Gute Nachbarschaft braucht keinen Heiligen Geist

Lesezeit: ~ 4 Min.

Auf gute Nachbarschaft – Das Wort zum Wort zum Sonntag von Anke Prumbaum, veröffentlicht am 30.6.26 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Anke Prumbaum vereinnahmt diesmal einen durch und durch säkularen Aktionstag für das christliche Pfingstfest – und etikettiert ganz alltägliche menschliche Verständigung kurzerhand zum „Geist Gottes“ um.

Es beginnt mit einem warmen Bild. Anke Prumbaum erzählt, wie sie der alleinlebenden, später dementen Nachbarin über Jahre jeden Abend eine Lampe ins Fenster stellte, weil die alte Dame sich vor der Dunkelheit fürchtete. Das ist eine schöne Geschichte, und sie ist – das sei vorweggeschickt – kein bisschen kritikwürdig. Im Gegenteil: Sie ist der heimliche Kern des ganzen Beitrags. Denn dieses Licht half der Nachbarin nicht, weil Pfingsten war. Es half, weil ein Mensch zum anderen hinübergedacht hat.

Prumbaums Beitrag gehört zu den milderen Exemplaren des Formats. Es wird niemand belehrt, niemand zum Glauben gedrängt, die Beobachtungen über Nachbarschaft sind klug und ehrlich. Gerade deshalb eignet sich der Text so gut, um eine Frage zu stellen, die bei härteren Predigten untergeht: Was trägt die Theologie hier eigentlich bei? Die Antwort lautet, kurz gesagt: nichts, was nicht auch ohne sie dastünde.

Ein säkularer Tag, theologisch annektiert

Den Anlass liefert der „europäische Tag der Nachbarschaft“, den Prumbaum korrekt in der zweiten Maihälfte und damit in der Nähe von Pfingsten verortet. Was sie nicht erwähnt: Dieser Tag hat mit Pfingsten nicht das Geringste zu tun. Er entstand 1999 in Paris als „Fête des Voisins“ – eine Initiative gegen Vereinsamung und Anonymität in der Großstadt. Über die in Paris ansässige European Federation of Local Solidarity wurde er europaweit verbreitet; in Deutschland organisiert ihn seit 2018 die nebenan.de-Stiftung, gefördert vom Bundesfamilienministerium. Es ist ein zivilgesellschaftliches, säkulares Projekt, durch und durch.

Prumbaum macht daraus: „Da treffen sich also das Feiern der Nachbarschaftlichkeit und das Feiern von Pfingsten. Für mich ist Pfingsten das Fest des Miteinanders.“ Aus einer kalendarischen Koinzidenz – der Tag liegt im Spätmai, also irgendwann nahe einem beweglichen Kirchenfest – wird eine inhaltliche Konvergenz behauptet. Das ist die Grundfigur religiöser Vereinnahmung: Ein Wert, der ohne Religion entstanden ist und ohne sie funktioniert, wird nachträglich als eigentlich religiös reklamiert. Der Tag der Nachbarschaft braucht Pfingsten nicht. Pfingsten braucht offenbar den Tag der Nachbarschaft, um anschlussfähig zu wirken.

„Geist Gottes“ – ein Etikett für das Selbstverständliche

Die zentrale theologische Aussage des Beitrags lautet: „Die Nähe Gottes ist in dem Moment spürbar, wo sich Menschen in ihrer ganzen Verschiedenheit verstehen und einander gelten lassen.“ Hier wird ein vollständig menschliches Phänomen – Verständigung, Empathie, das Miteinander-Auskommen – umetikettiert und einer höheren Instanz zugeschrieben. Der Vorgang ist unüberprüfbar und genau deshalb so bequem: Wo Menschen sich verstehen, ist es „Geist Gottes“; wo sie es nicht tun, „gelingt es eben nicht immer“. Die These lässt sich durch nichts widerlegen, weil sie nichts erklärt. Sie verschiebt nur die Urheberschaft des Guten – vom Menschen zu Gott.

Besonders aufschlussreich ist, dass Prumbaum sich ihr eigenes Bild selbst zerlegt. Als Modell für Verständigung bemüht sie die biblische Pfingstgeschichte, in der Menschen aus aller Welt einander auf wundersame Weise verstehen, „eines Geistes, so heißt es, nämlich Gottes Geistes“. Doch wie funktioniert Verständigung in ihrer realen, mehrsprachigen Nachbarschaft? Sie entsteht, schreibt sie, in Gesprächen, die eigentlich nur klären wollten, „wird jetzt morgen die blaue oder die gelbe Tonne geleert“. Das ist das exakte Gegenteil eines Wunders. Das ist Alltag: Geduld, geteilte Infrastruktur, das Aushalten von Differenz, gelegentlich ein zufälliges tiefes Gespräch am Mülltonnenstandort. Der Mechanismus ist mühsam, weltlich und menschlich. Das Sprachenwunder ist nur die Dekoration, die man darüberlegt.

