Gedanken zu: “Fest der unschuldigen Kinder” – Traditionell: Lichterprozession und Rosenkranzgebet gegen die Abtreibung

Gedanken zu: “Fest der unschuldigen Kinder” – Traditionell: Lichterprozession und Rosenkranzgebet gegen die Abtreibung – Originalbeitrag verfasst von (mw), veröffentlicht am 29.12.2017 von Osthessennews

[…] Immer am 28. Dezember, dem Fest der unschuldigen Kinder, kommen Gläubige zu einem Gebet an der Mariensäule am Fuße des Fuldaer Frauenbergs zusammen. Sie beten für den Schutz der ungeborenen Kinder und für alle, die durch ihr Tun oder Unterlassen an deren Tötung mitschuldig werden.*

Mal ganz unabhängig davon, wie man zu Abtreibung oder Sterbehilfe steht: Wer meint, es sei irgendwie sinnvoll, ein sowieso allmächtiges, allwissendes und allgütiges magisches Himmelswesen um irgendetwas zu bitten, der hat sich schon allein damit als ernstzunehmender Diskussionspartner disqualifiziert.

Und zwar ganz egal, ob es sich dabei um einen scheidenden Kirchenfunktionär, einen CDU-Politiker oder um eins der Schafe handelt, die an dieser Zeremonie teilgenommen hatten.

Es ist kaum vorstellbar, dass sich selbst im Jahr 2017 mitten in Deutschland noch 100 Leute finden lassen, die offenbar kein Problem mit ihrer eigenen intellektuellen Redlichkeit und ihrem Verstand bekommen, wenn sie zu einem allmächtigen Wesen sprechen und es darum bitten, seinen Allmachtsplan in ihrem Sinne zu ändern.

Algermissen: Abtreibung “große Degenerierung der Menschenwürde”

Abtreibung sei [lt. Bischof Algermissen] eine große Degenerierung der Menschenwürde.

Wie gerade schon angedeutet: Wie sollte man mit Menschen eine sinnvolle Debatte über ernsthafte Themen wie zum Beispiel Menschenwürde führen, wenn diese eine religiös erweiterte Scheinwirklichkeit für wahr halten?

In der ein schizophrener allmächtiger Schöpfergott ins Geschehen eingreift und in der Dämonen ihr Unwesen treiben? Wo sprechende Tiere und Jungfraugeborene, auferstandene Gottessöhne vorkommen? Erfunden von Menschen zu einer Zeit, in der sich die Menschheit am Beginn der sozio-kulturellen Entwicklung befand? Von wissenschaftlicher Erkenntnis ganz zu schweigen?

Wer wie vermutlich auch Herr Algermissen die biblisch-christliche Lehre als brauchbares Fundament für ethische Überlegungen im 21. Jahrhundert hält, dem ist offenbar nicht bewusst, dass die christliche Lehre nicht mal die Mindeststandards eines Moralsystems erfüllt.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Argumenten von Leuten, die die irdische, natürliche Wirklichkeit nicht als solche anerkennen, kann kaum sinnvolle Ergebnisse liefern.

Politik-Kritik eines Realitätsverweigerers

Algermissen kritisierte auch die Politik hinsichtlich des Abtreibungsgesetzes.

Wer etwas kritisieren möchte, tut immer gut daran, seine Kritik zu begründen. In Algermissens Weltbild erhalten Menschen erst und ausschließlich durch seinen Wüstengott Würde und Sinn. Wer schon mit solch absurden Prämissen antritt, kann kaum erwarten, dass ihn jemand ernst nimmt, wenn er sich zu Themen wie Menschenwürde äußert.

Die katholische Kirche begeht das Fest der unschuldigen Kinder übrigens bereits seit dem 6. Jahrhundert. Es erinnert an jenen Tag, an dem laut der Bibel König Herodes die Kinder von Betlehem töten ließ – in der Hoffnung, dabei auch Jesus zu loszuwerden, den er als Konkurrenten ansah.

Bei allen Schandtaten, die über König Herodes überliefert wurden, findet sich diese angebliche präventive Kindstötung ausschließlich im so genannten Matthäus-Evangelium. Dieses Ereignis war also entweder so unbedeutend, dass kein außerbiblischer Schreiber darüber berichtete – oder, noch wahrscheinlicher, es hat schlicht nicht stattgefunden. Schließlich ist ja auch der Rest der biblischen Geburtslegende erfunden.

