Du siehst mich – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum evangelischen Kirchentag 2017

Du siehst mich – Das Wort zum Wort zum Sonntag, Originalbeitrag zum Kirchentag 2017 verkündigt von Alfred Buß (ev.), veröffentlicht am 27.5.2017 von ARD/daserste.de

[…] Es ist auch Kirchentag – in Berlin und hier in Wittenberg, dem Ausgangpunkt der Reformation vor 500 Jahren. Mit zigtausenden Besuchern.*

Was nach viel klingt, war wohl nach aktuellem Stand viel weniger als erwartet. “Kein Interesse: Nur ein Drittel der Karten für Kirchentag in Leipzig verkauft”, titelte die Leipziger Volkszeitung in einem Artikel vom 26. Mai 2017.

Weiter heißt es: “Die Organisatoren des “Kirchentags auf dem Weg” in Leipzig beklagen sich über mangelndes Interesse. Statt geplanter 50.000 Teilnehmer werden es wohl gerade 15.000 sein.”

Auch am Hauptveranstaltungsort Berlin blieben die Besucherzahlen offenbar weit hinter den Erwartungen zurück, wie in diesem Artikel des hpd zu erfahren ist. Da ist man mit “zigtausenden Besuchern” auf jeden Fall auf der sicheren Seite…

Kommt drauf an…

[…] Du siehst mich? Ich habe junge Kirchentagsbesucher gefragt: Was sagt euch das? Du siehst mich.

Unisono bekam ich diese Antwort: Kommt drauf an, wer mich ansieht. Es gibt kalte Blicke, die wollen in mich hineinsehen und lassen mich frieren. Aber wenn Gott mich ansieht, macht mich das frei.

Nanu? Nach christlicher Vorstellung schauen doch keine Blicke tiefer in Menschen hinein als die ihres Gottes? Der ausnahmslos jeden noch so geheimsten Gedanken kennen soll? Und ausgerechnet diese nicht steigerbare Form von “hineinsehen” soll frei machen? Dieser allwissende Gott sieht nicht hinein, sondern nur an?

Das Praktische an erfundenen Geschichten ist, dass man sie sich nach Belieben so zusammenspinnen kann, wie sie einem am besten gefallen. Natürlich kann jeder Gott genau die Eigenschaften haben, die den persönlichen Wünschen und Vorstellungen am besten entsprechen. Schließlich hat das Ganze ja nichts mit der natürlichen Wirklichkeit zu tun. Trotzdem ist zu befürchten, dass die befragten jungen Kirchentagsbesucher genau diese Unterscheidung zwischen religiöser Wunsch- und natürlicher Wirklichkeit nicht immer auseinanderhalten können.

Ein Mädchen: Das ist, als wenn ein Freund zu mir sagt: Gut siehst du aus!

Jaaa – das ist ein Gott, wie ihn sich Mädchen wünschen. Was gibts denn tolleres als ein überirdisches, allmächtiges Schöpferwesen, das evangelischen Teenies Komplimente macht? Da kommt kein schöner Prinz und kein Teenie-Star mit, wie sie sich Mädchen in einem gewissen Alter zusammenspinnen und nach deren Liebe und Zuneigung sie sich sehnen. But for now – it’s just another Chelsea Monday…

Gott verdreht die Augen – und bebt vor Zorn

Und dann sah ich ein Plakat, hier in Wittenberg: Wenn Gott wirklich alles sieht, stand da, verdreht er auch manchmal die Augen? Bestimmt verdreht Gott nicht nur die Augen, er bebt vor Zorn, wenn Kinder an Europas Grenzen ertrinken oder der IS Kinder ermordet, wie in Manchester.

SuendeEin allmächtiger, allwissender, allgütiger Schöpfergott bebt vor Zorn? Weil er nicht in der Lage war, eine bessere Welt als diese zu schöpfen? Wie anders als “vollkommen absurd” könnte man eine solche Vorstellung bezeichnen? Leider geht aus dem Beitrag nicht hervor, ob das Plakat vom Kirchentag stammte oder nicht.

