Total ungerecht! Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Demut

~ 9 Minuten

Total ungerecht! Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Christian Rommert, veröffentlicht am 21.11.2020 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Ist biblische Demut ein gutes Argument, um sich rücksichtsvoll seinen Mitmenschen gegenüber zu verhalten? Und was hat das mit Kindern zu tun, die es ungerecht finden, früher als ihre älteren Geschwister ins Bett gehen zu müssen?

Ab ins Bett!

Da sich Herr Rommert nicht für das katholische, sondern für das protestantische Berufschristentum entschieden hat, kann er von seinen persönlichen Erfahrungen als Vater ganz offiziell öffentlich berichten:

Als Vater von drei Kindern haben mich diese Diskussionen genervt, zermürbt und komplett ratlos gemacht. Was sollte ich da Kluges sagen? An die Vernunft appellieren? “Sie ist halt vier Jahre älter als Du – Du brauchst mehr Schlaf!” “Brauch ich gar nicht!” Oft gab es dann erst recht Diskussionen. Bis ich schließlich dann auch mal explodierte: “Jetzt ist Schluss! Du bist jünger! Sie älter! Ab ins Bett! Basta!” Schön war das nie.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Total ungerecht! Wort zum Sonntag, verkündigt von Christian Rommert, veröffentlicht am 21.11.2020 von ARD/daserste.de)

Da wohl die meisten Eltern irgendwann mal vor der Aufgabe stehen, die Bettgehzeiten ihrer Kinder zu regeln, finden sich online jede Menge Erfahrungsberichte, Tipps und Ratgeber zu diesem Thema.

Der Pastor in mir

Nun ist das “Wort zum Sonntag” aber kein Erziehungsratgeber, sondern eine Kirchen-Dauerwerbesendung. Wobei diesmal offenbar Herr Rommert selbst schon zu ahnen scheint, dass ein Bibelsprüchlein hier nicht wirklich weiterhelfen kann:

Der Pastor in mir hätte meinen Kindern dann am liebsten einen Bibelspruch entgegengehalten: “In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst!”

Leider erfahren wir nicht, in welchen Situationen Herr Rommert den Pastor in sich zu Wort kommen lässt. Und wann, sowie aus welchen Gründen er darauf verzichtet.

Im Rahmen einer religiösen Verkündigungszeremonie (oder -Sendung), wo man nicht mit nervigen Rückfragen rechnen muss und wo es auch keine Rolle spielt, wie schwach oder unpassend die vorgebrachten Argumente sind, kann man natürlich problemlos mal irgendwas erzählen, das einem gerade irgendwie passend erscheint.

Mit Demut ins Bett

Um den Nachwuchs zum Schlafengehen zu bewegen, ist die biblische Demut offenbar kaum geeignet:

Was hätte ich mir gewünscht, ersehnt, erträumt? Na, dass mein Jüngster mich liebevoll anschaut und sagt: “Ja Papa, was Du da sagst, das ist sehr vernünftig. Ich respektiere das, ich bin jünger und gehe demütig ins Bett.” Hat das irgendjemand jemals erlebt? Hatte der, der diesen Bibelvers geschrieben hat, eigentlich Kinder?

Nein, der, der diesen Bibelvers laut Bibel geschrieben haben soll, hatte wohl keine Kinder. Der hielt schon die Ehe nur deshalb für erforderlich, weil er der Ansicht war, dass sie das Risiko der Unzucht vermindern würde.

Demut im biblisch-christlichen Sinn bedeutet die Anerkennung der Allmacht Gottes. Eines Gottes, der Menschen aktiv und umfassend demütigt, um sie dazu zu bringen, sich ihm (wieder) zu unterwerfen (z. B. 5. Mose 8,2-3). Überhaupt hat dieser Gott laut biblischer Mythologie ein Faible für Menschen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind (Jesaja 57,15).

Herr Rommert hätte sich also gewünscht, dass sein Kind demütig ins Bett geht. Vermutlich meinte er nicht demütig vor seinem Gott. Sondern voller Demut vor der Weisheit und Vernunft des Vaters. Und vor dem älteren Geschwister. Das wäre dann schön gewesen?

So sind Kinder halt, manchmal

“In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst!” Diese Utopie für das Miteinander wäre definitiv nichts für meine Kinder gewesen, denn die haben trotzig auf ihr Recht gepocht. So sind Kinder halt, manchmal. Demut – also der Mut, sich hintenanzustellen, der Mut, sich selber entgegen zu treten und zu sagen: wäre schön, wäre auch Dein Recht, aber lass es – dennoch. Den anderen zuliebe!

