Beten in aller Öffentlichkeit? – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Beten in aller Öffentlichkeit? – Das Wort zum Wort zum Sonntag, Originalbeitrag verkündet von Dr. Wolfgang Beck (kath.), veröffentlicht am 15.9.2017 von ARD/daserste.de

soll ich oder soll ich nicht? – Ich sitze im Restaurant, das Essen kommt. Da ist er wieder, dieser kleine, peinliche Moment: Soll ich jetzt ein kleines Dankgebet halten, bevor ich den ersten Bissen in den Mund schiebe, so wie ich das zuhause ganz automatisch mache? Oder lieber nicht? Könnte es irgendwie blöd wirken, oder peinlich!?

Danke, Jesus...Herr Dr. Beck, es ist doch Ihre Privatangelegenheit, wem Sie für das von Ihnen bestellte und von Menschen für Sie hergestellte, verarbeitete, zubereitete und servierte Essen danken.

Wenn Sie der Meinung sind, dass dafür – aus welchen Gründen auch immer – einem bestimmten Wüstengott Ihr Dank gebührt, dann danken Sie ihm doch einfach. Oder seinem Sohn. Es ist völlig irrelevant. Solange Sie durch Ihr Beten keine gleichberechtigten Interessen Anderer verletzen.

Und die “Anderen” indes sollten es anstandslos tolerieren können, wenn Sie aus religiösen Gründen vor dem Essen ein paar Gesten ausführen, die in Ihrer religiösen Vorstellungswelt eine bestimmte Bedeutung haben. Solange Sie niemanden dazu auffordern, sich Ihren Riten und Handzeichen-Zeremonien anzuschließen, mitzusingen oder während Ihres Gebetes zu schweigen…

Und einmal mehr sei daran erinnert: Die Freiheit, beliebige religiöse Handzeichen ungestraft öffentlich zur Schau zu stellen, solange sie nicht gegen geltendes Recht verstoßen oder gleichberechtigte Interessen Anderer verletzen, verdanken Sie der Aufklärung.

Beten: “irgendwie blöd” oder “peinlich”?

Die Frage, ob es irgendwie blöd oder peinlich wirkt, wenn ein erwachsener, ansonsten wohl aufgeklärt denkender Mensch im 21. Jahrhundert noch Götter verehrt, müssten Sie sich entweder mal selbst beantworten. Oder Sie ignorieren Sie einfach.

Wobei Letzteres zur Vermeidung der unangenehmen kognitiven Dissonanz zwischen klarem Denken und religiöser Wunschvorstellung wahrscheinlich die bequemere Lösung sein dürfte.

Zumal es für Sie ja auch aus beruflicher Sicht angebracht sein dürfte, hier lieber nicht zu viel nachzudenken. Und stattdessen einfach das für wahr zu halten, was die katholische Glaubenslehre ihren Anhängern nun mal so alles bietet. Oder abverlangt – wie man’s nimmt.

“Jetzt doch erst recht”, werden manche rufen.

Wieso “Jetzt doch erst recht”? Um was genau zu bezwecken? Mitleid? Oder Zusatz-Pluspunkte sammeln fürs Jenseits? Ein kleiner Beitrag zur Vermehrung des eigenen “Gnadenkapitals” (diesen Begriff gibts tatsächlich)?

Beten als persönliche Privatangelegenheit

[…] Jesus ruft die Menschen im Matthäusevangelium regelrecht dazu auf, hinter verschlossener Tür zu beten und in Formen ihren Glauben zu leben, die die anderen vielleicht kaum mitbekommen.

Eine Bibelstelle, die gerade von religiösen Verkündigern allzu gerne ignoriert wird. Dabei wäre überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn Erwachsene ihren religiösen Glauben als ihre persönliche Privatangelegenheit betrachten und dementsprechend auch privat bzw. unter sich ausleben würden. Die Gedanken und damit auch die religiösen Gedanken aller Art sind frei. Nicht mal Götter kennen sie, so frei sind die.

