Klarstellung und Kritik zum Impuls: Stefan Buß: 100 Jahre Heiligtum und Verehrung des Hl. Bonifatius in Dokkum, veröffentlicht am 30.5.26 von osthessennews.de
Darum geht es
Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda verkauft in seinem Jubiläums-Impuls die theologische Deutung des Bonifatius als gesicherte Geschichte und blendet aus, dass schon die Forschung – und selbst katholische Nachschlagewerke – „Märtyrertod“, „Glaubensmut“ und „kulturelle Begegnung“ erheblich relativieren.Ein Jubiläum, das mehr behauptet, als es belegt
Anlässlich des Dokkumer Wallfahrtsjubiläums liefert Stadtpfarrer Stefan Buß bei Osthessen News einen Text, der sich wie eine geschichtliche Darstellung liest, in Wahrheit aber ein Frömmigkeitsstück ist. Dokkum sei „seit Jahrhunderten untrennbar“ mit Bonifatius verbunden, dort habe er „den Märtyrertod“ erlitten, er gelte als „Zeuge des Glaubens“ und stehe „in einer zunehmend säkularen Gesellschaft“ für „Glaubensmut, kulturelle Begegnung und geistliche Beständigkeit“.
Das ist sprachlich im gewohnten Stil – und historisch durchgehend angreifbar. Wie schon bei früheren Impulsen aus seiner Feder (siehe unsere bisherigen Analysen der Buß-Impulse) verschmilzt hier die fromme Deutung lautlos mit der Tatsachenbehauptung. Wer den Text liest, soll meinen, all das sei einfach so gewesen. Genau diese Verschmelzung lohnt es zu trennen.
Märtyrer oder Raubmord? Eine Deutung, die als Tatsache auftritt
Buß spricht selbstverständlich vom „Märtyrertod“. Doch ob der Tod des über 80-jährigen Bonifatius am 5. Juni 754 (oder 755) bei Dokkum ein Martyrium im engeren Sinn war oder schlicht ein Raubüberfall, ist – mit den Worten der einschlägigen Darstellungen – „eher eine theologische Frage“. Das ist keine Erfindung religionskritischer Außenseiter: Selbst das katholische Ökumenische Heiligenlexikon kommt zu dem Schluss, dass Bonifatius streng genommen nicht als Märtyrer starb, sondern einem Raubmord zum Opfer fiel.
Die Quellenlage ist tatsächlich uneindeutig. Ein Teil der Forschung sieht beutegierige Angreifer; neuere Untersuchungen (etwa des Mediävisten Gereon Becht-Jördens) deuten die Vita umgekehrt als nachträglich ausgestaltetes Martyrium „aus kirchenpolitischer Notwendigkeit“ und werten das Beutemotiv als gängiges „Barbaren“-Klischee, mit dem die Biografen das Urteil der Leser über die Friesen steuern wollten. Entscheidend ist: Die Verehrung als Märtyrer setzte unmittelbar nach der Tat ein – die Deutung stand also fest, bevor irgendjemand die Tat untersuchen konnte.
Was Buß als historisches Faktum präsentiert, ist somit eine Glaubensentscheidung des 8. Jahrhunderts, die nie überprüft, sondern liturgisch fortgeschrieben wurde. Eine säkular-humanistische Lesart hält hier schlicht offen, was offen ist: Ein alter Mann wurde erschlagen. Ob aus Habgier, aus religiösem Widerstand gegen eine als fremd empfundene Mission oder aus beidem – wir wissen es nicht. „Märtyrer“ ist die Antwort der Institution, nicht der Geschichtswissenschaft.
Mission mit militärischem Geleit – die ausgeblendete Machtbasis
Das schwerste Wort in Buß’ Text ist „Glaubensmut“. Es zeichnet das Bild eines wehrlosen Predigers, der allein mit der Kraft seines Wortes auszieht. Die Quellen zeichnen ein anderes Bild. Bonifatius’ Missionsreisen waren, so die Forschung, Expeditionen mit Kriegern, Handwerkern und größerem Gefolge. Seine Tätigkeit deckte sich mit den Interessen des fränkischen Hausmeiers Karl Martell, der in einer straff organisierten Reichskirche eine politische Klammer für sein Reich sah – und Bonifatius nach dessen zweiter Romreise 723 prompt einen Schutzbrief ausstellte.