Das Dorf, die Kontrolle – und wer sie verschärft hat

Zu ihrer Glaubwürdigkeit trägt bei, dass Prumbaum die Schattenseiten enger Nachbarschaft nicht verschweigt. Sie erinnert an das Dorf, an die geliehenen Eier und den geliehenen Zucker, aber auch an die anstrengende Seite: „Wenn der Vorgarten zu unordentlich war, gab es sofort Gerede“, dazu klare Regeln, wer wen einzuladen und wer das Geld für Geschenke einzusammeln hatte. Diese Ambivalenz ist ehrlich und sympathisch.

Sie ist aber auch unvollständig. Prumbaum präsentiert diese Kontrolle als zeitlose Reibung dichter Gemeinschaft – losgelöst von ihrer Geschichte. Tatsächlich war die enge Dorfgemeinschaft, die hier mitschwingt, über Jahrhunderte ein Gefüge, in dem religiös grundierte Sittennormen und die Pfarrei ein wesentliches Instrument sozialer Kontrolle bildeten: moralische Überwachung, Druck zur Konformität, Ausgrenzung von Abweichenden – ob wegen der Konfession, eines unehelichen Kindes oder einer „falschen“ Lebensführung.

Das „Gerede“, von dem sie spricht, hatte einen moralischen Resonanzboden, der lange kirchlich mitgeprägt war und auf dem Land oft auch heute noch sehr viel stärker wirkt als in der Stadt. Es ist also eine bemerkenswerte Auslassung: Derselbe „Geist“, den Prumbaum als Quelle des guten Miteinanders anbietet, war historisch zugleich Träger des kontrollierenden, ausschließenden Teils ebenjener Gemeinschaft. Religion war im Dorf nicht nur Kitt. Sie war auch Zwang.

„Dein Nächster“ – und wessen Idee das war

Gegen Ende verweist Prumbaum auf den biblischen Begriff: „Die Bibel benutzt ja gerne das Wörtchen ‚Dein Nächster‘.“ Sie stellt ihn als weiten, einladenden Begriff dar, der vom Reihenhaus bis zur Bergbaukolonie alles umspanne. Zwei Einwände dazu.

Erstens ist die Ethik der Gegenseitigkeit kein christliches Eigentum: Die Goldene Regel findet sich kulturübergreifend und älter – etwa bei Konfuzius –, und die Formel „liebe deinen Nächsten“ stammt aus dem Levitikus, wo sie zunächst die Angehörigen des eigenen Volkes meinte. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter existiert gerade deshalb, weil der Umfang des Nächsten strittig war, nicht weil er selbstverständlich weit gewesen wäre.

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Zweitens, und das ist die eigentliche Ironie: Prumbaums wirklich inklusiver Satz ist ihr säkularer. Nachbarn, schreibt sie, „sind eben da, weil sie einfach auch da wohnen, wo wir wohnen, ob wir jetzt wollen oder nicht“. Bedingungsloser geht es kaum – Zugehörigkeit allein durch geteilten Raum, nicht durch geteilte Überzeugung. Genau diese Offenheit kassiert die Pfingst-Formel aber wieder ein: Wer „eines Geistes, nämlich Gottes Geistes“ ist, gehört über ein gemeinsames Inneres zusammen. Damit wird eine Bedingung eingeführt, die der säkulare Tag der Nachbarschaft gar nicht kennt. Dort genügt, dass man Tür an Tür wohnt. Das weltliche Modell ist also inklusiver als das theologische – es verlangt nichts außer Koexistenz.

Was bliebe, wenn man die Theologie streicht

Man kann die Probe aufs Exempel machen: Streicht man die beiden Pfingst-Absätze, bleibt der Beitrag vollständig intakt. Die Lampe im Fenster, die ehrliche Ambivalenz des Dorflebens, die Anonymität der Großstadt, das Plädoyer gegen Polarisierung, das mehrsprachige Quartier – nichts davon hängt am Heiligen Geist. Es geht nichts verloren. Das ist der diagnostische Befund: Die Theologie ist hier nicht tragend, sondern aufgesetzt. Sie begründet die Nachbarschaftlichkeit nicht, sie schmückt sich mit ihr.

Die säkular-humanistische Alternative ist dabei weder kalt noch dünn. Sie ist sogar die genauere Beschreibung dessen, was Prumbaum selbst schildert: Nachbarschaft als Praxis – Gegenseitigkeit, Zivilität, geteilte Infrastruktur, die Bereitschaft, Verschiedenheit auszuhalten. Genau das organisiert der Tag der Nachbarschaft seit 1999, ganz ohne Religion. Es braucht keinen Geist, der zu Pfingsten herabkommt. Es braucht Menschen, die abends das Licht anmachen, weil die Nachbarin sich vor der Dunkelheit fürchtet.

Prumbaum hat das beste Argument gegen ihre eigene These selbst geliefert – und es dann einem Fest zugeschlagen, das es nicht braucht.

KI

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Neuester Kommentar

  1. Ich meinte natürlich speziell die christliche Dämmerung. Bei ein paar anderen Göttern dauert es noch ein bisschen länger. Aber sie…