Gaudete – Freut euch – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Hoffnung auf Gott

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Gaudete – Freut euch – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Hoffnung auf Gott, gesprochen von Benedikt Welter (kath.), veröffentlicht am 14.12.2018 von ARD/daserste.de

Zum heutigen “Wort zum Sonntag” von Herrn Welter hat Jörn einige Gedanken und Fragen niedergeschrieben:

»Freut euch«, »Gaudete« – so nennen evangelische und katholische Christen den Dritten Adventsonntag. […] Der heilige Paulus, der diesen Satz geschrieben hat, hat ihn nicht glühweinselig und in Couch-Laune verfasst. Im Knast war er. Eingekerkert wegen seiner Überzeugung.*

Pfarrer Welter berichtet von der Kraft der Hoffnung. Davon, dass Menschen mit vielen Problemen und sogar in größter Bedrängnis ihre Hoffnung nicht verlieren. Das sollte uns Mut machen. Denn Gottvater gibt uns zwar viele Probleme und Rätsel — aber er gibt uns auch die Hoffnung.

In der Tat: Hoffnung ist etwas Gutes. Etwas zutiefst Menschliches. Nur eine Welt mit Hoffnung ist eine Welt, in der es sich zu leben lohnt. Es ist daher nicht überraschend, dass das „Wort zum Sonntag“ erneut mit einem Bild beginnt, dem wir alle gerne zustimmen.

In der Hoffnung liegt die Kraft

Gaudete - Hoffnung - FreudePfarrer Welter verwendet für seine Predigt die Werkzeuge der Rhetorik, und das ist legitim. Rhetorisch gesehen ist Hoffnung etwas, dem nicht widersprochen werden kann.

Der Grund dafür liegt in einem Kuriosum: Selbst wer so fatal in Not gerät und wessen Lage so aussichtslos ist, dass sogar die Hoffnung vergebens ist: Dem bleibt kurioserweise nur — die Hoffnung. Und dafür spielt es dann auch keine Rolle, wenn es nur noch eine eingebildete Hoffnung auf Gott ist.

Der Volksmund sagt daher: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Aber tatsächlich stirbt die Hoffnung nie. Ein Fünkchen Hoffnung bleibt bestehen. Zur Not verschiebt man die Rettung ins Jenseits. Oder man hofft, dass wenigstens andere etwas daraus lernen.

Weil der Mensch so stark an der Hoffnung festhält, kann man sie auch missbrauchen. Es empfiehlt sich deswegen ein genauer Blick darauf, ob mit dieser Hoffnung etwas verkauft oder angepriesen werden soll. Etwa Dinge, die ansonsten dubios erscheinen. Denn gerade die dubiosen Dinge sind es, die sich allein auf die Hoffnung stützen müssen.

Behalten wir diese Vorsicht im Gedächtnis, wenn wir die Beispiele von Pfarrer Welter näher untersuchen.

Paulus

Das erste Beispiel von Pfarrer Welter gilt dem Apostel Paulus, der angeblich im Gefängnis die Hoffnung nicht verlor.

Freut euch im Herrn allezeit! Denn der Herr ist nahe. (Philipper 4, 4-5)

Paulus. Bildquelle: Wikipedia / Gemeinfrei
Quelle: Wikipedia

Diese Worte, auf die sich Pfarrer Welter hier stützt, beziehen sich jedoch überhaupt nicht auf Paulus und seinen Gefängnisaufenthalt. Sondern Paulus verspricht den Philippern das ewige Leben, sofern diese sich an seine spezielle Lehre halten würden.

Als speziell galt seine Lehre deshalb, weil Paulus von der jüdischen Lehre, man könne sich durch die Befolgung von Geboten gerecht machen, abwich. Stattdessen predigte Paulus, man würde allein durch Glauben errettet. Denn es wäre kein Handel mit, sondern ein Geschenk von Gott.

Über dieses Geschenk solle man sich freuen („Freut euch im Herrn allezeit!“), und es würde schon bald überreicht werden („denn der Herr ist nahe“). Das Geschenk besteht in der Teilhabe am Himmelreich. Nicht jedoch in der Entlassung aus einem Provinzgefängnis.

