Der befreite Glaube: Religiöse Wellness an Weihnachten

~ 6 Minuten

Der befreite Glaube – Religiöse Wellness an Weihnachten: Ist es noch zeitgemäß, Weihnachten zu feiern? Was verbinden wir mit Weihnachten? Sind es religiöse Dinge? Vor allem: Wie kommt es, dass die Kirchen immer leerer, an Weihnachten jedoch immer voller werden?

Drei interessante Zeitungsartikel gaben dazu einen Einblick, deswegen möchte ich sie kurz zusammenfassen und einordnen.

Ich glaube nicht, aber ich bete

Den Anfang macht ein Artikel aus der »Welt« vom 23.12.2018:

Ich werde auch in diesem Jahr wieder das Vaterunser sprechen, weil ich den christlichen Gott, an den ich nicht glaube, über alle Maßen bewundere, verehre und, ja, liebe.

Die Autorin, Kathrin Spoerr, glaubt also nicht an den christlichen Gott, jedoch verehrt und liebt sie ihn. An Weihnachten geht sie in die Kirche und spricht sogar das Vaterunser („Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name“).

Wahr aber ist, dass ich weder an Gott glaube noch seinen Namen heilige […]. Dennoch möchte ich in die Kirche gehen und das Vaterunser sprechen. (Quelle: ebenda)

Ist das nicht erstaunlich? Nur auf den ersten Blick. Denn es ist leicht erkennbar, dass Gott hier als Projektionsfläche dient. Der Autorin geht es nicht um Gott. Sondern um Liebe, Bewunderung und Verehrung.

Sie spricht indirekt von Zuwendung, indem sie sich einer gedachten Person im Gebet zuwendet und sich eine Erwiderung dieser Zuwendung erhofft.

Dahinter steckt die kindliche Vorstellung von liebevollen Eltern, denen man sich anvertrauen kann. Es hat nichts mit Theologie zu tun. Sondern mit Gefühlen, die man als Kind hatte.

Geborgenheit und Familie

In der »Zeit« vom 24. Dezember 2018 bekennt Milo Pablo Momm über seine Kinderzeit:

Wenn wir das Abendgebet gesprochen haben, dann […] damit wir gut einschlafen können, uns geborgen fühlen. […] Kirche ist für mich eine Gemeinschaft der Gläubigen. Sie besteht aus täglichen Ritualen, dem Beten, den Festtagen […]

Gemeinschaft, Rituale, Geborgenheit, gemeinsame Festtage: Hier sind es häusliche und familiäre Werte, denen eine feste und idealisierte Form gegeben wird. Die Kirche dient als personifizierte Familie. Auch das hat nichts mit Theologie zu tun, sondern wieder mit Kindheit.

Das Wunder der Kinderzeit

WeihnachtskerzenWerten wir das kurz aus. Die Weihnachtsgeschichte mit der Kleinfamilie im warmen Heu vermittelt jene beschützte Behaglichkeit, die man als Kind unterm Weihnachtsbaum empfand: Es gab Geschenke; die Eltern spielten mit den Kindern; und die Oma buk Weihnachtsplätzchen. Es roch nach Kerzenwachs und Zimt.

Später, als Erwachsener, entdeckt man: Nichts kann dieses Gefühl und dieses Wunder der Kinderzeit zurückbringen.

Man kann es höchstens für seine eigenen Kinder entstehen lassen und sie dabei begleiten. Aber wo ist der Ort, wo man selber wieder Kind sein darf?

Weihnachten ist Wellness

Die zwei Zitate aus der »Zeit« und der »Welt« schwärmen von familiärer und väterlicher Geborgenheit. Aber das ist stets die Perspektive eines Kindes. Exakt dieses kindliche Gefühl, diese Erinnerung, erhoffen sich viele Besucher vom Weihnachtsgottesdienst.

Der theologische Hintergrund ist dabei völlig uninteressant. Die Besucher wollen keine Predigt, die sie belehrt oder ermahnt. Sondern sie wollen ein paar Minuten Wellness.

Das ist neu. Früher schrieb die Kirche vor, was die Gemeinde gefälligst zur Kenntnis zu nehmen hatte. Heute ist es wie beim Theater: Die Zuschauer bestimmen, was gespielt wird. Ansonsten bleiben die Bänke eben leer.

Das Märchen auf Bestellung

Ein weiterer Artikel illustriert dies. In einem Artikel in der »Süddeutschen Zeitung« vom 23. Dezember 2018 wird ein Plädoyer gehalten für den traditionellen Weihnachtsgottesdienst mit Krippe und Jesuskind, der leider allzu oft modernisiert würde:

An Heiligabend werde ich wie jedes Jahr mit meiner Familie in die Kirche gehen, denn so ist es Tradition. […] Ich dagegen werde mich erst darauf freuen und hinterher ein schales Gefühl haben, weil ich wahrscheinlich nicht bekommen haben werde, wonach ich mich eigentlich sehne.

