„Steh auf und zeig Dich!“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 6 Min.

„Steh auf und zeig Dich!“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrer Wolfgang Beck, veröffentlicht am 23.04.2022 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Pfarrer Beck plädiert dafür, die Redefreiheit zu nutzen und sich öffentlich zu positionieren statt zu schweigen, auch wenn das Mut erfordert. Bei seinem Appell zur sachlichen Diskussion orientiert er sich an der biblischen Auferstehungslegende.

Herr Beck sinniert heute über den Mut, den es braucht, eine Meinung oder Überzeugung öffentlich zu vertreten:

Sich vor anderen Menschen hinstellen und eine Rede halten, das konnte ich mir als Jugendlicher und als Student überhaupt nicht vorstellen. „Was soll ich schon zu sagen haben? Da blamiere ich mich bis auf die Knochen.“ Ich musste erst als Kaplan und Pfarrer, als es also gar nicht mehr anders ging, mühsam lernen, vor anderen Leuten zu reden. Heute schmunzle ich darüber.

Ob man sich mit seiner öffentliche Rede „blamiert bis auf die Knochen“ hängt natürlich auch immer maßgeblich davon ab, was man denn so zu sagen hat.

Zum Verkündigungsauftrag eines Berufschristen gehört auch, öffentlich Mythen und Legenden so zu darzustellen, als handle es sich dabei um reale Tatsachen.

Nur im religiösen Kontext werden solche Aussagen zumeist nicht als Täuschung oder Irreführung bezeichnet. Was sie bei Licht betrachtet freilich trotzdem sind. Und obwohl gerade das ja ein guter Grund wäre, eine Blamage zu befürchten, schmunzelt Herr Beck heute darüber.

Lieber Klappe halten als auf dem Scheiterhaufen zu landen…

Die Zurückhaltung und Schüchternheit wirken vielleicht seltsam, weil es eben in meinem und vielen anderen Berufen zur Normalität gehört, vor anderen zu stehen und zu sprechen. Aber ich weiß, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Die dann vor solchen Situationen flüchten oder sich wortwörtlich verstecken.

…sagt einer, der im Namen und Auftrag einer Kirche auftritt, die zahllose Menschen ermorden ließ, die es wagten, ihre Stimme gegen absurde religiöse Dogmen zu erheben.

Und die es bis heute nötig hat, ihre fiktive Scheinwirklichkeit durch weltliches Recht vor Äußerungen schützen zu lassen, die sie für „blasphemisch“ hält. Mit Beten (oder Verfluchen) scheint es da nicht getan zu sein…

Erstaunliches Selbstbewusstsein

Ich staune bis heute über das Selbstbewusstsein, mit dem Andere laut ihre Meinung vertreten – manchmal sogar ohne sich wirklich mit dem Sachverhalt vertraut gemacht zu haben.

Und ich staune – nicht über das Selbstbewusstsein, sondern eher über die Ignoranz und/oder Arroganz, mit der religiöse Verkündiger ihrem Publikum mitunter vorgaukeln, ihre religiösen Phantasievorstellungen seien realer Bestandteil der irdischen Wirklichkeit. Also so richtig real. Und eben nicht nur in Form menschlicher Phantasievorstellungen, Fiktionen und Einbildungen.

Dass sich auch Zeitgenossen zu Themen mitunter lautstark zu Wort melden, die tatsächlich und nachweislich keine Ahnung von dem haben, worüber sie sprechen, steht außer Frage.

Aber: Den Vorwurf, jemand hätte sich nicht wirklich mit dem Sachverhalt vertraut gemacht ist auch ein in Diskussionen mit Gläubigen regelmäßig anzutreffendes Ablenkungsmanöver. Kommt diese Taktik zum Einsatz, dann kann man davon ausgehen, dass keine besseren, guten oder zumindest gültige Gegenargumente mehr zur Verfügung stehen.

…immer ein bisschen riskant

Aber ich weiß auch: Es ist eine Versuchung, sich vor dieser Herausforderung zu drücken. Vor andere Menschen zu treten und dann auch eine eigene Position zu vertreten bedeutet ja, sich persönlich zu zeigen. Sich sichtbar zu machen. Und das ist immer ein bisschen riskant. Ich lege mich dann fest und schnell entstehen Missverständnisse. Ich könnte Falsches sagen und müsste hinterher zurückrudern. Und dann flüstert mir noch eine innere Stimme zu. „Da ist bestimmt irgendwer im Raum, der sich besser auskennt als Du.“

Wenn ich befürchte, dass meine Aussagen missverstanden werden könnten, dann sollte ich erst recht versuchen, mich möglichst unmissverständlich und klar auszudrücken.

