„Auf ihn sollt ihr hören“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 9 Min.

„Auf ihn sollt ihr hören“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrer Benedikt Welter, veröffentlicht am 05.08.2023 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Wie in einer Bibellegende von einer sprechenden Wolke dazu aufgefordert, hält es auch Pfarrer Welter für sinnvoll, auf Jesus zu hören.

Hören einmal in der Bedeutung von „Gehorchen“ und dann in der Bedeutung von „akustisch wahrnehmen“: Dass Berufschristen ein Faible für mehrdeutige Begriffe haben, konnte ich schon in vielen Verkündigungen feststellen.

“Wer nicht hören will, muss fühlen“: das ist ein Klassiker, wenn das Kind etwa in die Brennnesseln gepackt hat – die Eltern hatten ja davor gewarnt … Nächste Eskalations-Stufe: „Wenn du jetzt nicht hörst, dann aber…“ Ob so eine Erziehung Erfolg haben kann, sei jetzt mal dahingestellt. Wichtig finde ich, dass beide Sprüche vom Hören reden. Hören hilft, Gefahren zu vermeiden; genau Hinhören und sich danach richten bringt Beziehungen wieder in Ordnung … Hören eben.

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: „Auf ihn sollt ihr hören“ – Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrer Benedikt Welter, veröffentlicht am 05.08.2023 von ARD/daserste.de)

Ob diese Vorliebe für Mehrdeutigkeiten womöglich auch damit zusammenhängt, dass Katholiken ja zum Beispiel (eigentlich) auch glauben müss(t)en, dass verzauberte Backoblaten gleichzeitig auch Menschenfleisch sein können und eine Entität gleichzeitig drei Entitäten sein können, kann ich nur vermuten.

Fest steht: Über solche verschiedenen Bedeutungen lässt sich vorzüglich von der Realität in eine metaphorische Gedankenwelt hinüberassoziieren. Und von da ist es dann auch nicht mehr so weit bis in die religiöse Phantasie-Vorstellungswelt.

Aus irgendwelchen Gründen hatte Herr Welter darauf verzichtet, zum Einstieg die biblische Story zum Thema „Wer nicht hören will, muss fühlen“ zu bringen, auf der das gesamte biblisch-christliche Glaubenskonstrukt basiert: Stichwort Sündenfall.

Sehen oder hören?

Das ist insofern bemerkenswert, weil ja eigentlich die Augen und das Sehen als der wichtigere Sinn gelten. Weil wir schon als Kinder gesehen und abgeschaut und nachgeahmt haben, was die Großen uns vormachten – egal ob Eltern oder große Geschwister. Und doch ist das Gehör der erste und vornehmste Sinn in der Bibel und dann in der ganzen jüdisch-christlichen Tradition. „Schema Jisrael“, Höre Israel steht am Anfang des jüdischen Glaubensbekenntnisses.

Zumindest was religiöse Glaubensbekenntnisse angeht, ist es freilich keineswegs bemerkenswert, dass hier das Hören im Vordergrund steht. Denn zu Sehen gibts da ja nichts.

Und dann geht es dabei natürlich auch immer um Hören im Sinne von Gehorchen: Die Gläubigen sollen zuhören, was die Priester ihnen erzählen – und sie sollen ihnen gehorchen.

Ohr des Herzens

Mit „Höre, mein Sohn, und neige das Ohr deines Herzens“, beginnt die Regel des Heiligen Benedikt für seine Ordensbrüder. Die Bibel verlässt sich mehr auf das Gehör als auf das Auge. Und das tut sie, weil sie den Menschen sehr gut kennt. Weil sie weiß: das Gehör ist weniger verführbar als das Auge.

Natürlich verlassen sich die anonymen Bibelschreiber mehr auf das Gehör als auf das Auge. Wie schon geschrieben: Wo es nichts zu sehen gibt, muss es eben etwas zu hören geben. Sie profitieren von dem Umstand, dass Gesprochenes nicht auf ein bestimmtes Medium angewiesen ist.

