Theodizee: Eine Frage des Schwerpunktes, oder: Wie putzt Gott eigentlich seinen Flur?

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In einem Facebook-Post lieferte Scrutator – Ungeschminkte Bibelkritik ein anschauliches Beispiel für eine immer wieder anzutreffende christliche Scheinargumentation:

Wie putzt Gott eigentlich seinen Flur?In letzter Zeit habe ich wieder viel über die Theodizeefrage diskutiert und nachgedacht. Was mir dabei aufgefallen ist: Christen und Atheisten scheinen in der Definition Gottes (allmächtig und allgütig) oft unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen, die ihr Urteil über ihn entscheidend beeinflussen.

Primär allmächtig…

Für Atheisten scheint Gott primär ein allmächtiges Wesen zu sein. Denn wenn Atheisten den Zustand der Welt sehen und dann hören, dass manche Leute an Gott glauben, dann denken viele von ihnen: “Dieser Gott soll doch allmächtig sein. Das heisst, wenn es ihn gibt, ist er ein Arschloch.” Sie sehen die Frage, ob Gott allgütig ist, im Lichte von dessen Allmacht.

…oder doch allgütig?

Für Christen hingegen scheint Gott primär ein allgütiges Wesen zu sein. Denn wenn Christen den Zustand der Welt sehen, dann denken sie: “Gott ist allgütig, soviel steht fest. Das heisst, er muss gute Gründe haben, das alles zuzulassen.” Gute Gründe zu haben, Leid zu verursachen oder zuzulassen, bedeutet in letzter Konsequenz immer, dazu gezwungen, also nicht allmächtig zu sein. Christen sehen also die Frage, ob Gott allmächtig ist, im Lichte von dessen Allgüte.

…oder was?

Der entscheidende Unterschied: Christen gelingt es nicht, den Widerspruch zu erkennen. Sie merken nicht, dass sie Gottes Allmacht leugnen müssen, um angesichts des Leids in der Welt weiter von seiner Allgüte ausgehen zu können.

Sie denken und sagen, sie glaubten an einen allgütigen und allmächtigen Gott, aber sobald es um die Frage geht, warum Gott Leid zulässt, wird irgendetwas gesagt, das impliziert, dass Gott dazu gezwungen sei, so zu handeln. Plötzlich hat er seine Allmacht verloren.

Wenn man dann fragt, ob Gott denn nicht allmächtig sei, heisst es dann wieder: “Doch, klar.” Wie machen wir den Leuten das klar?

“Wie putzt Gott eigentlich seinen Flur?”
“Mit seinem Besen.”
“Das heisst, Gott hat einen Besen?”
“Nein.”
“Aber womit reinigt er dann seinen Flur?”
“Na mit seinem Besen.”

*Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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3 Gedanken zu “Theodizee: Eine Frage des Schwerpunktes, oder: Wie putzt Gott eigentlich seinen Flur?”

  1. Tja, wie will man Gott verstehen, wenn man es nicht wirklich versucht?! Er hat ja immer wieder das Bild gegeben, dass er wie ein Vater ist. Würden Eltern ALLES verhindern was die eigenen Kinder falsch machen? Dann müssten sie letztendlich ihre Kinder verhindern bzw. beseitigen. Aber Eltern lieben ihre Kinder, zeigen ihnen wie es besser geht und lassen ihnen noch eine Chance und noch eine und noch eine und noch eine. Und lieben sie trotzdem.

    • Viele Menschen versuchen wirklich, ihre Götter zu verstehen – und kommen dabei zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen.

      Der Vergleich mit den liebevollen Eltern funktioniert nicht, weil Eltern gemeinhin nicht allmächtig, allwissend und allgütig sind und weil sie im Gegensatz zu Göttern auch außerhalb menschlicher Phantasie existieren.

      Der Gott, der in der biblisch-christlichen Mythologie beschrieben wird, droht mit zeitlich unbegrenzter physischer und psychischer Dauerbestrafung durch Höllenqualen für das Vergehen, ihn nicht anerkannt und sich ihm unterworfen zu haben.

      Übertragen auf Eltern wäre dieses Verhalten vergleichbar mit dem von Eltern, die ihren Kindern androhen, sie bei Fehlverhalten (nach ihren eigenen Maßstäben) lebenslänglich physisch und psychisch zu quälen (“nur” lebenslänglich, weil es in der irdischen Wirklichkeit keine “Ewigkeit” für zeitlich unbegrenzte Bestrafung gibt).

    • Was die *Kinder* falsch machen? Darum geht es in der Theodizee doch überhaupt nicht. Das Theodizee-Problem dreht sich nicht um den Menschen, sondern um Gott. Genauer um den Widerspruch zwischen Allmacht und Allgüte bei gleichzeitigem Vorhandensein von Leid. Das Theodizee-Problem bestünde auch dann, wenn es gar keine Menschen gäbe, sondern z.B. nur Tiere. Warum leiden Tiere?

      Es geht überhaupt nicht darum, dass der Mensch irrt und Gott es verzeiht. Es geht darum, dass Gott das Leid *selbst* verursacht, entweder aktiv oder als Konsequenz seiner Schöpfung.

      Was soll das bedeuten, Gott würde den Menschen immer wieder zeigen, wie es richtig geht? Was ändert das an den Todesopfern von Tsunamis, Erdbeben, oder Hungersnöten? Wenn die Christen so genau Bescheid wissen, wie es “richtig geht”: Warum verhindern sie dann diese Katastrophen nicht?

      Warst Du schon mal in einem Kinderkrankenhaus? Sag’ denen doch einfach, wie es “richtig geht”.

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