Stattdessen meinen Kirchenvertreter zum Beispiel auch gerade jetzt vor der Bundestagswahl wieder, durch allerlei öffentliche Kommentare und Aktionen die angebliche Relevanz ihrer religiösen Scheinwirklichkeit unter Beweis stellen zu müssen. “Kirche muss sich einmischen”, “Kirche ist immer auch politisch” und Ähnliches behaupten die Kirchendiener da oft und gerne.

Das Gebet soll dabei vor allem eine Sache zwischen Gott und mir sein.

Und dagegen ist ja auch wirklich überhaupt nichts einzuwenden. Es ist Ihre persönliche Privatangelegenheit, mit welchen imaginären Freunden Sie sich unterhalten. Und worüber.

Beten, ohne peinlich zu wirken

[…] Ich selbst habe für mich im Restaurant einen Mittelweg gefunden: Natürlich bete ich im Stillen, aber es muss nicht immer mit einem Kreuzzeichen oder gefalteten Händen sein.

A propos peinlich: Mir erscheint die Überzeugung, ein bestimmtes “übernatürliches” Wesen, das sich ein orientales Wüstenvolk in der Bronzezeit ausgedacht hatte würde alle meine Gedanken permanent “mitlesen” wesentlich peinlicher als eine äußerlich sichtbare Geste wie ein Kreuzzeichen oder gefaltete Hände.

Im Gegenteil, uns Christen steht es gut zu Gesicht, skeptisch zu beobachten, wo das Gebet instrumentalisiert wird. Es dient häufig bloß der eigenen Imagepflege.

Herr Dr. Beck, wie wollen Sie das beurteilen können? Woran können Sie erkennen, dass es die Leute, die ihre Gebetszeremonien öffentlich zur Schau stellen, nicht mindestens genauso ernst meinen wie Sie? Und profitieren Sie nicht auch jedes Mal davon, wenn sich irgendwer öffentlich zu seinem Glauben bekennt?

Und welchem Zweck dient ein Gebet Ihrer Meinung nach sonst, außer der eigenen Imagepflege? Oder genauer, der Pflege des Egos, das sich offenbar gut damit fühlt, wenn es sich vom Allmächtigen persönlich erhört fühlen darf?

Besonders fromm sein oder sich nur dafür halten?

Politiker lassen sich, wie jüngst bei Donald Trump gesehen, beim Beten filmen. Das hilft ja schließlich, Gruppierungen für sich zu gewinnen, die sich für besonders fromm halten.

Woran kann man unterscheiden, wer sich für besonders fromm hält und wer tatsächlich besonders fromm ist? Ist Frömmigkeit demzufolge etwa ein Makel? Oder haben wir es hier mit dem altbekannten Phänomen “kein wahrer Schotte” zu tun? Die tun ja nur so, das sind keine richtigen Christen? Hält sich der Papst auch nur für besonders fromm, wenn er sich beim Beten filmen lässt? Und was ist mit den religiösen Verkündern im Rundfunk? Oder im Internet?

Mit dem Gebet kann es kompliziert sein.

Eigentlich ist es mit dem Gebet ganz einfach: Noch kein einziges Gebet wurde je von irgendeinem Gott erhört in der Art, dass dieser daraufhin nachweislich ins Geschehen eingegriffen und seinen göttlichen Allmachtsplan geändert hätte.

Kompliziert wird es erst, wenn man als halbwegs aufgeklärter Mensch versucht, solches für wahr zu halten. Aber damit muss nur derjenige klar kommen können, der Gebete für sinnvoll halten möchte. Und der darin mehr sehen möchte als das, was es tatsächlich ist: Ein autosuggestives Placebo.

[…] Das persönliche Gebet darf nicht zu einer Demonstration werden.

Wie oben schon angedeutet: Gegen Glaube aller Art als Privatangelegenheit von Erwachsenen gibt es aus meiner Sicht nichts einzuwenden, solange sich das Ganze im Rahmen der rechtlichen und ethischen Normen abspielt.

In der Öffentlichkeit, zu der auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen und besonders auch Schulen zählen, hat die Verbreitung von religiösem Glauben meiner Meinung nach nichts zu suchen. Und schon gar nicht auf Kosten der Allgemeinheit.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalartikel.
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Letzte Aktualisierung: 17. September 2017