#WhatsAppvonJesus – kein Anschluss unter dieser Nummer

Lesezeit: ~ 4 Min.

Darum geht es

Die Konfirmationspredigt in der Fuldaer Kreuzkirche illustriert exemplarisch, wie kirchliche Modernisierung auf der Oberfläche bleibt, während vor-moderne Glaubensbehauptungen, institutionelle Rekrutierung und konfessionell konditionierte Bildungshilfe unverändert weiterlaufen.

#WhatsAppvonJesus: Modern wirken, ohne modern zu denken

In der Fuldaer Kreuzkirche feierten am Wochenende 25 Jugendliche ihre Konfirmation. Pfarrer Stefan Bürger predigte unter dem Hashtag #WhatsAppvonJesus, der Gottesdienst lief im YouTube-Livestream, gespendet werden konnte per QR-Code und PayPal. Die Fuldaer Zeitung berichtet darüber im Stil einer Werbebroschüre. Lohnenswert ist, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, was hier eigentlich verhandelt wird – jenseits der charmanten Inszenierung.

Die kurze Antwort: Dieselben Glaubensbehauptungen wie vor hundert Jahren, nur in modernerer Verpackung. Die längere Antwort folgt.

Die WhatsApp-Metapher: ein rhetorischer Trick

Bürgers zentrales Bild ist ein neuer Messenger-Kontakt: „Jesus hat für seine Gruppe einen Kontakt hinzugefügt. Ihr bekamt ein neues Profilbild: Zugehörig zu Jesus und seiner Gemeinde durch die Taufe.“

Das Bild ist anschlussfähig, leicht zu verstehen – und genau darin liegt sein Problem. Es überträgt die Selbstverständlichkeit eines Alltagsmediums auf eine Behauptung, die alles andere als selbstverständlich ist. Dass WhatsApp existiert und Kontakte hinzufügt, weiß jede 13-Jährige aus eigener Erfahrung. Dass Jesus existiert, aktiv Kontakt aufnimmt und „Profilbilder“ vergibt, ist eine Glaubensbehauptung, die ohne Beleg auskommen muss. Die Metapher transportiert die empirische Sicherheit des einen unauffällig auf das andere.

Hinzu kommt eine kleine Umkehrung der Akteursrollen: In Bürgers Bild ist es Jesus, der aktiv den Kontakt hinzufügt. Faktisch waren es Eltern, die ihre Säuglinge zur Taufe brachten, und ein institutioneller Pfad, der diese elterliche Entscheidung Jahre später als göttliche Initiative reframed. Aus „eure Eltern haben euch hier angemeldet“ wird „Jesus hat euch geschrieben“. Das ist nicht harmlos – es ist eine Verschiebung der Verantwortung weg von den realen sozialen Akteuren hin zu einem postulierten transzendenten Akteur.

Senfkorn und Berge versetzen: die Magiebehauptung im Konfi-Format

Bürger zitiert das berühmte Bibelwort aus Matthäus 17,20: „Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn – also ein und nicht fünf Balken –, dann könnt ihr Berge versetzen.“

Diese Aussage wird vor 13- und 14-Jährigen ohne erkennbare Distanzierung in den Raum gestellt. Sachlich betrachtet handelt es sich um eine kontrafaktische Behauptung mit eingebauter Selbstimmunisierung: Berge wurden bisher nie durch Glauben bewegt – und falls jemand das einwendet, war der Glaube eben doch nicht senfkorngroß. Eine klassische unfalsifizierbare Aussage, also eine, die per Konstruktion gegen jede Widerlegung abgeschirmt ist.

Bürger relativiert den Spruch im Folgesatz selbst: „Dann wird euer Glaube, euer Vertrauen euch tragen.“ Aus der wörtlichen Magie wird metaphorisches Selbstvertrauen. Die Frage drängt sich auf: Wenn am Ende ohnehin nur „ein bisschen Selbstvertrauen ist gut für dich“ herauskommt, warum dann die Bergversetzungs-Rhetorik überhaupt? Die Antwort ist banal: Die starke Sprache der Tradition wird beibehalten, weil sie Atmosphäre erzeugt. Die magische Behauptung bleibt im Raum stehen, auch wenn sie im Kleingedruckten zurückgenommen wird. Die Jugendlichen nehmen die Magie zuerst auf.

Datenvolumen statt Sakrament

Noch deutlicher wird der Anpassungsmechanismus an einer anderen Stelle: „Gemeinschaft untereinander, hier dabei sein – das wird euren Kontakt zu Gott und zur Kirche stärken, euch Halt geben. Das ist wie eine Steigerung eures Datenvolumens von 10 auf 50 Gigabyte.“

Was eigentlich als Innerlichkeitsbehauptung daherkommt, wird hier in Konsum-Sprache übersetzt. Religiöse Praxis als Tarifoption. Wer mehr glaubt, bekommt mehr Datenvolumen. Das ist nicht „die Sprache der Jugend treffen“, das ist die argumentative Verflachung religiöser Inhalte auf das Niveau eines Mobilfunkvergleichs. Wer Substanz hat, muss sie nicht in dieser Sprache verkaufen.

Die Modernisierungsfassade

YouTube-Livestream, QR-Code-Spenden, PayPal, Popmusik beim Einzug, ein Hashtag, ein roter-Herz-Emoji als Predigtfazit: Die Inszenierung ist auf Höhe der Zeit, zumindest so, wie sich Christen um die 40 das vermutlich vorstellen. Die Inhalte sind es nicht.

