Fundstück der Woche: Ehemalige Kirche wird Corona-Testzentrum

Lesezeit: ~ 6 Min.

Fundstück der Woche: Premiere im Bistum Fulda! Gottes Segen inklusive: Corona-Schnelltest jetzt in der St. Barbara Kirche, veröffentlicht am 09.04.21 von osthessennews.de

Darum geht es

Wenn Christen behaupten, dass auf einem Corona-Testzentrum deshalb ein spezieller göttlicher Segen liege, weil es in einem profanierten Kirchengebäude eingerichtet wurde, hatte Gott dann von der Entweihung seines Hauses nichts mitbekommen?

Baufällige Kirche: Eigentlich ein Paradies für Katholiken…

Die Sankt-Barbara-Kirche in Neuhof im südlichen Kreis Fulda war im Oktober 2018 feierlich entweiht worden. Wie diesem Beitrag auf osthessennews.de zu entnehmen ist, war die Aufgabe der sakralen Nutzung des Gebäudes damals wie folgt begründet worden:

  • Dringende Investitionen, der Rückgang an Kirchenbesuchern und der daraus resultierende gesunkene Bedarf an Kirchengebäuden führten dazu, dass sich am Sonntag die erste große Kirchenschließung in Osthessen ereignete. Auch die seit Jahren nicht mehr funktionierende Heizung, das undichte Dach sowie die einsturzgefährdete Empore haben die Entscheidung der Pfarrgemeinde beeinflusst.
    (Quelle: Letzter Gottesdienst rührt zu Tränen – Katholische St.-Barbara-Kirche entweiht, osthessennews.de, 31.10.2018)

Eine Kirche ohne funktionierende Heizung, durch die Decke tröpfelt es und man hat die Chance, unter der einstürzenden Empore während der Glaubensausübung als Märtyrer seinem Schöpfer gegenüberzutreten – eigentlich traumhafte Bedingungen für Katholiken, die ja Leid als frommes Werk betrachten…

…alles beim Alten

Wie wir dem aktuellen Artikel entnehmen können, scheint sich seitdem in Sachen Gebäudemängel nicht viel, bzw. nichts getan zu haben:

Die Gegenstände vom letzten Gottesdienst im Jahr 2018 stehen noch an Ort und Stelle, einzig und alleine die Bänke und die Orgel wurden bereits aus der Sankt Barbara Kirche in Neuhof (südlicher Kreis Fulda) entfernt.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Premiere im Bistum Fulda! Gottes Segen inklusive: Corona-Schnelltest jetzt in der St. Barbara Kirche, veröffentlicht am 09.04.21 von osthessennews.de)

Klar: Wieso sollte die Kirche auch noch in ein Gebäude investieren, das sie schon seit Jahren aufgegeben hatte? Falls hier seit 2018 tatsächlich nichts unternommen wurde, dürfte das Dach kaum von allein dichter, die Heizung funktionsfähig und die Empore wieder stabil geworden sein. Und erst recht nicht durch göttliches Eingreifen.

Nicht nur seine Schafe, auch seine Gebäude sind ihm völlig egal…

Wenigstens den Erhalt der Gebäude, die seine Anhänger eigens zu dem Zweck errichtet hatten, um ihn zu verehren, könnte der liebe Gott als „allmächtiger Schöpfer des Himmels und der Erde“ ja übernehmen. Aber genauso wenig, wie dieser Gott irgendetwas gegen jegliches menschliche Leid unternimmt, kümmert er sich um seine Liegenschaften. Er verhält sich vielmehr gerade so, als ob es ihn gar nicht gäbe. Wie alle anderen Götter eben auch.

Und auch der katholische Kirchenkonzern hat offenbar andere Prioritäten, was die Verwendung seines Multimilliardenvermögens angeht, als baufällige Filialkirchen zu erhalten, die sie gar nicht mehr brauchen.

Zu den Gründen der Schließung damals heißt es im aktuellen Artikel:

Pfarrer Dr. Dagobert Vonderau erklärt, dass dies mehrere Gründe hat: „Zum einen gab es erhebliche Baumängel und zum anderen haben wir in Neuhof noch eine weitere Kirche, die bei rund 3.500 Katholiken ausreicht.“

Es ist also kaum davon auszugehen, dass das zuständige Bistum Fulda dieses Gebäude nach der Entweihung so umfassend renoviert hat, dass die oben genannten, gravierenden Baumängel heute zumindest provisorisch behoben sind.

