Eine Analyse des Bild-Impulses Stefan Buß: „Getragen – und doch stehend“, veröffentlicht am 2.5.26 von osthessen-news.de
Darum geht es
Stefan Buß‘ pastoraler Bildimpuls offenbart kein aufmerksames Sehen, sondern ein theologisches Deutungsschema, das so universell einsetzbar ist, dass es selbst dem blasphemischsten Gemälde der Kunstgeschichte andächtige Erbaulichkeit abgewinnen kann.Das Format und sein Versprechen
Stadtpfarrer Stefan Buß veröffentlicht diesmal einen Bildimpuls: Ein kurzer meditativer Text, der ein Kunstwerk zum Anlass nimmt, um zu religiöser Reflexion anzuregen. Das Genre ist in der katholischen Pastoral verbreitet und folgt einer erkennbaren Logik: Das Bild dient als Türöffner, der Blick des Betrachtenden soll verlangsamt, vertieft, auf das Wesentliche gelenkt werden – und das Wesentliche ist stets das Göttliche.

Buß‘ jüngster Beitrag widmet sich einem Marienbild von Giovanni Battista Cima da Conegliano (1460–1517): Maria hält das Jesuskind, doch ungewöhnlicherweise steht es.
Aus dieser Beobachtung destilliert Buß einen spirituellen Dreiklang: Geborgenheit, Freiheit, Vertrauen. „Du darfst gehalten sein. Und du darfst stehen.“ Der Text ist theologisch-rhetorisch handwerklich solide, die Sprache ruhig und einladend, die Botschaft wirkt tröstlich und unverfänglich.
Auf den ersten Blick: eine wohlgelungene kleine Meditation. Zumindest solange man das ungute Gefühl ausblendet, das einen generell beschleicht (bzw. beschleichen sollte), wenn ein katholischer Priester über ein Bild spricht, auf dem ein kleiner Junge komplett unbekleidet dargestellt wird.
Dass die Nacktheit des Kindes damals als ikonographisches Stilmittel zum „Beleg“ der angeblichen Menschwerdung des christlichen Gottes gedient hatte oder sonstwie unverfänglich gedeutet werden konnte, macht die Sache für Opfer von klerikaler pädokrimineller sexualisierter Gewalt nicht besser.
Auf den zweiten Blick stellt sich aber auch ohne diesen Aspekt eine unbequeme Frage.
Die Methode hinter dem Impuls
Wer Buß‘ Text sorgfältig liest, bemerkt, dass das Gemälde selbst kaum mehr als ein Stichwortgeber ist. Die eigentliche Arbeit leistet nicht das Bild, sondern ein theologisches Schema, das dem Bild übergestülpt wird. Das Schema funktioniert so:
- Zunächst wird eine formale Beobachtung am Bild gemacht (das Kind steht).
- Dann wird diese Beobachtung ins Symbolische übertragen (Stehen als Zeichen).
- Anschließend wird das Symbol universalisiert (wir alle stehen irgendwie).
- Dann folgt die theologische Deutung (Gott trägt uns).
- Schließlich die pastorale Einladung zur Selbstbefragung.
Dieser Fünfschritt ist nicht auf Cimas Madonna zugeschnitten. Er ist auf jedes Bild anwendbar, das irgendein formales Merkmal aufweist, das sich symbolisch deuten lässt. Das Kind sitzt? Ruhe als Zeichen. Das Kind schläft? Vertrauen als Gabe. Das Kind weint? Schmerz als Weg zur Reife. Die Methode erzeugt Bedeutung nicht aus dem Bild heraus, sondern in das Bild hinein.
Das wäre noch kein Einwand – religiöse Hermeneutik hat traditionell nie behauptet, bloß zu beschreiben. Sie deutet, und sie deutet aus einer Vorüberzeugung heraus. Das Problem ist ein anderes: Das Format des Bildimpulses tut so, als würde das Bild sprechen. Als würde man hinschauen und dann hören. In Wirklichkeit kommt die Botschaft mit – fertig formuliert, erprobt, systemkonform.
Ein Experiment
Um zu prüfen, ob diese Beobachtung zutrifft, lässt sich ein einfacher Test durchführen. Man nehme nicht Cimas fromme Madonna, sondern ein Gemälde, das mit voller Absicht als Angriff auf genau jene Frömmigkeit konzipiert wurde. Man wende darauf exakt dieselbe pastorale Methode an. Und man sehe, ob erbauliche Prosa entsteht.