Umgekehrt ist das Motiv der Kindstötung in verschiedensten Mythologien anzutreffen (Quelle). Der anonyme Verfasser mit Pseudonym Matthäus hatte guten Grund, diese Geschichte in seiner Niederschrift unterzubringen.

Von einem Kinder-Massenmord berichtete bereits ein Narrativ aus dem “Alten Testament.” Hier ließ der ägyptische Pharao alle männlichen Babies der Israeliten in den Nil werfen, weil er eine Übermacht des versklavten Volkes fürchtete.

Generell galt es, möglichst viele angebliche Prophezeiungen aus dem “Alten Testament” jetzt als erfüllt darzustellen. Zu diesem Zweck wurde (nicht nur von Matthäus) gelogen, erfunden, weggelassen und (um-)gedeutet, dass sich die Balken biegen.

Das Interesse, Jesus als den schon lange angekündigten Gottessohn und Retter zu verkünden, war jedenfalls wesentlich größer als das Interesse, auch nur ansatzweise wahre Begebenheiten wiederzugeben. Konsequenterweise sollte die Bibel deshalb deutlich als “Fantasy” gekennzeichnet werden. Sonst glaubt am Ende noch jemand, es handle sich um etwas anderes als um menschliche Fiktion…

Fest der unschuldigen Lebewesen

Der Allmächtige, wie er in der Bibel dargestellt und von der Christenheit geglaubt wird, hat schon wirklich haarsträubende Vorstellungen von “Allgüte”. Und wieso feiert die katholische Kirche eigentlich ein “Fest der unschuldigen Kinder”, nicht aber ein “Fest der unschuldigen Lebewesen”?

  • Während die griechische Liturgie 14.000 ermordete Knaben nennt und mittelalterliche Autoren bis zu 144.000 Opfer annahmen, sprachen spätere Theologen (Joseph Knabenbauer, August Bisping) aufgrund der anzunehmenden Größe des Ortes Betlehem zu biblischen Zeiten nur noch von etwa sechs bis zwanzig erschlagenen Kindern. (Quelle: Wikipedia)

Egal, welche der Zahlen man annimmt: Es sind auf jeden Fall wesentlich weniger als die Lebewesen, die der liebe Gott bei seiner Sintflut-Aktion ersäuft hatte. Weil er mit seiner eigenen Schöpfung unzufrieden war.

Das Rosenkranzgebet für den Schutz des menschlichen Lebens an der Pestsäule wurde organisiert von der Aktion Leben e.V., der Aktion Lebensrecht für Alle e.V., dem Fatima-Weltapostolat Unserer Lieben Frau in Deutschland e.V. sowie dem Vaterhaus e.V.

Ich fände es interessant, von den Teilnehmern zu erfahren, wie sie sich die Funktionsweise ihres Rosenkranzgebetes konkret vorstellen. Ob diese Menschen tatsächlich davon ausgehen, dass ihr magischer Himmelsfreund seinen Allmachtsplan ändert, wenn sie ihn darum bitten? So, wie die fundamentalistischen Katholiken in Polen davon ausgehen, dass es sinnvoll sei, die Landesgrenzen mit Rosenkranzgebeten gegen Un- und Andersgläubige zu schützen?

Hats geholfen?

In einem Jahr werden sich die Rosenkranzbeter vermutlich wieder an der Fuldaer Pestsäule versammeln. Um gegen Abtreibung anzubeten. Bis dahin wird es entweder gleich viel, weniger oder mehr Abtreibungen gegeben haben.

Welche Schlüsse werden die Gegner von Abtreibung und Sterbehilfe aus dem dann eingetretenen Szenario ziehen?

  • Weniger Abtreibungen: Unser Gebet wurde erhört! Halleluja, preiset den Herrn!
  • Gleich viel oder mehr Abtreibungen: Wir haben nicht genug gebetet! Oder: Gottes Wege sind unergründlich!

Wie soll man mit Menschen, die so mit der Wirklichkeit umgehen, sinnvoll über ethische Aspekte von Themen wie Abtreibung oder Sterbehilfe diskutieren können?

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.

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Letzte Aktualisierung: 30. Dezember 2017