Bezüglich einer möglichen Folgenutzung des Gebäudes für ein inklusives Wohnprojekt, das seinerzeit im Gespräch war und wozu sich eigens ein Verein gegründet hatte, lassen sich zumindest online seit 2018 keine neueren Informationen über den aktuellen Stand finden.

Wie großzügig!

Stattdessen lassen sich die Berufschristen jetzt dafür von der Lokalpolitik feiern, dass sie ein Kirchengebäude in vermutlich nach wie vor desolatem Zustand großzügig für eine Nutzung zur Verfügung stellen, die immerhin tatsächlich sinnvoll ist: Als Corona-Testzentrum.

„Hier wird jetzt getestet!“ – und das mit Gottes Segen. Denn das Bürgertest-Zentrum „Südkreis-Neuhof“, das vom DRK Fulda und dem Klinikum Fulda gemeinsam betrieben wird, ist vom Aloys-Ruppel-Haus in die entweihte Kirche umgezogen.

Seit das Gebäude 2018 profaniert worden war, gilt es für Christen nicht mehr als „Gotteshaus.“ Unklar ist freilich, ob sich der Bibelgott danach richtet, ob seine Anhänger ein Gebäude ihm zuliebe in eine Kirche verzaubert haben oder nicht.

Göttlicher Segen – trotz Rauswurf?

Sollte die „Entweihung“ tatsächlich „funktioniert“ haben, dann müsste Gott, wenn es ihn gäbe, dieses Gebäude ja eigentlich segenstechnisch zumindest nicht anders behandeln als zum Beispiel eine Fabrikhalle, einen Hindu-Tempel, ein Bahnhofsgebäude oder eine KFZ-Werkstatt.

Die Vorstellung, dass ausgerechnet der eifersüchtige Bibelgott, der neben Abtrünnigen auch gleich deren Kinder, Enkel und Urenkel mit-bestraft es zwar tatenlos zulässt, dass ein ihm geweihtes Haus mangels Nachfrage quasi bis zur Unbrauchbarkeit verfällt und dann aber einer profanen Folgenutzung seine Segnung erteilt, erscheint reichlich absurd.

Besonders, wenn jene katholisch-fundamentalistische Fanatiker (wie etwa der Churer Bischof Eleganti), die sich noch bis zur Aufgabe ihrer Selbstachtung danach richten, was ihre „Heilige Schrift“ so alles beinhaltet richtig liegen sollten, also jene, die Corona für eine göttliche Strafe halten, dann sollten sich die Gläubigen besser auf eine drastische Bestrafung einstellen.

Wenn sie ausgerechnet ein ehemaliges Gotteshaus dazu missbrauchen, sich der von Gott als Plage und zur Bestrafung für menschliches Fehlverhalten geschickten Pandemie mit wirksameren Mitteln zu erwehren als durch Gottvertrauen.

Wenn man so drauf ist, dann würde man ja vermutlich sogar dafür beten, dass die morsche Empore von der Decke auf die (womöglich auch noch ungläubigen und/oder gar nicht-heterosexuellen) Kunden und Mitarbeiter des Testcenters fallen möge…

Gottes Wege – bekanntlich gründlich?

Bürgermeister Heiko Stolz (CDU), der sich gleich selbst testen ließ, ist sich sicher: „Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal hier in der St. Barbara Kirche einen Abstrich bekomme. Aber es ist einfach eine tolle Zwischenlösung – für die leerstehende Kirche und für das Bürgertest-Zentrum.“ Seiner Meinung nach müsse man sowohl die Test- als auch die Impfkampagne gleichermaßen verfolgen und fördern. „Nur so kann die Pandemie bekämpft werden.“ Und Gottes Wege seien ja bekanntlich gründlich – „vielleicht sieht man den Ein oder Anderen jetzt wieder öfters in der Kirche“, schmunzelt er.

Bekanntlich gründlich ist, wie wir alle wissen, natürlich nur eine andere Phantasiegestalt: Meister Proper. Denn nur der putzt so sauber, dass man sich drin spiegeln kann.