Und wieder hat Gott – Überraschung – genau die selben Wertvorstellungen wie der, der ihn sich auf biblischer Grundlage zusammenimaginiert. Früher hatte derselbe Gott nämlich noch ganz andere Gründe, um vor Zorn die Augen zu verdrehen:

  • [Gott spricht:] So zieh nun hin und schlag Amalek. Und vollstreckt den Bann an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel. (1. Sam 15,3 LUT)
  • Es soll ein Drittel von dir an der Pest sterben und durch Hunger vernichtet werden in deiner Mitte, und das zweite Drittel soll durchs Schwert fallen rings um dich her, und das letzte Drittel will ich in alle Winde zerstreuen und will hinter ihnen her das Schwert ziehen. (Hes 5,12 LUT)
  • Und der Zorn des HERRN entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen sie und sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda! (2. Sam 24,1 LUT)

Jede Menge weitere Gründe, warum der liebe Gott früher zornig wurde, finden sich hier. Oder natürlich auch direkt in der Bibel. Wo das Wort “Zorn” ganze 455 Mal vorkommt.

Missstände, Katastrophen und menschliche Schicksale sind real – anders als Götter

Was genau Gott angeblich zornig macht, liegt also einzig im Auge des Betrachters. Oder genauer, an dessen eigenen Wertvorstellungen. Das Fatale: Während es völlig irrelevant ist, was Phantasiewesen angeblich erzürnt, sind die vielfältigen Missstände, Katastrophen und menschliche Schicksale tatsächlich real.

Nachdem der Christengott seinen Zorn inzwischen offenbar im Griff zu haben scheint und sich jedenfalls aus dem irdischen Geschehen komplett heraushält, spielen dessen angebliche Gefühlsregungen auch keine Rolle.

Nicht, weil ein imaginäres Wesen die ebenso imaginären Augen verdrehen und zornig werden könnte, sondern im Interesse der Mitmenschen sind Menschen herausgefordert, etwas gegen  Missstände zu unternehmen.

Göttern, Geistern und Gottessöhnen ist es bis zum Beweis des Gegenteils völlig egal, was eine bestimmte Trockennasenaffenart auf einem kleinen Planeten irgendwo im Weltall so veranstaltet.

Denn Gott ist ein Gott der Lebenden und der Toten. Ihm ist nicht gleichgültig, was mit seinen Menschen geschieht.

Wenn es Gott tatsächlich nicht gleichgültig wäre, was mit “seinen” Menschen (sind das alle? Oder nur die, die ihn für wahr halten?) geschieht, dann hätte er als allmächtiger Schöpfer die Möglichkeit, die Welt so zu gestalten, dass “seine” Menschen ohne Leid und Elend leben können. Wenn er die Möglichkeit nicht hat, ist er nicht allmächtig. Wenn er Gründe dafür hat, die Welt trotz Allmacht mit Leid und Schmerz auszustatten, dann ist er ein Sadist. Oder es ist ihm eben doch gleichgültig.

Die Behauptung eines allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gottes, dem nicht gleichgültig ist, was mit seinen Menschen geschieht, lässt sich redlicherweise nicht mit der täglich beobachtbaren irdischen Wirklichkeit in Einklang bringen.

Ultraschall-Gott?

Er sah dich schon, als du noch gar nicht geboren warst.

Was versprechen sich Menschen davon, so etwas für wahr zu halten? Und was verannlast erwachsene, ansonsten vermutlich klar denkende und aufgeklärte Menschen im 21. Jahrhundert, Menschen mit solchen Hirngespinsten in die Irre zu führen?

Und er wird nie aufhören, dich anzusehen mit dem Blick der Güte.

Da starrt also ein überirdisches Phantasiewesen unentwegt und zeitlich unbegrenzt mit dem Blick der Güte zum Beispiel das Kind an, während dieses gerade qualvoll verhungert? Oder irgendwo im Mittelmeer gegen das Ertrinken ankämpft? Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert.

