Gebetslogik: Theorie des Betens

Gebetslogik: Fragt man Christen, wie sie sich die Funktionsweise von Gebeten konkret vorstellen, wird man mit den unterschiedlichsten Ansichten konfrontiert.

Ganz ungeachtet dieser Nebulösität, was die Gebetslogik angeht verbringen Christen natürlich trotzdem mehr oder weniger viel Zeit damit, eifrig drauf los zu beten.

Sie bitten Gott oder bestimmte “Fürsprecher” um alles Mögliche. Obwohl sie gleichzeitig oft behaupten, Gott sei keine “Wunschmaschine.” Sie bedanken sich für dies und das. Ohne freilich irgendeinen Anhaltspunkt zu haben, dass der, dem sie sich zu Dank verpflichtet fühlen, tatsächlich seine Finger oder was auch immer überhaupt im Spiel hatte.

Es scheint also alles andere als klar festgelegt und allgemein verbindlich anerkannt zu sein, was denn nun Gebete tatsächlich bewirken sollen. Ob es etwa sinnvoll ist, einen Wüstengott mit kritikwürdigem Charakter um etwas zu bitten. Oder ihm für irgendwas auch noch zu danken.

Und trotz dieser grundlegenden Unklarheit haben Christen interessante Muster, nach denen sie ihrem Gott danken.

Gebetslogik am Beispiel Wettersegen

Betrachten wir zum Beispiel – jahreszeitlich passend – das Thema Erntedank. Der Ernteerfolg hängt ja maßgeblich vom Wettergeschehen ab.

Glaubt man den biblischen Texten, so dürfte Jahwe vor seiner Tätigkeit als dreifaltiger Lieber Gott der Christen unter anderem ja auch mal als Wettergott tätig gewesen sein.

Und offensichtlich hält man ihn auch heute noch für zuständig, wenn es um günstiges Wetter geht. Denn eine Beschwörungsformel, mit dem katholische Christen ihren Gott um gutes Wetter bitten, lautet (Hervorhebungen von mir):

  • (Zelebrant) Gott, du Schöpfer aller Dinge, du hast uns Menschen die Welt anvertraut und willst, dass wir ihre Kräfte nützen.
    Aus dem Reichtum deiner Liebe schenkst du uns die Früchte der Erde: den Ertrag aus Garten und Acker, Weinberg und Wald, damit wir mit frohem und dankbaren Herzen dir dienen.
    Erhöre unser Gebet:
    Halte Ungewitter und Hagel, Überschwemmung und Dürre, Frost und alles, was uns schaden mag, von uns fern.
    Schenke uns alles, was wir zum Leben brauchen.
    Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen!
    Und der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, komme auf euch herab und bleibe bei euch allezeit.
  • (Alle) Amen.”
    (Quelle: Wikipedia)

Wer als katholischer Christ eine solche Gebetslogik für sinnvoll hält, der geht offenbar davon aus, das Wettergeschehen sei etwas, das Gott im Interesse des Betenden positiv beeinflusst, wenn man ihn nur inständig genug darum bittet.

So eine Vorstellung passt perfekt in die Zeit, in der sich Menschen diesen Gott ausgedacht hatten. Aber wie passt eine solche Gebetslogik ins 21. Jahrhundert…?

Da freut sich der liebe Gott aber…

Und natürlich dürfte es dem eifersüchtigen Christengott sehr schmeicheln, dass sich seine sündigen auserwählten Kreaturen eine reiche Ernte für sich nur deshalb erbitten, um ihm mit frohem und dankbaren Herzen dienen zu können.

Wer auch immer sich diese Zauberformel irgendwann mal ausgedacht hatte: Er scheint diesen narzisstischen Gott sehr gut gekannt zu haben 😉

Allerdings scheint er es auch nicht seltsam gefunden zu haben, wieso ein doch sowieso allmächtiger Gott so dermaßen scharf auf Verehrung durch Unterwerfungsriten seiner Anhänger fixiert sein kann.

Erntedank

Betrachten wir das Phänomen “Erntedank:” Hier sieht die christliche Gebetslogik* heute noch im Großen und Ganzen genauso aus wie zu den Zeiten, in denen sich Menschen erstmals Götter ausgedacht hatten:

  • Keine besonderen Vorkommnisse bzw. nur moderate Ärgernisse:
    > Dankgottesdienst
  • Naturkatastrophe, Nachbardorf kaputt, eigenes Dorf intakt:
    > Dankgottesdienst
  • Naturkatastrophe, eigenes Dorf kaputt:
    > Bußgottesdienst
  • Grundsätzlich 1 Jahr danach:
    > Gedenkgottesdienst

Gebetslogik

Bußgottesdienste: Nicht mehr so angesagt

Der einzige Unterschied zu heute ist wohl nur, dass Bußgottesdienste etwas aus der Mode gekommen sind. Schließlich würde man damit die Schuld für etwas auf sich nehmen, zu dem man gar nichts kann. Wie in diesem Fall für schlechtes Wetter oder Naturkatastrophen.

Menschen, die heute noch ernsthaft glauben, ein Wirbelsturm sei die Strafe Gottes für menschliches Fehlverhalten, den dürften auch die meisten Christen als nicht ganz dicht im Oberstübchen einschätzen. Was nicht heißt, dass es nicht auch noch erschreckend viele Christen gibt, die genau dies behaupten. Natürlich sauber biblisch “begründet.”

Das kommt davon, wenn man sich auf Texte beruft, die Menschen basierend auf einem vergleichsweise lächerlich geringen Wissens- und Erkenntnisstand darüber, wie die Dinge auf der Welt so funktionieren vor zwei- bis viertausend Jahren aufgeschrieben hatten.

Und trotzdem gibt es auch 2017 noch Bußgottesdienste. Oder auch einen Buß- und Bettag. Da gehts dann aber eher selten um das Schuldeingeständnis für landwirtschaftlich ungünstiges Wetter.

Theorie des Betens

Was uns offensichtlich noch fehlt, ist eine Theorie des Betens. Diese würde wichtige Fragen wie die folgenden beantworten:

  • Wie verhalten sich Gebete verschiedener Beter zur selben Gottheit bzgl. sich widersprechender Anliegen?
  • Wie verhalten sich Gebete zu unterschiedlichen Gottheiten, die sich inhaltlich ergänzen oder widersprechen?
  • Welchen Status haben Gebete zu ausgestorbenen oder aktuell eher unpopulären Gottheiten?
  • Welche relative Wertigkeit haben Gebete von Fachleuten wie Priestern im Vergleich zu Gebeten von Laien?
  • Haben Gebete von Homosexuellen oder Frauen den selben Status wie die von (heterosexuellen) Männern?

Gläubige sind herzlich eingeladen, diese Fragen zur Gebetslogik in einem Kommentar zu beantworten.

*Basierend auf einem Beitrag von Dr. Edmüller

 

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Letzte Aktualisierung: 20. Oktober 2017