Sollte mir das nicht gelingen, kann ich, die dafür erforderliche Diskussionskulutur vorausgesetzt, versuchen, Missverständnisse auf Nachfrage zu klären.

Und sollte sich herausstellen, dass ich tatsächlich etwas Falsches gesagt habe, dann brauche ich mich nicht davor fürchten „zurückrudern“ zu müssen. Vielmehr sollte ich denen dankbar sein, die mir dabei mit besseren als meinen Argumenten geholfen haben, einen Irrtum zu erkennen und eine falsche, bisher aber für zutreffend gehaltene Annahme aufzugeben.

...manchmal seltsam

Den Eindruck von selbstkritischem Understatement macht Herr Beck direkt im Anschluss gleich wieder zunichte:

Auch deshalb ist mir ein Element am Osterfest wichtig, das wir Christ*innen ja noch einige Wochen lang feiern: Die biblischen Texte beschreiben, dass Jesus sich nach seinem Tod immer wieder als Auferstandener verschiedenen Menschen zeigt. Er wird sichtbar, erlebbar und damit auch angreifbar, ganz konkret. Diese Ereignisse wirken manchmal seltsam. So, als wüssten die biblischen Texte auch nicht ganz genau, wie sie das mit der Auferstehung beschreiben sollen.

Würde Herr Beck jetzt seine eigenen Maßstäbe anlegen, dann müsste er zunächst einräumen, dass eine Auferstehung bis zum Beweis des Gegenteils keine reale, sondern eine mythologische, legendenhafte Angelegenheit ist.

Dass diese Ereignisse „manchmal seltsam“ wirken kann kaum erstaunen: Es handelt sich dabei um menschliche Fiktion. Jede Erklärung, die ohne die Auferstehung eines tatsächlich gestorbenen Menschen auskommt ist plausibler als das, was die biblische Mythologie darüber berichtet.

Mythologie? Realität? Egal!

Zentral ist aber, dass Jesus sich immer wieder zeigt.

Zutreffender wäre eine Formulierung wie zum Beispiel: „Zentrales Anliegen der anonymen Bibelschreiber war es, den Eindruck zu erwecken, Jesus habe sich immer wieder gezeigt.“

Denn genau darauf zielen die Legenden ja ab.

Mir persönlich ist dabei wichtig, dass Gott selbst offenbar dieses Risiko eingeht, sich skeptischen Blicken auszusetzen und sich sichtbar zu machen, gerade auch den größten Zweiflern. Die österlichen Schilderungen der Bibel sind wie ein Statement gegen die Versuchung, sich zurückzuziehen oder zu verkriechen.

Auch hier ist es wieder nicht Gott, der irgendein Risiko eingeht. Es waren Menschen, die Zweifler mit aus heutiger Sicht unplausiblen und offenkundig passend zurechtkonstruierten Geschichten überzeugen wollten.

Dieses Phänomen zieht sich durch die gesamte biblische Schriftsammlung:

Um eine überlegene Wahrheit und göttliche Überlegenheit zu suggerieren, wurden Stammbäume gefälscht, Wunderschilderungen aus früheren Mythologien adaptiert und der Eindruck erweckt, im Neuen Testament hätten sich die Prophezeiungen aus dem Alten Testament erfüllt.

Und deshalb halte ich es für unredlich, diese Geschichten so zu präsentieren, als handle es sich dabei um historisch belegbare Ereignisse.

Frühere Gesellschaftsformen…

Nachdem der biblische Pflichtteil nun abgefrühstückt ist, kehrt Herr Beck in die Gegenwart zurück:

Das ist auch in gesellschaftlichen Debatten wichtig, egal ob es die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie sind oder Einordnungen zum Ukraine-Krieg. In früheren, monarchischen und undemokratischen Gesellschaftsformen war es möglich, Macht und Ansehen zu steigern, indem man sich für die Mitmenschen rar macht, sich möglichst wenig zeigte. Zur demokratischen Kultur gehört es stattdessen, Meinungen zu formulieren und selbstbewusst und mit Autorität vor die anderen hin zu treten.

In der Antike war es das Recht weniger, in der Versammlung aufzustehen und zu reden. In unserer Kultur haben wir alle dies Recht, unsere Meinung zu vertreten.

