Günter Bechly und seine Zweifel an Darwin

~ 5 Minuten

Derzeit kursiert wiedermal ein Youtube-Video, in dem Dr. Günter Bechly seine Zweifel an Darwin äußert. Genaugenommen geht es um seinen Weg weg von der Wissenschaftlichkeit hin zum kreationistischen Glauben. Auch wenn Günter Bechly das freilich anders sieht.

In der Beschreibung des Videos wird das Herrn Bechlys Ergebnis wie folgt zusammengefasst:

Seine Geschichte beweist: Forschung kann zu Gott führen, sozusagen zu einer intellektuellen Bekehrung. Glaube und Wissenschaft sind kein Widerspruch. Und: der Wissenschaftsbetrieb ist nicht neutral und objektiv, sondern weltanschaulich unumstößlich festgelegt. Wer die rein materielle Weltsicht in Frage stellt und sogar Gott als Schöpfer des Lebens ins Spiel bringt, der hat in der akademischen Welt keinen Platz mehr. (Quelle: MORIJA via Youtube)

Wer nicht weiß, was er besseres mit seiner Lebenszeit anfangen soll, kann sich den Clip** hier anschauen:

Günter Bechly – Zweifel an Darwin

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Einige Anmerkungen dazu hat Jori Wehner* in einer Facebook-Gruppe zusammengestellt.

Das Video ist derzeit der Renner unter desinformierten Kreationisten.

Dabei lohnt es sich, mal genauer hinzuhören:

1. Günter Bechly erkennt die gemeinsame Abstammung der Arten an

Herr Bechly erkennt die gemeinsame Abstammung der Arten vollkommen an (wie jeder halbwegs informierte Mensch). Auch wenn Kreationisten das vor lauter Überschwang übersehen und ihm ihre eigene, antiwissenschaftliche Schöpfungs-Ideologie unterstellen.

2. Argumentum ad ignorantiam

Welche Gründe haben Herrn Bechly an der naturalistischen Evolution zweifeln lassen? Nicht die Komplexität der Lebewesen, wie er sagt. Sondern die Zeiträume der Evolution. “Es gibt aktuell kein gutes mathematisches Modell für die Mutationsraten bei der Entwicklung von von landlebenden Säugertieren zu Walen. Also muss ein Wunder im Spiel gewesen sein!”

Kein Witz – das ist wirklich seine Argumentation. “Hier fehlt uns eine Information – also war es Zauberei!” Ein praller Fehlschluss des “Argumentum ad ignorantiam”.

  • “Das argumentum ad ignorantiam (lateinisch für „Argument, das an das Nichtwissen appelliert“) ist ein logischer Fehlschluss, bei dem eine These für falsch erklärt wird, allein weil sie bisher nicht bewiesen werden konnte. Der Fehlschluss wird ohne Sachargumente gezogen. Der so Argumentierende sieht seine mangelnde Vorstellungskraft oder seine Ignoranz als hinreichend für die Widerlegung bzw. Bestätigung einer These an.” (Quelle: Wikipedia)

Nächster Knaller: “Wir wissen aktuell nicht, wie der erste Replikator entstanden ist. Also muss ein Wunder im Spiel gewesen sein!”

Mit denselben Denkkurzschlüssen haben Menschen früher Jupiter und Zeus begründet – dann wie sollen sonst Blitze entstehen!

Herr Bechly vertritt hier eine antiwissenschaftliche These (ein nicht-nachweisbarer, unsichtbarer Zauberer hat die Evolution gelenkt), für die er weder eine Überprüfung anbieten kann – noch eine mögliche Falsifikation.

3. Erreger und Viren made by god

Ich lade Herrn Bechly ein, seine eigene Behauptung mal ernst zu nehmen! Genetische Information muss also von Gott (und zwar nicht von irgendeinem Gott – sondern von Jesus) codiert worden sein.

Wo sehen wir evolutionäre Prozesse gegenwärtig am eindrucksvollsten? In der Resistenzentwicklung pathogener Keime.

