Gedanken zur Predigt von Pfarrerin Stefanie Höhner und Pfarrer Clemens Monninger: Siehe, ich mache alles neu! aus der Himmelfahrtskirche in München-Sendling, veröffentlicht auf Dlf Gottesdienst am 01.01.2026
Darum geht es
Die Predigt nutzt reale soziale Missstände als emotionales Material für theologische Vertröstung und lenkt durch die Verheißung göttlicher Erneuerung systematisch von konkretem politischem Handeln ab, während sie menschliches Engagement vereinnahmt und strukturelle Ursachen von Leid ausblendet.Einleitung
Der Gottesdienst aus der Münchner Himmelfahrtskirche zum Jahresbeginn 2026 präsentiert die ökumenische Jahreslosung „Siehe, ich mache alles neu“ als Quelle von Trost und Motivation. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch eine problematische Rhetorik, die reale gesellschaftliche Missstände theologisch verbrämt und dabei systematisch von konkretem politischem Handeln ablenkt.
Die Vertröstungsstrategie
Die Predigt beginnt mit einem aufschlussreichen Eingeständnis: „Wir warten immer noch darauf!“ Fast 2000 Jahre nach der biblischen Verheißung ist von der versprochenen Erneuerung nichts eingetreten. Statt diese offensichtliche Diskrepanz als Falsifizierung der Prophezeiung zu werten, wird sie theologisch umgedeutet: Wir leben „dazwischen“ – im Alten, mit Hoffnung auf das Neue.
Diese Konstruktion einer parallelen „Gott-Zeit“, die hinter einem Schleier existiert und „immer wieder durchbricht“, ist epistemologisch unhaltbar. Sie macht die Verheißung unfalsifizierbar: Egal wie lange man wartet, egal wie wenig sich ändert – die Prophezeiung kann nie widerlegt werden, weil sie sich einer rationalen Überprüfung entzieht.
Soziale Missstände als theologisches Anschauungsmaterial
Besonders problematisch ist der Umgang mit konkreten sozialen Problemen. Die Predigt beschreibt eindringlich:
- Obdachlosigkeit unter Münchner Brücken
- Armut und Tafeln mit langen Schlangen
- Globale Ungleichheit und Unterdrückung
- Samiras Geschichte von Missbrauch, Flucht und Trauma
Diese realen Leiden werden jedoch nicht als Anlass für konkrete politische Forderungen verstanden, sondern als Illustration dafür, wo „der Schleier sich lüften“ müsste. Die Missstände dienen als emotionales Material für die theologische Argumentation, ohne dass ernsthafte Lösungsansätze entwickelt würden.
Die Auflösung menschlicher Verantwortung
Im dritten Teil erfolgt eine rhetorische Volte, die menschliches Handeln theologisch vereinnahmt: „Wenn ein Mensch aus Liebe handelt, dann ist er ganz bei sich, ganz Mensch. So positiv sieht uns Gott! Als Ebenbild seiner Liebe.“
Diese Konstruktion ist in mehrfacher Hinsicht problematisch:
- Vereinnahmung säkularer Ethik: Menschliches Mitgefühl und solidarisches Handeln werden als gottgewirkt deklariert. Menschen, die aus humanistischer Überzeugung helfen, wird ihre autonome moralische Entscheidung abgesprochen.
- Externalisierung des Bösen: Wer böse handelt, hat sich „von seinem guten Kern entfernt“ – eine Psychologisierung, die strukturelle Ursachen von Gewalt und Ungerechtigkeit ausblendet.
- Trivialisierung sozialen Engagements: Die Liste der gottgewirkten Taten reicht von „Tür aufhalten“ bis zu Spenden für Entwicklungshilfe. Diese Gleichsetzung nivelliert die Unterschiede zwischen Höflichkeitsgesten und systematischem Einsatz für Gerechtigkeit.
Die Verschleierung politischer Verantwortung
Während die Predigt dramatische soziale Missstände schildert, bleiben die konkreten Forderungen vage: „Als wir für Demokratie und Menschenrechte demonstriert haben.“ Demonstrieren wofür genau? Gegen welche Politiken? Mit welchen Zielen?
Die einzige konkrete Institution, die genannt wird, ist die Tafel – ein Hilfsprojekt, das Symptome lindert, aber die Ursachen von Armut nicht beseitigt. Nicht erwähnt werden:
- Sozialstaatliche Reformen
- Mietpreisbremsen und bezahlbarer Wohnraum
- Mindestlohnerhöhungen
- Asylrechtliche Verbesserungen
- Internationale Entwicklungspolitik
Stattdessen wird das Engagement individualisiert: Suppenkochen für Nachbarn, Deutschunterricht, Telefonanrufe. Diese Tätigkeiten sind zweifellos wertvoll, ersetzen aber keine strukturellen Veränderungen.
Die „Jerusalem-Vision“ als Ablenkungsmanöver
Die ausführliche Beschreibung des „neuen Jerusalem“ mit Edelsteinen, Gold und kristallklarem Jaspis mag poetisch klingen, lenkt aber von realpolitischen Fragen ab. Die Vision einer Stadt, in der „Oben und unten, arm und reich – das alles ist vorbei“, wird als himmlische Zukunft beschrieben, nicht als politisches Ziel.
