Religionsunterricht – für Kinder unverzichtbar?

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Ist Religionsunterricht für Kinder unverzichtbar? Diese Ansicht vertritt der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Dazu ein Gastbeitrag mit einigen Gedanken von Jörn:

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, wirbt für ein Festhalten am konfessionsgebundenen schulischen Religionsunterricht. – Veröffentlicht in diesem Beitrag auf evangelisch.de am 13. 11. 2018

Auf einer Synode der Evangelischen Kirche wurde Klartext gesprochen. Herr Schuster (Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) referierte in einem Grußwort darüber, wie er sich die Zukunft des Religionsunterrichts vorstellt.

Gegen Ethikunterricht und gegen konfessionslosen Religionsunterricht

Herr Schuster wendet sich sowohl gegen Ethikunterricht als auch gegen konfessionslosen Religionsunterricht. „Konfessionsloser Religionsunterricht“ bedeutet, dass neutral über Religionen informiert wird. Ohne eine bestimmte Konfession zu bevorzugen oder als wahr auszurufen.

Für ihn sei es kein Zeichen von Toleranz, sondern von Beliebigkeit, stattdessen einen Ethik- oder Lebenskundeunterricht oder auch interreligiösen Unterricht anzubieten, in dem alle großen Weltreligionen quasi neutral dargeboten werden […]*

Herr Schuster hält stattdessen den konfessionellen Religionsunterricht für unverzichtbar, der die Glaubensinhalte wirksam vermittelt. Er meint, die Weltreligionen dürfen nicht neutral dargeboten werden.

Neutralität und Gleichgültigkeit

Aber ist es nicht die Aufgabe von Schulen, Informationen neutral darzustellen, sodass die Schüler die Grundlage erhalten, um sich später selbst entscheiden zu können?

Ist es nicht ein wichtiges Prinzip, Informationen nach bestem aktuellen Wissenstand zu vermitteln, und nicht nach der Meinung des Lehrers oder des Rektors? Gibt es irgendein anderes Fach, bei dem wir dieses Prinzip aufgeben würden?

Welche Gründe nennt Herr Schuster für seinen Vorschlag? Man würde denken, dass die Gründe dafür allein im Wohl der Kinder und in der Alltagstauglichkeit der jungen Erwachsenen liegen.

Aber stattdessen sagt Herr Schuster folgendes:

Diese Beliebigkeit führt ganz schnell zu einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber Religion.

Vom Wohl der Kinder hört man kein Wort. Ebensowenig von Bildung. Wichtig ist Herrn Schuster vor allem, dass Religion nicht hinter dem Horizont der Gleichgültigkeit entschwindet. Für ihn ist Religionsunterricht eine Art Kaderschule der Kirchen, eine Sicherung des Nachwuchses, eine Bestandsgarantie der Konfessionen.

Hat Herr Schuster das Recht dazu? Kann er sich auf die Religionsfreiheit berufen?

Religionsfreiheit

Stop fruehkindliche IndoktrinationDie Religionsfreiheit ist im Grundgesetz (Artikel 4) verankert als eines der wichtigsten Freiheitsrechte. Genauer gesagt ist es ein Abwehrrecht gegenüber der Einmischung des Staates. Es ist ein Individualrecht.

Die Kirchen missverstehen diese Religionsfreiheit als ein Religionsprivileg, als ein besonderes Vorrecht. Das Grundgesetz meint aber weder Privilegien noch Institute. Sondern es meint das Recht jedes Einzelnen, zu denken und zu glauben, was er oder sie will.

Zur Religionsfreiheit gehören deswegen zwei weitere Dinge: Erstens das Recht, gleichgültig zu sein gegenüber jeder Religion. Herr Schuster betont jedoch ausdrücklich, dass er diese Gleichgültigkeit verhindern möchte. Das ist ein Verstoß gegen die Religionsfreiheit.

Zweitens gehört dazu auch die Entscheidung für/gegen eine bestimmte Konfession, etwa katholisch oder jüdisch. Diese Entscheidung darf nicht unmöglich gemacht oder vorweggenommen werden, etwa, indem man den Kindern nur eine einzige Konfession indoktriniert und diese geschickt als vorzüglich gegenüber den anderen preist.

Damit nimmt oder vermindert man den Kindern die Chance, sich selbst eine Religion zu suchen, und das ist ein deutlicher Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Hier wird absichtlich versucht, die Ausübung der Religionsfreiheit zu verhindern. Es soll am besten zu gar keiner Entscheidung kommen.

Das ist schwerer Vorwurf. Will Herr Schuster wirklich den Kindern die freie Entscheidung für oder gegen eine Religion erschweren?

Identität

Herr Schuster sagt, er wolle bei den Kindern eine religiöse Identität erreichen.

[…] ebenso wie die Prägung durch das Elternhaus halte er auch den konfessionsgebundenen Religionsunterricht für extrem wichtig zur religiösen Identitätsbildung von Kindern.

Unverhohlen wird hier Klartext gesprochen. Es geht nicht darum, Kinder über eine Religion zu informieren, meinetwegen auch mit einem positiven Unterton. Sondern die Identität der Kinder soll verändert werden. Sie sollen Religion begreifen als einen Teil ihrer eigenen Identität. Man fragt sich, wo hier noch ein Unterschied bestehen soll zur Gehirnwäsche?

Kein Wunder, dass sich viele Leute sofort persönlich angegriffen fühlen, wenn man die sachlichen Behauptungen ihrer Religion auf den Prüfstand stellt. Das kommt daher, dass den Leuten eingetrichtert wurde, Religion sei ein Teil ihrer eigenen Identität.

(Was übrigens völlig albern ist, denn ob irgendwo hinter den Galaxien ein Gott existiert, tangiert niemanden persönlich. Und ebensowenig, ob irgendwer vor zweitausend Jahren in Jerusalem einen Tisch der Geldwechsler umwarf. Niemand hat heute mehr das Recht, sich deswegen zu ereifern.)

Religionsunterricht in der Zukunft

ReligionsunterrichtDie Arglosigkeit und die Unschuld, mit der Herr Schuster seine Vorschläge formuliert hat, ist verblüffend. Es ist vermutlich das Ergebnis eines jahrhundertelangen Missbrauchs: „Das haben wir doch schon immer so gemacht“.

Es verdichtet sich hier ein Verdacht, der schon öfter geäußert wurde: Nämlich dass die Kirchen nicht genügend Abstand und Einsicht haben, um den Religionsunterricht federführend bestimmen zu können.

Stattdessen muss der Religionsunterricht von neutraler Stelle neu geformt oder am besten ganz abgeschafft werden.

Es ist höchst fraglich, ob Minderjährige die geistige Entwicklung und die notwendige Vorbildung haben, um religiöse Scheinargumente zu durchschauen oder ihnen wenigstens auf Augenhöhe zu begegnen. Die einschlägige Literatur ist hoch komplex und schon für Erwachsene durchaus anspruchsvoll. Es ist kein Stoff für Kinder und Jugendliche.

Es ist zudem (und sofort) dringend geboten, die Inhalte des Religionsunterrichtes kritisch zu prüfen. Die Bibel, der kath. Katechismus oder die garstigen Worte von Martin Luther sind keine Texte, mit denen Kinder in Kontakt kommen sollten.

Die Bösartigkeit, Rückständigkeit und Niedertracht dieser Texte gehören in den Giftschrank. Und nicht in den Schulranzen.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Beitrag von evangelisch.de

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Letzte Aktualisierung: 20. November 2018