Persönlicher Gottesglaube: Kümmert sich Gott um das Wetter?

~ 7 Minuten

Ob Gott das Wetter ändert, wenn man ihn darum bittet, wollte Pia in einem Beitrag auf fragen.evangelisch.de wissen. Beantwortungspfarrer Frank Muchlinsky verrät, was ein Gebet nicht ist. Und dass es darauf ankommt, sich von Gott gehört zu fühlen. Unabhängig davon, ob ein Gebet erhört wird oder nicht.

Die Fragestellerin Pia wollte wissen, ob sich Gott wirklich um das Wetter kümmere. Sie habe in ihrer Familie charismatisch glaubende Menschen, die vor einer Hochzeit für schönes Wetter gebetet hätten. Allerdings war ihr auch nicht entgangen, dass “irgendwo anders Menschen bei Überschwemmungen und schweren Unwettern” sterben.

Kümmert sich Gott um das Wetter?

Zunächst erklärt Herr Muchlinsky freiweg, wie sich das mit dem Gebet verhält:

[…] Viele Menschen beten auf diese Weise: Ich bitte um etwas, und wenn es eintrifft, dann hat Gott mein Gebet erhört. Wenn es nicht eintrifft, habe ich die Möglichkeit, das meinem Gebet anzulasten, ich kann sagen: Dann habe ich nicht richtig gebetet, nicht ausreichend geglaubt. Oder ich kann es Gott anlasten und sagen: Gott interessiert sich nicht für mich oder überhaupt für die Menschen. Oder aber, ich sage: Es kann keinen Gott geben, denn er erhört ja die Gebete der Menschen nicht.*

GebetslogikSoweit, so richtig. Wenn man als gläubiger Christ davon ausgeht, dass es sinnvoll ist, seine Gottesvorstellung um etwas zu bitten, dann kann man bei einem Abgleich mit der Wirklichkeit zu den hier genannten Erkenntnissen kommen.Und zwar nicht nur beim Wetter.

Die rhetorische Taktik, in der Argumentation zunächst erstmal die grundlegende Problematik bzw. Fehlerhaftigkeit des eigenen Standpunktes (natürlich funktionieren Bittgebete nicht) einzuräumen, um dann in der Folge nicht mehr darauf einzugehen und – beispielsweise in diesem Fall – so zu tun, als könne es trotzdem sinnvoll  sein, Götter um etwas zu bitten, ist in Diskussionen mit Gläubigen oft anzutreffen.

Was bedeutet Frömmigkeit?

Besonders interessant finde ich die nun folgende Analyse von Herrn Muchlinsky:

Welchen Weg man beschreitet, hängt in der Regel davon ab, als wie fromm man sich selbst versteht. Wenn Ihre Verwandtschaft charismatisch geprägt ist, wird sie sich als ausgesprochen fromm verstehen und also den ersten Weg wählen, wenn ein Gebet nicht erhört wird, also sagen: Wir haben nicht genügend geglaubt oder nicht inbrünstig genug gebetet.

Demzufolge bedeutet Frömmigkeit, Schuld für göttliche Tatenlosigkeit auf sich zu nehmen, Gottes Allgnade auch bei noch so größtem Leid nicht in Frage zu stellen und natürlich schon gleich gar nicht, die Existenz dieses Gottes anzuzweifeln.

Oder anders ausgedrückt: Je stärker die Schuldgefühle, je unkritischer das Denken und je weiter weg von der Wirklichkeit, desto frommer.

Wenn das mit Frömmigkeit gemeint sein soll: Was genau sollte nun daran erstrebenswert sein, möglichst fromm zu leben?

Das erinnert stark an Karlheinz Deschners oft zitierten Ausspruch:

  • Je größer der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel.
    (Karlheinz Deschner, Tele-Akadamie, SWF, 20.1.2002, Zit. n. wikiquote.org)

Was ein Gebet nicht ist

Das scheint auch Herrn Muchlinsky zu dämmern. Und so erklärt er erstmal, nachdem er das Bittgebet als unwirksam entlarvt hat, was ein Gebet nicht ist:

Nun ist ein Gebet aber eben keine Wunschmaschine.

Jetzt wissen wir schon mal, was Gebete nicht sind. Aber wenn Gott keine Wünsche erhört und seinen allgütigen Allmachtsplan auf Bitten hin ändert, was sind Gebete dann? Auch darauf hat Herr Muchlinsky eine Antwort parat:

Gebete sind vielmehr Gespräche mit Gott. In denen man Gott durchaus sagen kann, was einen bewegt, was einen bedrückt oder fröhlich macht. Wir dürfen davon ausgehen, dass Gott uns zuhört, aber wir können nicht davon ausgehen, dass wir Gott mit unserem Gebet “zwingen” können, unsere Wünsche zu erfüllen.

Von “zwingen” war ja auch gar keine Rede. Ein Bittgebet ist, wie der Name schon sagt, eine Bitte. Da niemand nachweisen kann, dass Götter jemals auch nur einen Wunsch erfüllt haben, könnte man das, was einen bewegt, was einen bedrückt oder fröhlich macht genausogut auch seinem Teddybär erzählen. Oder einem Backstein. Der Effekt wäre der gleiche.

Zynischer Vergleich

Und jetzt wird es (sicher unbeabsichtigt) zynisch:

Wenn wir uns Gott wie einen liebevollen Vater oder eine liebevolle Mutter vorstellen, dann lässt sich das vielleicht besser verstehen. Auch Eltern werden ihren Kindern nicht jeden Wunsch erfüllen. Sie haben mehr zu bedenken, als den augenblicklichen Wunsch ihrer Kinder. Sie schauen mit anderen Augen.

