Wenn Demut zur Rechtfertigung von Dogmen wird: Eine kritische Analyse zu Stefan Buß‘ Thomas-von-Aquin-Impuls

Lesezeit: ~ 3 Min.

Gedanken zum Impuls: Stefan Buß: Wer war Thomas von Aquin?, veröffentlicht am 28.1.26 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Buß romantisiert Thomas von Aquin als demütigen Wahrheitssucher, verschweigt aber dessen autoritäres Denksystem, seine Rolle bei der Legitimierung von Inquisition und Gewalt gegen Häretiker sowie den fundamentalen Widerspruch zwischen seinem Vernunftanspruch und seiner dogmatischen Unterordnung der Ratio unter kirchliche Lehrsätze.

Die geschönte Heiligenlegende

Stadtpfarrer Stefan Buß präsentiert seinen Lesern zum Gedenktag des Thomas von Aquin (1225-1274) ein wohliges Porträt des mittelalterlichen Theologen als „Suchenden nach Gott“ und Versöhner von Glaube und Vernunft. Diese hagiographische Darstellung ist typisch für kirchliche Verlautbarungen: Sie klammert systematisch die historischen Realitäten aus und konstruiert stattdessen ein idealisiertes Bild, das heutigen pastoralen Bedürfnissen dient.

Die verschleierte Realität: Thomas als Dogmatiker der Macht

Was Buß verschweigt, ist historisch belegt: Thomas von Aquin war ein Architekt der scholastischen Rechtfertigung kirchlicher Autorität und Gewalt. In seiner Summa Theologiae (II-II, q. 11, a. 3) argumentierte er ausdrücklich für die Todesstrafe bei Häresie – Häretiker seien schlimmer als Falschmünzer, da sie nicht das irdische Gut, sondern die Seelen gefährdeten. Diese Theologie lieferte der Inquisition ihre intellektuelle Legitimation.

Thomas‘ Denken war keineswegs von der Offenheit geprägt, die Buß suggeriert. Sein gesamtes System basierte auf der axiomatischen Voraussetzung christlicher Dogmen, insbesondere der unfehlbaren Autorität der Kirche. Die „Vernunft“, die er propagierte, war immer schon durch Offenbarungswahrheiten begrenzt – ein Zirkelschluss, der echte philosophische Freiheit verhinderte.

Der Mythos von der Harmonie zwischen Glaube und Vernunft

Buß behauptet: „Denken [kann] niemals im Widerspruch zum Glauben stehen, wenn es ehrlich ist.“ Diese Aussage ist aus säkularer Perspektive hochproblematisch. Sie enthält eine versteckte Drohung: Wer durch ehrliches Denken zu anderen Schlüssen kommt als die Kirche, denkt nicht wirklich ehrlich. Dies ist eine klassische Immunisierungsstrategie gegen Kritik.

Historisch hat sich die Behauptung einer natürlichen Harmonie zwischen Vernunft und Glauben als unhaltbar erwiesen. Die gesamte Aufklärung, die Entwicklung der modernen Wissenschaft und die historisch-kritische Bibelforschung haben gezeigt, dass kritisches Denken regelmäßig im Widerspruch zu religiösen Dogmen steht – man denke an Galilei, Darwin oder die moderne Neurobiologie des Bewusstseins.

Die fragwürdige Demut

Besonders problematisch ist Buß‘ Interpretation von Thomas‘ Äußerung kurz vor seinem Tod, seine Werke erschienen ihm „wie Stroh“. Buß deutet dies als Demut. Historiker vermuten hingegen, Thomas könnte nach einem mystischen Erlebnis oder möglichen Schlaganfall (Dezember 1273) sein rationales Werk als unzureichend empfunden haben – was weniger Demut als vielmehr die Kapitulation der Vernunft vor dem Irrationalen bedeuten würde.

Echte intellektuelle Demut würde bedeuten, die Grenzen des Wissens anzuerkennen und dogmatische Gewissheiten aufzugeben. Thomas tat das Gegenteil: Er behauptete, durch „natürliche Theologie“ Gottes Existenz beweisen zu können, und baute darauf ein geschlossenes System unbezweifelbarer Wahrheiten.

Die ausgeblendeten Opfer

Was in Buß‘ Impuls völlig fehlt, ist der historische Kontext: Thomas wirkte im 13. Jahrhundert, als die Inquisition systematisch Andersdenkende verfolgte. Seine Theologie bot dieser Gewalt eine rationale Fassade. Die Katharer, die Waldenser und unzählige andere wurden mit Berufung auf Denker wie Thomas gefoltert und hingerichtet. Diese dunkle Seite der „Liebe zur Wahrheit“ wird in kirchlichen Darstellungen konsequent ausgeblendet.

Moderne Relevanz? Fehlanzeige

Buß fragt: „Was sagt Thomas wirklich dem Menschen heute?“ Seine Antwort bleibt im Religiösen gefangen. Aus humanistischer Sicht wäre zu fragen: Was kann uns ein mittelalterlicher Theologe heute noch lehren, dessen Weltsicht auf längst widerlegten Annahmen beruht – von der aristotelischen Physik über die Vorstellung einer hierarchischen Schöpfungsordnung bis zur Rechtfertigung von Gewalt gegen Abweichler?

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Die Antwort ist ernüchternd: Thomas von Aquin ist primär ein historisches Studienobjekt, das zeigt, wie religiöse Institutionen intellektuelle Brillanz zur Zementierung von Macht und Dogma instrumentalisierten. Seine Methode, scheinbar rational zu argumentieren, während die Prämissen dogmatisch gesetzt sind, findet sich noch heute in apologetischen Texten – wie dem von Buß.

Säkulare Alternativen

Wo Buß „Wahrheit als Begegnung mit Jesus Christus“ definiert, würde ein humanistischer Ansatz Wahrheit als intersubjektiv überprüfbare Erkenntnis verstehen, die prinzipiell revidierbar bleibt. Statt „mit ganzem Herzen zu suchen“ innerhalb vorgegebener dogmatischer Grenzen, braucht es die Bereitschaft, auch fundamental Geglaubtes infrage zu stellen.

Die echte Vereinbarkeit von Denken und Leben findet sich nicht in der Unterordnung der Vernunft unter religiöse Autorität, sondern in der aufgeklärten Einsicht, dass ethisches Handeln keiner übernatürlichen Begründung bedarf. Der Humanismus zeigt seit Jahrhunderten, dass Mitgefühl, Gerechtigkeit und Suche nach Wahrheit ohne Rekurs auf Götter möglich – und oft sogar konsequenter – sind.

Fazit

Stefan Buß‘ Impuls ist symptomatisch für eine kirchliche Öffentlichkeitsarbeit, die historische Figuren zu Projektionsflächen aktueller pastoraler Bedürfnisse macht. Die Darstellung von Thomas von Aquin als demütigem Wahrheitssucher verdeckt mehr, als sie erhellt. Sie verschweigt die autoritären und gewaltlegitimierenden Aspekte seines Denkens, romantisiert den Konflikt zwischen Dogma und Vernunft und immunisiert sich gegen berechtigte Kritik.

Wer heute ernsthaft nach Wahrheit suchen will, braucht nicht die scholastische Akrobatik mittelalterlicher Theologen, sondern den Mut zur Aufklärung: Sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ohne ihn vorgegebenen Glaubenssätzen unterzuordnen.

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