Die unausweichliche Schlussfolgerung aus der Annahme einer gottgelenkten Evolution lautet:

„Der barmherzige Schöpfergott ist aktuell fleißig damit beschäftigt, Tuberkulose-Erreger und HI-Viren möglichst effektiv gegen menschliche Versuche ihrer Eindämmung zu schützen. Gott verwendet seine übermenschliche Intelligenz darauf, Resistenzmechanismen in HI-Viren und Tuberkeln hineinzucodieren, die nachfolgend Menschen in großer Zahl töten werden.“

Biologen sehen Resistenzentwicklung als Folge zufälliger Mutation und gerichteter Selektion. Aber diese Erklärung scheidet laut Bechly (und den IDlern) ja aus. Genetische Information brauche einen Programmierer. Also dann. Programmiert Jesus gerade HI-Viren und Tuberkeln zu noch effektiveren Massenvernichtungswrkzeugen um.

Seine eigenen Behauptungen mal in ihre zwingenden Schlussfolgerungen zu durchdenken – das gelingt Bechly ebenso wenig wie anderen Gläubigen.

Popper hat recht: “Atheismus ist ein Zeichen, dass man die Religionen ernst nimmt.”

Kritik an der Evolutionstheorie reicht nicht zur Rechtfertigung von Kreationismus aus

Nochmal: Kritik an der Evolutionstheorie (ein Verweisen auf bisher unbeantwortete Fragen in der Biologie) reicht nicht aus, um Kreationismus oder ID zu rechtfertigen.

Bei allen unbeantworteten Fragen in der Biologie (das ist ja Bechlys Kritik), ist die Evolutionstheorie immer noch das beste verfügbare Modell, um die Beobachtungsdaten der Biologie zu erklären. Bechly kann kein sinnvolles Alternativmodell vorschlagen.

Nochmal: Wenn Kreationisten und IDler mit ihren Thesen ernst genommen werden wollen, dann müssen sie Daten vorlegen, die ihre These stützen.

Sie müssen sich eine spezifische, unbeantwortete Frage suchen und ein Experiment vorschlagen. Dann müssen sie sich festlegen, welche möglichen Daten eher für ein Modell der naturalistischen Evolution sprechen würden – welche möglichen Daten eher für eine Schöpfung (oder eine gottgelenkte Evolution). Dann müssen sie das Experiment durchführen und Daten sammeln – und dann überprüfen, zu welcher ihrer beiden konkurrierenden Hypothesen die Daten besser passen.

Kreationisten hätten 1970 etwa vorschlagen können:

“Neuerdings lässt sich DNA sequenzieren. Die Evolutionstheorie sagt voraus, dass alle Spezies miteinander verwandt sind. Wenn sich nun aber herausstellen sollte, dass der genetische Code für Säugetiere chemisch ganz anders aufgebaut ist als der für Vögel (z. B. kohlenstoffbasiert vs. siliciumbasiert), dann können sie unmöglich miteinander verwandt sein.”

Das wäre eine völlig korrekte Vorgehensweise. Hätte der genetische Code in verschiedenen Spezies eine verschiedene chemische Struktur, dann wäre solide nachgewiesen, dass die Arten unabhängig voneinander entstanden sein müssen. Eine These des Kreationismus wäre damit bestätigt gewesen.

Allerdings: Es hat sich das Gegenteil gezeigt. Der genetische Code ist universell. Genau so, wie es die Evolutionstheorie vorhersagt.

Kreationisten und IDler erwarten, dass man ihre These ohne bestätigende Daten akzeptiert. Das ist anti-wissenschaftlich. Keine noch so energische Versicherung ihrer “wissenschaftsbasierten Überzeugungen” kann das verschleiern.

Ketzerpodcast über Günter Bechly

Der Ketzerpodcast hatte Günter Bechly schon zu Beginn des Jahres ein Segment gewidmet:

  • Deutscher Neuzugang beim kreationistischen Discovery Institute: Der schwäbische Paläontologe Günter Bechly propagiert Intelligent Design auch in Deutschland, unterstützt von Timo Roller. Bechly tritt auch in dem Kreationisten-Film “Revolutionär: Michael Behe und das Geheimnis molekularer Maschinen” auf. In dem Film werden auch neue Argumente für ID gebracht. Matthias bringt die Ketzergemeinde auf den aktuellen Stand. (Quelle: Ketzerpodcast, Segment 68.6)

Auf der Seite zum Segment finden sich Links zu etlichen weiteren Quellen, sowie das Segment zum Nachhören in verschiedenen Formaten.


*Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors
**Quelle Video Günter Bechly: MORIJA via Youtube
***Quelle des Podcast-Segments: Ketzerpodcast

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Letzte Aktualisierung: 14. Oktober 2018