Gedanken zum Beitrag: Riesenkonfetti und Clowns beim Hoch-oben-Gottesdienst, veröffentlicht am 11.2.26 von osthessen-news.de
Darum geht es
Die Kirche vereinnahmt die Inklusionsarbeit säkularer Akteure, indem sie deren Errungenschaften sakralisiert und sich als Gastgeberin inszeniert, obwohl sie selbst von einer Zivilgesellschaft inkludiert wird, die moralisch längst über sie hinausgewachsen ist.Am 10. Februar feierte man in Fulda einen „besonderen Fastnachtsgottesdienst“ – bunt, fröhlich, mit Clowns, Konfetti und Karnevalsprinzen in der Klosterkirche am Frauenberg. Unter dem Motto „FOLL – gemeinsam Mensch“ zelebrierten die Franziskaner zusammen mit dem Fuldaer Freizeit- und Carneval-Klub (FFCK) und antonius, dem Netzwerk für Menschen mit und ohne Behinderungen in den Bereichen Wohnen, Arbeiten, Bildung und Freizeit einen „närrischen Hoch-oben-Gottesdienst“. Was auf den ersten Blick wie ein gelungenes Beispiel für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe erscheinen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als paradigmatisches Beispiel dafür, wie religiöse Institutionen weltliche Erfolge für sich reklamieren – und dabei die Frage nach der eigentlichen Inklusionsleistung in ihr Gegenteil verkehren.
Die Inszenierung: Karneval als liturgisches Event
Der Bericht liest sich wie eine Pressemitteilung aus der Abteilung für kirchliches Marketing: „bunt, fröhlich und voller Lebensfreude“ – Attribute, die man der katholischen Liturgie nicht unbedingt standardmäßig zuschreibt. Die Franziskaner öffnen ihre Kirchentüren für Musikzüge, Karnevalsprinzessinnen und „riesiges Konfetti“. Pater Thomas trägt seine Predigt in gereimter Form vor, und am Ende singt man nicht etwa ein Kirchenlied, sondern „Ich bin in Fulda verliebt“.
Was hier stattfindet, ist eine bemerkenswerte Aneignung: Die Kirche schmückt sich mit den Federn einer genuin weltlichen, säkularen Tradition. Der Karneval – historisch durchaus auch als Ventil gegen kirchliche Autorität verstanden, eine Tradition der Verkehrung hierarchischer Ordnungen und der Verballhornung weltlicher wie geistlicher Macht – wird in den sakralen Raum geholt und damit gezähmt, christianisiert, vereinnahmt. Die „farbenfrohe Bühne der Fastnacht“ verwandelt den Kirchenraum, nicht umgekehrt. Doch wer gibt hier wem einen Rahmen?
Die Inklusionsfrage: Wer inkludiert wen?
Besonders aufschlussreich ist das Schlusswort von Rainer Sippel, Vorstand von antonius: „Die Fuldaer Fastnacht ist für uns sehr wichtig und wir sind froh, dass wir dabei sein dürfen.“ Und weiter: „Die Tollitäten würden überall gut aufgenommen und dazugehören. Das ist ein Zeichen für Inklusion, ein Zeichen für gemeinsam Mensch.“
Hier offenbart sich die eigentliche Pointe: Die Inklusion von Menschen mit Behinderung wird nicht primär von der Kirche geleistet, sondern von der Karnevalsgemeinschaft und durch die Arbeit der Lebenshilfe-Einrichtung antonius selbst. Der FFCK und die weltliche Fastnachtstradition sind es, die Menschen mit Behinderung als gleichberechtigte Akteure in ihre Gemeinschaft aufnehmen – nicht nur als Zuschauende oder Hilfsbedürftige, sondern als aktiv Teilnehmende an einem gesellschaftlichen Ereignis, das für Fulda identitätsstiftend ist. Diese säkulare Praxis der Teilhabe wird nun in einen kirchlichen Kontext überführt, und plötzlich erscheint die Kirche als Gastgeberin und Ermöglicherin von Inklusion.