Wie schon im Beitrag zu Philipp Gerhards „Nicht modern genug?“ diskutiert: Die Verwechslung von Oberflächen-Modernisierung mit substanzieller Modernisierung ist eines der zentralen Selbstmissverständnisse des aktuellen kirchlichen Reformdiskurses. Die Kanzel mag durch einen Livestream ersetzt sein – aber die Behauptung, dass ein Mensch namens Jesus aus dem ersten Jahrhundert Jugendliche im Jahr 2026 persönlich „kontaktiert“ und ihnen „Profilbilder“ verleiht, ist exakt so vor-modern wie die Vorstellung, ein Senfkorn-Glaube versetze Berge. Substanziell modernisiert wäre eine Theologie, die solche Behauptungen historisch-kritisch einordnet, nicht eine, die sie in Smartphone-Sprache übersetzt.

Rekrutierung als Predigtziel

Bemerkenswert ist die explizite Rekrutierungsaufforderung am Schluss der Predigt: Die Jugendlichen sollen sich „auch nach der Konfirmation in der Kirche … engagieren, etwa bei Teamerinnenschulungen, in der Konfi-Arbeit oder in einer neuen Jugendgruppe“.

Im Kontext der EKD-Mitgliederentwicklung ist das kein spiritueller Zufallsimpuls, sondern strukturelle Notwendigkeit. Die evangelische Kirche verlor 2024 erneut mehrere Hunderttausend Mitglieder durch Austritt; der Trend hält seit Jahren an. Jeder Konfi-Jahrgang ist für die Kirche eine der letzten institutionellen Gelegenheiten, junge Menschen vor dem späteren Austritt noch zur Mitarbeit zu binden.

Anzeige

Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Unisex Pullover Weiß

Zum Produkt

Du betest für mich - ich denke für dich - Unisex Pullover Mocca

Zum Produkt

AWQ - Answers without questions - Frauen Premium Bio Hoodie Malve

Zum Produkt

Wahrhaftigkeit hieße, das offen zu benennen: „Wir brauchen euch, weil uns die Leute weglaufen.“ Stattdessen wird Rekrutierung als spirituelles Angebot eingekleidet – die Kirche werde ihnen „Halt geben“. Die institutionelle Selbsterhaltung verkleidet sich als seelsorgliches Versprechen.

Mission im Bildungsmantel

Ein Detail, das in der Berichterstattung nebenbei abgehandelt wird, verdient eigene Aufmerksamkeit: „Die Kollekte war traditionell für die Ausbildungshilfe junger Christinnen und Christen in Afrika und Asien bestimmt.“

Hier wird Bildungsförderung explizit konfessionell konditioniert. Unterstützt werden nicht junge Menschen, weil sie bedürftig sind, sondern weil sie Christen sind oder werden sollen. Das ist Mission im 21. Jahrhundert: nicht mehr mit Bibel und Schwert, sondern mit konditionierter Auslandshilfe – Bildung gegen religiöse Zugehörigkeit. Der Begriff „Ausbildungshilfe“ klingt entwicklungspolitisch und neutral; was er bezeichnet, ist es nicht.

Die säkular-humanistische Alternative ist trivial zu formulieren: Bildungsförderung nach Bedürftigkeit, nicht nach Konfession. Organisationen, die Kindern und Jugendlichen weltanschauungsneutral Zugang zu Schule und Ausbildung ermöglichen, gibt es zahlreich. Eine Kollekte, die genau das nicht tut, sondern explizit nur „junge Christinnen und Christen“ adressiert, ist eine bewusste Selektion – und sollte als solche benannt werden, nicht als generische Wohltätigkeit verbucht.

Was bleibt – und was eine säkulare Alternative wäre

Bleibt das Bild einer charmant inszenierten Veranstaltung mit Popmusik, Livestream und einem Pfarrer, der sichtlich bemüht ist, anschlussfähig zu sein. Was sich unter dieser Oberfläche nicht ändert: die unfalsifizierbaren Behauptungen, die nachträgliche Umdeutung der elterlichen Säuglingstaufe in eine göttliche Initiative, die institutionelle Rekrutierung und die konfessionell konditionierte Auslandshilfe.

Eine säkular-humanistische Perspektive müsste 13- und 14-Jährigen ein anderes Übergangsritual anbieten – eines, das Mündigkeit feiert, statt Zugehörigkeit zu installieren. Jugendweihen und Jugendfeiern, wie sie etwa der Humanistische Verband seit Jahrzehnten anbietet, machen genau das: Sie markieren den Übergang ins Erwachsenenalter, ohne dafür einen theologischen Wahrheitsanspruch in Stellung zu bringen, und ohne Jugendliche in eine institutionelle Bindung zu nehmen, deren Plausibilität historisch immer weiter erodiert.

Wer ein rotes Herz als Emoji als Zusammenfassung einer christlichen Heilsbotschaft akzeptabel findet, sollte sich umgekehrt nicht über den Substanzverlust beklagen, der den eigenen Mitgliederrückgang antreibt. Es ist derselbe Vorgang.

KI
PDF Beitrag als PDF öffnen

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn dir der Artikel gefallen hat, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen (auch wenns manchmal schwer fällt...).
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wir haben, wenn nicht anders angegeben, keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.

Neuester Kommentar