Kommentar zu NACHGEDACHT 102: HEILIGE NACHT

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Kommentar zu NACHGEDACHT 102: HEILIGE NACHT, Original-Artikel verfasst von Christina Leinweber, veröffentlicht am 21.12.2014 von osthessen-news.de

[…] Ich werde Weihnachten zur bewussten Beobachterin.

Ich werde sehen, wie der Abend nicht nur zur Nacht wird, sondern sich langsam und stetig etwas Heiliges über ihn legt – schwer mit Worten zu fassen, aber in Gesichtern zu sehen und im Herzen zu spüren.*

Das ist deshalb schwer mit Worten zu fassen, weil das, was man da wahrnimmt, in Wirklichkeit nichts mit “Heiligkeit” zu tun hat, sondern eine wundervolle Fähigkeit ist, die die Evolution den Menschen mitgegeben hat. Und während sich “langsam und stetig etwas Heiliges” über den osthessischen Abend legt, wird an vielen anderen Orten auf der Welt unvermindert weitergekämpft, gelitten, verhungert, verdurstet, gefoltert, geflohen, gemordet und gestorben. Auch schwer mit Worten zu fassen und schon gar nicht mit der gewünschten Heiligkeit in Einklang zu bringen.

[…] spätestens dann, wenn alle Jahre wieder das erste Lied der Platte beginnt, weiß ich, dass ich mitten in der Heiligen Nacht ankommen werde – in der Mitte meiner lieben Familie.*

Auch die Nacht ist nur “heilig”, weil Menschen sie so bezeichnen. Das schöne Gefühl der Geborgenheit und Aufgehobenheit, wenn man in der Mitte seiner lieben Familie ankommt, hat nichts mit der “Heiligkeit” der Nacht zu tun. Auch hier wird wieder eine positive, angenehme und rein menschliche, natürliche Wahrnehmung mit der “Heiligkeit” einer Nacht begründet, weil es so gut ins Bild passt.

[…] All dieses “Drumherum” macht das Fest nicht nur besonders, sondern bringt mich zur Ruhe und empfänglich für die Frohe Botschaft.*

Die “Frohe Botschaft” ist nur dann froh, wenn man von der Botschaft das viele Un-frohe weglässt und nur das wenige vermeintlich Frohe herauspickt. Und selbst die Frohen Anteile der Botschaft sind nicht wirklich froh, wenn man bedenkt, dass die Botschaft aus völlig unklaren, unsicheren Quellen stammt, erst viele Jahre nach den Ereignissen erst in sehr unterschiedlichen Versionen aufgeschrieben und über die Jahrhunderte immer wieder beliebig verändert, ergänzt, neu interpretiert, übersetzt und umgedichtet wurde, was starke Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Botschaft weckt. Und schließlich muss man sich damit abfinden, dass sich die Aussagen des Kindes, dessen Geburt da gefeiert wird, gar nicht für Christen, sondern für Juden bestimmt waren.

Und nachts in der Kirche werde ich sehen, wie gefeiert wird, dass Gott auf die Welt kam.*

Wenn Sie tatsächlich bewusst, also auch unter Hinzunahme Ihres Wissens diese Feier beobachten, sollte Ihnen auffallen, dass eine kollektive Fiktion nicht dadurch wahrer wird, dass sie von mehreren Menschen gefeiert wird. Jesus selbst würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass 2000 Jahre nach seiner Geburt Menschen behaupten, mit ihm sei Gott auf die Welt gekommen. Diese Interpretation erfolgte erst sehr viel später – natürlich durch Menschen, die, nachdem der von Jesus zeitnah angekündigte Gott einfach nicht kommen wollte, kurzerhand den Verkünder zum Verkündeten machten und damit erstmal aus dem Schneider waren, was den großen Irrtum Jesu angeht.

Und durch diese bewusste Beobachtung aller Einzelheiten werde ich sie nicht nur im Gedächtnis sondern auch im Herzen behalten. Das ist wichtig, denn diese Nacht ist eine Heilige Nacht, in der ein kleines Kind geboren wird, das alles verändern kann und wieder neue Hoffnung bringt.*

Eine Nacht ist ein natürliches Phänomen und weder “heilig” noch “unheilig.” Auch die von Ihnen als “Heilige Nacht” bezeichnete Nacht ist eine Nacht wie jede andere. In dieser Nacht werden, wie in jeder Nacht, sicher auch kleine Kinder geboren, die vieles verändern können und neue Hoffnung bringen. Ob ein Kind dabei ist, das alles verändern kann, wird die Zukunft zeigen.

Dieses kleine Kind versucht jedes Jahr aufs Neue, in unsere Herzen hineingeboren zu werden.*

Da unschwer zu erkennen ist, dass die Bezeichnung “Humbug” für die tatsächliche Aussage dieses Satzes höflich untertrieben sein dürfte, könnte man versuchen, aus diesem Satz einen “übertragenen Sinn” herauszulesen, wodurch dieser naive Wunsch allerdings auch nicht wahrhaftiger oder realistischer wird.

Aus meiner Sicht wäre der beschriebene Vorgang ehrlicher ungefähr so zu beschreiben:

Jedes Jahr versuchen Menschen aufs Neue, andere Menschen durch die stimmungsvolle Inszenierung eines archaischen Mythos mit unklarem Wahrheitsgehalt, die Indoktrination ihrer Religion aufrecht zu erhalten und durch ein angenehmes Gruppenerlebnis zu verstärken.

*Das Online-Portal Osthessennews fordert jede Woche unter der Rubrik „NACHGEDACHT“ mit „liberal-theologischen“ Gedanken zum Nachdenken auf. Alle Zitate stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Original-Artikel von Christina Leinweber.

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