Raum geben – Das Wort zum Wort zum Sonntag von Annette Behnken, veröffentlicht am 9.5.26 von ARD/daserste.de
Darum geht es
Annette Behnkens „Wort zum Sonntag“ macht aus einer realen Tragödie eine sanfte Selbstvergewisserung der Kirche als Trauer-Raumgeberin – und blendet dabei aus, dass in einer Stadt mit rund 85 Prozent Konfessionslosen kollektive Trauer längst auch ohne Sakralraum funktioniert.Anlass
Am Montag, dem 4. Mai 2026, gegen 16:45 Uhr fuhr ein 33-jähriger Mann mit einem SUV durch die Grimmaische Straße, eine zentrale Fußgängerzone Leipzigs zwischen Augustusplatz und Markt. Eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann starben, mehrere Menschen wurden verletzt, darunter zwei schwer; rund achtzig Augenzeuginnen und Augenzeugen mussten betreut werden. Der Tatverdächtige, ein in Deutschland geborener Leipziger, wurde noch am Tatort festgenommen; nach jetzigem Stand handelt es sich um einen Einzeltäter ohne politisches oder religiöses Motiv, in einem psychischen Ausnahmezustand. Seine Ehefrau hatte ihn zuvor mehrfach angezeigt, im April waren bereits Ermittlungen wegen Bedrohung aufgenommen worden.
Auf dieses Ereignis bezieht sich Annette Behnken in ihrem aktuellen „Wort zum Sonntag“ – ein für die Form des Mediums ungewöhnlich dichter, persönlich gehaltener, im Ton zurückhaltender Text. Genau diese Zurückhaltung macht eine Kritik nötig: Wo polemische Predigten sich selbst entlarven, arbeitet die ruhige Variante mit Selbstverständlichkeiten, die nur dann auffallen, wenn man sie mit einem säkularen Blick liest.
Was Behnken sagt
Behnken beschreibt, wie sich Menschen vor der Leipziger Universitätskirche und in der Nikolaikirche sammeln, Kerzen anzünden, schweigen, weinen, einander halten. Sie schildert die Arbeit eines Ehrenamtlichen des Kriseninterventionsteams. Sie betont, wie wichtig „Räume“ seien für das, „wofür ich keine Worte habe“. Und sie nennt – das ist der entscheidende Satz – ihre eigenen solchen Räume: „Für mich sind das manchmal Kirchen, manchmal auch der Wald, das Meer, das Sofa meiner Freundin.“
Das ist als persönliche Reflexion ehrlich und im Anlass unangreifbar. Wer einer Trauernden vorrechnen will, wo sie ihren Halt zu suchen habe, hat den Sinn des Textes nicht verstanden. Aber das „Wort zum Sonntag“ ist kein Tagebucheintrag. Es ist ein im öffentlich-rechtlichen Rundfunk platziertes, kirchlich kuratiertes Format mit Millionenreichweite, und damit gehört auch der Subtext zur Sache.
Die rhetorische Architektur: erst die Kirche, dann der Rest
Der Aufbau des Textes ist aufschlussreich. Zuerst beschreibt Behnken die kirchlichen Schauplätze – Universitätskirche, Nikolaikirche – als die Orte, an denen Trauer Gestalt annimmt. Dann verallgemeinert sie: „Die Kirchen der Stadt sind solche Räume.“ Erst danach, mehrere Absätze später und in einer Nebenbemerkung, kommen Wald, Meer und das Sofa der Freundin. Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Wer den Rahmen setzt, setzt das Selbstverständliche.
Faktisch sieht es in Leipzig anders aus. Laut Zensus 2022 sind 10,5 Prozent der Leipzigerinnen und Leipziger evangelisch, 4,2 Prozent katholisch, 85,3 Prozent gehören keiner Religionsgemeinschaft an, einer anderen, oder machten keine Angabe. Selbst wenn man die kleineren christlichen Gemeinschaften und die nicht-christlichen Religionen mitrechnet, ist die ganz große Mehrheit der Stadt nicht kirchlich gebunden. Wenn nun Menschen vor der Universitätskirche Blumen ablegen und Kerzen anzünden, ist das nicht zwangsläufig ein religiöser Akt: Es ist die ortsnächste, größte, öffentlich zugängliche bauliche Geste, die ein Stadtraum überhaupt anbietet. Dass dieser Raum ein Sakralraum ist, ist historisches Erbe – nicht Ausdruck religiöser Bedürftigkeit der Trauernden.