Ob es sich bei den „gründlichen“ göttlichen Wegen um einen Versprecher von Herrn Stolz (CDU) oder um einen Tippfehler von Osthessennews handelt, konnte ich nicht ermitteln.

Es spielt aber auch im Grunde keine Rolle, ob göttliche Wege nun gründlich oder unergründlich sind. Denn eins sind sie bis zum Beweis des Gegenteils mit Sicherheit: Genauso frei erfunden wie auch die vielen tausend Götter, die sich Menschen schon ausgedacht haben.

Gottes angeblich unergründliche Wege werden immer dann ins Spiel gebracht, wenn Christen auf Widersprüche zwischen ihren religiösen Wunsch- oder Wahnvorstellungen und der irdischen Wirklichkeit stoßen. Während sie im gleichen Atemzug wieder vorgeben, sehr genau über die gerade noch unergründlichen göttlichen Wege detailliert Auskunft erteilen zu können.

Da schmunzelt der CDU-Politiker…

Warum Leute öfters in die Kirche gehen sollten, wo doch gerade Gottesdienste immer wieder als Superspreader-Events in den Medien auftauchen und obwohl der CDU-Politiker doch offenbar weiß, wie die Pandemie tatsächlich bekämpft werden kann, erschließt sich mir nicht.

Und was das Kirchengebäude angeht: Da gehen die Menschen ja nicht um Gottes willen hin. Sondern um ihrer körperlichen Gesundheit willen.

Ausgerechnet das, was eine katholische Kirche von jedem anderen Gebäude unterscheidet, ist hierfür völlig irrelevant. Das Testzentrum könnte genauso auch in einem ehemaligen Bordell oder in einer nicht genutzten Turnhalle errichtet werden. Ob die Leute deswegen dann auch wieder öfter in den Puff oder zum Hallensport gehen würden…?

Zumal die ehemalige Kirche, um die es hier geht ja offenbar in keinem wirklich einladenden Zustand ist, wenn man nicht gerade ein Faible für den morbiden Charme von Lost Places hat.

Da kann man seine Verlegenheit dann schon mal mit einem Schmunzeln überspielen, wenn einem die Peinlichkeit einer solchen Aussage vielleicht doch schon irgendwie bewusst war…

…und dann auch noch mit Gottes Segen?

Die Verantwortlichen im Bistum Fulda stimmten der Neuverwendung der Kirche ohne Zweifel zu: „Durch die Testcenter bekommen die Menschen ein Stück weit Sicherheit. Sicherheit, die wir jetzt brauchen“, findet Generalvikar Prälat Christof Steinert. „Hier wird ja nichts Unheiliges getan“, sagt er, denn Testen sei wichtig – und dann auch noch mit Gottes Segen.

Zusätzlich zur oben schon angestellten Überlegung, inwiefern man in einem ausdrücklich entweihten Gebäude als Christ noch mit einer speziellen Segenswirkung rechnen kann stellt sich auch einmal mehr die grundsätzliche Frage, wie man sich die Wirkungsweise eines solchen Segens konkret vorstellen kann:

Genügt es zum Beispiel, dass sich kein einziger Gott nachweislich ins Geschehen einmischt, um von einem göttlichen Segen ausgehen zu können? Zumindest, solange nichts Gravierendes passiert, was Zweifel an dieser Annahme wecken könnte? Wie wäre es zum Beispiel umgekehrt zu deuten, wenn während des Testbetriebes die Empore einstürzt und Menschen dadurch zu Schaden kommen?

An Gottes Segen – ist kaum noch wem gelegen

…außer natürlich klerikalen oder politischen Berufschristen. Und den Schäfchen, die immer noch dran glauben.

Wie auch immer: Es sind ausnahmslos immer Menschen, die vorgeben, hier irgendwelche Aussagen treffen zu können. Eine verlässliche Methode zur Überprüfung, wie sich das mit dem göttlichen Segen in Bezug auf die irdische Wirklichkeit tatsächlich verhält, gibt es ja nicht.

Zum Glück der Theologen und der Gläubigen, deren Glaube andernfalls ja sofort unnötig und hinfällig wäre. Ausgerechnet die Nicht-Existenz von Göttern ist die unbedingte Voraussetzung für Götterglaube. Klingt paradox, ist aber so.

