Kommentar zu NACHGEDACHT 93: Immer wenn man nicht genug ist

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Kommentar zu NACHGEDACHT 93: Immer wenn man nicht genug ist, Originalartikel verfasst von Christina Leinweber, veröffentlicht am 19.10.2014 von osthessen-news.de

[…] Wir weisen gern Menschen auf alles hin, was uns nicht gefällt, denn unsere Meinung zählt ja alles.*

Es gibt noch weit triftigere Gründe als nur die eigene Hybris, Menschen auf Fehler hinzuweisen. Als Lehrerin kommen Sie zum Beispiel nicht drum herum, Kindern auch ihre Fehler aufzuzeigen, was ja nicht heißt, dass Sie nicht auch die Fehlerfreiheit entsprechend würdigen können.

Ich stimme Ihnen zu, dass es nicht erforderlich ist, Menschen auf alles hinzuweisen, “was uns nicht gefällt.”, denn natürlich muss beileibe nicht alles uns gefallen und natürlich kann Ihnen etwas ganz anderes “gefallen” als mir. Allerdings wäre es in bestimmten Fällen fahrlässig und unverantwortlich, aus falscher Rücksicht nicht auf bestimmte Fehler hinzuweisen, und zwar höflich, aber nachdrücklich und bestimmt, nämlich zum Beispiel dann, wenn jemand systematisch ein Weltbild als real darstellt, das auf verworrenen Fiktionen, vormittelalterlichen Mythen, Wahnideen und einem vormittelalterlichen, willkürlich angepassten, dualistischem Wertesystem basiert.

Dabei handelt es sich dann nämlich nicht mehr um kleine, harm- und belanglose Form-, Schönheits- oder Rechtschreibfehler, sondern um eine gravierende, systematische Täuschung, Vortäuschung falscher Tatsachen bis hin zu faustdicken Lügen, auf die leichtgläubige Menschen hereinfallen könnten. Wer den äußerst schädlichen und negativen Einfluss, den Religionen auf Menschen haben, als solchen erkannt hat, dem muss es geradezu ein Anliegen sein, auf die Fragwürdigkeit öffentlicher Behauptungen, es handle sich bei einer Religion nicht nur um eine mögliche Alternative zum rationellen Denken, sondern sogar um die einzig und alleinig heilbringende, unbedingte und absolute (am Ende sogar noch von Gott gegebene) Wahrheit, quasi der Weisheit letzter Schluss, hinzuweisen.

Natürlich ist es jedem Menschen freigestellt, sich einen beliebigen Gott gedanklich nach seinen Wünschen und Vorstellungen zu erschaffen, an ihn zu “glauben” oder zu ihm zu beten, wenn es ihm hilft. Es ist allerdings etwas anderes, eine solche Halluzination öffentlich als real existent und sogar noch als allgemeinverbindlich zu behaupten.

[…] Denn das alles würde bedeuten, dass sie sehr auf Defizite und Fehler konzentriert wären – und außerdem sehr um sich selbst kreisen.*

Wen meinen Sie mit “sie”? In diesem speziellen Fall besteht der Fehler darin, dass jemand sehr um sich bzw. um seine eingeschränkte, einseitig-religiös durchtränkte Weltsicht kreist und diese Sichtweise auch noch regelmäßig veröffentlicht und sie so darstellt, als handle es sich dabei nicht nur um etwas mit dem Wahrheitsgehalt und der Aussagekraft eines Horoskopes.

Als Lehrerin bekomme ich aber leider immer ganz oft mit: Wir müssen anstreichen, was falsch ist. Aber das alles, was wirklich gut ist, sollte man eigentlich noch mehr in den Fokus stellen.*

Auch das fällt in diesem Fall nicht so leicht, weil es wirklich nur wenig “wirklich gutes” beziehungsweise Wahres gibt, was man in den Fokus stellen könnte.

Ich kann ja wirklich verstehen, dass man an seinen Schwächen arbeiten soll. Nur so geschieht Entwicklung.*

Tschakka!! An seinen Schwächen kann man arbeiten, sobald man sie als solche erkannt hat.

Doch ich bin auch ehrlich: Manchmal ist mir unsere Gesellschaft – oder sind mir ganz, ganz viele Menschen in meiner Umgebung – viel zu kritisch.*

Schön, dass Sie “auch ehrlich” sind! Ich bin auch ehrlich: Es wundert mich nicht, dass Sie Ihre Umgebung als “viel zu kritisch” wahrnehmen. Sollten Sie es jemals schaffen, sich von Ihrer religiösen Indoktrination zu befreien (was ich Ihnen von Herzen wünsche), lesen Sie sich nochmal Ihre NACHGEDACHT-Beiträge (und dazu vielleicht meine Kommentare) durch, dann werden Sie vielleicht selbst feststellen, dass zumindest die Kritik an diesen Behauptungen und Aussagen aus sachlich-objektiver Sicht gerechtfertigt war. Dann könnten Sie vielleicht auch rückblickend erkennen, wie schädlich und gefährlich es war, viel zu unkritisch gewesen zu sein.

