Offener Brief an Bischof Dr. Michael Gerber zum Impuls von Stefan Buß: Trainingslager Fastenzeit

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An
Bischof Dr. Michael Gerber
Michaelsberg 1
36037 Fulda

sekretariat-bischof[at]bistum-fulda.de

Offener Brief an Bischof Dr. Michael Gerber zu Impuls von Stefan Buß: Trainingslager Fastenzeit

Guten Tag Herr Bischof Dr. Gerber,

am 12. März 22 veröffentlichte Osthessennews einen „Impuls“ des Stadtpfarrers Stefan Buß. In diesem Beitrag schreibt Herr Buß:

[…] Es gehört zum Wesen eines Menschen, dass er nach einem sinnvollen Leben strebt. Wenn ich mein Leben für sinnvoll halte, dann macht es auch Freude zu Leben und dieses Ziel hat ja eigentlich jeder Mensch. Er möchte ein möglichst glückliches und zufriedenes Leben führen. Menschlichkeit ist der Weg zum Glück. Aber diese Menschlichkeit geht auch über den Nächsten und über Gott. Der Mensch möchte in sich selbst ruhen, bei sich ich selbst geborgen sein. Der Mensch möchte aber auch bei seinen Mitmenschen Geborgenheit erfahren und sich ihnen zuwenden. Der Mensch möchte Geborgenheit und Halt finden in Gott. Tag für Tag und einmal für immer.

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Impuls von Stefan Buß: Trainingslager Fastenzeit, veröffentlicht am 12.3.22 von osthessennews.de)

Diesbezüglich, aber auch in Hinblick auf viele der bisherigen „Impulse“ von Herrn Buß frage ich hiermit jetzt mal bei Ihnen an, ob Herr Buß die Inhalte seiner „Impulse“ eigentlich mit irgendwem abstimmt, bevor diese aufgezeichnet und veröffentlicht werden.

Gibt es eine weisungsberechtigte Person oder wenigstens eine/n Berufskollegen/ -kollegin, der oder die sich die Manuskripte vorab mal kritisch durchliest?

Oder sendet Pfarrer Buß quasi ungefiltert alles Beliebige, was ihm gerade in den Sinn kommt?

Der Mensch möchte…

Es mag ja sein, dass für Herrn Buß persönlich ein Mensch dadurch zum Mensch wird, wenn er den Wunsch „Geborgenheit und Halt finden in Gott“ hegt.

Ein solcher Standpunkt wäre ja durchaus nicht untypisch für einen Katholiken und ist auch bei anderen Berufschristen anzutreffen:

Wie etwa beim Militärbischof Overbeck („ohne Religion, ohne gelebte Praxis von Religion gibt es kein Menschsein“). Oder auch bei Ihrem Vorgänger Algermissen, Herr Dr. Gerber. Der hatte ja zum Beispiel „Menschen ohne Auferstehungsglauben“ als „ein großes Sicherheitsrisiko für die Mitwelt „bezeichnet.

Ich nehme Herrn Buß sogar ab, dass ihm die klerikale Arroganz und/oder Ignoranz seiner Pauschalaussage über „den Menschen“, der „Geborgenheit und Halt finden will bei Gott“ gar nicht bewusst ist. Es kann ja durchaus sein, dass das so tatsächlich seiner religiös verengten Sichtweise entspricht.

Diese Aussage, wie auch viele weitere Statements aus früheren „Impulsen“ lassen mich vermuten, dass Herr Buß so sehr in seiner katholischen Vorstellungswelt gefangen ist, dass ihm völlig entgeht, wie seine Botschaften auf Menschen wirken, die seine religiöse Realitätsflucht nicht teilen.

Frag- und kritikwürdige Botschaften von Pfarrer Buß

Nachdem ich jetzt schon seit geraumer Zeit die Videobotschaften von Herrn Buß mitverfolge, analysiere und einige davon auch schon in Beiträgen näher beleuchtet habe, schließe ich mir der Einschätzung eines Kommentators an, dass Herr Buß „…ein anti-freiheitliches, obrigkeitsorientiertes, kollektivistisch geprägtes Menschenbild vertritt – um es höflich auszudrücken.“

Das sei dem Stadtpfarrer freilich zugestanden. Die säkulare Gesellschaft darf sich über jede Verkündigung von Berufschristen freuen, die das Potential hat, Menschen zum Kirchenaustritt zu bewegen.

Ich kann mir allerdings genau aus diesem Grund beim besten Willen nicht vorstellen, dass es im Sinne Ihres Bistums oder auch im Sinne der katholischen Kirche insgesamt sein kann, wenn jemand glaubensfreie Menschen mit solchen Äußerungen – egal, ob nun absichtlich oder nicht – diffamiert.

