Gedanken zum Beitrag Stefan Buß: „Im Herzen eins“- Motto der Kirchen auf dem Hessentag, veröffentlicht am 6.5.26 von Osthessen-News
Darum geht es
Stefan Buß verkauft das kirchliche Hessentags-Motto „Im Herzen eins“ als grenzüberschreitende Einladung – tatsächlich ist es ein konfessionell exklusives Selbstvergewisserungsprogramm, das die realen Trennlinien der Kirchen rhetorisch übertüncht, säkulare Tugenden religiös vereinnahmt und menschliche Verantwortung an eine außerweltliche Instanz delegiert.Vom 12. bis 21. Juni 2026 findet in Fulda der Hessentag statt. Erstmals treten die (ehemals Groß-) Kirchen – die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau sowie das Bistum Fulda – mit einem gemeinsamen Programm auf. Motto: „Im Herzen eins“. Die Stadtpfarrkirche wird zur „Hessentagskirche“ multimedial inszeniert, auf dem Riesenrad gibt es eine „Segensgondel“. Stadtpfarrer Stefan Buß hat das Motto in seinem Impuls vom 6. Mai 2026 in Osthessen|News spirituell unterfüttert. Sein Text ist kurz, freundlich und scheint kaum widersprechbar – genau das ist das Problem.
Wer den Text genauer liest, findet das vertraute Muster der Buß’schen Verkündigung wieder: Schöne Wörter, immunisierende Rhetorik, ausgeblendete Realität. Eine systematische Analyse seiner Methode habe ich an anderer Stelle bereits vorgelegt (vgl. „Das trügerische Herz – Stefan Buß‘ systematisches Unterwerfungsprogramm“). Der vorliegende Impuls bestätigt dieses Muster und erweitert es um eine ökumenische Dimension. Zehn Aspekte, im Einzelnen.
1. Inklusion mit Kleingedrucktem: „Christus als Mitte“
Buß baut den Text rhetorisch als Inklusionsversprechen auf: „Es sagt nicht: Wir müssen alle gleich denken. Es sagt nicht: Wir müssen alle dieselben Ansichten haben. Es sagt nicht: Wir müssen alle gleich leben.“ Dreimal wird die Tür weit aufgerissen – und dann, wenige Zeilen später, mit einem Satz wieder zugeschlagen: „Sondern weil Christus ihre Mitte war.“
Damit ist das Motto „Im Herzen eins“ konfessionell verschlossen. Wer Christus nicht als „Mitte“ akzeptiert – also rund die Hälfte der hessischen Bevölkerung, die heute keiner Kirche angehört –, gehört zu dieser Einheit nicht dazu. Das Inklusionsversprechen enthält ein Ausschlusskriterium und kassiert sich damit selbst.
2. Die selektive Bibelphilologie
Buß zitiert die Apostelgeschichte: „Sie waren ein Herz und eine Seele.“ (Apg 4,32) Was er nicht zitiert: den unmittelbaren Kontext. Das „Ein Herz und eine Seele“ der Urgemeinde bezieht sich auf die radikale Gütergemeinschaft – alle gaben ihren Besitz ab. Und im direkt anschließenden Kapitel folgt die Episode von Hananias und Saphira (Apg 5,1–11): Zwei Gemeindemitglieder, die nicht ihren ganzen Besitz abliefern, sondern einen Teil zurückbehalten, werden – nach einer Zurechtweisung durch Petrus – auf der Stelle tot umfallen. Erzählerische Pointe: Gott selbst tötet sie.
Das ist die biblische „Einheit“, auf die Buß sich beruft. Eine Einheit, die durch göttliche Exekution durchgesetzt wird. Wer aus der Apostelgeschichte das eine Halbverszitat herausschneidet und das Drumherum verschweigt, betreibt nicht Verkündigung, sondern Werbetextredaktion.