Paulus spricht hier von zwei Dingen, die nicht eingetreten sind, und bei denen also die Hoffnung vergeblich war:

Erstens meint er mit „Himmelreich“ ein irdisches Reich. In der jüdischen und der frühchristlichen Vorstellung erwartete man, dass sich das Gottesreich vom Himmel auf die Erde herabsenken würde. Zweitens behauptete er, dass diese Offenbarung sich noch zu Lebzeiten der Adressaten erfüllen würde.

Beides hat sich als unwahr herausgestellt. Paulus ist also ein Beispiel für eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat.

So ist das Leben — aber was will uns Pfarrer Welter damit sagen? Sollen wir uns dieser Hoffnung etwa anschließen? Warum?

Alfred Delp und seine Hoffnung auf Gott

Alfred Delp
Quelle: Wikipedia, gemeinfrei

Das zweite Beispiel erzählt die tragische (und diesmal leider wahre) Geschichte von Alfred Delp, einem von den Nazis inhaftierten Priester. Der seine Gedanken während der Haft in Briefen und in seinem Tagebuch niederschrieb.

Inhaftiert wurde Alfred Delp in Zusammenhang mit dem Attentat des 20. Juli auf Adolf Hitler, welches heute vor allem durch eine der Hauptfiguren, Graf von Stauffenberg, sehr bekannt ist. Alfred Delp war zwar an diesem Attentat nicht beteiligt, dennoch wurden damals viele Verhaftungen im weiteren Kreis und bei zahlreichen Gruppierungen vorgenommen, die als nicht linientreu erschienen.

Alfred Delp, so versichert es uns Pfarrer Welter, verlor selbst im Nazi-Knast nicht den Mut:

Von diesem Gott her bleibt die Kerkerzelle, in der er hockt, eine Kerkerzelle und wird zugleich zu einem anderen Ort. Alfred Delp schreibt es so: […] An diesem Ort stirbt nicht die Not, aber der Kummer. Hier verschwindet nicht die Last, aber der Kleinmut.

Also: Not und Last bleiben, aber Kummer und Kleinmut verschwinden. Das sind große Worte, und groß sollen sie auch bleiben. Aber sind sie das, was Pfarrer Welter suggerieren möchte?

Zunächst muss man berichten, dass Alfred Delp trotz seiner Hoffnungen hingerichtet wurde. Seine Hoffnung galt zuerst der Justiz, doch die verurteilte ihn. Danach galt seiner Hoffnung seinem Gott, doch der rührte sich nicht. Zuletzt hoffte er auf ein Wunder. Statt eines Wunders wurde er erhängt.

Was will uns Pfarrer Welter damit sagen?

Warum hat Pfarrer Welter bei beiden Geschichten verschwiegen, dass die Hoffnung vergebens war? Warum hat er verschwiegen, dass Gott sich nicht um die Hoffnung der Menschen kümmerte? Auch nicht in größter Not?  Und auch nicht für seine treuesten Diener?

Wenn diese Geschichten irgend etwas beweisen, dann doch vor allem, dass man seine Hoffnungen besser nicht auf Gott gründet. Weil die Hoffnung auf Gott eine Einbildung ist.

Beten und Hoffen sind alte Bekannte

GebetslogikDie Geschichten, wie sie Pfarrer Welter hier geschickt vorträgt, sind eine Variante der Bet-Logik. Erfolg und Misserfolg werden gleichermaßen glorifiziert. Wenn’s klappt, ist damit die Wirksamkeit von Gebet und Hoffnung bewiesen. Wenn’s nicht klappt, ist es eben ein Beweis für Gottes liebevollen (aber geheimen) Plan. Oder man muss eben noch mehr beten und hoffen.

Oder ist es vielleicht ein Prüfung?

Warum wählt Pfarrer Welter nicht zwei Beispiele, die einen positiven Ausgang hatten? Wäre das nicht erbaulicher und für seinen Zweck wirkungsvoller? Wo sind, nach zweitausend Jahren allmächtiger Großartigkeit, die eindrucksvollen Rettungen notleidender Menschen durch Gott?