Hinzu kommt der Sonderfall des Schauplatzes selbst. Die „Leipziger Universitätskirche“, die Behnken nennt, ist seit 2017 das Paulinum, ein staatlicher Universitätsbau am Augustusplatz. Sein offizieller Name lautet „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“; die Doppelnutzung als akademische Aula und gottesdienstlicher Raum war Gegenstand eines jahrelangen Streits, der 2007 in einem von Monika Harms vermittelten Kompromiss endete. Der Bau steht auf dem Grund der 1968 vom SED-Regime gesprengten alten Universitätskirche. Wer ihn schlicht als „Kirche“ bezeichnet, blendet eine ganze öffentliche Auseinandersetzung aus.
Notfallseelsorge: ein nicht ganz neutrales Hilfsangebot
Behnken erwähnt „Seelsorgerinnen und Seelsorger“ und die Arbeit eines Ehrenamtlichen aus dem Kriseninterventionsteam in einem Atemzug. Tatsächlich handelt es sich um zwei verschiedene Strukturen, und der Unterschied ist erheblich.
Notfallseelsorge ist in Deutschland flächendeckend kirchlich organisiert. Die katholische Bischofskonferenz und die Konferenz Evangelische Notfallseelsorge stimmen Ausbildung und Einsatz untereinander ab. Die Selbstbeschreibung der katholischen Seite ist deutlich: Der Dienst basiert „auf einem christlichen Welt- und Menschenbild“, auch wenn er „alle Menschen ungeachtet ihrer Weltanschauung“ begleitet. Alarmiert wird er über staatliche Rettungsleitstellen, finanziert wird er aus einer Mischung aus kirchlichen und – über kommunale und Landeszuwendungen – auch öffentlichen Mitteln. In einer Stadt, in der über 80 Prozent der Bevölkerung konfessionslos sind, schickt der Staat seinen traumatisierten Bürgerinnen und Bürgern an die Einsatzorte ein religiös fundiertes Helfersystem – und es gibt noch immer kaum eine breit ausgebaute, säkulare Alternative.
Davon abzugrenzen sind die Kriseninterventionsteams (KIT), die meist bei Hilfsorganisationen wie ASB, DRK oder Johannitern angesiedelt sind und überwiegend weltanschaulich neutral arbeiten. Genau diese Trennung lässt Behnken verschwimmen, wenn sie kirchliche Seelsorger und KIT-Ehrenamtliche im selben Absatz nebeneinanderstellt: Das eine wirkt im Glanz des anderen.
„Etwas, das kaum erklärbar ist“
Ein zweiter Satz verdient genaues Lesen: Behnken sucht Räume, in denen sie „keine Erklärung finden muss für etwas, das kaum erklärbar ist“. Das ist als Beschreibung eines unmittelbaren Erschütterungsmoments völlig in Ordnung – niemand erwartet von Trauernden in der ersten Stunde sachliche Ursachenanalyse.
Als Habitus aber ist die Formel kritikwürdig. Aus säkularer Sicht ist die Tat von Leipzig nicht unerklärlich. Sie ist eine Tat in einer Reihe ähnlicher Vorfälle, deren Faktoren – psychische Erkrankungen, häusliche Gewaltbiografien, Versagen vorheriger Interventionen, Defizite im Schutz von Fußgängerzonen, Verfügbarkeit von Fahrzeugen als Tatmittel – sehr wohl benennbar und politisch bearbeitbar sind. Im konkreten Leipziger Fall lagen vor der Tat bereits Anzeigen der Ehefrau wegen Bedrohung und ein psychiatrischer Klinikaufenthalt vor. Hier gibt es Fragen an Polizei, Justiz, Gesundheitssystem und Gefährderansprache. „Kaum erklärbar“ ist das alles nicht.