GebetslogikHier ist zunächst festzuhalten, dass dieser Vergleich das tut, was viele Vergleiche tun: Er hinkt. Und zwar gewaltig. Erstens sind Eltern nicht allmächtig und auch nicht unbedingt allgütig. Und zweitens könnten sie auf Nachfrage sicher gute Gründe nennen, wegen derer sie ihren Kindern manche Wünsche nicht erfüllen.

Einmal mehr scheitert die biblisch-christliche Gottesvorstellung an der Wirklichkeit. Aufgrund seiner angeblichen Allmacht hätte Gott, wenn es ihn gäbe, keine Ausrede für unterlassene Hilfeleistung. Und bis jetzt hat noch kein Gott erklärt, warum sein allgnädiger Allmachtsplan unvorstellbares Leid in allen nur erdenklichen Formen beinhaltet.

Als höchst zynisch empfinde ich diesen Vergleich deshalb, weil hier Wünsche von Kindern (Haustier, Handy, Hanuta®…) mit der Bitte nach einer weniger leidvollen Welt verglichen wird. Es ist ja wohl ein Unterschied, ob ein Kind zu Weihnachten keine Spielekonsole bekommt oder ob das verzweifelte Bittgebet eines Menschen in akuter Todesgefahr unerhört bleibt.

Spitzen-Plan

So stelle ich mir Gott vor, als denjenigen, der mit anderen Augen schaut, als wir das jemals können. Gott hat einen viel größeren Plan als wir.

Vorstellen kann man sich alles Beliebige. Und das genaue Gegenteil auch. Solange sich in der irdischen Wirklichkeit nichts in einen ursächlichen Zusammenhang mit “einem viel größeren Plan als wir” bringen lässt, ist dieser Plan für uns irrelevant. Und die Vorstellung, es könnte sinnvoll sein, zu diesem Planer Kontakt aufzunehmen, demzufolge nichts weiter als eine arrogante Einbildung.

Macht Gott das Wetter? Ich weiß es nicht, ganz ehrlich. Ich glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat mit allem Sonnenschein und allem Regen, ja auch mit Überschwemmungen und Dürre. Aber ich glaube weder, dass ich ihn um schönes Wetter für meine Party bitten sollte, noch dass Gott Überschwemmungen “schickt”, um Menschen zu peinigen.

Mit dieser Aussage umschifft Herr Muchlinsky die eigentlich spannende Frage: Warum verhindert Gott das Leid empfindungsfähiger Lebewesen nicht? Oder allgemeiner: Wäre Gott in der Lage gewesen, eine weniger leidvolle und lebensgefährliche Welt zu erschaffen?

Wie gesagt: beten heiß mit Gott sprechen. Und ich kann ihn selbstverständlich bitten, eine Überschwemmung zu beenden.

Wie auch schon gesagt: Nach diesem Gottesverständnis kann der Begriff “Gott” mit jedem beliebigen anderen Begriff ersetzt werden, ohne dass sich faktisch etwas ändert.

Gottvertrauen bedeuetet also nicht etwa, auf Gottes Hilfe zu vertrauen. Sondern darauf, dass auch schlimmstes Leid dank eines nicht erkennbaren, “viel größeren” göttlichen Planes irgendeinen Sinn hat.

Also was denn nun!?

Gläubige wie Herr Muchlinsky haben erstaunlicherweise offenbar überhaupt kein Problem damit, erst darauf hinzweisen, dass Bittgebete nicht funktionieren. Um gleich darauf trotzdem doch wieder zu empfehlen, Gott um etwas zu bitten. Also was denn nun!?

Was von der Bitte an Gott tatsächlich übrigbleibt, verrät Herr Muchlinsky schließlich doch noch:

[…] Aber beim Gebet kommt es darauf an, dass ich mich von Gott gehört fühle, nicht darauf, dass mein Wunsch in Erfüllung geht.

Genau darauf kommt es an. Und auf nichts sonst. Um ein Gefühl, das ich mir als Betender selber verschaffe.

Dagegen ist, abgesehen von der Unredlichkeit und Arroganz dieser Vorstellung, grundsätzlich freilich nichts einzuwenden. Die Gedanken sind dank Aufklärung und Säkularisierung frei.

Problematisch wird es erst, wenn diese geistige Form der Selbstbefriedigung dazu führt, tatsächlich wirksame Handlungen zu unterlassen. Oder auch dazu, Missstände und Leid achselzuckend hinzunehmen, weil man sie als Teil eines sowieso unbegreiflichen Planes der allgnädigen Absicht eines magischen Wesens zuschreibt.

Antwort aus rationaler Sicht

Bis zum Beweis des Gegenteils ist nicht davon auszugehen, dass ein Wüstengott, den sich Menschen in der Bronzezeit ausgedacht hatten, das Wettergeschehen im Interesse Einzelner verändert, egal, wie sehr sie ihn darum bitten und egal, was der Grund für diese Bitte ist.

Nach allem, was wir bis heute über das Universum, das Leben und den ganzen Rest wissen, sieht es nicht danach aus, als sei all dies von dem allmächtigen, allgütigen, allwissenden Götterwesen erschaffen worden, das in den biblischen Mythen und Legenden beschrieben wird. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen diesem Wesen und dem irdischen Geschehen lässt sich redlicherweise nicht feststellen.

Nicht nur beim Wetter, sondern auch sonst nicht.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag auf fragen.evangelisch.de zur Frage, ob sich Gott ums Wetter kümmert.

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Letzte Aktualisierung: 6. Dezember 2018