Diese Verschiebung ins Metaphysische entlastet die gegenwärtige Gesellschaft von der Verantwortung, Ungleichheit tatsächlich zu bekämpfen. Warum für Umverteilung kämpfen, wenn Gott ohnehin „alles neu macht“?
Der Fall Samira: Instrumentalisierung von Trauma
Samiras Geschichte ist erschütternd: Sexueller Missbrauch, Zwangsarbeit, Vergewaltigung auf der Flucht, erneute Gewalt im italienischen Lager. Die Predigt nutzt ihr Schicksal, um die theologische These zu illustrieren, dass „Gott jede Träne abwischen“ werde.
Diese Instrumentalisierung ist ethisch fragwürdig. Samiras reales Leiden wird zum Anlass, auf eine jenseitige Erlösung zu verweisen. Stattdessen wären konkrete Fragen angebracht:
- Warum müssen Menschen wie Samira überhaupt fliehen?
- Wie können Fluchtrouten sicher gemacht werden?
- Warum versagt der Schutz in europäischen Lagern?
- Welche asylrechtlichen Reformen sind nötig?
Das Kirchenasyl wird als christliche Tat gefeiert, verschweigt aber, dass es überhaupt nur nötig ist, weil der Rechtsstaat versagt. Die Gemeinde lindert Symptome eines Systems, das sie nicht grundsätzlich hinterfragt.
Die Illusion der Entlastung
Im letzten Teil offenbart sich die psychologische Funktion der Theologie: „Da ist das große ICH, das macht es neu. Das entlastet mich hier.“
Diese „Entlastung“ ist jedoch eine Illusion:
- Verantwortungsdiffusion: Wenn letztlich Gott alles neu macht, vermindert sich der Druck, selbst aktiv zu werden. Die 365 Tage werden „leichter“, weil man sich auf eine höhere Macht verlässt.
- Trostpflaster statt Veränderung: Die Hoffnung auf göttliches Eingreifen wirkt wie ein Beruhigungsmittel, das verhindert, dass Menschen die Unerträglichkeit ihrer Situation als Ansporn für radikale Veränderung nutzen.
- Privilegierte Perspektive: Die Entlastung, von der gesprochen wird, ist die Entlastung der ohnehin Privilegierten, die sich damit trösten, dass sie nicht die ganze Last der Weltverbesserung tragen müssen. Für Samira und die Menschen unter den Brücken ist diese Entlastung eine Zumutung.
Was fehlt: Säkulare Alternativen
Ein säkularer, humanistischer Ansatz würde anders vorgehen:
Analyse statt Mystifizierung: Obdachlosigkeit, Armut und Flucht haben konkrete Ursachen – strukturelle Ungleichheit, Wohnungsmärkte, Kriege, Klimawandel. Diese müssen benannt und bekämpft werden.
Politische Forderungen statt Gebete: Statt für Frieden zu beten, könnte man konkrete Abrüstungsinitiativen unterstützen, für Waffenembargos eintreten, Rüstungsexporte kritisieren.
Strukturelle Veränderung statt individueller Wohltätigkeit: Wichtiger als Kürbissuppe für Nachbarn ist der Einsatz für einen starken Sozialstaat, progressive Besteuerung, bezahlbaren Wohnraum.
Empowerment statt Trost: Statt Menschen zu trösten, dass Gott ihre Tränen abwischen wird, sollten sie dabei unterstützt werden, selbst für ihre Rechte zu kämpfen – durch Bildung, rechtliche Beratung, politische Organisation.
Diesseits statt Jenseits: Die Vision einer gerechten Gesellschaft muss eine politische Vision sein, kein himmlisches Jerusalem. Sie muss mit konkreten Maßnahmen, Zeitplänen und Verantwortlichkeiten verbunden werden.
Fazit: Religion als Opium fürs Volk
Karl Marx‘ Diktum von der Religion als „Opium des Volkes“ erweist sich an dieser Predigt als zutreffend. Die Theologie bietet eine beruhigende Erzählung, die reales Leiden anerkennt, es aber in einen metaphysischen Rahmen stellt, der konkrete politische Veränderung entbehrlich macht.
Die Jahreslosung „Ich mache alles neu“ ist nicht motivierend, sondern lähmend. Sie suggeriert, dass die Erneuerung von außen kommt, von einer göttlichen Instanz, nicht durch menschliches Handeln. Sie verschiebt die Lösung in eine unerreichbare Zukunft oder in isolierte Momente des „Schleier-Lüftens“.
Was wir brauchen, ist keine Hoffnung auf göttliches Eingreifen, sondern den Mut, selbst zu handeln. Nicht Gebete, sondern Streiks. Nicht Kirchenasyl, sondern Asylrechtsreform. Nicht Tafeln, sondern existenzsichernde Grundeinkommen. Nicht die Vision des himmlischen Jerusalem, sondern konkrete Utopien einer gerechten Gesellschaft, für die wir hier und jetzt kämpfen können.
Die Predigt endet mit dem Versprechen, dass die nächsten 365 Tage „leichter“ werden durch den Glauben an Gottes Erneuerung. Aber vielleicht sollten sie schwerer werden – schwerer vom Gewicht der Verantwortung, die wir tragen, wenn wir aufhören, auf göttliche Intervention zu warten, und anfangen, die Welt selbst zu verändern.

















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