Das legte die Reformation wieder frei vor 500 Jahren – gegen die Angst, die die Kirche den Menschen machte mit Gott.

Gott als Popanz eigener Interessen und pfarrherrlicher Macht.

Mit Gott zu drohen blieb auch den Protestanten nicht fremd. Leider.

Das funktioniert(e) ja auch so hervorragend: In monotheistischen Religionen wie dem Christentum ist Angst der Dreh- und Angelpunkt schlechthin. Je größer die Angst vor allem und jedem, desto größer die Anfälligkeit für dubiose, fiktive Heilsversprechen, wie sie die christliche Lehre im Angebot hat.

Gott als Popanz eigener Interessen und pfarrherrlicher Macht

Was sollte Gott denn sonst sein außer genau das: Popanz eigener Interessen und pfarrherrlicher Macht? Und für manche Gläubige vielleicht noch eine irgendwie hoffnungsvolle Illusion?

Eine Anekdote erzählt: Kinder machen sich einen Spaß daraus, leckere Äpfel aus dem Pfarrgarten zu klauen. Erbost hängt der Pfarrer ein Schild auf: Der liebe Gott sieht alles! Am nächsten Tag liest er darauf in krakeliger Kinderschrift: Aber er verrät uns nicht. Gott verrät uns nicht.

Ganz genau. Selbst wenn ein “lieber Gott” entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, Plausiblität und Logik tatsächlich existieren und alles sehen sollte, so hält er es bis jetzt jedenfalls noch nicht für angebracht, irgendwie ins Geschehen einzugreifen.

Weder, um Äpfeldiebe zu verpetzen, noch, um etwas gegen irdisches Leid, Schmerz und Elend zu unternehmen. Der Allmächtige müsste wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden, würde er tatsächlich existieren.

Das gibt Rückenwind und Freude.

Ein erwachsener Mensch im 21. Jahrhundert freut sich darüber, dass er von seinem imaginären Freund pausenlos beobachtet wird. Und das hält er für so bedeutsam, dass er es, finanziert von öffentlicher Hand und ermöglicht durch eine mehr als fragwürdige Sonderprivilegierung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verkündigen muss. Halleluja.

Glaubensfeste wie den Kirchentag gefälligst selber bezahlen!

Und lässt die Menschen singen. Wie der ganze Kirchentag singt und hier die Menschen in den Elbwiesen.

Und noch einmal sei auch die evangelische Kirche an dieser Stelle an Moses und das 11. Gebot erinnert und ermahnt: “Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!” Keine öffentlichen Gelder für Sing- und Sommerfeste religiöser Gruppierungen!

Keine Frage: Solche Feste haben bestimmt auch viele positive Aspekte. Schon allein, indem sie Menschen zusammenbringen. Man könnte fast Mitleid mit den Veranstaltern empfinden, die es trotz Millionenschwerer Subventionierung und einer umfangreichen Marketingaktion nicht geschafft haben, die angepeilte Anzahl an (zahlenden) Besuchern auch nur ansatzweise zu erreichen. Und sicher gibt es neben der Verbreitung von religiösen Scheinwahrheiten wie der vom Spanner-Gott auch Themen, die tatsächlich wertvolle Beiträge zu aktuellen, realen Themen sein könnten.

Wenn aber die Zufriedenheit von Göttern als Grund für Maßnahmen wie Versöhnung genannt wird, dann möge dies die Kirche gefälligst selbst finanzieren:

Versöhnung ist heute nötiger denn je. Versöhnung soll jetzt ausgehen vom Ort der Reformation, damit Gott nicht mehr die Augen verdrehen muss.

Versöhnung soll jetzt ausgehen von den Menschen. Und zwar nicht, damit ein bestimmtes Phantasiewesen nicht mehr die Augen verdrehen muss. Sondern um der Mitmenschen willen!

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.
**Wir haben keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.

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Letzte Aktualisierung: 29. Mai 2017