Mit anderen Worten: Jeder Beliebige kann erstmal alles Beliebige behaupten. Die Fähigkeit, auch abstrakte oder fiktive Behauptungen durch Sprache formulieren und weitergeben zu können, war Voraussetzung für die Entstehung von so genannten Memes. Also Informationseinheiten, die unabhängig von einem bestimmten Speicher-, Widergabe- und Empfangsmedium (Sender und Empfänger) und unabhängig von einer realen Entsprechung existieren können. Wie zum Beispiel Gottesvorstellungen.

Organe mit Verführbarkeitsgefahr

Die Augen kann ich zumachen, sie vor etwas verschließen. Die Ohren müsste ich mir sehr fest zuhalten oder verstopfen – und selbst dann dringen Laute in mich herein. Sogar schon im Mutterleib hört der kleine Mensch, der noch unterwegs ist in die Welt. Alles um das kleine Wesen dringt schon mit Klängen und Geräuschen zum Kind vor, lange bevor das Licht seine Augen fluten wird.

Aus dem Umstand, dass der Gehörsinn schon bei Ungeborenen funktioniert und sich weniger effektiv „abschalten“ lässt als die Wahrnehmung optischer Reize folgt freilich nicht, dass Menschen deshalb über ihr Gehör weniger verführbar seinen als über das Auge.

Zum Beweis seien die Sprecher im „Wort zum Sonntag“ genannt: Die versuchen ja auch, mit Worten zu verführen. Und nicht mit Bildern. Weil es eben nun mal nichts zu sehen gibt, was halbwegs klar denkende Menschen als Beleg für ihre Behauptungen anerkennen würden.

Begegnung der dritten Art

„Auf ihn sollt ihr hören“, lädt Gott die drei Männer ein, die mit Jesus auf einen Berg gestiegen sind. Morgen wird diese Geschichte in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. Auf dem Berg Tabor erleben die Freunde etwas total Ungewöhnliches. Sie sehen Jesus plötzlich in einem ganz neuen Licht. „Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“ So beschreibt es die Bibel. Aber dann – und das ist noch wichtiger: dann hören sie Gottes Stimme sagen „Auf ihn sollt ihr hören. Auf ihn sollt ihr hören. Sie werfen sich mit dem Gesicht zu Boden und fürchten sich sehr. Schon, was sie sehen, hat sie erschreckt. Was sie hören aber wohl noch mehr.

Ein paar nicht unwichtige Details hat Pfarrer Welter weggelassen, deshalb hier der komplette Text:

  1. Sechs Tage später nahm Jesus den Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes mit sich und führte sie abseits auf einen hohen Berg.
  2. Da wurde er vor ihren Augen verwandelt: sein Antlitz leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden hellglänzend wie das Licht.
  3. Und siehe, es erschienen ihnen Mose und Elia und besprachen sich mit ihm.
  4. Da nahm Petrus das Wort und sagte zu Jesus: »Herr, hier sind wir gut aufgehoben! Willst du, so werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.«
  5. Während er noch redete, überschattete sie plötzlich eine lichte Wolke, und eine Stimme erscholl aus der Wolke, die sprach: »Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe: höret auf ihn!«
  6. Als die Jünger das vernahmen, warfen sie sich auf ihr Angesicht nieder und gerieten in große Furcht;
  7. doch Jesus trat herzu, faßte sie an und sagte: »Steht auf und fürchtet euch nicht!«
  8. Als sie aber ihre Augen aufschlugen, sahen sie niemand mehr als Jesus allein.
  9. Als sie dann von dem Berge hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: »Erzählt niemand etwas von der Erscheinung, die ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt worden ist.«
(Matthäus 17,1-9 MENG)

Die Wahl einer vorchristlichen Kultstätte auf dem mit 588 Metern nicht wirklich allzu hohem Berg und der Aggregatszustand „Wolke“ erinnern an die berufliche Vergangenheit Jahwes als Berge- und Wettergott.

Video-Gottesbeweis

Und hier, weit genug entfernt von anderen Augenzeugen, dürfen die Protagonisten dann plötzlich doch – wenn schon nicht Gott himself, aber doch zumindest – Mose und Elia in Augenschein nehmen.