Was haben denn ältere Geschwister davon, wenn ihr jüngeres Geschwister früher ins Bett geht als sie selbst? Das kleinere Kind soll doch nicht der älteren Geschwister zuliebe ins Nest, sondern weil die Eltern entschieden haben, dass Schlafenszeit ist.

Es geht dabei doch nicht darum, sich vor jemandem zu demütigen. Sondern am nächsten Morgen ausgeschlafen zu sein.

Tut nichts aus Eigennutz

Wie immer, wenn Bibelstellen ins Spiel kommen (wenngleich diesmal auch nur als Beispiel für ein offensichtlich unbrauchbares Argument), lohnt sich ein Blick auf den Kontext:

  1. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst,
  2. und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. (Phil 2,3 LUT)

Was macht es mit Menschen und speziell mit Kindern, wenn man sie auffordert, den anderen höher zu achten als sich selbst?

Und wäre es nicht viel sinnvoller, schlüssiger und überzeugender, den Aspekt des Eigennutzes in den Vordergrund zu stellen, statt ihn zu verbieten?

Wer in einem bestimmten Verhalten einen Nutzen für sich selbst erkennt, hat damit eine starke Motivation, sich eigennützig zu verhalten.

In der Werbung spielt der Eigennutz unter der Bezeichnung Verbrauchervorteil (Consumer Benefit) eine zentrale Rolle: Wenn Sie A kaufen, können Sie damit ganz bequem B machen und brauchen Ihre Zeit nie wieder mit C zu verschwenden!

Eigennutz statt Demut

Eigennutz unterscheidet sich von Egoismus dadurch, dass jemand, der sich eigennützig verhält, dabei Rücksicht darauf nimmt, keine gleichberechtigten Interessen seiner Mitlebewesen zu verletzen. Er braucht sich deswegen vor nichts und niemandem zu demütigen.

Kinder rebellieren gegen so etwas. Aber was ist, wenn ich diesen Satz von der Demut Erwachsenen sage?

So kam mir die Bundeskanzlerin vor, als sie uns gebeten hat, aus Vernunftgründen freiwillig zu verzichten. Keine neuen Vorschriften, stattdessen freiwillig Rücksicht nehmen. Ja, ich weiß, das klingt ein bisschen so, wie freiwillig ins Bett gehen, obwohl man die Ältere ist und eigentlich doch noch viel länger aufbleiben darf.

War es nicht gerade noch das jüngste Kind, das früher als die älteren Geschwister demütig ins Bett hätte gehen sollen? Auf wen oder was nimmt denn ein älteres Geschwister freiwillig Rücksicht, wenn es nicht so lange wach bleibt, wie es darf? Irgendwie scheint dieses Beispiel nicht wirklich in sich stimmig zu sein.

Freiwillig demütig?

Aber das ist meine Utopie: Demütig sein, nicht auf die nächste Verschärfung der Regeln warten und dann zähneknirschend handeln, sondern jetzt schon freiwillig, achtsam und rücksichtsvoll sein.

Auch in Bezug auf die Einhaltung von Corona-Regeln halte ich den Eigennutz für ein wesentlich stärkeres Argument als eine nebulöse Demut. Denn natürlich nutzt ein rücksichtsvolles Verhalten auch dem, der sich so verhält. Besonders dann, wenn die Vorteile des Eigennutzes die Nachteile der dafür freiwillig in Kauf genommenen Einschränkungen überwiegt.

Selbst ein Verhalten, das auf den ersten Blick nur den Mitmenschen, nicht aber einem selbst unmittelbar nutzt, kann für den, der sich so verhält trotzdem auch einen Nutzen bringen.

Die Evolution hat dafür gesorgt, dass menschliche Gehirne Altruismus, Rücksicht und Empathie mit der Ausschüttung von Glückshormonen “belohnen.” Kein egoistisches Arschloch zu sein, hatte sich für in Gemeinschaften lebende Herdentiere offenbar als überlebensrelevanter Vorteil erwiesen.

