Kommentar zu: Etwa 950 Pilger gestartet – Walldürn-Wallfahrt 2016 – vier Tage lang zu Fuß zum “Heiligen Blut”

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Kommentar zu: Etwa 950 Pilger gestartet – Walldürn-Wallfahrt 2016 – vier Tage lang zu Fuß zum “Heiligen Blut”, Originalartikel verfasst von Martin Angelstein, veröffentlicht am 21.05.16 von Osthessennews

Es ist kaum vorstellbar, dass es auch im Jahr 2016 noch knapp 1000, ansonsten vermutlich weitgehend aufgeklärte Menschen klaren Verstandes gibt, die tatsächlich fast 200 Kilometer laufen, um ein mittelalterliches Stück Stoff mit Weinflecken zu verehren.

Hier nochmal kurz zur Erinnerung, worum es hier geht (Hervorhebung von mir):

  • 1589 berichtet der Walldürner Pfarrer Hoffius von einer folgenreichen Begebenheit aus dem Jahre 1330: Bei einer Eucharistiefeier stieß der Walldürner Priester Heinrich Otto nach der Wandlung aus Unachtsamkeit den bereits konsekrierten Kelch um. Das vergossene Blut Christi in Weingestalt zeichnete daraufhin auf dem Korporale das Bild des Gekreuzigten und elf einzelne Häupter Christi mit Dornenkrone (Veronica).Der erschrockene Priester versteckte das Korporale aus Angst hinter einem Stein des Altars. 50 Jahre später erleichterte er auf dem Sterbebett sein Gewissen und nannte das Versteck des Tuches. Das Leinentuch wurde an der genannten Stelle gefunden, das Wunder (Blutbild) wurde allgemein bekannt, und es begann eine große Verehrung des Tuches.
    (Quelle: Wikipedia)**

heiliges_blutDa hat also ein tüddeliger Pfarrer im Spätmittelalter aus Versehen Wein auf einer Tischdecke verschüttet und in den Flecken ein bestimmtes Muster erkannt. Aus heutiger Sicht rangiert dieses “Wunder” zwischen Toastscheiben mit Jesusköpfen, Babywindeln mit Kacka in Kreuzform (kein Witz und keine Blasphemie, gibts tatsächlich!) und ähnlichen “Phänomenen:” Niemand, wer irgendwie ernstgenommen werden möchte, wird heute noch ernsthaft behaupten wollen, dass an dem Tischdeckenunfall tatsächlich irgendeine höhere Macht ihre Finger oder was auch immer im Spiel hatte.

Trotzdem stellt sich die Frage, wie sich so ein Hokuspokus bis heute hat halten können. Selbst gläubige Menschen dürften heute außerhalb ihrer Religion ein Verhalten wie die Verehrung eines mittelalterlichen Tischtuchs mit Weinflecken für höchst lächerlich erachten – oder für schwachsinnig.

Und um überhaupt von einem Blutwunder sprechen zu können, müsste man ersmtal akzeptieren, dass Wein tatsächlich in Blut (und zwar in das Blut eines Menschen, der seit knapp 2000 Jahren tot ist) verwandelt werden kann. Ohne einen bewussten Denkverzicht und ein bewusstes Ausschalten von Vernunft, Logik, Wissen und gutem Gewissen ist es nicht möglich, solche Märchen als real anzuerkennen und schon ist das gruselig-obskure Blutwunder nur noch ein gleich schon mal viel weniger spektakuläres Weinfleckenwunder.

Der eigentliche Grund, warum es die Wallfahrt nach Walldürn überhaupt gibt, ist indes viel profaner – die naive Volksfrömmigkeit setzte man geschickt in schnöden Mammon um:

  • 1408 bestätigte der damals zuständige Bischof von Würzburg Johann I. von Egloffstein die entstandene Wallfahrt. 1445 wurde das Tuch – mit den damals noch sichtbaren Figuren – zu Papst Eugen IV. gebracht, der für die baufällig gewordene Kirche eine Ablassgewährung erteilte und so die Wallfahrt förderte. (Quelle: Wikipedia)

Man kann den Menschen von damals keinen Vorwurf machen – sie wussten es nicht besser und glaubten wahrscheinlich wirklich sowohl an das lächerliche Tischdeckenwunder, als auch an die Wirksamkeit ihrer Ablasszahlungen, mit denen sich die Kirche völlig maß- und schamlos bereicherte.

In Anlehnung an das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist die Wallfahrtssaison mit „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer (Mt, 9,13) – die Berufung des Matthäus und das Mahl mit den Zöllnern“ überschrieben.

Wie so oft wurde auch hier wiedermal ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen. Weiter heißt es: Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten. (Quelle: Mt 9,13 EU) Jesus hat also offenbar kein Interesse an gerechten Menschen, er hat sich auf Sünder spezialisiert.