3. Die Kirche als Heilerin selbst geschlagener Wunden
Buß diagnostiziert eine Welt, „in der vieles auseinandergeht: Meinungen verhärten sich, Menschen ziehen sich zurück, Gruppen grenzen sich voneinander ab“. Er stellt die Kirchen als Antwort darauf dar. Das ignoriert eine simple historische Tatsache: Die Kirchen gehören zu den ältesten und nachhaltigsten Spaltungsproduzenten der europäischen Geschichte. Reformation, Gegenreformation, Religionskriege, Konfessionalisierung – die institutionelle DNA des Christentums in Europa ist über Jahrhunderte eine DNA der Spaltung gewesen.
Und sie ist es bis heute geblieben. Während Buß Einheit predigt, sterben weltweit Menschen wegen genau jener konfessionellen und religiösen Differenzen, die sein Motto wegblendet: in Nigeria, im Nahen Osten, in Pakistan, in Myanmar. Der saubere Hessentag-Auftritt der Kirchen findet vor dem Hintergrund einer global ungebrochenen religiösen Gewaltgeschichte statt. Wenn die Kirchen in dieser Lage „Im Herzen eins“ als Motto wählen, dann nicht als Lösung, sondern als kosmetische Nichterwähnung des Problems.
4. Performative Widerlegung der eigenen These
„Was uns verbindet, ist größer als das, was uns trennt.“ Schöner Satz – performativ aber genau in dem Moment widerlegt, in dem er ausgesprochen wird. Denn die Trennlinien zwischen den beteiligten Kirchen sind nicht etwa weicher geworden: Es gibt weiterhin keine reguläre Eucharistie- bzw. Abendmahlsgemeinschaft zwischen Katholiken und Protestanten, keine wechselseitige Anerkennung des Priesteramtes, keine katholische Frauenordination, kein vereinbares Eheverständnis. Der „erstmalige“ gemeinsame Hessentags-Auftritt 2026 ist ein bemerkenswertes Datum – allerdings vor allem deshalb, weil er erst jetzt stattfindet, nach Jahrhunderten der demonstrativen Getrenntheit.
Das Pikante an der Sache: Es sind genau jene konfessionellen Trennlinien, deren Überwindung der eigentliche Lackmustest wäre. Solange Eucharistie und Abendmahl getrennt gefeiert werden, ist das gemeinsame Logo eine Marketingaktion, kein Schritt zur tatsächlichen Einheit. „Im Herzen eins“ wird zur sprachlichen Übertünchung struktureller Differenz. Und diese Vertuschung macht die Sache nicht besser, sondern noch verdächtiger.
5. Das Herz als rhetorische Versicherung
„Das Herz ist in der Bibel der Ort, an dem der Mensch wirklich lebt.“ Mit dieser Verlagerung in die metaphorische Innerlichkeit immunisiert Buß die ganze Behauptung gegen jede Überprüfung. Ob die Kirchen „im Herzen eins“ sind, lässt sich nicht falsifizieren. Es lässt sich nur behaupten. Wer Sichtbares fordern würde – etwa eine gemeinsame Eucharistie –, wird auf das Unsichtbare verwiesen. Das ist exakt dieselbe Bewegung, die in früheren Buß-Impulsen zum „Vertrauen“, zur „Gottesnähe“ und zum „inneren Weg“ schon analysiert wurde: Die Verlagerung des Streitgegenstands in eine Sphäre, in der keine Einwände mehr möglich sind.
Hinzu kommt eine Rhetorik der Unwidersprechlichkeit: „weiche Herzen“, „mutige Herzen“, „weite Herzen“. Wer wäre dagegen? Genau das ist das Problem. Ein Motto, dem niemand widersprechen kann, sagt am Ende nichts – außer dass die Sprecher gerne als Sprecher wahrgenommen werden möchten.
6. Die Vereinnahmung des Selbstverständlichen
„Wo Menschen einander zuhören statt übereinander zu reden, wo jemand dem Einsamen Gesellschaft schenkt, wo Streitende wieder aufeinander zugehen, wo einer dem anderen vergibt, da wird dieses Motto lebendig.“ Diese Aufzählung beschreibt allgemein menschliche, prosoziale Verhaltensweisen. Sie braucht keine religiöse Begründung. Sie braucht keinen Christus. Sie ist nicht einmal kulturell christlich – sie findet sich in praktisch jeder ethischen Tradition der Menschheit, von Konfuzius über die Stoa bis zur säkularen Aufklärung.