Sobald man seine Weltanschauung um magisch-esoterische Annahmen erweitert, hat man dem Un- bzw. Widersinn damit unweigerlich Tür und Tor geöffnet. Und deshalb frage ich mich immer wieder, wieso erwachsene, geistig gesunde und ansonsten aufgeklärt denkende Menschen im 21. Jahrhundert immer noch genau das tun.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich befürworte ich es, wenn nicht mehr gebrauchte Kirchengebäude sinnvoll profan folgegenutzt werden.

Auch wegen architektonisch-künstlerischen Aspekten ist der Erhalt bestimmter Sakralbauten sicher in Erwägung zu ziehen. Ägyptische, griechische oder auch römische Tempel hat man ja auch bis heute erhalten. Obwohl die Götter, für die sie einst errichtet worden waren schon längst dem Bibelgott in die Bedeutungslosigkeit vorangeschritten sind.

 

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3 Gedanken zu „Fundstück der Woche: Ehemalige Kirche wird Corona-Testzentrum“

  1. „… überflüssig. wie jeder andere Steinhaufen der Geschichte!!!“ FLO
    Was den derzeitigen Gott betrifft, kann ich dem zustimmen. Er ist überflüssig wie all die anderen, die sich die Menschen so im Lauf der Zeiten ausgedacht haben.
    Allerdings, damit wir diese Entwicklung überhaupt nach- und mitvollziehen können, sind solche „Steinhaufen der Geschichte“ doch ganz aufschlussreich.
    Sie veranschaulichen oft unmittelbar greifbar, was die Menschen in früheren Zeiten bewegt hat, besonders aus den Kulturen ohne weitere schriftlichen Zeugnisse.

    Mir sind einige „Steinhaufen“, die ich schon „bestaunt“ habe, durch den Kopf gegangen wie die Akropolis, Angkor Wat, Paestum, Machu Picchu, Palenque, Karthago, Syrakus, Paphos, Khajuraho, Pompeji, Volubilis, Sacsayhuaman, die ägyptischen Steinbauten, die chinesische Mauer und und und. Wer auf die Suche geht findet überall auf der Welt solche Zeugnisse, mit denen man sein eigenes Weltbild erweitern kann.
    Viele dieser oft von der Natur wieder überwucherten Bauwerke erzählen Geschichten von Menschen (auch von Institutionen), einmal von solchen, die die Macht hatten oder sie sich zurechneten oder die sogar vorgaben, sie von einem Gott erhalten zu haben, um derart gigantische Bauwerke errichten zu lassen (wie z.B. auch Kirchen). Zum zweiten stehen einem aber auch die Frauen und Männer vor Augen, die zu den Arbeiten oft mehr oder weniger verpflichtet wurden, auch die, die sich um die Versorgung dieser Arbeiter kümmern mussten. Jedes dieser Bauwerke- selbst in entlegenen Winkeln der Erde- hat einen kulturhistorischen Hintergrund, auf dem letztendlich auch unsere Kultur aufbaut und sich weiter entwickelt.
    Gerade durch das Kennenlernen vieler solcher „Steinhaufen“ habe ich selbst die Erkenntnis gewonnen, dass Religionen zur irrealen Möglichkeit der Lebensbewältigung erdacht wurden, von einigen „Führertypen“ mit viel Buhei zelebriert wurden (und immer noch werden), um dann irgendwann durch neuere Erkenntnisse, auch durch politische oder klimatische Veränderungen zu Ruinen zu verfallen.

    Mit dem Wissen um diese Fakten fiel mir das Ablegen der in unserer Gegend üblichen Religion wesentlich leichter.

    Antworten
    • Schon klar, ich bin selbst ein sehr geschichtsaffiner Mensch.
      Mein Kommentar war vielleicht ein bisschen zu zynisch formuliert und der Ruinenvergleich bezog sich hauptsächlich auf das alte Kirchenlied „Eine feste Burg ist unser Gott“.
      Natürlich bin auch ich für den Erhalt alter, geschichtsträchtiger Bauten z.B. als Museum, mit entsprechenden Erklärungen historischer Art, fernab jeglichen Dogmas.
      Ich geb zu, dass das durchaus missverständlich geschrieben war und ich deine Meinung dazu in vollem Umfang teile.

      Liebe Grüsse

      FLO

      Antworten

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