Nur wenige Zeilen weiter heißt es:

  • Als sie gegangen waren, brachte man zu Jesus einen Stummen, der von einem Dämon besessen war. Er trieb den Dämon aus, und der Stumme konnte reden. Alle Leute staunten und sagten: So etwas ist in Israel noch nie geschehen. Die Pharisäer aber sagten: Mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus. (Quelle: Mt 9:32-34, EU)

Welche Bedeutung sollen Aussagen eines Endzeit-Sektenführers aus dem Vormittelalter, der einem primitiven Wüstenvolk die baldige Ankunft seines Gottes verkündigte und nebenbei noch Dämonen austrieb, für uns heute noch haben?

Der ganze Abschnitt, aus dem diese Zeilen stammen, ist nichts weiter als eine Ansammlung von fiktiven Wundergeschichten, die allesamt aus früheren Göttersagen, Mythen und Legenden stammen. Wunderheilungen in Form von Exorzismen (man hielt Krankheiten damals für Dämonen), die Auferweckung von Toten, Lahme, die wieder gehen können – nichts davon ist original christlich, diese Geschichten wurden der Phantasiegestalt Jesus Christus nur zugeschrieben, um seine Göttlichkeit zu beweisen.

Und natürlich bietet die Bibel – wen wunderts – auch genug Stellen, die mit Barmherzigkeit so gar nichts zu tun haben. Hier nur einige Beispiele aus dem Neuen Testament:

  • Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.
    (Quelle: Mt10, 28 EU)
  • Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. Auch dem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.
    (Quelle: Mt 12:31-32 EU)
    (Die Strafe für Gotteslästerung ist Tod durch Steinigung, siehe 3. Mo 24,16)
  • Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.
    (Quelle: Mt 13, 30 EU)
  • Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.
    (Quelle: Mt 18,6 EU)

Um der Bibel – auch und gerade dem Neuen Testament – eine wenigstens halbwegs brauchbare moralische Aussage entnehmen zu können, muss man die inhumane Grundaussage ignorieren und gezielt einzelne Sätze oder auch nur Halbsätze aus dem Zusammenhang reißen. Kein gläubiger Mensch würde einen solch unredlichen Umgang mit einem Text akzeptieren – außer, es geht um biblische Texte, bei denen man gar keine andere Wahl hat.

Nach dem „Blutwunder von Walldürn“ 1330, begann man aus vielen Teilen Deutschlands an diesen Ort zu pilgern. Bis heute sind es jährlich etwa 100.000 Pilger im Jahr.

Ein nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Faktor. Natürlich gibt es auch viele andere Anbieter, die Menschen mit Illusionen das Geld aus der Tasche ziehen, aber diese Anbieter haben meist mehr zu bieten als ein schmutziges Tischtuch aus dem 14. Jahrhundert.

Nach einem alten Pestgelübde im thüringischen Eichsfeld entstand die hiesige Prozession.

Auch dieser Grund für eine Prozession ist aus heutiger Sicht lachhaft. Niemand glaubt heute wohl noch ernsthaft, dass ein Gelübde tatsächlich gegen eine Seuche hilft – außer vielleicht, dass man verschont blieb, indem man Pestregionen mied. Weitere Informationen zur heutigen Wallfahrt findet der interessierte Leser – genauso wie der Autor des Originalartikels – auf Wikipedia.

Die vielen Pilger finden durch den gemeinsamen Weg mit Gleichgesinnten religiöse Bekräftigung. Sie sehen vor allem auch eine Chance für Besinnung, Konzentration auf das Wesentliche im Leben und innere Einkehr.

Es wäre interessant, die Wanderer mal zu fragen, welche Rolle aus ihrer Sicht ausgerechnet ein mittelalterliches Tischtuch mit Weinflecken für “Besinnung, Konzentration auf das Wesentliche im Leben und innere Einkehr” spielt und ob ob es noch andere Bereiche in ihrem Leben gibt, in denen obskure Reliquien eine besondere Bedeutung haben.

Vermutlich dürfte es auch in diesem Fall so sein wie bei allen anderen Veranstaltungen und Ritualen mit christlichem Hintergrund: Der eigentliche Grund ist für die allermeisten Menschen absolut bedeutungslos, sie nutzen nur noch die religiöse Rituale und Zeremonien nur für folkloristische, traditionelle oder vielleicht noch spirituelle (Gruppen-)erlebnisse.

Dafür sind sie auch bereit, regelmäßig von den Religionsdienern ermahnt zu werden, dass der (praktisch immer völlig absurde) eigentliche Grund (Jungfrauengeburt, Himmelfahrt, Blutwunder, Sakramente…) aber ja nicht vergessen werden dürfe.

Noch skurriler mutet die Diskussion um die Anerkennung von Međugorje als Wallfahrtsort an. Hier haben geschäftstüchtige Menschen eine florierende Pilgerindustrie schon vor der Anerkennung als Wallfahrtsort entwickelt und man kann es gar nicht glauben, dass sogar der Papst das angebliche Marienwunder für Kokolores hält (bzw. es nicht mit der “christlichen Identität” vereinbaren kann, wie er es umschrieb).

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Für alle, die sich für das Thema Wunderglaube interessieren, gibts hier noch einen weiteren Filmtipp!

*Alle als Zitat gekennzeichnete Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalartikel.
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