Buß rahmt diese universelle Anständigkeit als christliches Spezifikum: „Wenn wir uns von Christus berühren lassen, weitet sich das Herz.“ Das ist Vereinnahmung. Mitgefühl, Versöhnungsbereitschaft und Empathie sind keine Erfindungen des Christentums und auch kein Privileg seiner Anhänger. Sie sind anthropologische Grundausstattung – mit empirisch gut belegter biologischer und kultureller Genese.
Die Vereinnahmung wird besonders unangenehm bei dem Joh-13,35-Zitat: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Buß zitiert das affirmativ. Die naheliegende Anschlussfrage – woran hat man die Kirche im Lichte der MHG-Studie und ihrer dokumentierten Vertuschungspraxis tatsächlich erkannt? – stellt er nicht. Das Zitat lädt zur ehrlichen Selbstprüfung ein und wird in einen rein appellativen Wohlfühlmodus überführt.
7. „Klein anfangen“ – Mikroethik gegen strukturelle Probleme
„Die Antwort beginnt klein. Ein freundliches Wort. Ein offenes Ohr. Ein erster Schritt zur Versöhnung. Ein Gebet für jemanden, mit dem ich ringe.“ Klingt sympathisch. Aber funktional ist dieser Topos eine Apolitisierung. Die strukturellen Probleme, die Buß einleitend selbst benennt – Polarisierung, Vertrauensverlust, gesellschaftliche Spaltung – haben strukturelle Ursachen: ökonomische Ungleichheit, mediale Echokammern, demografischer und kultureller Wandel, Vertrauensverlust in Institutionen (zu denen die Kirchen selbst maßgeblich gehören).
Diese Probleme lassen sich nicht durch freundliche Worte lösen, sondern brauchen institutionelle, rechtliche, bildungspolitische Antworten. Wer Mikroethik als Antwort auf Makroprobleme verkauft, lenkt von der Notwendigkeit struktureller Reformen ab. Im Falle der Kirchen sind das unter anderem: Aufhebung der Staatsleistungen, Beendigung kirchlicher Sonderrechte im Arbeitsrecht, Einbeziehung in das Antidiskriminierungsrecht, externe Aufarbeitung des Missbrauchskomplexes.
8. Demografische Selbstüberschätzung
Die Kirchen treten beim Hessentag als gesetzte Großakteure auf, mit eigener „Hessentagskirche“, prominenten Eröffnungsgottesdiensten auf dem Domplatz und einer „Segensgondel“ auf dem Riesenrad. Die Realität dahinter: Bundesweit waren Ende 2024 erstmals mehr Menschen konfessionsfrei (47 Prozent) als Mitglieder beider großen Kirchen zusammen (45 Prozent). Religiös aktiv – also tatsächlich praktizierend – sind nur rund fünf Prozent der Bevölkerung. In Hessen herrscht laut aktuellen Zahlen ungefähr Gleichstand zwischen Christen und Nichtchristen.
Vor diesem Hintergrund wirkt der ökumenische Großauftritt eher wie ein Restprivileg als wie ein gesellschaftlicher Auftrag. Die Selbstinszenierung als Repräsentant „der Mitte der Gesellschaft“ entspricht der Wirklichkeit immer weniger.
9. Das Schlussgebet: Verantwortung delegiert
„Herr, mache unsere Herzen weich, wo sie hart geworden sind. Mache unsere Herzen mutig, wo sie ängstlich sind. Mache unsere Herzen weit, wo sie eng geworden sind. Und schenke uns, was wir selbst nicht schaffen: dass wir im Herzen eins werden.“
Der entscheidende Halbsatz steht am Ende: „was wir selbst nicht schaffen“. Hier wird die menschliche Verantwortung explizit delegiert. Wir sollen nicht selbst weicher, mutiger, weiter werden – das soll Gott machen. Wir sollen darum bitten. Damit wird der zentrale Mechanismus religiöser Selbstaufgabe noch einmal wiederholt: Was wir tun könnten, wird ausgelagert an eine Instanz, deren Wirken nicht überprüfbar ist. Wenn die Herzen weicher werden, war es Gott. Wenn nicht, hat man halt nicht genug gebetet, oder Gottes Pläne sind unergründlich. Win-win für die Theologie, Verlust für die Eigenverantwortung.