Das Bild, das hier als Prüfstein dient, ist Max Ernsts „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler“, entstanden 1926, heute im Museum Ludwig in Köln. Es zeigt Maria, die das nackte Jesuskind über ihren Schoß gelegt hat und ihm mit der flachen Hand auf das Gesäß schlägt.
Der Heiligenschein des Kindes liegt auf dem Boden. Im Hintergrund beobachten drei Männer die Szene durch ein Fenster: die Surrealisten André Breton und Paul Éluard sowie Ernst selbst. Das Gemälde ist eines der explizitesten blasphemischen Kunstwerke der europäischen Moderne – gezielt provokant, antiklerikal und ikonoklastisch entworfen.
Was entsteht, wenn man die pastorale Methode von Stefan Buß (oder vermutlich eher: die seiner KI) darauf anwendet?
Der folgende Text ist nicht von Buß – aber er könnte von ihm sein:
„Schmerz – und dennoch gehalten“
(im Stil eines pastoralen Bildimpulses)
Auf den ersten Blick befremdet dieses Bild. Eine Frau – Maria – hält ein Kind. Die Haltung ist nicht zärtlich, nicht sanft. Und doch: Genauer hingesehen, entdecken wir etwas Tieferes.
Maria hält das Kind. Auch in diesem verstörenden Moment. Auch wenn das Kind leidet. Vielleicht gerade dann. Ist das nicht das Bild unserer eigenen Gotteserfahrung? Manchmal fühlt sich Glaube nicht sanft an. Manchmal ist er Erschütterung, Dunkelheit, Schmerz. Und doch: Wir werden gehalten.
Der Heiligenschein – im Bild abgefallen – erinnert uns: Heiligkeit muss sich nicht immer strahlend zeigen. Manchmal liegt sie im Fallen, im Scheitern, im Loslassen dessen, was wir festzuhalten glauben. Die Zeugen im Hintergrund schauen hin. Wie wir alle manchmal zuschauen, wenn andere leiden. Eine Einladung zur Solidarität: nicht wegschauen, sondern dableiben.
Gott macht sich verletzlich, um uns zu zeigen: Auch dein Schmerz hat Würde. Auch dein Fallen ist nicht das Ende. Vielleicht lädt uns dieses Bild ein, heute neu zu fragen: Wo halte ich zu fest? Wo darf ich loslassen? Und wo bin ich selbst gerufen, aufzustehen – getragen, auch durch den Schmerz hindurch?
(Quelle: Opus 4.7 adaptiv)
Man lese den Text noch einmal. Er ist nicht grob. Er ist nicht offensichtlich falsch. Er klingt nach Pastoral. Er hat Rhythmus, Tiefe, Einladungscharakter. Und er handelt von Max Ernsts Prügel-Madonna – einem Werk, das explizit darauf abzielt, genau diese Art der frommen Vereinnahmung zu verweigern und lächerlich zu machen.
Das ist kein Zufall. Das ist Methode.
Fun Fact am Rande
Tonalität und Wording dieser KI-generierten Bildinterpretation entsprechen verblüffend exakt jenen vieler der neueren Impulse von Stefan Buß. Wenn man seine Texte über einen längeren Zeitraum mitverfolgt hat, lässt sich sehr einfach feststellen, welche davon sehr wahrscheinlich KI-generiert sind und welche er möglicherweise selbst verfasst hat.
Auffällig dabei ist auch die fast schon schizophren anmutende Diskrepanz zwischen jenen (vermutlich selbst verfassten) Texten, in denen Buß ohne Rücksicht auf Verluste seinen klerikalen Katholizismus raushaut – und jenen (vermutlich KI-generierten) bis zur Bedeutungslosigkeit weichgespülten Plaudereien, die ganz offensichtlich von jemandem oder von etwas verfasst wurden, dem es wichtig war, sich auf keinen Fall irgendwie angreifbar zu machen oder Behauptungen aufzustellen, die zur Folge hätten, dass man der KI sofort das I absprechen würde.
Was das Experiment zeigt
Das Pastorale im Format des Bildimpulses ist kein hermeneutischer Vorgang, sondern ein semantischer Überlegungsgenerator. Die Eingabe ist beliebig – die Ausgabe ist stets dieselbe Struktur: Beobachtung, Symbolisierung, Universalisierung, theologische Deutung, pastorale Einladung. Der Inhalt des Bildes – seine Geschichte, seine Absicht, sein kultureller Kontext – ist für das Ergebnis strukturell irrelevant.
