Gedanken zu: Ein leuchtender Stern für die Rettungskräfte

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Gedanken zu: Ein leuchtender Stern für die Rettungskräfte, Originalartikel verfasst von Hanns Friedrich, veröffentlicht am 24. Oktober 2016 von mainpost.de

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. Mit diesem Bibelvers begrüßte die Pfarrerin die Gottesdienstbesucher.*

Wie immer, wenn in religiösen Verkündigungen Bibelstellen zitiert werden, lohnt sich ein Blick auf den Text, aus dem der jeweilige Vers herausgepickt worden war. So auch in diesem Fall. Denn nach dem harmlos und hoffnungsvoll klingenden Satz geht es so weiter:

  • 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
  • 14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.
  • 15 Denn siehe, der HERR wird kommen mit Feuer und seine Wagen wie ein Wetter, dass er vergelte im Grimm seines Zorns und mit Schelten in Feuerflammen.
  • 16 Denn der HERR wird durch Feuer die ganze Erde richten und durch sein Schwert alles Fleisch, und der vom HERRN Getöteten werden viele sein.
  • 17 Die sich heiligen und reinigen für das Opfer in den Gärten dem einen nach, der in der Mitte ist, und Schweinefleisch essen, gräuliches Getier und Mäuse, die sollen miteinander weggerafft werden, spricht der HERR. (Jesaja 66, 13-17 LUT)

Dieser Gott spendet also offenbar nicht nur mütterlichen Trost. Sondern er kümmert sich auch darum, dass alle, die nicht an ihn glauben oder die sich nicht an seine Gesetze halten, gnadenlos vernichtet werden.

Der Trost eines Rachegottes

Was hat der angebliche Trost dieses Rachegottes, den sich Menschen in der Bronzezeit ausgedacht hatten, mit der Arbeit von Rettungskräften im 21. Jahrhundert zu tun? Wieso wählte Tina Mertten nur den einen, für sich genommenen unverfänglichen Satz? Und nicht einen der anderen Sätze dieses Abschnittes? Da geht es schließlich auch um Leben und Tod.

Mit der nächsten verwendeten Bibelstelle wird es erwartungsgemäß nicht besser. Auch hier wurde wieder ein einzelner Satz aus dem Zusammenhang gerissen:

Dann konnte ich schlafen und das Dunkel hat mich nicht mehr geschreckt.

Denn liest man nur einige Zeilen weiter, so ergibt sich auch hier wieder ein ganz anderes Bild als das des angeblich lieben Gottes, wie es der Wunschvorstellung von Frau Ursula Schäfer vermutlich entsprechen dürfte.

Da wird Gott als einer beschrieben, den man offenbar auch um Unterstützung im Kampf und Hass gegen Un- und Andersgläubige bitten kann:

  • 19 Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!
  • 20 Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.
  • 21 Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?
  • 22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden. (Psalm 139, 19-22 LUT)

Nochmal stellt sich die Frage: Was sollen diese verstörenden, inhumanen Geschichten mit dem körperlich und emotional sicher nicht immer einfachen Job von Rettungssanitätern zu tun haben? Einem Job, den auch Menschen leisten, die nicht an Jahwe glauben? Und laut Bibel deshalb gehasst und vernichtet werden müssen?

Würde Gott vielleicht tatsächlich helfend eingreifen, wenn seine Anhänger seine Gebote wieder befolgen und Un- und Andersgläubige vernichten würden?

Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung

Ist es nicht völlig paradox, absurd und unlogisch, einen angeblich allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott um irgendetwas zu bitten oder ihm für irgendetwas zu danken?

Entweder ist alles, was geschieht, Gottes unergründlicher Plan. Oder aber Gott hat nicht die ihm zugeschriebenen Eigenschaften. Ein solcher Gott müsste vielmehr wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden.

Menschen können einander Trost spenden. Göttlicher Trost ist eine bestenfalls tröstliche Illusion. Es erstaunt kaum, dass immer weniger Menschen auf diese Illusion hereinfallen oder sie für irgendwie bedeutsam halten. Wie auch dem Bild zum Artikel zu entnehmen ist, scheint der Bedarf an fiktivem Trost für Rettungskräfte nicht mehr allzu groß zu sein.

Abraham als Vorbild für Rettungskräfte

Und schließlich muss auch noch Abraham herhalten. Also der Abraham, dem Gott beauftragt hatte, dass er seinen Sohn Isaak als Menschenopfer für Gott abschlachten sollte und dessen Sohn nur überlebte, weil es sich Gott im letzten Moment doch noch anders überlegt hatte:

So sei es auch in dem zu Ende gehenden Jahr gewesen. „Es gab Sternstunden, in denen alles gut gelaufen ist, aber auch Momente, in denen sie einen Stern gebraucht haben, an dessen Licht sie sich halten konnten.“ Tina Mertten gab den Rettungskräften mit, dass sie wie Abraham wissen sollten, dass Gott an ihrer Seite steht. Rettungskräfte sollten, wie Abraham, selbst zum Segen werden.

Viele Ursachen haben damit zu tun, ob ein Rettungseinsatz erfolgreich verläuft oder nicht. Eine Ursache kann und sollte aber bis zum Beweis des Gegenteils ausgeschlossen werden. Man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass keine Götter, Geister oder Gottessöhne ihre Hände im Spiel hatten. Und deshalb sollte man auch nicht so tun, als sei es so.

Sollte wider jede Wahrscheinlichkeit tatsächlich ein allmächtiges Wesenhi an der Seite von Menschen stehen, so spielt er keine erkennbare Rolle. Und zwar unabhängig davon, wie sehr es sich jemand wünscht. Oder welche Geschichten sich dazu in einer antiken Mythen- und Legendensammlung finden.

Vermischung von Wunsch und Wirklichkeit

Die religiöse Scheinwirklichkeit hat nichts mit der natürlichen, irdischen Wirklichkeit zu tun. Also mit der Wirklichkeit, in der Unfälle und Katastrophen passieren. In der Rettungseinsätze gelingen – oder auch mal nicht gelingen.

Ein tatsächlicher Eingriff von überirdischen Wesen ins irdische Geschehen ist nicht und war noch niemals seriös beleg- und erkennbar. Solche Vorstellungen sind Projektionen menschlicher Wünsche und Ängste auf ein ebenso menschliches Phantasieprodukt. Kein Gebet wurde je erhört in dem Sinne, dass ein Gott daraufhin nachweislich seinen göttlichen Plan geändert hätte.

Wohingegen Rettungskräfte für ihre Arbeit natürlich trotzdem höchste Anerkennung verdienen. Sowie besonderer Dank denen, die sich hier ehrenamtlich engagieren. Und zwar Respekt und Dank um ihres persönlichen Einsatzes willen.

Dazu braucht es keinerlei absurden und beliebig auslegbaren Mythen und Legenden über einen inhumanen, rachsüchtigen Gott aus der Bronzezeit.

Statt erfundene Götter um Trost und um leuchtende Sterne zu bitten, sollte man besser Methoden wählen, die Menschen tatsächlich helfen. Man könnte zum Beispiel das Rote Kreuz unterstützen, das mit einem Kriseninterventionsteam bei Katastrophenfällen psychosoziale Ersthilfe für Rettungskräfte leistet.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Artikel.
**Bibelstellen mit dem Kürzel LUT: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.

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