Ein Recht, das, wie alle anderen freiheitlichen Rechte auch, gegen den erbitterten Widerstand der Kirche während der Aufklärung und Säkularisierung erkämpft werden mussten.

…auch heute noch

Wenn es um monarchische und undemokratische Gesellschaftsformen geht, drängt sich eine Erwähnung der katholischen Kirche geradezu auf.

Nicht so bei Herrn Beck:

Seine gerade noch geäußerten Selbstzweifel wirken spätestens jetzt wie ein heuchlerisches Lippenbekenntnis. Während er von den Freiheiten profitiert, die eine Demokratie bieten kann, vertritt und unterstützt er trotzdem zeitgleich eine Institution, die bis heute auf einer undemokratischen Wahlmonarchie basiert. Und die sich ihre Palliativversorgung umfangreich auf Kosten der Allgemeinheit fremdfinanzieren und mit beispiellosen Sonderprivilegierungen einen Status, der längst mit nichts mehr zu rechtfertigen ist aufrecht erhalten lässt.

Eine Stellungnahme zu diesem Anachronismus hätte ich für wesentlich relevanter gehalten als ein Palaver darüber, dass es „immer ein bisschen riskant“ sein kann, öffentlich einen Standpunkt zu vertreten.

Ins sachliche Diskutieren kommen

Zur Pflicht wird dieses Recht aber bei denen, die politische Ämter und damit Verantwortung tragen. Damit wir gemeinsam Standpunkte finden und ins sachliche Diskutieren kommen, braucht es diesen Schritt, sich zu exponieren.

Herr Beck, auf der einen Seite plädieren Sie für sachliches Diskutieren – und zeitgleich vermischen Sie biblisch-christliche Mythologie mit der Wirklichkeit?

Ja – die Demokratie und unsere heutigen freiheitlichen Werte ermöglichen es auch Ihnen, sich mit einer religiösen Phantasy-Weltanschauung zu exponieren.

Allerdings frage ich mich, ob dies vor einer Kamera des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stattfinden muss. In Verkündigungssendungen, mit denen Sie eine Institution bewerben, die genau die Werte vertritt, deren Überwindung Sie gerade noch als Grundlage unser heutigen freiheitlichen Gesellschaftsordnung beschrieben hatten.

Schweigen ist Silber…

Es braucht Menschen, die gerade darin Verantwortung übernehmen, dass sie eine begründete Position beziehen und sich dafür auch kritisieren lassen. Selbst wenn sie abwegige Meinungen vertreten, die mir ganz fremd sind – es ist mir lieber, als die schweigende Zurückhaltung derer, die sich absichern und damit Kritik vermeiden wollen. Aufstehen, Position beziehen und sich erklären – das bedeutet auch, die anderen Menschen ernst zu nehmen. Einen guten Sonntag!

Na, dann sind Sie ja hier genau richtig, Herr Beck. Sie vertreten (natürlich nicht nur, aber berufsbedingt eben immer wieder auch) abwegige Meinungen. Die mir allerdings nicht fremd, sondern inzwischen wohl bekannt sind.

Was ich sage und was ich tue…

Zu Ihren bisherigen (zwei) Antworten auf meine Kommentare und Fragen zu Ihren Verkündigungen haben Sie darauf hingewiesen, dass diese nicht veröffentlicht werden dürfen. Zumindest hier hatten Sie es vorgezogen, sich nicht zu exponieren, aufzustehen, Position zu beziehen und sich öffentlich zu erklären.

Das finde ich insofern schade, weil es für die geschätzte Leserschaft sicher interessant gewesen wäre zu erfahren, wie Sie persönlich mit Kritik und Rückfragen zu Ihren Verkündigungen umgehen. Das passt so gar nicht zu dem, was Sie hier heute mit salbungsvollen Worten zum Besten gegeben haben.

Dass Ihnen „Aufstehen, Position beziehen und sich erklären“ tatsächlich lieber ist als „schweigende Zurückhaltung“ nehme ich Ihnen jedenfalls nicht ab. Zumindest dann, wenn es um Kritik an dem Glaubenskonstrukt geht, das Sie verbreiten.

Religiöse Verkündigungen scheinen generell allergisch gegen kritische Rückfragen zu sein. Da werden schweigende Zurückhaltung und vor allem uneingeschränkte Zustimmung erwartet. Amen.

Und das deckt sich auch mit meinern bisherigen Erfahrungen aus Diskussionen mit Berufschristen verschiedenster Konfessionen: Statt argumentativen Erklärungen sind da, wenn überhaupt, eher persönliche Angriffe und faule Scheinargumente aller Art an der Tagesordnung.