Die Autorin, Alena Schröder, kritisiert moderne Krippenspiele, bei denen versucht wird, aktuelle Bezüge herzustellen: Maria und Josef als syrische Flüchtlinge, die Hirten als Kids mit Smartphones, und anstelle des Esels ein Moped…

Doch sie erhofft sich vom Weihnachts-Gottesdienst die kindlich-märchenhafte Erzählung des Lukas-Evangeliums. Das in altmodischen Worten das beschauliche Bild von der Krippe, dem Jesus-Kind und den drei Weisen aus dem Morgenland malt:

„…denn um diese Sätze zu hören und vielleicht Trost in ihnen zu finden, ist man ja gekommen – für alles andere kann man auch in die Vorstellung der Laientheaterspielgruppe gehen.“

Auch hier: Bitte abliefern, sonst geht man woanders hin.

Der befreite Glaube

Weihnachten: Wellness statt ReligionNachdem wir nun gesehen haben, was viele Besucher der Weihnachtspredigt als wichtig empfinden, richten wir unseren Blick kurz auf das, was offenbar keine Rolle mehr spielt.

Keine Rolle spielt Theologie, insofern, als die Kirchen früher die Glaubensinhalte verbindlich festgelegt hatten. Heute wird der Glaube mehr und mehr als Privatsache verortet. Jeder formt sich seine eigene Vorstellung von Gott. Die Kirche bietet nur noch die Kulisse. Den Inhalt bringen die Zuschauer bereits mit.

Keine Rolle spielen Gebote oder Verbote. Oder irgend etwas anderes, was in der Bibel steht. Die Weltsicht der meisten Bürger ist längst humanistisch, oft unbewusst. Deswegen interpretieren sie die Bibel humanistisch.

In der Weihnachtspredigt erwartet man sich jene Verse, die diesem Weltbild entsprechen. Die Besucher wollen keine Belehrung, sondern Bestätigung. Sie wollen Wellness. Sie wollen nicht den Verstand, sondern das Gemüt.

Die leeren Bänke

Warum ist das interessant? Kirchen, Gläubige und Gesellschaft tarieren derzeit ihre Beziehung zueinander neu aus, nicht zuletzt eingefordert durch eine lauter werdende säkulare Bewegung. Volle Kirchen an Weihnachten suggerieren, dass die Kirchen weiterhin relevant sind.

Aber das Gegenteil ist der Fall: Die hohen Besucherzahlen kommen nur deswegen zustande, weil eine völlig von Theologie befreite Märchenkulisse geboten wird, die an Gefühle aus der Kinderzeit appelliert. An allen anderen Tagen, an denen die Priester tatsächlich theologische Inhalte predigen, sind die Kirchen weitgehend leer.

Die märchenhafte Kulisse

Im Grunde könnte diese märchenhafte Kulisse auch von einem Fußballverein organisiert werden. Das mag polemisch klingen. Darf man die Kirchen mit einem Fußballverein vergleichen? Lassen wir die Autorin der »Süddeutschen« noch einmal zu Wort kommen:

„Der Fußballverein, für den meine Kinder schwärmen, veranstaltet seit vielen Jahren jedes Jahr ein »Weihnachtssingen« im Stadion: Die Ränge sind voll, jeder hat eine Kerze in der Hand, alle singen zusammen mit großer Ernsthaftigkeit traditionelle Weihnachtslieder. Die Nachfrage ist so groß, dass die Karten schon Wochen im Voraus ausverkauft sind.“

Weihnachtssingen im Stadion - Quelle: Wikipedia
Weihnachtssingen im Stadion
Quelle: Der Robert via Flickr, Lizenz: CC BY 2.0

Hier könnte der Schlüssel dazu liegen, warum die Gesellschaft immer weniger gläubig, aber die Kirchen an Weihnachten immer voller werden: Die Menschen sehen die Weihnachtsfeier längst losgelöst von den Kirchen, aber sie vermuten in den Kirchen die beste Feier.

Wenn anderswo ebensogut oder gar besser gefeiert wird, gehen die Leute dorthin. Sie verbinden damit keine Theologie. Sondern schöne Gefühle wie Harmonie, Gemeinsamkeit, Kindheit und Familie.

Was also aussieht wie eine jährlich aufflammende Religiosität, ist womöglich genau das Gegenteil. Die Zuschauer wollen zwar den Ritus, das Märchen, die Musik. Aber nicht die Predigt.

Ein Gastbeitrag von Jörn

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