Die berühmte Fällung der Donareiche bei Geismar im selben Jahr 723 ist dafür das Lehrstück. Sie geschah nicht als einsames Glaubenswagnis, sondern, wie schon die Vita des Willibald nahelegt, unter dem Schutz fränkischer Soldaten und in Sichtweite der fränkischen Burg Büraburg. Die demonstrative Zerstörung eines fremden Heiligtums vor Publikum, abgesichert durch bewaffnete Macht, ist das genaue Gegenteil von „Glaubensmut“ im wehrlosen Sinn. Es ist eine Machtdemonstration, wie sie bis heute von religiös motivierten Fundamentalisten praktiziert wird.
Wer das verschweigt, verschweigt die eigentliche Pointe der Bonifatius-Geschichte: Christianisierung und fränkische Reichsexpansion gingen Hand in Hand. Die Mission war Instrument der Herrschaft, nicht ihr Gegenüber. Das macht Bonifatius nicht zum Bösewicht – aber es macht „Glaubensmut“ zu einer Vokabel, die eine politische Realität zweckdienlich verkleidet.
„Kulturelle Begegnung“? Die gefällte Eiche sagt etwas anderes
Buß listet als eine Dimension der Verehrung die „kulturelle Begegnung“ und eine „ökumenische Bedeutung“ auf. Das ist Gegenwartssprache, rückprojiziert auf einen Mann, dessen Lebenswerk gerade die Vereinheitlichung war: Romorientierung gegen einheimische und irisch-schottische Kirchenformen, Beseitigung vorchristlicher Kulte. Eine geweihte Eiche fällt man nicht, um zu „begegnen“. Man fällt sie, um die Ohnmacht der alten Götter vorzuführen.
Pikant wird es bei der „ökumenischen Bedeutung“. Buß räumt in seinem eigenen Text ein, dass die öffentliche Verehrung mit der Reformation „weitgehend zum Erliegen“ kam. Genau die konfessionelle Spaltung, die die Wallfahrt jahrhundertelang abbrechen ließ, wird nun zur Quelle einer angeblichen ökumenischen Strahlkraft umgedeutet. Das ist kein historischer Befund, sondern ein PR-Manöver: Ein Trennungssymbol wird im Nachhinein zum Verbindungssymbol erklärt.
Schutzbuch, Heilquelle, Symbolzahlen – Frömmigkeit auf wackligem Grund
Die Verehrung lebt von greifbaren Zeichen, und auch hier lohnt der zweite Blick. Der in Fulda aufbewahrte Ragyndrudis-Codex gilt als das Buch, das Bonifatius schützend gegen die Hiebe der Angreifer gehalten habe – eine sogenannte Kontaktreliquie. Die historische Zuschreibung ist allerdings brüchig: Die früheste Quelle, die den Codex überhaupt mit Bonifatius verbindet, stammt erst aus dem 10. Jahrhundert; der Codex ist kein Evangeliar (wie die älteste Schutzbuch-Erzählung voraussetzt), und die Zahl der Schwertschnitte passt nicht zur überlieferten Beschreibung eines einzigen Hiebs. Dass ausgerechnet Fulda die Reliquie pflegte, hatte handfeste Gründe: Das Kloster war 751 durch ein päpstliches Privileg aus der fränkischen Kirchenorganisation gelöst worden und allein Rom unterstellt – ein Prestige- und Sonderstatus, dem eine prominente Reliquie nur nützen konnte.