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5 Gedanken zu „„Steh auf und zeig Dich!“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. Ach, Herr Beck – die böse Schwiegermutter, der Jäger und die 7 Zwerge haben alle Schneewittchen gesehen und sich mit ihr unterhalten. Was folgt daraus? Und was können wir von Schneewittchen lernen?

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  2. Genau so!
    Kritik ist immer nützlich, so lange wir andere Ungläubige in unserer Selbstherrlichkeit angehen dürfen.
    Aber was erlauben sich diese Heiden, uns zu kritisieren, wir wissen ja, dass nur unsere Meinung gilt!

    Ein Armutszeugnis dieses Pfaffen, dass seine Antworten nicht veröffentlicht werden dürfen…
    Ich hätte sie gerne gelesen.

    Antworten
  3. Übrigens, Herr Beck: Es stimmt, dass es zur demokratischen Kultur gehört, Meinungen zu formulieren und in der öffentlichen Debatte zu vertreten. Allerdings gehört zu diesem Recht auch die Verantwortung oder die Bürgerpflicht, die eigenen Beiträge einer argumentativen Qualitätsprüfung zu unterziehen. „Einfach losplappern“ als Grundhaltung ist nicht erstrebenswert. „Bullshit“ (seit einiger Zeit ein terminus technicus) schwirrt schon genug herum.

    Das gilt gerade für die Bürger (m/w), die gehört werden und viele Zuhörer finden oder haben. Der Grund dafür ist offensichtlich: Durch ihre Beiträge bzw. deren Qualität wird die Agumentationskultur unserer offenen Gesellschaft mitgeprägt. Und ich glaube, wir sind uns darin einig, dass wir nach einer möglichst hohen Qualität unserer Argumentations- und Debattenkultur streben sollten.

    Und jetzt mal Karten auf den Tisch, Herr Beck: Wie sieht Ihrer Meinung nach das Argumentationsniveau des WzS aus? Welchen Beitrag glauben Sie und Ihre Kollegen (m/w) zur Verbesserung unserer Argumentationskultur zu leisten? Und was verstehen Sie und Ihre Kollegen (m/w) eigentlich unter einem Argument?

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  4. Na Herr Beck,
    wo drückt denn dieses mal im WzS der Schuh?
    Achso, Sie exponierten sich wenn sie predigen und würden lieber weg laufen. Na ich kenne keinen der Sie daran hindern würde.
    Beim Gottesdienst oder Ihrem hirnbefreitem WzS brauchen Sie ja keine Angst haben, das da Nachfragen kommen. Sie Schwafeln ja einfach in eine Richtung wie ein Lautsprecher eben ohne Rückfragen fürchten zu müssen.

    🤔 Falls Rückfragen im Gottesdienst zugelassen wären, würden wahrscheinlich viele Atheisten diese Veranstaltung besuchen und Ihre Kirche füllen.

    Außerdem sind ja Christen gegen sämtliche Logik und Argumentation immunisiert, wie Sie sicher wissen.
    Reaktion in Diskussionen mit Leuten ihres Schlages ist am Anfang nach dem ersten Gegenargument, Beleidigt sein und der letzte Satz lautet immer: „Ich glaube aber trotzdem“.

    Mit so einem Verhalten exponiert man sich nicht, sondern macht sich einfach lächerlich.

    Falls Ihnen dieses Verhalten als Reaktion von kleinen Kindern in Diskussionen vorkommt, gut, mir auch.

    Sie sollen sich mal Gedanken machen, wegen der deutlich zunehmenden Zahl konfessionsfreier Menschen (Kritiker), ob Sie nicht doch lieber weg rennen.

    Ich wünsche Ihnen noch einen völlig segensfreien und zu Ihrer Erholung dienenden Sonntag, also ohne Religion.

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    • Lieber Peter!
      Solche Sätze, wie: „Ich glaube aber trotzdem!“, „Gott liebt Dich nicht weniger!“, oder „Ich werde für Dich beten!“ die mit einem selbstgefälligen Lächeln dann erwiedert werden, da wir die Größe und Liebe Gottes ja nicht verstehen, sind dann oft zu hören.
      Nein!
      Wir Nicht-Theisten, müssen unbedingt Gott erfahren, erkennen, erleben.
      Ohne ihn geht’s angeblich nicht!
      Wie ich hier schon einmal mehr angemerkt habe, gibt es scheinbar Zufriedenheit, Glück und Gesundheit nur exklusiv für die Christen.

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