Und auch die spektakuläre Verwandlung ihres Sektenführers zur leuchtenden Göttergestalt geschieht „vor ihren Augen“. Die dabei aufgetretenen „visual special effects“ werden detailliert beschrieben.

Die anwesenden Menschen sind von der Glaubwürdigkeit der Erscheinungen so überzeugt, dass sie ihrem frisch verklärten Halbgott und den beiden anderen Erscheinungen direkt drei Hütten errichten wollen. Auch ohne ein einziges Wort muss die Illusion bis hierher also so real gewirkt haben, dass die Augenzeugen keinen Zweifel an der Echtheit ihrer Propheten-Erscheinungen hatten.

Erst als sich der Wolkengott zu Wort meldet, schlägt die Stimmung dann schlagartig in Angst und Furcht um.

Was in der Bibel steht stimmt, weil in der Bibel steht, dass es stimmt

Zu der Zeit, als diese Geschichten verfasst wurden, spielte es noch keine Rolle, dass dieser biblische „Videobeweis“ genauso fiktiv ist wie das, was die Männer auf dem Berg angeblich gesehen und gehört haben sollen: Wenn die sogar drei Hütten bauen wollten, dann müssen sie die drei Gestalten ja auch gesehen haben. Und dass sie davon zunächst nichts erzählten liegt natürlich daran, dass Jesus es ihnen verboten hatte.

Ein historischer Gehalt dieser Story lässt sich heute ebensowenig nachweisen wie sich eine Antwort auf die Frage finden lässt, was hier tatsächlich vor sich gegangen sein könnte.

Fest steht: Jede Erklärung, in der keine Geister und keine sprechende Wolken vorkommen ist plausibler als Geschichten mit solchen Elementen.

Mögliche und allesamt plausiblere Erklärungen gibt es viele: Angefangen von Hypnose (dazu würde auch die „Erweckung“ aus der Trance durch Jesus passen) über gemeinsam konsumierte psychoaktive Substanzen (Delirium in Folge von Sauerstoffmangel kann bei der geringen Höhe des Berges Tabor wohl eher ausgeschlossen werden) bis hin zum frei erfundenen und zweckmäßig komponierten Betrug ist alles Mögliche denkbar.

Nur dass sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen hatte wie geschildert – ausgerechnet das kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit und bis zum Beweis des Gegenteils allein schon der dafür erforderlichen absurden Prämissen ausgeschlossen werden.

Was vom Glaubensgeheimnis „Verklärung“ heute noch übrig geblieben ist…

Lustigerweise hat Herr Welter zum Thema „hören“ ausgerechnet eine Bibelstelle gewählt, in der die Beweise der göttlichen Macht in Form von visuellen Wahrnehmungen detailliert beschrieben werden.

Die „Verklärung“ oder auch Transfiguration ist das eigentliche Ereignis, das hier beschrieben wird. Die göttliche Wolken-Wortmeldung sollte nur nochmal die Glaub-Würdigkeit des Wüstenpredigers unterstreichen.

Es geht hier also nicht vorrangig um die angeblich göttliche Stimme und ihren Aufruf, man solle auf Jesus hören. Diese bestätigt nur ergänzend die Glaubwürdigkeit der rein visuellen Verwandlungs- und Erscheinungsshow, um die es eigentlich geht.

Auf Jesus hören
„Verklärung“ als eindrucksvolles Spektakel

Das, was die drei Augenzeugen sehen, soll später beweisen, dass es sich tatsächlich nicht nur um eine Einbildung oder eine Täuschung handelt. Sondern dass hier tatsächlich ihr Gott am Werkeln ist.

Und erst nachdem dessen Göttlichkeit eben nicht akustisch, sondern visuell und vor drei Augenzeugen „bestätigt“ ist, lässt Matthäus diesen Gott noch mündlich bekräftigen, dass die Menschen auf seinen Sohn hören sollen.

Die ausführliche Schilderung der dreifach bezeugten Visualisierung dient der Legitimierung des später dann nur noch gesprochenen Wortes von Jesus. Also auch ohne begleitende Licht-, Erscheinungs- oder sonstige Effekte.

A propos dreifach bezeugt: Woher hatte eigentlich der Erzähler dieser Geschichte das Wissen, was sich in der montanen Abgeschiedenheit auf dem Berg Tabor angeblich zugetragen haben soll?

Jesus geht nur schwer ins Ohr

Es erschreckt; und das ist auch klar: vieles von dem, was Jesus zu sagen hat, geht nur schwer ins Ohr. Deshalb finde ich den Anfang der Regel des Heiligen Benedikt so passend: „Höre, – und neige das Ohr deines Herzens.“

Zumindest in der zitierten Bibelgeschichte war es nicht das was Jesus gesagt hatte, vor dem die Anhänger erschrocken waren. Das waren die Anweisungen des Wolkengottes. Im Gegenteil: Jesus war es, der seine Anhänger auf ihrem außer Kontrolle geratenen Trip und wieder zurück in die Realität begleitet hatte.

Das „Ohr des Herzens“ ist ein weiteres Beispiel für die religiöstypisch metapherhafte Sprache. Hier ist wieder nicht das Gehör im Sinne von akustischer Reizaufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung gemeint. Sondern ein „in-sich-Hineinhören.“ Also das Sich-Bewusstmachen der eigenen, rein gedanklichen inneren Stimme, des ständigen inneren Monologes, der in menschlichen Hirnen (und vermutlich auch in denen anderer Lebewesen) im Wachzustand ständig abläuft.

Pfarrer Welters kleine katholische Hörschule

Zum Abschluss präsentiert Pfarrer Welter schließlich noch seine persönliche Interpretation dessen, was es für ihn bedeutet „auf Jesus zu hören“:

Auf Jesus hören. Ich verstehe es so: wenn ich auf Jesus hören will, dann bin ich bereit, überhaupt zuzuhören und hinzuhören. Und zwar richtig!

Vorab: Ob es sinnvoll ist, auf Jesus zu hören, kommt darauf an, was er denn gesagt und gefordert haben soll.

Auf jemanden zu hören, weil eine sprechende Wolke es einem aufgetragen hat, halte ich für absurd, naiv und auch für potentiell gefährlich. Wer weiß schon, welchen ethischen Standards sich Wolken verpflichtet fühlen oder auf welcher moralischen Grundlage und zu wessen Gunsten sie agieren, wenn sie sprechend ins irdische Geschehen eingreifen? Die mögen sich bitte mal besser um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.

Um bereit zu sein, überhaupt zuzuhören und hinzuhören (und zwar richtig!) braucht es keine Gottessöhne.

Im Gegenteil: Durch ihr permanentes Desinteresse, ihre Behauptungen in einer sachlichen Diskussion zu begründen und zu erläutern, demonstrieren gerade die heuchlerischen christlichen Berufsverkünder selbst am besten, wie wenig ihre Jesushörigkeit sie dazu bringt, zuzuhören und hinzuhören.

Was also hat der biblische Jesus, auf den man laut Pfarrer Welter hören solle denn nun eigentlich gesagt?

Die Antwort auf diese Frage finden wir zusammengefasst bei Markus 16,16:

  1. Wer da gläubig geworden ist und sich hat taufen lassen, wird gerettet werden; wer aber ungläubig geblieben ist, wird verurteilt werden.
(Markus 16,16 MENG)

Das ist die sehr banale und gleichsam unmenschliche wie antimoralische Botschaft des Gottessohns. Und zwar nicht eine gezielt herausgepickte. Sondern gleichzeitig auch die Gesamtaussage praktisch aller biblischer Jesus-Gleichnisse. Sinngemäß:

  • Unterwirf dich meinem Gott, oder er bestraft dich zeitlich unbegrenzt mit physischer und psychischer Dauerfolter bei vollem Bewusstsein ohne Aussicht auf Begnadigung dafür, dass du es nicht getan hast.

