist das Ergebnis von Botanik, Geduld und menschlicher Arbeit – und es bleibt erstaunlich, ohne dass ein Himmel es schicken müsste. Dankbarkeit braucht keinen göttlichen Absender; man kann zutiefst dankbar sein für einen Glücksfall, ein gutes Jahr, einen Menschen, der zur rechten Zeit auftaucht, und dabei beim Wahren bleiben: dass es ein Glücksfall war.
Auch die Freundschaft, die der Roman meint, braucht keine Metaphysik. Dass Menschen einander aus Einsamkeit holen und füreinander einstehen, ist real, überprüfbar und wirkmächtig – und es funktioniert ausdrücklich unabhängig davon, welcher Gott dabei angerufen wird oder ob überhaupt einer angerufen wird. „Stärkung für das Leben“ ziehen Menschen zum Beispiel aus Musik, aus Zuwendung, aus einer Aufgabe, notfalls aus einem Teddybären. Das macht sie nicht zu Tröstern zweiter Klasse; es macht nur die Behauptung überflüssig, ein einziges, kirchlich verwaltetes Mittel sei dafür unverzichtbar.
Und der „Hunger nach ewigem Leben“? Den darf man getrost hinterfragen. Schon vor fünf Jahren habe ich an dieser Stelle Hermann Hesse zitiert, und ich tue es wieder, weil es passt: „Wir wollen hübsch sterblich bleiben!“ Ein endliches Leben ist kein Defizit, das ein Sakrament heilen müsste, sondern die Bedingung dafür, dass Zeit überhaupt kostbar ist.
Fazit: In Katholistan nichts Neues
Eine Lehre, die in über 800 Jahren seit ihrer dogmatischen Festschreibung keine überprüfbare, einem erwachsenen Publikum nachvollziehbare Erklärung ihres Kerngeschehens zustande gebracht hat, wird zu Fronleichnam 2026 nicht einmal mehr neu formuliert. Sie wird wiederaufgelegt – samt Überschrift, samt Robinson, samt der Versicherung, dass sich nichts ändert und trotzdem etwas passiert. Das ist, beim Wort genommen, die ehrlichste mögliche Form der Verkündigung: Es ändert sich nichts, und trotzdem soll man glauben, es passiere etwas.
Insofern ist der recycelte Impuls vielleicht doch passgenau. An der Front der katholischen Sakramentstheologie (bzw. der Theologie allgemein) gibt es, was auch an anderen Fronten gibt: Nichts Neues.


















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