10. Was wäre die säkular-humanistische Alternative?
Wer das Anliegen ernst nimmt – Zusammenhalt in einer fragmentierten Gesellschaft – der kommt mit weichgespülter Innerlichkeitsrhetorik nicht weit. Eine säkular-humanistische Antwort wäre nüchterner und ehrlicher:
Erstens: Zusammenhalt entsteht nicht durch geteilte Innerlichkeit, sondern durch geteilte Institutionen, geteilte Rechte und geteilte Lebenschancen. Die wirksamste „Einheit“ einer pluralen Gesellschaft ist keine Herzensvereinigung, sondern eine funktionierende, gerechte Rechtsordnung, die allen – Religiösen wie Nichtreligiösen – die gleichen Freiheiten garantiert und ihre Konflikte zivilisiert austrägt.
Zweitens: Mitgefühl, Versöhnungsbereitschaft und Toleranz brauchen keine religiöse Mitte, sondern lassen sich säkular gut begründen – evolutionär, psychologisch, moralphilosophisch. Empathie ist menschliche Grundausstattung; sie wird durch Bildung, Lebenserfahrung und gute Institutionen verstärkt, nicht durch das Bekenntnis zu Christus.
Drittens: Echte Einheit über Glaubensgrenzen hinweg gelingt am ehesten dort, wo nicht eine bestimmte religiöse Mitte als Bedingung gesetzt wird, sondern wo gemeinsame humanistische Grundannahmen genügen: Würde des Einzelnen, Vernunft, Selbstbestimmung, Solidarität. Das ist ein wirklich inklusives Programm – inklusive aller Konfessionslosen, Andersgläubigen und Zweifelnden.
Viertens: Wer es mit „Im Herzen eins“ ernst meint, müsste konkret werden. Eine echte ökumenische Einheit zwischen den beteiligten Kirchen wäre der Schritt zu einer gemeinsamen Eucharistie- und Abendmahlsgemeinschaft, zur wechselseitigen Anerkennung der Ämter, zur gemeinsamen Frauenordination. Bis dahin bleibt das Motto eine PR-Vokabel.
Fazit
„Im Herzen eins“ klingt nach Verbindung und ist doch ein Bekenntnismotto mit konfessioneller Eintrittsbedingung. Es klingt nach Demut und ist doch eine Selbstinszenierung als Sinnstifter. Es klingt nach gesellschaftlicher Antwort und ist doch ein Rückzug ins Innerliche. Stefan Buß macht in seinem Impuls genau das, was er in einer langen Reihe von „Impulsen“ immer macht: Er übersetzt ein gesellschaftliches Problem in religiöse Innerlichkeit, vereinnahmt allgemeine prosoziale Tugenden für die christliche Marke und übergibt am Ende die Verantwortung an Gott.
Was die hessische Gesellschaft im Juni 2026 braucht, ist nicht ein gemeinsames Logo der Kirchen. Was sie braucht, sind belastbare Institutionen, säkulare Rechte, ehrliche Aufarbeitung kirchlichen Versagens und eine klare Trennung von Staat und Kirche, die alle Bürgerinnen und Bürger gleich behandelt – die religiösen wie die rund die Hälfte, die heute keiner Kirche mehr angehört. Daran zu arbeiten wäre der Mühe wert. „Im Herzen eins“ zu plakatieren reicht nicht.
Selbst mir als glaubensfreiem Mensch kommt unweigerlich die Bibelstelle vom Balken im eigenen Auge in den Sinn, wenn ich bedenke, wie offensichtlich das Motto „Im Herzen eins“ die Religion als den trennenden Faktor entlarvt. Das Menschliche („Herz“) eint, was das Religiöse nach wie vor trennt. Denn sonst müsste das Motto ja lauten: „Im Glauben eins.“
Ehrlicher und zutreffender wäre deshalb dieses Motto gewesen:


















Bitte beachte beim Kommentieren: