„Verlorenes Paradies“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Armut

Lesezeit: ~ 7 Min.

„Verlorenes Paradies“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Armut, verkündigt von Pastorin Annette Behnken, veröffentlicht am 3.7.22 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Diesmal ist es das Thema Armut, an dem Frau Behnken unfreiwillig die Unbrauchbarkeit von Religion zur Lösung realer Probleme demonstriert.

Dem Begriff „Shalom“ als Synonym für Friede, Erfülltes Leben, „zutiefst friedeerfüllt an Leib und Seele sein“ stellt Frau Behnken den Begriff „Koyaanisqatsi“ gegenüber. Ein Wort, mit dem die Hopi eine „Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist“ bezeichnen.

Statt jetzt zum Beispiel mit „Kalsarikännit“ als finnische Antwort auf den Umgang mit Problemen noch einen weiteren Begriff aus einer anderen Sprache einzuführen oder gar auf die biblische Apokalypse zu sprechen zu kommen, schwenkt sie von ihrer Friedensvision um zum Thema Armut:

[…] Das Ungleichgewicht der Welt – muss ich nicht ausmalen – haben wir vor Augen. Aber eine der ganz großen Wunden, die wir dem Gleichgewicht der Welt geschlagen haben, schmerzt zur Zeit schier unaushaltbar. Die Armut.

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: „Verlorenes Paradies“ – Wort zum Sonntag, verkündigt von Pastorin Annette Behnken, veröffentlicht am 3.7.22 von ARD/daserste.de)

Armut, genauer extreme Armut schmerzt zu jeder Zeit schier unaushaltbar. In erster Linie diejenigen, die von ihr betroffen sind.

Armut schmerzt – hauptsächlich die, die von ihr betroffen sind

Um jetzt eine sinnvolle Diskussion zum Thema Armut führen zu können wäre eine differenzierte, sachliche Betrachtung sicher ergiebiger als eine emotionale Aufladung mit pauschaler Schuldzuweisung, wie es Frau Behnken hier tut.

Was bedeutet Armut konkret? Welche Ursachen führten in der Vergangenheit, welche führen heute zu Armut? Wie war es gelungen, die extreme Armut innerhalb der letzten 200 Jahre weltweit betrachtet massiv zu reduzieren? Und welche Faktoren lassen befürchten, dass extreme Armut in Zukunft trotzdem wieder zunehmen wird?

[…] Beim G7-Gipfel warnten Politikerinnen und Politiker davor. Vor einer Hungerkrise in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Auf die niemand vorbereitet ist. Armut ist Koyaanistqatsi. Armut ist das Gegenteil von Shalom.

Einen faktenbasierten Überblick zum Thema liefert zum Beispiel die Webseite ourworldindata.org. Dort geht es nicht darum, Probleme und Visionen mit Synonymen aus verschiedenen Sprachen zu umschreiben oder so zu tun, als leide man selbst „schier unaushaltbar“ unter der Armut Anderer.

Sondern darum, welche Ziele es zu erreichen gilt und welche Maßnahmen geeignet bzw. erforderlich sind, um diese Ziele zu erreichen.

Armut beenden

„Armut in jeder Form und überall beenden“ – die internationale Staatengemeinschaft hat das aus gutem Grund ganz oben auf die Agenda für nachhaltige Entwicklung gesetzt. Armut in jeder Form und überall. Das ist die globale Armut der sogenannten Entwicklungsländer. Aber auch die Armut, die es auch bei uns in Deutschland gibt. All die, die, wenn wir jetzt sagen, dass wir sehr viel sparsamer leben müssen, einfach nichts haben, an dem sie noch sparen könnten. Armut bedeutet Stress. Angst. Macht krank. Frisst die Seele auf. Heißt: eine kürzere Lebenserwartung. Weniger Bildung. Weniger berufliche, gesellschaftliche Teilhabe. – Weniger Leben. Das Gegenteil von Shalom.

Mit zunehmender Armut scheint auch die Empfänglichkeit für die Angebote von Heilsverkäufern aller Art zu steigen.

Im Alten Testament bedeutet „Shalom“: „Zustand, der keine unerfüllten Wünsche offen lässt.“

Diesen Zustand halte ich persönlich weder für realistisch, noch für besonders erstrebenswert.

„Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
Halt Du sie dumm, ich halt sie arm.“
Reinhard Mey („Sei Wachsam“, auf Leuchtfeuer, 1996)

Wunschlos glücklich?

Welchen Beitrag leisten religiöse Paradies-Phantasien, um Armut im Allgemeinen und extreme Armut im Speziellen zu lindern?

Diese Fiktionen eignen sich bestenfalls dazu, Menschen dazu zu bringen, Leid klaglos, womöglich als gottgegebenes Schicksal zu ertragen. Statt zumindest zu versuchen, etwas Wirksames dagegen zu unternehmen. Und natürlich auch dazu, zu glauben, der Glaube sei der einzige Weg zu einem zufriedenen Leben.

Die Korrelation zwischen steigendem Wohlstand (also weniger Armut) und abnehmendem religiösen Einfluss ist, mit sehr wenigen Ausnahmen, weltweit zu beobachten. Umgekehrt haben die Kirchen dort den stärksten Einfluss, wie die extreme Armut noch am meisten verbreitet ist.

Apocalypse now – oder doch noch nicht?

Das Ungleichgewicht der Welt ist eine apokalyptische Mixtur aus Klimakatastrophe, Armut und Krieg. Die fetten Jahre sind vorbei. Wir wissen das, wir spüren das: Wir müssen sparsamer leben. Die Länder, die Menschen, die das können. Wir müssen lernen, wie wir neu und anders und gerecht teilen.

Jetzt kommt die Apokalypse ja doch noch ins Spiel. Allerdings nicht im biblischen Sinn: Denn in der biblisch-christlichen Mythologie bedeutet die Apokalypse ja die unvorstellbar grausame und leidvolle Bestrafung empfindungsfähiger Lebewesen. Eine Gewaltorgie, die der liebe Gott, wiedermal, zur unverzichtbaren Bedingung macht, bevor irgendwer vielleicht von irgendwas erlöst wird.

Statt gemäß biblischer Anweisung in der Versammlung zu schweigen oder statt sich wenigstens konsequenterweise darüber zu freuen, dass das lang ersehnte biblische Heilsgeschehen nun endlich doch noch einzutreten scheint, überlegt Frau Behnken, wie die Menschheit die Apokalypse noch etwas hinauszögern könnte.

Hier wird einmal mehr die Diskrepanz zwischen einer apokalyptischen Lehre einerseits und einem vernünftigen, wirklichkeitsorientierten Weltbild andererseits sichtbar. Außer natürlich für Frau Behnken.

Festhalten, was man hat

Gegen den archaischen Reflex aber, festzuhalten, was man hat, in drohender Not oder Knappheit nur noch für sich selbst und den eigenen kleinen Space zu sorgen – dagegen kommen wir nur schwer an. Aber auch deshalb: Shalom geht nur in Solidarität.

In Anbetracht des Fremdfinanzierungsmodelles, mit dem die inzwischen, zumindest bezogen auf die Anhänger gar nicht mehr so großen „Großkirchen“ zum allergrößten Teil vorrangig ihre eigene Existenz sichern, erscheinen solche Sätze aus dem Mund einer Berufschristin, die hier ja im Auftrag und Namen dieser Kirche spricht wie blanker, heuchlerischer Hohn.

Solidarität predigen – und Vermögen anhäufen

Wenn dann eine Kirchenfrau von Solidarität uns Selbstlosigkeit faselt, fällt mir spontan ein gerade erschienener Beitrag vom MGEN-Podcast ein.

Hier erfährt man Näheres über den so genannten „Peterspfennig“ – eine Spenden-Aktion, mit der die katholische Abteilung des Christentums ihren letzten noch verbliebenen Schäfchen nochmal zusätzlich jedes Jahr mehrere Millionen Euro aus den Rippen leiert. Um dann nur einen sehr sehr überschaubar kleinen Teil davon für Zwecke zu verwenden, die der Allgemeinheit und nicht der Kirche zugute kommen.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Zahl derer weiter so kontinuierlich zunimmt, die nicht mehr auf die Legende von der christlichen Moral hereinfallen.

Alles eins?

Im Erkennen: es gibt keine von allem getrennte Existenz. Nicht global, nicht national, nicht individuell: Es gibt nur das eine große Gewebe des Lebens, in dem jede und jeder ein Teilchen vom Ganzen ist. Das wissen die Hopi. Das weiß die Bibel: Wir sind ein Leib und ich bin eine Zelle darin (vgl. Eph 4,13-16).

Vorab: Nö, es gibt nicht nur das eine große Gewebe des Lebens. Allerdings gibt es (oder sollte es geben) starke Zweifel an verschiedenen diesbezüglichen Behauptungen und Interpretationen von Esoterikern, Schamanen und anderen Leuten, die vorgeben, Dinge zu wissen, die sie nicht wissen können.

Das Bewusstsein, „eins mit dem Universum“ zu sein, lässt sich zum Beispiel mit der Einnahme entsprechend wirksamer Psychedelica hervorrufen. Wie etwa das aus Kakteen gewonnene Meskalin, das bei der indigenen Bevölkerung des amerikanischen Kontinents schon seit mehr als 3000 Jahren als fester Bestandteil des kulturell-zeremoniellen Lebens gilt.

Diese Bewusstseinserweiterung war den christlichen Verbrechern beim Landraub ein Dorn im Auge. Schließlich beanspruchte man die Deutungshoheit in Sachen Esoterik und „Spiritualität“ für sich selbst. Alles, was Menschen „übernatürlich“ oder „übersinnlich“ vorkam, musste natürlich im Zusammenhang mit dem Bibelgott stehen. Und nicht etwa mit dem Universum, Pachamama oder irgendwelchen anderen Gottheiten.

In diesem Zusammenhang sei die Netflix-Miniserie „Verändere dein Bewusstsein – Folge 4: Meskalin“ empfohlen. Dort erfährt man auch, mit welch unvorstellbar grausamer Brutalität die christlichen Invasoren bei der „Christianisierung“ der Bewohner der von ihnen geraubten Länder vorgegangen waren.

Natürlich immer sauber biblisch begründet und legitimiert. Da „wusste“ die Bibel augenscheinlich noch ganz andere Sachen als bei Frau Behnken…

Eins mit dem Universum – in der Bibel?!

Wer diese Bibelstelle als Beleg dafür nennt, die Bibel propagiere ein irgendwie holistisch-universelles Weltbild, muss sich schon sehr sicher sein, dass es dem Publikum mindestens genauso egal ist, was die Kirchenfrau ihnen da erzählt, wie es ihr selbst egal zu sein scheint, was sie ihnen da erzählt.

Die genannte Stelle lautet:

  1. [für den Aufbau des Leibes Christi,] bis wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht.
  2. Wir sollen nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, geschaukelt und getrieben von jedem Widerstreit der Lehrmeinungen, im Würfelspiel der Menschen, in Verschlagenheit, die in die Irre führt.
  3. Wir aber wollen, von der Liebe geleitet, die Wahrheit bezeugen und in allem auf ihn hin wachsen. Er, Christus, ist das Haupt.
  4. Von ihm her wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt durch jedes Gelenk. Jedes versorgt ihn mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und baut sich selbst in Liebe auf.
    (Eph 4, 13-16 EU)

Meintest du vielleicht seele?

Screenshot
Screenshot bibleserver.com

Erstens ist in der Bibel keine Rede von Zellen im biologischen Sinne. Von Zellen wussten die Bibelschreiber nichts. Und folglich weiß auch die Bibel nichts von Zellen.

Würde in der Bibel auch nur ein einziger eindeutiger Begriff auftauchen, der zu der Zeit der Entstehung der Texte noch nicht bekannt war und der auch nicht erst später eingefügt worden war, dann hätten es Religionskritiker heute deutlich schwerer…

Ein solches Wort sucht man freilich vergebens: Die biblische Mythen- und Legendensammlung spiegelt exakt den Wissens- und Erkenntnisstand der Menschen wider, die zu dieser Zeit lebten. Und nicht den Wissensstand eines offenbarenden allwissenden Schöpfergottes.

Nicht eins mit der Welt, sondern eins mit der Herde

Zweitens geht es bei dieser Stelle nicht, wie von Frau Behnken v.a. durch die Verbindung mit der Natur-Religion der Hopi suggeriert um irgendeine Art universelles Zusammengehörigkeitsgefühl im Sinne von „Alles ist mit allem verbunden.“

Vielmehr geht es darum, dass die Sektenmitglieder gefälligst aufhören sollen, selbst und skeptisch zu denken (…“getrieben von jedem Widerstreit der Lehrmeinungen“…) und sich stattdessen möglichst vollständig und vor allem frag- und kritiklos dem Gottessohn-Kult unterzuordnen haben.

Menschen, die dies nicht tun, werden hier als unvollkommen diffamiert. Es geht eben nicht um ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Weltbevölkerung, unabhängig von allen möglichen vermeintlich und tatsächlich trennden Faktoren. Sondern um die Verfestigung der zu glaubenden Ideologie. Eine Ideologie, die ihre Fähigkeit, Menschen zu spalten und zu trennen seit vielen Jahrhunderten erschreckend eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Shalom!?

Diese Sehnsucht nach Shalom ist meine kleine Hoffnung. Solidarität und Nächstenliebe sind mehr als Pflicht. Sie entspringen der tiefen menschlichen Sehnsucht, uns als Teile eines Ganzen zu erfahren, an dem wir alle mit bauen. Denn eigentlich wollen wir alle doch nur das eine: Shalom.

…und wieso verbreiten und propagieren Sie dann ein archaisches Glaubenskonstrukt, das auf magisch-esoterischer Fiktion beruht und das dazu konzipiert wurde, die ingroup (=wir, die Rechtgläubigen, die Guten, die von Gott Auserwählten und Erlösten) gegenüber der outgroup (=alle anderen, die Falsch- und Ungläubigen, die von Gott Verdammten) abzugrenzen und zu überhöhen, Frau Behnken?

Dass diese Ideologie nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist, wird in Anbetracht der Kriminalgeschichte des Christentums wohl niemand in Frage stellen wollen. Gerade die monotheistischen Religionen verursachen künstliche Gräben, die es der Weltbevölkerung zusätzlich erschweren, sich als solche zu sehen und dementsprechend zu handeln.

Fazit

Die Menschheit lebt nicht in einem „Verlorenen Paradies.“ Ein solcher irdischer „Idealzustand“ existiert nur in der menschlichen Phantasie und zeugt von einem irrealen, längst überholten Weltbild.

Nichts desto trotz waren solche Vorstellungen über Jahrtausende weit verbreitet und tauchen sogar heute noch mehr oder weniger subtil immer wieder mal auf – speziell im religiösen Kontext und, vermittels „Wort zum Sonntag“, sogar im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Schon allein weil das biblisch-christliche Glaubenskonstrukt auf bis zum Beweis des Gegenteils falschen, aber eben nun mal dogmatisch verankerten Prämissen aufbaut, kann hier niemand ernsthaft sinnvolle Lösungsstrategien für Probleme der Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert erwarten.

Trotzdem tun Religionsverkünder so, als wäre genau das der Fall. Solange sie in ihrer religiös erweiterten Scheinwirklichkeit verbleiben, kann man ihre religiös instrumentalisierten Appelle und Mahnungen nur als ignorante und/oder arrogante Versuche interpretieren, ihrem Weltuntergangskult entgegen jede Vernunft und sicher auch gegen besseres Wissen noch irgendeine Relevanz anzudichten.

FacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Nutze die Kommentarfunktion, um mit deinen Gedanken zu diesem Artikel beizutragen!

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen (auch wenns manchmal schwer fällt...).
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Gedanke zu „„Verlorenes Paradies“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Armut“

  1. Nie war das Christentum in Europa dominanter, einflussreicher und gesellschaftsprägender als im Jahrtausend vor der Renaissance. Das Ergebnis: Armut, Krankheiten, Unwissenheit, Unfreiheit und Unterdrückung als Lebenskonstanten … Tja, Frau Behnken – historia magistra vitae est. Oder: Finden Sie diese 1000 Jahre Dunkelheit tatsächlich so toll, dass wir die gleichen kapitalen Fehler wiederholen sollten? Echt jetzt? Und warum eigentlich?

    Antworten

Schreibe einen Kommentar