Die im christlichen Mainstream heute am häufigsten anzutreffende Strategie zur Bewältigung dieser absurden und unangenehmen Erpressung ist: Verschweigen. Wenn überhaupt, ist noch von einer diffusen „frohen Botschaft“ die Rede. Aber nicht davon, dass diese darin besteht, dass der liebe Gott den Menschen immerhin eine theoretische Chance lässt, seiner angedrohten ewigen Dauerfolter zu entgehen.

Altbekanntes Ausweichmanöver

Stattdessen werden lieber die Nebengeschichten aufgebauscht und Begrifflichkeiten so verbogen, dass Jesus als Vorbild für mitmenschliches Verhalten erscheint.

Auf Jesus hören heißt dann für mich: hab keine Angst. Stell dich dem Menschen, der vor dir steht und zu dir spricht.

…oder stelle dich vor eine Fernsehkamera des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und produziere eine unmoderierte Kirchenreklamesendung. In der du nicht befürchten musst, dass irgendwer vor dir steht, der zu dir spricht.

Wie gerade schon beschrieben, würde „auf Jesus hören“ bedeuten, selbstverständlich Angst zu haben. Angst ist die Grundlage des biblisch-christlichen Belohnungs-Bestrafungskonzeptes.

Eben gerade nicht

Auf Jesus hören heißt dann für mich: sei wach mit allen Sinnen nimm wahr, was in der Welt geschieht.

Dem biblischen Jesus war es laut angeblich eigener Aussage ziemlich egal, was in den vermeintlich letzten paar irdischen Tagen noch geschieht. Dem ging es nicht um das Diesseits. Sondern um den Zustand nach dem „Jüngsten Gericht“ Von dem er irrtümlich angenommen hatte, es stünde unmittelbar bevor.

Den Gottessohn hatten seine Autoren deutlich klar machen lassen, dass man sich eben nicht um irdische, sondern nur noch um himmlische Angelegenheiten kümmern solle (Matthäus 6,25-34). Grund: Um so irdische Lappalien wie Kleidung und Nahrung kümmere sich Gott ja ohnehin schon.

Ausgerechnet den biblischen Jesus als Vorbild für mehr Wachsamkeit gegenüber des irdischen Geschehens anzuführen zeugt deshalb von der altbekannten christlichen Ignoranz und/oder Arroganz, die wir in praktisch allen Verkündigungen antreffen.

Mangel an Empathie ist kein Mangel an Religion

Auf Jesus hören heißt dann für mich: ich kann sogar mit einem Menschen mitfühlen, den oder die ich gar nicht persönlich kenne; aber von seinem Schicksal höre ich ja. Oder – um es noch mal mit der pädagogischen Binsenweisheit des Anfangs zu sagen: Wer auf IHN hören will, wird fühlen. Mitfühlen mit den Menschen.

In den biblischen Jesuslegenden fühlt der Gottessohn nur mit Menschen mit, die entweder schon an seinen Gott glauben, oder die durch die Begegnung mit ihm zum Glauben an seinen Gott finden.

Ich halte es für ein ziemliches Armutszeugnis, wenn jemand seine Fähigkeit und Bereitschaft für Empathie und Altruismus davon abhängig macht, ob er auf das hört, was eine literarische Kunstfigur angeblich gesagt haben soll.

Zitat

Zumal es dem biblischen Jesus eben nicht primär um Mitgefühl im Interesse seiner Mitmenschen gegangen war. Alle Not Leidenden, Ausgegrenzte und Bedürftige fungieren in den Legenden lediglich als Statisten für die Bestätigung und Verbreitung des Glaubenskonstruktes einer jüdischen Weltuntergangssekte.

Würde das „Hören auf Jesus“ tatsächlich dazu führen, dass sich Menschen mitmenschlicher (oder allgemein: ethisch richtiger) verhalten, dann müsste sich das ja statistisch nachweisen lassen. Ein solcher Nachweis konnte und kann wohl auch in Zukunft aber niemals erbracht werden. Im Gegenteil: Erst Religion ermöglicht es guten Menschen, sich schlecht zu verhalten.

