Kommentar zu NACHGEDACHT 80: Sorgen sind das halbe Leben

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Kommentar zu NACHGEDACHT 80: Sorgen sind das halbe Leben, Originalartikel verfasst von Christina Leinweber, veröffentlicht am 20.7.2014 von osthessen-news.de

[…] Und noch ein weiterer Gedanke aus der Bibel: Dort steht, dass der morgige Tag für sich selbst sorgt. So ist es doch tatsächlich. […]*

Ein Bibelzitat ist als Empfehlung für das Verhalten von (teil-)aufgeklärten Menschen im 21. Jahrhundert meist denkbar ungeeignet, schon allein deshalb, weil die Bibel auf dem Wertesystem und Wissensstand aus der Eisenzeit (also dem Vormittelalter) basiert und weil die Bibel ja für, aber eben auch gegen jede beliebige Sichtweise die erforderlichen Argumente liefert. Der eigentliche Sinn ergibt sich somit nicht aus dem Text selbst, sondern daraus, welche Aussage ich herauspicke, womit ich sie in Zusammenhang bringe und wie ich sie interpretiere.

Gerade bei einzeln Sätzen bringt es oft zusätzliche Erkenntnis, wenn man sich den Kontext anschaut, aus dem ein Zitat stammt, in diesem Fall also Matthäus (Lutherbibel 1984, Hervorhebungen von mir):

  • Von falscher und echter Sorge
    Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

Das mag sein, nur ist Leben nicht ohne Nahrung möglich und wer nichts isst, stirbt.

  • Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen – euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie?

Nein, sie ernähren sich selbst, weil sie wie alle Lebewesen dem “Prinzip Eigennutz” folgen. Und nein, “ihr” seid nicht mehr wert als sie.

  • Wer von euch vermag durch Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen?

Jeder, der zum Beispiel dafür sorgt, dass er genug zu Essen und zu Trinken hat.

  • Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? Lernt von den Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht, ich sage euch aber: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen.
    Wenn Gott aber das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
    Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? Oder: Was werden wir trinken? Oder: Was werden wir anziehen?
    Denn um all das kümmern sich die Heiden. Euer himmlischer Vater weiss nämlich, dass ihr das alles braucht.

Ob er es weiß oder nicht macht keinen Unterschied, weil noch niemals ein Gott irgendwem auch nur eine Erdnuss geschenkt hat – darum müssen sich (laut Bibel) die Heiden kümmern…

  • Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.

Jetzt kommen endlich die Karten auf den Tisch, jetzt kommt das “Kleingedruckte”: Nur wer bereit ist, sich dem “Reich” und der “Gerechtigkeit” (!) dieses Gottes zu unterwerfen, dem wird das All-inclusive-Rundum-Sorglospaket versprochen. Alle anderen sollten sich vielleicht doch lieber mal darum kümmern, dass sie wenigstens etwas zu essen, zu trinken und zum Anziehen haben.

  • Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last. (Zürcher Bibel, Matthäus 6, 25 ff)

Hier steht also zusammengefasst sinngemäß in etwa: Ihr braucht euch um wirklich überhaupt nichts Sorgen zu machen, weil ein himmlischer Vater weiß, was ihr alles braucht und wenn ihr an ihn glaubt, kümmert er sich um euch.

Wenn das der Grund sein soll, sich keine Sorgen oder zumindest Gedanken über die Zukunft zu machen, dann wäre das fatal, weiß doch heute jedes Kind (das nicht religiös indoktriniert wurde), dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott gibt und wenn doch, dass keiner der vielen Götter, die sich die Menschheit seit Beginn ihrer Existenz schon ausgedacht hatten, jemals in irgendeiner Form nachweislich in Erscheinung getreten wäre, womit es für uns völlig irrelevant ist, ob es einen dieser Götter gibt oder nicht.

Dass es auch in Sachen Gedanken um die Zukunft sinnvoller ist, nicht auf einen fiktiven Gott zu hoffen, sondern sich an der Realität zu orientieren, liegt auf der Hand. Statt sämtliche Verantwortung einem erdachten und bis zum Beweis des Gegenteils nicht vorhandenen Gott zu übertragen, sollte man selbstbewusst und selbstkritisch an die Sache herangehen und zunächst überlegen, auf welchen besorgniserregenden Teil man einen Einfluss hat und auf welchen nicht.

Dann kann man sich auch noch über Wahrscheinlichkeiten informieren, um eine Sorge objektiver einschätzen zu können.

Und dann kann man natürlich trotzdem immernoch auch das Leben auf sich zukommen lassen – nicht, weil man auf göttliche Unterstützung oder Fügung hoffen kann, sondern weil man als Mensch von der Evolution mit erstaunlichen Fähigkeiten ausgestattet wurde, die man auch zur Problemlösung aber auch zum Akzeptieren von Sachen, die sich nicht ändern lassen, einsetzen kann und einsetzen sollte.

*Das Online-Portal Osthessennews fordert jede Woche unter der Rubrik „NACHGEDACHT“ mit „liberal-theologischen“ Gedanken zum Nachdenken auf. Alle als Zitat gekennzeichnete Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Original-Artikel von Christina Leinweber.

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