Auch die „heilkräftige“ Bonifatiusquelle gehört in den Bereich der Folklore, nicht der Geschichte. Und die in den Quellen genannten Begleiterzahlen – elf namentlich (ergibt mit Bonifatius die Apostelzahl zwölf), in anderen Handschriften 52 (die Wochen des Jahres) – sind erkennbar Symbolzahlen, keine Personenstandsdaten. Wer solche Zeichen heute als historische Substanz weiterreicht, verwechselt Erbauung mit Beleg.
Hundert Jahre „seit Jahrhunderten“ – eine erfundene Tradition
Der vielleicht aufschlussreichste Bruch steckt in der Grundkonstruktion des Jubiläums selbst. Buß feiert „100 Jahre Heiligtum und Verehrung“ und behauptet zugleich, Dokkum sei „seit Jahrhunderten untrennbar“ mit Bonifatius verbunden. Beides zusammen geht nicht auf. Was vor 100 Jahren begann, war kein jahrhundertealtes Kontinuum, sondern eine bewusste Wiederbelebung: Die Bruderschaft entstand 1925, die erste nationale Wallfahrt der Neuzeit fand 1926 statt, die Bonifatiuskapelle wurde 1934 errichtet. Dazwischen lag, nach Buß’ eigener Darstellung, das jahrhundertelange Erliegen seit der Reformation.
Damit ist die Dokkumer Wallfahrt ein Musterfall dessen, was der Historiker Eric Hobsbawm „erfundene Tradition“ nannte: ein im 20. Jahrhundert konstruiertes Ritual, das sich die Aura ungebrochener Jahrhunderte gibt. Das ist legitim als religiöses Brauchtum – aber es ist eben Brauchtum, kein Geschichtsbeweis. Der Satz von der jahrhundertelangen Untrennbarkeit ist Marketing, nicht Chronologie.
Was bleibt – eine säkular-humanistische Lesart
Man kann Bonifatius als historisch bedeutende Figur ernst nehmen, ohne den frommen Überbau zu übernehmen. Er war ein fähiger Organisator, der eine günstige machtpolitische Konstellation – das gemeinsame Interesse von Papsttum und fränkischen Hausmeiern – über Jahrzehnte nutzte. Das ist eine historisch bedeutsame Leistung – und zugleich eine sehr weltliche.
Die Differenz zu Buß ist methodisch, nicht nur weltanschaulich. Eine aufgeklärte Betrachtung unterscheidet zwischen dem, was Quellen hergeben, und dem, was die Verkündigung daraus macht. Sie nennt einen ungeklärten Gewalttod ungeklärt, statt ihn zum Glaubensbeweis zu erklären. Sie benennt die militärische Absicherung der Mission, statt sie unter „Glaubensmut“ verschwinden zu lassen. Und sie liest die Eichenfällung als das, was sie war: nicht „Begegnung“, sondern Unterwerfung eines fremden Kultes.
Bezeichnend ist schließlich, wem Buß den ganzen Aufwand entgegenstellt: der „zunehmend säkularen Gesellschaft“. Ein über 1.200 Jahre alter, historisch umstrittener Vorgang wird als Munition in eine sehr heutige Kulturkampf-Erzählung geladen. Doch wer „geistliche Beständigkeit“ ausgerechnet auf einem so wackligen Fundament errichtet, demonstriert eher das Gegenteil dessen, was er behaupten will: nicht die Festigkeit des Glaubens gegenüber der Aufklärung, sondern die Angewiesenheit der Verkündigung darauf, dass niemand zu genau nachfragt.
Belege: Wikipedia, „Bonifatius“ und „Donareiche“; Ökumenisches Heiligenlexikon (heiligenlexikon.de); wissenschaft.de; Gereon Becht-Jördens, „Die Ermordung des Erzbischofs Bonifatius durch die Friesen. Suche und Ausgestaltung eines Martyriums aus kirchenpolitischer Notwendigkeit?“, Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 57 (2005); Lutz von Padberg / Hans-Walter Stork zum Ragyndrudis-Codex (Codex Bonifatianus II, Fulda); Originaltext: Stefan Buß bei Osthessen News, 30.05.2026.

















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