Ja, Menschen hoffen. Gerade in Not. Aber das wussten wir bereits vor der Predigt von Pfarrer Welter. Was wir gerne erfahren würden ist jedoch, ob Gott sich für diese Hoffnung interessiert. Genauer und schärfer: Ist Gott ein Grund zur Hoffnung? Dies ist der einzige Aspekt, der theologisch von Interesse ist.

Die Predigt von Pfarrer Welter bleibt dazu stumm. Sie ist stattdessen ein erneuter Beweis für die Kraft religiöser Rhetorik: Pfarrer Welter konnte seine rätselhafte Botschaft mit lauter Beispielen illustrieren, die genau das Gegenteil von dem darstellen, was er eigentlich behauptet.

Hoffnung auf Gott: Tagebücher eines Irrtums

Alfred DelpAlfred Delp kam ebenso ums Leben wie zahlreiche andere, die sich in Opposition zu den Nazis befanden. Oder die gar versucht haben, Adolf Hitler aufzuhalten. Es gab über 40 Attentate. Hitler hatte sie alle überlebt. Was sagt das über Gott?

Wie sehr die vergeblich hoffenden Tagebucheinträge und Briefe von Alfred Delp abweichen von dem, was Pfarrer Welter uns weismachen will, kann jeder selbst beurteilen. Unten findet der geneigte Leser eine Reihe lesenswerter Zitate aus diesem Nachlass.

Die ganze Dramatik und Bitterkeit seiner Geschichte ergibt sich allein daraus, dass wir als Zuhörer bereits wissen, dass die Hoffnung ein Irrtum war. Ansonsten wäre es eine frohe Geschichte über eine wundersame Rettung. Aber es gab keine Rettung. Es gab den Galgen.

Wer auf Gott hofft, hofft vergeblich.

Ergänzung: Briefe und Tagebucheinträge von Alfred Delp

  • „Gott hat mich einmal so ausweglos gestellt. Alles was ich unternommen habe, ist mißlungen. Eine Tür nach der anderen ist zugefallen. Auch solche, die ich für endgültig offen hielt. Von außen kam keine Hilfe.“
  • „In einer Nacht, es war um den 15. August, bin ich beinah verzweifelt. Ich wurde, wüst verprügelt, in das Gefängnis  zurückgebracht, abends spät. Die begleitenden SS – Männer lieferten mich ab mit den Worten:  »So, schlafen können Sie heute nacht  nicht. Sie werden beten, und es wird kein Herrgott kommen und kein Engel, Sie herauszuholen. Wir aber werden gut schlafen und morgen früh Sie mit frischen Kräften weiter verhauen.«“
  • „Daß ich auf dem Seil [über dem Abgrund] bin, weiß ich. Daß ich ohne Gottes besondere Hilfe nicht rüberkomme, weiß ich auch. Aber ich glaube daran, daß er mir helfen wird und sag’ das jeden Tag.“
  • „[Nach der Verhandlung:] Nun muß ich doch einen Abschiedsbrief schreiben. Der Herrgott will anscheinend das ganze Opfer und den anderen Weg. Das Todesurteil ist beantragt, und die Atmosphäre ist so voll Haß und Feindseligkeit, daß ich keinen Ausweg mehr sehe.“
  • „[Nach der Verurteilung:] Von der ersten Minute an war ich innerlich sicher, es würde alles gut gehen. Gott hat mich in dieser Sicherheit immer wieder bestärkt. Ich  habe  in diesen letzten Tagen gezweifelt und überlegt, ob ich Selbsttäuschungen zum Opfer gefallen bin, ob sich mein Lebenswille in religiöse Einbildungen sublimiert hat oder was das war.“
  • „Es ging alles schief, was ich unternahm, um mir zu helfen. Ja, nicht nur schief, es war eigentlich immer zum Unheil. Der ganze äußere Verlauf war Scheitern und Schiffbruch, Ohnmacht über Ohnmacht. Und dazwischen wieder die ganze eigenartige Art unseres Unglücks: daß wir in Tegel bleiben; daß  wir heute noch leben. Was will der Herrgott mit alledem?“
  • „Ehrlich und gerade: ich würde gern noch weiterleben und gern und jetzt erst recht weiterschaffen und viele neue Worte und Werte verkünden, die ich jetzt erst entdeckt habe. Es ist anders gekommen.“
    (Quelle: literarischebriefe.de)

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.

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