Der Mensch – kommt glaubensfrei zur Welt

Wenn sich in Bezug auf Götterglaube überhaupt etwas pauschal über „den Mensch“ sagen lässt, dann nur, dass alle Menschen ohne einen Glauben an irgendwelche Götter auf die Welt kommen.

Für Geborgenheit und Halt sind die Menschen zuständig, die sie groß ziehen, mit denen sie aufwachsen.

In den allermeisten Fällen sind es dann erst die Eltern, die ihren Kindern die gleiche religiöse Prägung verpassen, die sie als Kind selbst erfahren hatten.

Ich kann durchaus nachvollziehen, dass sich jemand, der sich freiwillig aus religiösen bzw. beruflichen Gründen für einen Verzicht auf eine (menschliche) Partnerschaft entscheidet, nach „Geborgenheit und Halt“ sehnt. Das mag dann auf zölibatär lebende Männer zutreffen. Aber sicher nicht auf „den Mensch“ an sich.

Welcher Gott?

Zum Einen ignoriert Herr Buß wie selbstverständlich, dass der Gott der biblisch-christlichen Mythologie nur eine von vielen tausend ähnlichen, aber auch ganz anderen Gottesvorstellungen ist. Anhänger dieser Götter behaupten ebenfalls, dass sie „Geborgenheit und Halt finden“ – bei ihren jeweils geglaubten Göttern.

Für den versprochenen oder erhofften Effekt ist es also völlig einerlei, um welche der vielen tausend Gottesvorstellungen es geht, die sich Menschen schon ausgedacht haben.

Wir haben es hier ganz offensichtlich mit einem Placeboeffekt zu tun (Placebo, solange wir, was den Bibelgott angeht, die Kehrseite des biblisch-christlichen Belohnungs-Bestrafungskonzeptes weglassen).

Und zum Anderen verkennt Herr Buß damit den Umstand, dass es eben auch sehr viele Menschen gibt, die ein glückliches und erfülltes Leben führen und die sich sogar vorbildlich mitmenschlich verhalten, ohne sich dafür Geborgenheit und Halt bei einem magisch-mythologischen Himmelswesen einbilden zu müssen.

Diese Kritik wäre sehr einfach zu entkräften.

Es würde genügen, solche Aussagen nicht pauschal zu treffen. Sondern sie klar und deutlich entweder als persönliche Sichtweise, oder als Standpunkt des christlich-katholischen Glaubens zu kennzeichnen:

„Ich glaube, dass…“, „ich hoffe, dass…“, „ich wünsche mir, dass…“, „ch stelle mir vor, dass…“, oder, noch ehrlicher: „Ich bilde mir ein, dass…“

Bezogen auf das Christentum oder auf die Kirche könnte ein solcher Disclaimer zum Beispiel lauten: „Wir Christen glauben, dass…“, „Gemäß biblisch-christlicher Mythologie stellen wir uns vor, dass…“, „Wir Katholiken sind fest davon überzeugt, dass…“

Einen solchen Hinweis halte ich ebenfalls dann für unverzichtbar, wenn es um potentiell lebensgefährliche Aussagen wie diese geht:

Und die dritte Trainingseinheit schließlich ganz und gar auf Gott vertrauen.

Wer Menschen dazu anregt, sich anzutrainieren, „ganz und gar auf Gott“ zu vertrauen, dem muss das Schicksal dieser Menschen egal sein.

Gottvertrauen: Potentiell lebensgefährlich

Nicht nur halte ich es ethisch für höchst fragwürdig, Menschen aufzufordern, ihre Verantwortung an eine imaginäre höhere Macht abzugeben.

Eine solche Empfehlung kann sogar lebensgefährlich werden. Nämlich sobald jemand tatsächlich „ganz und gar auf Gott“ vertraut und sich in diesem Vertrauen, gemäß Markus 16,18 in eine Gefahr begibt (und womöglich darin umkommt, wie zum Beispiel John Allen Chau) oder tatsächlich wirksame Maßnahmen unterlässt, um einer drohenden Gefahr zu entgehen.

Wenn Herr Buß also solches empfiehlt, muss er auf den gesunden Menschenverstand seines Publikums vetrauen. Und im Grunde hoffen, dass ihm das, was er sagt, schon niemand wirklich glauben wird.

Dann stellt sich mir aber die Frage, was er mit einer solchen Irreführung, die ja auf offensichtlich falschen Annahmen beruht (ausgerechnet der Gott, in dessen Glaubenssystem man hineingeboren wurde existiert und erfüllt tatsächlich aktiv das Vertrauen, das seine Anhänger in ihn haben) überhaupt bezwecken möchte?

Menschlichkeit

Wie schon geschrieben: Der persönliche Umgang von Herrn Buß mit der irdischen Realität sei selbstverständlich seine Privatangelegenheit. Auch gegen die Veröffentlichung seiner Vorstellungen und Überzeugungen ist grundsätzlich nichts einzuwenden.

Kritikwürdig erscheint es mir, wenn solche religiösen Glaubensüberzeugungen (bzw. -einbildungen) verallgemeinert und auf die gesamte Menschheit bezogen dargestellt werden.

Nein, Menschlichkeit „geht“ nicht zwangsläufig auch „über Gott.“ Was auch immer konkret damit gemeint sein soll. Menschlichkeit ist eine menschliche Angelegenheit. Das hat nichts mit Göttern zu tun.

Gottlos glücklich

Und: Längst nicht alle Menschen und damit auch nicht „der Mensch“ an sich möchte Geborgenheit und Halt finden bei Göttern.

Schon gar nicht beim Gott der biblisch-christlichen Mythologie, der gemäß dieser Mythologie alle mit ewiger physischer und psychischer Dauerfolter durch Höllenqualen bei vollem Bewusstsein und ohne Aussicht auf Begnadigung bestraft, die sie sich ihm zu Lebzeiten nicht hatten unterwerfen wollten.

Die Sorge um die Gesundheit der Mitmenschen, die Herrn Buß seine Behauptungen abkaufen und sich möglicherweise gefährden, wenn sie tatsächlich „ganz und gar auf Gott vertrauen“, statt sich eine Weltanschauung und Herangehensweise anzueignen, die möglichst mit der Wirklichkeit übereinstimmt, kann sogar als Ausdruck von Nächstenliebe verstanden werden. Ganz ohne irgendwelche Götter, Geister oder Gottessöhne. Und nicht nur beschränkt auf die „Nächsten“, sondern auf alle Gläubigen.

Frage an Bischof Gerber

Herr Dr. Gerber, ich bitte Sie, mir kurz die Frage zu beantworten, inwieweit eine redaktionelle Bearbeitung der Veröffentlichungen von Pfarrer Stefan Buß in der Vergangenheit stattfand und falls nicht, ob eine solche in Zukunft stattfinden wird? Damit sich die katholische Kirche im Raum Fulda – nicht zuletzt im Interesse Ihrer Mitgliederzahlen – etwas weniger arrogant und/oder ignorant präsentiert?

Die Frage, ob bei den Impulsen von Stadtpfarrer Buß eine redaktionelle Bearbeitung stattfindet, haben wir in gekürzter Form mit Verweis auf diesen Beitrag per E-Mail an Dr. Gerber geschickt und sind gespannt auf die Antwort.

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4 Gedanken zu „Offener Brief an Bischof Dr. Michael Gerber zum Impuls von Stefan Buß: Trainingslager Fastenzeit“

  1. Lieber Marc,
    grundsätzlich unterstütze ich Deine fundierte und äußerst sachliche Anfrage an Dr. Gerber,
    Vielen Dank dafür.
    Auf eine Antwort brauchst du nicht zu warten, die bekommst du gleich von mir:
    Grummelbummelzummel, aber die Liebe, murmelfurmelumpf, Balsam für die Seele, AbrakadabraohneSinn, in übertragenem Sinn, Schwafelschwafelschwafel, vielen Dank für Ihr Interesse am WzS.

    Mit liebevollen göttlichen Grüßen
    Ihr Dr. für Laberrabarber Gerber

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    • …ich ergänze:

      „…bleibt mir nur, Ihnen Gottes Segen zu wünschen!“

      Ja – so würde die Antwort sinngemäß wohl ausfallen, wenn es eine gäbe…

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      • Vermutlich klär Herr Buß die Inhalte seiner Ansprachen an die Welt vorab in innerer Zwiesprache mit Autoritäten wie dem Heiligen Geistdrittel oder diversen Erzengeln ab. Wie sollen wir banale Vernunftler dagegen ankommen?

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  2. >>Auf eine Antwort brauchst du nicht zu warten, die bekommst du gleich von mir:
    Grummelbummelzummel, aber die Liebe, murmelfurmelumpf, Balsam für die Seele, AbrakadabraohneSinn, in übertragenem Sinn, Schwafelschwafelschwafel, vielen Dank für Ihr Interesse am WzS.<<

    Und nicht Jesus' aufopfernden, selbstlosen Liebestod am Kreuze für Menschen nicht vergessen!

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