Was Buß über Cima schreibt, ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht über Cima. Es ist über ein theologisches Konzept, das er mitgebracht hat und dem Cima das Stichwort liefert. Maria lässt los? Ja, das Loslassen der Gläubigen wäre ohnehin Thema geworden. Das Kind steht? Gut. Das Kind säße? Auch gut. Das Kind würde – wie bei Max Ernst – gezüchtigt? Kein Problem, wie wir gesehen haben.
Das ist keine Kritik an Buß persönlich. Der macht nur das, wofür er bezahlt wird. Es ist eine Kritik am Format und an dem, was es verschleiert: Es simuliert Aufmerksamkeit gegenüber dem Bild, während es in Wirklichkeit das Bild als Projektionsfläche benutzt. Es tut so, als würde das Kunstwerk sprechen, während in Wirklichkeit das Deutungssystem spricht – durch das Kunstwerk hindurch, unabhängig von ihm.
Das tiefere Problem: Selbstimmunisierung durch Deutungsoffenheit
Religiöse Interpretation dieser Art besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie kann nicht falsifiziert werden. Kein Bild, kein Motiv, kein Inhalt, der dem System widerstehen könnte. Das Sinnstiftungsversprechen gilt universal. Jedes Leiden wird zu Läuterung. Jedes Fallen wird zu Gnade. Jeder Heiligenschein, der zu Boden geht, wird zur Einladung, Heiligkeit neu zu denken.
Das ist theologisch nicht neu – es entspricht der klassischen Theodizee-Logik, die jeden Widerspruch als verkleidete Bestätigung deutet. Aber es ist argumentativ ein geschlossenes System. Und geschlossene Systeme können nur zirkuläre Antworten geben auf Fragen, die sie selbst gestellt haben – nicht auf die Wirklichkeit.
Das Surrealismus-Projekt, dem Max Ernsts Gemälde entstammt, hat genau diesen Mechanismus zum Angriffspunkt gemacht. Ernst, Breton und ihre Mitstreiter wussten, dass religiöse Deutungskultur das Befremdliche immer einzugemeinden versteht. Dass sie die Provokation schluckt und verdaut. Und dass der fromme Blick immer einen Weg findet, das Bild nach Hause zu bringen.
Dass dieser Befund sich nun auch durch eine KI reproduzieren lässt – auf Knopfdruck, in Minuten, mit täuschender pastoraler Überzeugungskraft – sagt noch einmal etwas anderes: Das Format hat keine genuine geistige Substanz, die gegen automatisierte Reproduktion resistent wäre. Was als persönliche Reflexion, als pastorales Zeugnis, als geistliche Begleitung firmiert, ist in seinem Kern ein erlernbares, replizierbares Muster.
Eine Alternative: Ehrliches Sehen
Das ist keine Forderung, Kunst religionsfrei zu lassen – das wäre historisch absurd und kulturell blind. Religiöse Bildsprache ist über Jahrhunderte Träger künstlerischer Bedeutung gewesen, und es wäre unehrlich, das zu leugnen.
Die Alternative ist bescheidener und anspruchsvoller zugleich: hinschauen, ohne zu wissen, was man sehen wird. Ein Gemälde in seiner historischen Bedingtheit, seiner Widersprüchlichkeit, seiner möglichen Fremdheit ernst nehmen. Zulassen, dass es nicht predigt – dass es schweigt, verstört, fragt, widersteht. Und wenn man über ein religiöses Motiv schreibt: transparent machen, dass man aus einem bestimmten Deutungsrahmen heraus spricht, statt so zu tun, als spräche das Bild selbst.
Buß‘ Cima-Reflexion hätte nichts verloren und viel gewonnen, würde sie mit einem einfachen Satz beginnen: „Ich bringe an dieses Bild meinen Glauben mit, dass Gott mich trägt. Was ich darin sehe, lese ich durch meine persönliche Überzeugung: …“ Das wäre ehrlich. Das wäre ein Zeugnis. Was es nicht wäre: ein universaler Schlüssel, der in jedes Schloss passt – auch in das eines Gemäldes, das keinen Schlüssel dulden wollte.

















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