Fazit

Mit seiner heutigen Verkündigung leistet Pfarrer Welter einen weiteren Beitrag zur Befeuerung der „Legende von der christlichen Moral.“ Was es damit auf sich hat und warum das Christentum moralisch orientierungslos ist, erklärt Andreas Edmüller in seinem gleichnamigen Buch.

Wenn es Herrn Welter sowieso nur um mitmenschliches Verhalten im Diesseits geht, könnte er alle religiösen Aspekte einfach ersatzlos streichen und stattdessen den Mensch in den Mittelpunkt stellen. Dann hätte er zwar eine brauchbare Argumentationsgrundlage, allerdings würde das „Wort zum Sonntag“ dann nicht mehr dem Ansrpuch als Reklamesendung für das Christentum gerecht werden.

Und wiedermal war das eigentliche Thema nur „Mittel zum Zweck.“

Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen.

Gesundheit!

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6 Gedanken zu „„Auf ihn sollt ihr hören“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. Wenn das Zuhören doch so wichtig ist, wieso wird dann beim Wort zum Sonntag kein Experte für Gebärdensprache simultan eingesetzt? 😉

    Mir ist aufgefallen, dass lt. Bibeltext der Wolkengott gedonnert hat: „Auf ihn
    s o l l t ihr hören“ – während Herr Welter es am Ende seines Sermons so formuliert: „Wer auf ihn hören w i l l, …“
    Zwischen sollen und wollen ist doch wohl ein erheblicher Unterschied.

    Ich kann mir den Widerspruch aber so erklären: Herr Welter hat diese abweichende Vokabel nicht zufällig gewählt. Er wollte vermutlich gemäss der Beschwichtigungsstrategie der „liberalen und zeitgeistigen Bibelausleger“ den herrischen Befehlston des Rauschebarts vermeiden und versöhnlich klingen.
    Was er damit aber letztlich – wohl unfreiwillig – aussagt, ist, dass Gott nur für die Menschen existiert, die freiwillig vom Hörensagen an ihn glauben, und dieser Gott dann auch damit zufrieden ist.
    Also müsste man eigentlich konsequenterweise die Kindstaufe und die im Kindesalter verabreichte Indoktrination bis zum Mündigkeitsalter aufschieben. Dazu wäre Herr Welter aber sicher nicht bereit. Denn die Gläubigenzahl wäre dann sehr überschaubar.

    Und noch eins:
    Wenn Gott in Jesus Mensch geworden ist, wie kann er da aus einer Wolke sprechen und gleichzeitig auf einem Berg stehen?
    Ach so, ein Glaubensgeheimnis. Ja, dann …

    Und noch was zum Schmunzeln:
    Wir haben früher, als ich noch zur Heiligen Mutter Kirche gehörte, despektierlich kolportiert:
    „Herr, lass uns hier drei Hütten bauen: eine für dich, eine für mich und eine für Proviant.“

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  2. Das ganze Thema „Hören“ dient im religiösen Kontext oft dazu, die innere Stimme bzw, subjektive Gewissheit als Wahrheitskriterium zu etablieren. Motto: „Die Wahrheit findest Du in Dir – nicht draußen in der Welt“.

    Damit sollen rationale, intersubjektive Prüfverfahren natürlich ausgehebelt werden. Es geht hier um eine altbekannte Manipulationstaktik: Immunisierung gegen rationale Argumente durch Rückzug auf subjektive (gefühlte) Gewissheit. Das ist tatsächlich einer der pseudo-argumentativen Stützpfeiler jeder Religion. Und es dürfte einer der Hauptlieferanten für Deschners 10-bändige Kriminalgeschichte des Christentums sein …

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  3. Eine treffende Analyse dieses Geschwafels.Wenn das Zuhören so wichtig ist, wie der Pfarrer behauptet, könnte man ihn doch mal zu einer Diskussionsrunde im Rahmen eines Podcasts oä. einladen. Auf YouTube gibt es immer spannende Debatten, z.B. mit Dan Barker oder Matt Dillahunty zwischen Religiösen und Atheisten. Nach diesem Vorbild müsste man den Pfarrer mal in einen Dialog verwickeln.

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