Doch die historische und gegenwärtige Realität sieht anders aus: Jahrhundertelang hat die christliche Kirche Menschen mit Behinderung marginalisiert, stigmatisiert und ihre Behinderungen als göttliche Strafe, als Prüfung oder als Mangel an Glauben gedeutet. Noch heute sind viele Kirchengebäude architektonisch nicht barrierefrei, bleiben Menschen mit Behinderung von kirchlichen Ämtern weitgehend ausgeschlossen oder werden primär als Objekte der Caritas, nicht aber als gleichberechtigte Subjekte behandelt.
Die Umkehrung der Verhältnisse
Was in Fulda geschieht, ist eine bemerkenswerte diskursive Umkehrung: Weltliche Institutionen (der Karnevalsverein, die Lebenshilfe-Einrichtung antonius) praktizieren faktische Inklusion und Teilhabe. Eine religiöse Institution (die Franziskaner) stellt den Raum zur Verfügung – und reklamiert damit die Inklusionsleistung für sich. Der Gottesdienst wird zum „Gemeinschaftserlebnis“, die Kirche zur Plattform für „gelebtes Miteinander“.
Doch wer hat hier eigentlich die Arbeit geleistet? Wer hat die gesellschaftlichen Barrieren überwunden, wer hat Menschen mit Behinderung nicht als Hilfsbedürftige, sondern als gleichberechtigte Mitglieder der Stadtgesellschaft behandelt? Es war nicht die Institution, die sich seit 400 Jahren „für die Fuldaer Bürgerschaft“ engagiert, wie Sippel dankbar anmerkt. Es war die säkulare Zivilgesellschaft, es waren Karnevalsvereine und Einrichtungen wie antonius, die – oftmals gegen kirchliche Widerstände und trotz mangelnder kirchlicher Unterstützung – diese mühsame Inklusionsarbeit geleistet haben.
Die Kirche fungiert hier als Trittbrettfahrer des gesellschaftlichen Fortschritts. Sie öffnet ihre Türen für eine Entwicklung, die ohne sie, teilweise sogar gegen ihre historische Praxis stattgefunden hat, und präsentiert sich als deren Vorreiterin. „Gemeinsam Mensch“ – ein Motto, das nicht aus christlicher Dogmatik mit ihrer Unterscheidung zwischen Gesunden und Kranken, Reinen und Unreinen erwachsen ist, sondern aus humanistischem Denken, aus Aufklärung und säkularer Ethik der Menschenwürde.
Sakralisierung des Säkularen
Besonders problematisch ist die Sakralisierung dieser säkularen Errungenschaft. Indem man die Inklusion im Rahmen eines Gottesdienstes zelebriert, wird suggeriert, dass diese Teilhabe einer religiösen Legitimation bedürfe, dass sie im sakralen Raum erst ihre wahre Weihe erhalte. Die „gereimte Predigt“ des Paters wird zur Deutungshoheit über ein gesellschaftliches Phänomen, das die Kirche selbst nicht hervorgebracht hat.
Dies ist umso irritierender, als der Karneval selbst eine zutiefst ambivalente Beziehung zur Kirche pflegt. Zwar steht er im Kalender vor der Fastenzeit, doch ist er historisch auch ein Raum der Narrenfreiheit, der Herrschaftskritik, der temporären Aufhebung hierarchischer Ordnungen. Die „Tollitäten“ – Karnevalsprinzen und -prinzessinnen, die mit ihren Titeln, Zeremonien und Hofstaaten weltliche und geistliche Macht parodieren – sind Ausdruck dieser karnevalistischen Verkehrung. Dass nun ausgerechnet diese anarchische, egalitäre, autoritätskritische Energie in den kirchlichen Raum kanalisiert und liturgisch gerahmt wird, ist bezeichnend: Die Kirche domestiziert, was sie nicht kontrollieren kann, indem sie es umarmt und einhegt.