So lebbar wie möglich

Sobald von jemandem ein Verhalten verlangt wird, in dem er keinen Eigennutz erkennt, hilft ein Aufruf zur Demut erst recht nichts:

Ja – na klar, da wo es um die Existenz geht wie bei den Wirten, den Konzertbetreiberinnen, den Hoteliers und den Künstlerinnen, da muss die Solidargemeinschaft eingreifen und unterstützen. Da zum Verzicht aufzufordern ist zynisch! Auch da, wo es ums Leben geht, in Pflegeheimen und Krankenhäusern, können wir nicht einfach sagen: jetzt stellt Euch mal demütig ans Ende der Reihe! Da müssen wir nach Wegen suchen, die Situation so lebbar wie möglich zu machen.

Genau. Wie schon im Bettgeh-Beispiel ist auch hier Demut ein denkbar schwaches, nicht wirklich überzeugendes Argument.

Das mit der anderen Wange, die man hinhalten möge, nachdem man auf die eine Wange geschlagen wurde, praktizieren meiner Erfahrung zufolge heute nur noch wenige, irgendwie masochistisch veranlagte Glaubensbrüder (und Schwestern). Und zwar solche, die selbst von ihren eigenen Glaubensgenossinnen nicht selten als reichlich durchgeknallt eingeschätzt werden.

Freiwillig verzichten um der anderen willen

Aber für alle anderen, wo immer es möglich ist: freiwillig verzichten um der anderen willen.

…und zwar auch deshalb, weil man eben auch selbst davon profitiert, wenn man dazu beiträgt, die Ausbreitung zu verhindern. Oder zumindest zu verlangsamen, sodass eine Überlastung der medizinischen Versorgung vermieden wird.

A propos Solidargemeinschaft, Demut und “freiwillig verzichten um der anderen willen” (Hervorhebungen von mir):

  • Das Finanzvolumen der evangelischen Kirchen Deutschlands ist gewaltig. Rund 10 Milliarden Euro stehen den 20 evangelischen Landeskirchen und fast 16.500 Gemeinden jedes Jahr für ihre Arbeit zur Verfügung.
  • Auf die evangelische Kirche entfallen davon [gemeint sind die jährlichen Staatsleistungen, Anm. v. mir] je nach Quelle 250 bis 280 Millionen Euro.
  • […] Dort [www.kirchenfinanzen.de] findet sich in der Tat ein Einnahme-Posten unter dem Titel “Vermögenseinnahmen (Mieten, Pachten, Kapitalerträge)”. “Und wenn die EKD sagt,” so betont Frerk, “in den Einnahmen seien 750 Millionen Euro aus Vermögenseinnahmen, dann können Sie mal hochrechnen, was für ein Vermögen dahinter steht.”
    (Quelle: dw.com: Was besitzt die evangelische Kirche?)

Das klingt nach viel ungenutztem Spielraum für Solidarität. Und wer weiß, vielleicht lassen sich ja wenigstens die katholischen Glaubensbrüder mit dem Argument der Demut davon überzeugen, einen Teil ihres Milliardenvermögens für solidarische Zwecke herauszurücken? Oder zumindest endlich der seit über 100 Jahren überfälligen Beendigung der mit nichts zu rechtfertigenden jährlichen Staatsleistungen in Millionenhöhe zuzustimmen.

Aber wünschen, wünschen will ich mir das!

Genau das habe ich mir bei meinen Kindern gewünscht, dass einer von ihnen einfach sagt: Na gut, ich verzichte. Ist nie passiert… Aber wünschen, wünschen will ich mir das! Heute von uns, von Ihnen – als Erwachsene.

Ich soll mein Verhalten ändern, weil Sie sich das wünschen wollen, Herr Rommert? Wo Sie schon bei Ihren eigenen Kindern damit gescheitert sind? Und wo es nur um Bettgehzeiten ging?

Zumindest in der Debatte mit Ihren Kindern um die Bettgehzeiten hatten Sie auf die biblische Demut als Argument ja schon verzichtet. Und dass Sie sich ganz doll irgendwas wünschen, scheint auch nicht den gewünschten Effekt bewirkt zu haben.

Wenn es Ihnen tatsächlich darum geht, erwachsene Menschen von der Sinnhaftigkeit bestimmter Verhaltensweisen zu überzeugen, dann sollten Sie vielleicht nochmal Ihre Argumente grundlegend überdenken. Und bezüglich der Bettgehzeiten kann Ihnen sicher ein Erziehungsratgeber mit Tipps weiterhelfen, die hoffentlich besser funktionieren als das, womit Sie offenbar nicht erfolgreich waren.

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