Wer in einem reichweitenstarken Format Trauer und Erklärungsverzicht so eng zusammenbindet, transportiert eine Haltung: Ohnmacht als angemessene Reaktion auf das, was uns überfordert. Aufklärung im wörtlichen Sinn – also das nüchterne Verstehen-Wollen – sieht anders aus.
Was fehlt
Bemerkenswert ist auch, was im Text nicht vorkommt. Die beiden Toten sind eine namenlose „Frau und ein Mann“. Die Verletzten sind ein Sammelbegriff. Die Augenzeugen sind „rund 80“ Betreute – das stimmt zahlenmäßig, ist aber alles, was über sie gesagt wird. Die Tat selbst hat keine Verursacherin und keinen Verursacher, sie geschieht im Passiv: Ein Mann „ist gerast“, „kam ums Leben“. Dass dahinter ein konkreter Mensch mit einer konkreten Vorgeschichte steht, kommt nicht vor.
Stattdessen schwenkt der Text relativ schnell von Leipzig weg ins Eigene: „Ich bin mehr oder weniger weit entfernt von dem Geschehen. Ich kenne niemanden in Leipzig, mein Alltag läuft weiter…“ Das ist als Reflexion über medial vermittelte Anteilnahme legitim. In einem Format, das kollektive Anteilnahme moderiert, ist es zugleich eine Verschiebung: Die Erschütterung wird privatisiert. Was fehlt, ist alles, wofür die Toten und Verletzten konkret stehen könnten – also etwa die Frage nach Opferentschädigung, nach Hinterbliebenenhilfe, nach baulichem Schutz von Fußgängerzonen, nach besseren Schnittstellen zwischen Polizei, Psychiatrie und Familienschutz.
Eine säkulare Gegenrede
Das ist nicht das Plädoyer dafür, Trauernden Statistiken vorzuhalten. Räume für Sprachlosigkeit, Stille und Erschütterung sind notwendig, und niemand muss sie sich verbieten lassen. Die Frage ist nur, wem diese Räume gehören und wer sie deutet.
In Leipzig wehten am Tag nach der Tat die Flaggen des Neuen Rathauses auf Halbmast, in der Wandelhalle lag ein Kondolenzbuch aus, die Stadt richtete eine Hinweisstelle ein, die sächsische Opferbeauftragte stellte ihre Telefonnummer bereit, die Universitätskliniken öffneten ihre Traumaambulanzen. Das sind säkulare Institutionen, die genau den Raum geben, von dem Behnken spricht – nur eben ohne Sakralarchitektur, ohne kirchliches Personal, ohne theologischen Überbau. Sie kommen in ihrem Text nicht vor.
Eine säkular-humanistische Sicht würde diese Räume nicht als Notbehelf neben „den“ Kirchen lesen, sondern als gleichberechtigten Ausdruck einer Gesellschaft, die ihre Trauer selbst organisiert. Der Wald, das Meer, das Sofa der Freundin sind keine bedauerlichen Ausweichquartiere für Menschen, die sich an die Kirche nicht herantrauen. Sie sind, statistisch gesehen, der Normalfall: Die meisten Menschen in dieser Stadt – und in diesem Land – trauern ohnehin außerhalb von Kirchen, mit oder ohne Gott, mit oder ohne Liturgie.
Behnkens Text vermeidet die plumpe Vereinnahmung, die religiöse Krisenrhetorik oft kennzeichnet. Aber er rückt die Kirche, fast unmerklich, wieder in jene Mitte, in der sie sich selbst gern sieht – während ihre tatsächliche Mitte in einer Stadt wie Leipzig längst eine Randzone geworden ist. Das ist der auffällige Aspekt dieses freundlichen, behutsamen, gut gemeinten „Wort zum Sonntag“: Es ist ein Beleg dafür, wie souverän gemachte religiöse Rede heute auch ganz unverfänglich erscheinend, ohne missionarischen Ton funktioniert. Sie braucht keinen Imperativ mehr und auch kein Heilsversprechen. Eine Reihenfolge genügt.

















Bitte beachte beim Kommentieren: