Erhört Gott meine Gebete nicht?

~ 12 Minuten

Auf der evangelischen Fragenbeantwortungswebseite fragen.evangelisch.de wollte Jens in diesem Beitrag wissen: Erhört Gott meine Gebete nicht?

In seiner Anfrage verriet Jens, dass ihm in seinem Leben “hauptsächlich Schlechtes” passiert sei. Er bete täglich, empfange aber kein göttliches Zeichen. In seiner Not erwägte er, sich mal an den Teufel zu wenden in der Hoffnung, dass dieser ihm vielleicht sein Leben erträglicher machen könne.

Die zuständige Referentin für theologische Redaktion Veronika Ullmann lieferte in ihrer Antwort ein Beispiel dafür, wie man den Umstand, dass Gott augenscheinlich keine Gebete erhört, à la evangelisch bewältigt.

Nachdem sie ihr Mitgefühl für Jens’ schwierige Situation zum Ausdruck gebracht hat, stellt sie erstmal klar, dass das mit dem Teufel keine gute Idee ist:

Teufel – hilft auch nichts. Oder doch?

[…] Wenn Sie weiter auf “Zeichen” warten, darauf, dass sich endlich was Gutes tut, und die Antwort bleibt immer aus – dann wird auch ein “Wechsel in der Adresszeile” nichts bringen. Dann wird “der Teufel” sich auch nicht um Ihre Anliegen scheren. Und davon wird nichts besser.

Eine, wie ich finde interessante Aussage. Denn woher will Frau Ullmann denn wissen, ob der Teufel, der bei ihr, anders als ihr “Gott” in Anführungszeichen steht sich tatsächlich nicht um menschliche Anliegen kümmert?

Interessant auch das Wörtchen “auch.” Demzufolge schert sich Gott wohl auch nicht um die Anliegen von Jens? Oder gar generell von allen Menschen, die sich in Gebeten an ihn wenden?

Halten wir fest: In der augenscheinlich wunderlichen Wirklichkeit von Frau Ullmann gibt es einen Gott und einen Teufel. Wenn man von Gott keine Antworten erhält, bringt es nichts, stattdessen den Teufel um Unterstützung zu bitten.

Sympathy for the devil

Nebenbei: Geht man von der Definition des modernen Satanismus aus, dann würde ich den Teufel jedenfalls für den geeigneteren Adressat bei Problemen aller Art halten. Wenn es ihn gäbe. Denn:

  • Kleinster gemeinsamer Nenner zahlreicher Richtungen des modernen Satanismus ist hierbei der Anthropozentrismus, im Besonderen die Betonung der Freiheit des Menschen. Damit steht der Satanismus vor allem im Gegensatz zu religiösen Strömungen, die die Vorherbestimmung und Unvollkommenheit des Menschen betonen. (Quelle: Wikipedia)

Zur Erinnerung: Hier geht es nicht um den Plot eines Phantasy-Romans. Oder um das Kasperletheater. Sondern um einen (vermutlich erwachsenen) Menschen, der offenbar Probleme bei der Bewältigung seines Alltags hat. Und um eine Lebensberaterin, die – ebenfalls offenbar – in einer religiös erweiterten Scheinwirklichkeit unterwegs ist. Die meint das ernst.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich propagiere nicht den Satanismus. Trotzdem erscheinen mir Teile dieses Konzeptes wesentlich angenehmer und menschlicher als die Eigenschaften, die sich die anonymen Bibelschreiber für ihrem lieben Gott ausgedacht hatten.

Gott wartet geduldig – oder doch der Teufel?

Aber es wird noch interessanter. Denn während Frau Ullmann vorgibt zu wissen, dass dem Teufel menschliche Sorgen egal sind, muss sie noch erklären, warum das bei ihrem Gott natürlich ganz anders ist:

[…] Mit einem Gebet erzählen Sie Gott, was Ihre Last ist und Sie können Gott bitten, Ihr Herz aufzumachen, um Hilfe zu empfangen. Es kann sein, dass die Hilfe längst da ist und Gott geduldig darauf wartet, dass Sie erkennen, welchen Weg Sie gehen müssen, damit besser wird, was Sie so sehr drückt.

Klar, mag ja alles sein. Nur: Genauso plausibel und wahrscheinlich kann es auch sein, dass der Teufel geduldig darauf wartet, dass Jens erkennt, wo ihn der Schuh des Lebens drückt. Oder das Tapfere Schneiderlein.

Es macht bis zum Beweis des Gegenteils faktisch keinen Unterschied, zu welchem Phantasiewesen man betet.

Gott hätte alle Zeit der Welt, wenn es ihn gäbe. Menschen nicht.

Erhört Gott meine Gebete nicht?Fassen wir kurz zusammen: Den Teufel braucht man nicht um Hilfe zu bitten, der hilft nicht. Gott kann man natürlich um Hilfe bitten. Der hilft zwar auch nicht, wartet dafür aber geduldig ab, dass der Bittende sein Problem selbst erkennt und löst.

So ist Gott erstmal fein raus. Wenn Gebete nicht den gewünschten Effekt haben: Augen auf, Gott hat alle Zeit der Welt, der lässt dich sicher nur noch ein bisschen warten!

Würde jemand sowas ernsthaft außerhalb der religiös erweiterten Phantasiewelt behaupten, würde er oder sie kaum erwarten können, als Gesprächspartner ernst genommen zu werden. Um es mal ganz höflich zu formulieren.

Nach diesen ad-hoc-Behauptungen, die ich nicht anders als unsinnig bezeichnen kann, hat Frau Ullmann dann doch noch einen hilfreich gemeinten Tipp für Jens:

…oder jemanden, der sich damit auskennt

Ich bitte Sie aber, Ihre Last zu teilen. Mit-zu-teilen. Rufen Sie bei der Telefonseelsorge an, vereinbaren Sie einen Termin mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer – oder vielleicht haben Sie ja jemanden, dem Sie vertrauen, der Sie kennt und Ihnen gerne zuhört?

Sicher ist es ein guter Rat, sich in Notlagen Hilfe zu suchen. Und sicher mag es auch christlich motivierte “Seelsorger” geben, die Menschen tatsächlich helfen. Ohne ihren Gott oder dessen Sohn einbeziehen zu müssen.

Wenn in der Behandlung allerdings magische Himmelswesen eine unterstützende Rolle spielen sollen, dann wäre ein Besuch bei einem Psychologen, Psychiater oder Psychotherapeut sicher die bessere Empfehlung als ein Gespräch mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer.

Erhört Gott meine Gebete?

Und so verstehe ich auch den Weg eines Gebets. Das Gebet ist kein Spiel – nach dem Motto: Mal sehen, ob sich was tut.

Das Gebet ist kein Spiel. Sondern eine Kombination aus Arroganz, Selbstbetrug und Kultivierung eines Bestätigungsfehlers.

Nach dem Motto: Mal sehen, was sich tut: Ist etwas positiv für mich, dann steckt Gott dahinter. Mein Gebet wurde erhört.

Ist etwas negativ für mich, dann wartet Gott eben noch geduldig ab, bis ich irgendwann doch mal etwas erlebe, das ich als für mich positiv wahrnehme. Und das ich dann seiner göttlichen Gnade zuschreiben kann.

Wahres Gottvertrauen…

Mit einem Gebet erzählen Sie Gott, was Ihre Last ist und Sie können Gott bitten, Ihr Herz aufzumachen, um Hilfe zu empfangen.

GebetslogikEinem Menschen, der offenbar in handfesten Nöten ist einen solchen Tipp zu geben, halte ich für unverantwortlich. Frau Ullmann unterstellt dem Fragesteller hier, dass es an ihm (bzw. an der Verschlossenheit seines Herzens) liege, dass er keine Hilfe empfangen könne.

Und zusätzlich führt sie Jens in die Irre. Indem sie ganz selbstverständlich dann eben doch – entgegen des gerade noch vorher Gesagten – vorschlägt, es könne in seiner Situation sinnvoll sein, einen eifersüchtigen Wüstengott, den sich Menschen in der Bronzezeit ausgedacht hatten, um Hilfe zu bitten.

Nicht in dem Sinne, dass dieser aktiv die Dinge günstig für ihn lenken würde. Wie man es von jemanden, der fest auf göttliche Unterstützung vertraut, ja erwarten würde. Aber doch wohl in dem Sinne, dass er ins Geschehen eingreift. Indem er ein Herz “aufmacht.”

Sollten über- oder unterirdische Wesen tatsächlich ins Geschehen eingreifen, so wäre nicht nachweisbar, wer sich da kardiologisch (oder psychotherapeutisch) betätigt hatte.

…sieht anders aus

In der christlichen Lehre gilt es als schwere Verfehlung, nicht voll auf Gott zu vertrauen. Wenn der dann nur noch als “Herzöffner” fungieren soll, ist das schon ein ziemliches Armutszeugnis. Von einem unerschütterlichen Gottvertrauen ist da jedenfalls nichts mehr übrig geblieben.

Von einer Empfehlung wie sinngemäß: “Vertrauen Sie einfach nur ganz fest auf Gott, dann wird er Ihre Gebete erhören und alles wird gut.” bleibt da nur noch ein: “Holen Sie sich Hilfe, wenn Sie Probleme haben – außerdem können Sie zusätzlich auch noch ein bisschen Gott bitten, Sie weniger verstockt zu machen.” Einen solchen Gott kann man auch gleich weglassen. Und sich stattdessen auf die irdische Wirklichkeit focussieren.

Und überhaupt stellt sich freilich auch hier wieder die Frage, die sich praktisch jedes Mal stellt, wenn ein allmächtig und allgütig imaginierter Gott seine Finger oder was auch immer im Spiel haben soll: Wieso lässt sich ein Gott mit diesen Eigenschaften überhaupt erst darum bitten, dass es seinen Anhängern besser geht? Mit welcher Entschuldigung sollte so ein Gott eine solche Bitte ausschlagen können?

Gute Absichten

Nutzlos: GebeteMenschen wie Veronika Ullmann haben sicher gute Absichten. Ich nehme es ihr ab, dass sie Menschen helfen möchte. Aber wie hilfreich kann es sein, wenn sie erst behauptet, ein Gebet funktioniere “…nicht nach dem Motto: Mal sehen, ob sich was tut”? Um dann wenige Zeilen später trotzdem wieder zu empfehlen, Gott zu bitten, das Herz “aufzumachen”? Das ist nicht nur un-, sondern höchst widersinnig.

Entweder, Gott ändert aufgrund von Bittgebeten seinen ewigen Allmachtsplan und greift ins irdische Geschehen ein. Direkt oder indirekt. Oder eben nicht. Dann ist es konsequenterweise aber auch sinnlos, ihn um etwas zu bitten.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Christen völlig widersprüchliche Behauptungen innerhalb weniger Textzeilen aufstellen können. Ohne mit der Wimper zu zucken. Natürlich funktionieren Gebete nicht wie “Wünsch-dir-was.” – “Aber du kannst dir trotzdem was wünschen.”

Menschen, die sowieso schon Probleme mit ihrem Leben haben, hilft man mit solch absurden und realitätsbefreiten Fiktionen sicher nicht weiter.

Eine zusätzliche Vernebelung mit widersprüchlicher und faktisch wirkungsloser religiöser Fiktion (im Sinne eines eingreifenden Gottes) erschwert den Weg zurück zu einem klaren und vernünftigen Ausgangspunkt, von dem aus man mit der Bewältigung seiner Probleme beginnen kann.

Kein magisches Zaubermittel? Was denn sonst?

Das Gebet kann vor allem eines: es kann Sie verändern, lieber Jens. Es ist kein magisches Zaubermittel, mit dem sich schnell alles ändert.

Gebets-DilemmaWer Kontakt zu Götterwesen aufnimmt, kommt um magisches Denken nicht herum. Auch wenn das ansonsten aufgeklärt denkenden Christen heute schon so peinlich zu sein scheint, dass sie es mit salbungsvollen Worten und theologisch-rhetorischen Winkelzügen vernebeln und verschleiern:

“Vor allem”? Was kann es denn sonst noch? “Kein magisches Zaubermittel, mit dem sich schnell alles ändert?” – Aber vielleicht, wenn schon nicht alles, dann doch wenigstens ein bisschen? Und wenn schon nicht schnell, dann aber vielleicht doch langsam?

Solche hohlen Wischi-Waschi-Behauptungen kennt man auch aus anderen Bereichen der Esoterik. Ein Homöopathie-Anhänger würde die “Wirkungsweise” seiner Zuckerkügelchen vermutlich genauso beschreiben.

Gehörtwerden – aber von wem?

Sondern – wie in einem guten Gespräch, bei dem einer eben erst mal nur zuhört – macht schon allein das Gehörtwerden eine Menge aus.

Für ein Gespräch mit einem Menschen mag das sicher zutreffen. Da bei einem Gespräch mit Göttern allerdings (bis zum Beweis des Gegenteils) eben niemand zuhört, ist es hier nicht das Gehörtwerden, das eine Menge ausmacht.

Sondern das Sich-Bewusstmachen und das in-Worte-Fassen (gedanklich, mündlich oder schriftlich) seiner Anliegen und vielleicht bisher nur diffus wahrgenommener Probleme. Es kann dabei helfen, klarer zu sehen. Wenn man sich dabei nicht der Illusion hingibt, ein Gott würde einem vielleicht antworten. Deshalb dürfte zum Beispiel ein Tagebuch eine bessere Projektionsfläche sein als ein magisches Himmelswesen.

Denn das “Gesetz Christi”, von dem wir im Galaterbrief hören, ist “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”.

Im eben diesem Galaterbrief steht auch:

  • Jeder hat nämlich seine ganz persönliche Last zu tragen. (Gal 6,5 NGÜ)

Tja, Pech gehabt. Da hat Jens aber Glück gehabt, dass ihm Frau Ullmann nicht diesen Satz aus dem Galaterbrief herausgepickt hat.

A propos Galaterbrief: Weil man Moral nicht essen kann, folgt direkt dahinter noch dieser wichtige Hinweis:

  • Wer in der Lehre des Evangeliums unterrichtet wird, soll mit allem, was er besitzt, zum Lebensunterhalt seines Lehrers beitragen. (Gal 6,6 NGÜ)

Immer diese Nächsten…

Die nächsten Menschen sind Ihre Helfer. Gott hört Sie, schützt und begleitet Sie auf diesem Weg zu Ihren Nächsten.

Die Frage, wer denn nun eigentlich in der biblisch-christlichen Mythologie mit “Nächster” gemeint sein soll, ist ein weiteres Beispiel für die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit biblischer Begriffe.

Möchte man christliche Verhaltensregeln und Gebote auf alle Menschen ausweiten, definiert man einfach alle Menschen zu “Nächsten.”

In anderen Fällen ist der “Nächste” tatsächlich nur der “Nächste.” Als Abgrenzung zu allen anderen. Die einem dann eben nicht “am nächsten” sind.

Oder, wie in diesem Fall, sind die Nächsten plötzlich diejenigen, die es gut mit einem meinen. Und die einem helfen.

Die Nächsten sind nicht unbedingt die besten Helfer

(c) LECTRR

Aufkleber erhältlich bei lectrr.com

Auch die pauschale, indefferenzierte Behauptung, die nächsten Menschen seien “Ihre Helfer” halte ich für höchst frag- und kritikwürdig.

Oft bedarf es bei Problemen eben gerade einer Hilfe von “außen.” Und gerade nicht aus dem näheren Umfeld.

Was nicht heißt, dass nicht auch Freude oder Verwandte bei der Bewältigung von Problemen behilflich sein können. Aber nur, dass jemand mein “Nächster” ist, ist er deshalb nicht auch gleichzeitig schon unbedingt ein geeigneter Helfer bei Problemen.

Und umgekehrt muss jemand nicht unbedingt mein “Nächster” im Sinne von mir freundschaftlich nahestehend sein, um mir bei Problemen wirkungsvoll helfen zu können.

In der Regel hilft kann jemand mit  einer fundierten psychologischen oder psychiatrischen Ausbildung mehr helfen als ein freundschaftliches Verhältnis, wenn es um die Bewältigung von Lebenskrisen geht. Oder um die Heilung psychischer Erkrankungen.

Antwort aus rational-säkularer Sicht

Frage: Erhört Gott meine Gebete nicht?

Antwort: Nein.

Wie Sie schon selbst festgestellt haben, ist nicht davon auszugehen, dass Phantasiewesen – egal welche – ins irdische Geschehen eingreifen. Deshalb sollten Sie auch nicht darauf hoffen oder warten. Selbst dann nicht, wenn Sie das vielleicht vom Kleinkindalter an so beigebracht bekommen haben.

Wenn Ihnen die Bewältigung der Unwägbarkeiten des Lebens schwer fällt oder anhaltend Kummer bereitet, können Sie heute auf ein großes Angebot tatsächlich wirksamer Hilfen vertrauen.

Sollten Gespräche mit Vertrauten nicht helfen oder wenn Sie niemanden in Ihrem persönlichen Umfeld haben, an den Sie sich mit Problemen wenden können, kann Ihnen ein Psychologe, Psychotherapeut oder Psychiater am besten dabei helfen, Krisen aller Art zu bewältigen.

Solche Hilfe anzunehmen ist genausowenig eine Schande wie mit einer Grippe zum Hausarzt zu gehen.

Alles Gute!

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Beitrag von Veronika Ullmann auf fragen.evangelisch.de zur Frage: Erhört Gott meine Gebete nicht?

 

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Letzte Aktualisierung: 27. Oktober 2018