Man braucht nicht immer eine auf den „Deckel zu bekommen“. Das tut nicht gut.*

Wenn Sie das Gefühl haben, durch Kritik “eine auf den Deckel zu bekommen”, dann könnten Sie zunächst mal analysieren, worauf sich diese Kritik genau bezieht. Meine Kritik zum Beispiel bezieht sich ausschließlich auf Ihre öffentlich publizierten NACHGEDACHT-Artikel, mehr weiß und kenne ich von Ihnen nicht und deshalb habe ich auch nicht den geringsten Anlass, Sie persönlich zu kritisieren. Wenn Sie eine Kritik als gerechtfertigt erkennen, dann könnten Sie sich damit auseinandersetzen und Ihr Verhalten überdenken. Wenn Sie eine Kritik als nicht gerechtfertigt empfinden, könnten Sie sich dagegen wehren.

Lieber sollte man die Stärken nutzen, um die Schwächen zu stärken – schönes Wortspiel.*

Durch die Nutzung von Stärken werden die Schwächen nicht bzw. höchstens indirekt gestärkt. Wenn ich einen schon kräftigen Muskel weiter trainiere, wird ein anderer, weniger trainierter Muskel dadurch nicht zwangsläufig auch stärker. Deshalb mag das zwar ein schönes Wortspiel sein, mehr aber auch nicht.

Und immer, wenn ich mal einen Tag hatte, an dem es mir zu viel war, an dem man den Ansprüchen der Menschen nicht genügt hat, an dem ich fast selbst nicht mehr an mich glaube, darf ich als Christin an einen Gott glauben, dem meine Schwächen egal sind.*

Ich möchte Sie nicht beunruhigen und zerstöre nur ungern Ihre naive Hoffnung, aber einem Gott (egal welchem), sind nicht nur Ihre Schwächen, sondern auch Ihre Stärken und alles andere komplett egal. Gott ist (bis zum Beweis des Gegenteils) keine reale Größe, die jemals in irgendeiner Art und Weise nachweislich in Erscheinung getreten wäre, deshalb spielt es absolut keine Rolle für unser irdisches Dasein (und sehr wahrscheinlich auch für sonst nichts), was Gott egal ist und was nicht. Natürlich dürfen Sie gerne glauben, was Sie möchten, wenn Sie mehr Wert auf eine hoffnungsvolle Illusion als auf eine traurige Wahrheit legen (wobei für mich die Illusion als solche traurig und die Wahrheit hoffnungsvoll ist). Nur, öffentlich behaupten, dass das tatsächlich alles so real sei, halte ich für kritisierenswert..

Und der mich trotzdem liebt – inklusive Fehler.*

Auch diesen kindlich-naiven Wunsch kann und will Ihnen natürlich niemand nehmen. Es ist die Sache eines bzw. einer jeden selbst, ob er oder sie gerne in einer Scheinwelt oder in der Realität leben möchte. Kritisch wird es nur dann, wenn Sie wirklich auf diese Liebe hoffen und wenn Sie sich bzw. Ihre Fehler nur annehmen können, weil Sie sich von einem Gott geliebt fühlen.

Bedingungslos, wie es so schön heißt.*

Natürlich, noch niemals hat je auch nur einer der unzähligen Götter, die sich die Menschheit seit Beginn ihrer Existenz mangels besseren Wissens ausgedacht hatte, seine Bedingungen objektiv belegbar geäußert. Selbst aus Ihrer religiösen Sicht, die ja von der Existenz eines Gottes ausgeht und die die Aussagen der Bibel als (also nicht die ganze Bibel, sondern nur die gerade passenden Ausschnitte) verbindlich zugrunde legt, ist die Liebe Gottes alles andere als bedingungslos: Erste und wichtigste Bedingung für alle Heilsversprechen ist der absolute und ausschließliche Gehorsam. Man verkauft quasi seine Seele (richtiger: seinen Verstand und sein kritisches Denken) dafür, dass man sich von einem fiktiven Wesen geliebt fühlen darf.

Da verzichte ich aber mit Handkuss auf diese alles andere als bedingungslose, sondern erzwungene und zudem noch fiktive Liebe und freue mich lieber, dass mich die Evolution mit einem kritisch-analytischem Verstand ausgestattet hat der es mir ermöglicht, zweifelhafte und unbelegbare Aussagen kritisch zu hinterfragen.

Ich muss nicht erst alles richtig machen, um angenommen zu sein. Grandios, oder?!*

“Richtig” nach welchem/wessen Maßstab? Was bringt es Ihnen, sich von einer Illusion “angenommen” fühlen zu können? Warum fühlen Sie sich nicht selbst von sich angenommen? Fühlen Sie sich von Ihren Mitmenschen und Ihrer Umwelt nicht angenommen?

Wenn Sie mit “richtig machen” “ethisch und fair verhalten” meinen, dann wäre es fatal, wenn Sie aufhören würden zu versuchen, alles “richtig” zu machen mit der Begründung, dass Sie Ihr vermeintlicher Gott ja auch lieben würde, wenn Sie nicht “alles richtig” machen. Wer sein Handeln von der rein fiktiven Liebe eines ebenso fiktiven Gottes bestimmen lässt, handelt nicht nur gedanken- sondern auch verantwortungslos, sich selbst, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt gegenüber.

*Das Online-Portal Osthessennews fordert jede Woche unter der Rubrik „NACHGEDACHT“ mit „liberal-theologischen“ Gedanken zum Nachdenken auf. Alle Zitate stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Original-Artikel von Christina Leinweber.

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