Der doppelte Trugschluss
Der Fastnachtsgottesdienst basiert auf einem doppelten Trugschluss:
Erstens wird suggeriert, die Kirche sei Akteurin der Inklusion, obwohl sie lediglich Gastgeberin einer Feier ist, bei der andere die Inklusionsarbeit geleistet haben. Die tatsächlichen Akteure – antonius, der FFCK, alle Menschen, die gemeinsam Fastnacht feiern – werden zu Gästen in einem kirchlichen Rahmen, der es der Kirche ermöglicht, sich mit fremden Federn zu schmücken.
Zweitens wird impliziert, dass die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben (hier: am Karneval) erst durch den kirchlichen Segen ihre volle Bedeutung erlange. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die Fastnacht funktioniert als inklusives Gemeinschaftserlebnis völlig unabhängig von kirchlicher Sanktionierung. Der Gottesdienst ist nicht konstitutiv für die Inklusion, sondern parasitär an ihr.
Wer darf hier eigentlich „dabei sein“?
Bemerkenswert ist auch die Formulierung Sippels: „Wir sind froh, dass wir dabei sein dürfen.“ Diese dankbare Demut ist aus Sicht einer Lebenshilfe-Einrichtung verständlich – schließlich kämpft antonius täglich gegen gesellschaftliche Barrieren und Ausgrenzung. Doch die Frage ist: Bei wem bedankt man sich hier eigentlich?
Bei der Fastnachtsgemeinschaft, die alle Menschen unabhängig von Weltanschauung oder Glaubensbekenntnis aktiv einbindet? Das wäre angemessen. Oder bei der Kirche, die lediglich ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellt? Dann würde die Logik der Dankbarkeit die Machtverhältnisse verschleiern: Nicht die Kirche inkludiert die Faschingsnarren in ihre Gemeinschaft, sondern die Kirche wird inkludiert in eine weltliche Praxis der Teilhabe, die moralisch und praktisch längst über sie hinausgewachsen ist.
Die Kirche ist hier nicht die großzügige Gastgeberin, die ihre Türen öffnet und alle zum Faschingsball einlädt – sie ist die Institution, die froh sein sollte, dass man sie noch teilhaben lässt an gesellschaftlichen Entwicklungen, die ohne sie geschehen.
Fazit: Die Kirche als Profiteurin säkularer Ethik
Der Fastnachtsgottesdienst in Fulda ist kein Beispiel für kirchliche Inklusionsarbeit. Er ist ein Beispiel dafür, wie die Kirche säkulare, zivilgesellschaftliche Errungenschaften für sich reklamiert, indem sie ihnen einen sakralen Rahmen gibt. Die eigentliche Inklusionsleistung wurde von weltlichen Akteuren erbracht – vom Karnevalsverein, von der Lebenshilfe-Einrichtung antonius.
Statt die Kirche für ihre „Offenheit“ zu loben, sollten wir die Frage stellen: Warum braucht es überhaupt noch den kirchlichen Segen für das, was die säkulare Gesellschaft längst besser macht? Warum die Kirche ihre Räumlichkeiten gerne zur Verfügung stellt, liegt auf der Hand: Nur noch hier kann man die Deutungshoheit für sich reklamieren und sogar die närrische Persiflage auf religiöse Zeremonien und Gepflogenheiten liturgisch vereinnahmen. Viel mehr bleibt ihnen ja auch nicht übrig.
Der Gottesdienst endet mit „Ich bin in Fulda verliebt“. Vielleicht sollte die Kirche sich eingestehen, dass Fulda sich längst in eine Gesellschaft verliebt hat, die ohne klerikale Bevormundung auskommt – und dass sie selbst nur noch Konfetti wirft auf einer Party, zu der sie sich eingeladen hat, um sich als Gastgeberin zu inszenieren.


















Die Kirche hat sich schon immer gerne als der bunteste Pfau von allen inszeniert, geschmückt mit fremden Federn.