„Signal des Himmels“? Wie Pfarrer Winfried Abel die Opfer eines Terroranschlags zur Zielscheibe macht

Lesezeit: ~ 6 Min.

Eine Kritik zum menschenverachtenden Leserbrief von Pfarrer Winfried Abel aus Hünfeld-Großenbach in der Fuldaer Zeitung

Darum geht es

Ein Leserbrief von Pfarrer Winfried Abel in der Fuldaer Zeitung deutet den tödlichen islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day als göttliches Warnzeichen an die Ermordeten und Verletzten selbst – und entlarvt damit eine Moral, die menschliches Leid religiös instrumentalisiert.
Quelle des Bildzitats: Fuldaer Zeitung vom 31.7.26
Quelle des Bildzitats: Fuldaer Zeitung vom 31.7.26

Am 26. Juli 2026 fuhr ein 21-jähriger Mann im Berliner Tiergarten einen Transporter in eine Menschenmenge, die den Christopher Street Day feierte, und ging anschließend mit einer Waffe auf Menschen los. Eine Frau – eine Mutter aus Polen – wurde getötet, rund 30 Menschen wurden verletzt. Der Täter, den die Behörden als islamistisch motiviert einstufen und der zuvor wegen versuchter Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden war, wurde von der Polizei erschossen.

Auf dieses Verbrechen reagiert ein Leserbrief von Pfarrer Winfried Abel aus Hünfeld-Großenbach in der Fuldaer Zeitung. Und er tut etwas, das man zweimal lesen muss, um es zu glauben: Er nimmt den Mord zum Anlass, nicht in erster Linie den Mörder zu kritisieren, sondern die Getöteten und ihre Gemeinschaft. Der Anschlag sei, so schließt der Text, „ein Signal des Himmels“, „ein Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr“.

Der Verfasser: kein einmaliger Ausrutscher

Der Leserbrief steht nicht für sich. Winfried Abel, Jahrgang 1939, wurde 1964 zum Priester geweiht, war von 1970 bis 1983 in der Gefängnisseelsorge und von 1989 bis 2014 Pfarrer in Fulda-Neuenberg, bevor er in den Ruhestand ging. Über den Kreis der Pfarrei hinaus bekannt wurde er vor allem durch regelmäßige Auftritte bei katholisch-konservativen Sendern wie EWTN, K-TV und Radio Horeb sowie als früherer Spiritual eines Priesterseminars.

Schon im Sommer 2025 sorgte Pfarrer Winfried Abel für Schlagzeilen, als er den Kurs seines Heimatbistums Fulda in LGBT-Fragen scharf angriff. Anlass war eine wohlwollende Stellungnahme von Generalvikar Martin Stanke zum Christopher Street Day in Fulda vom 12. Juli 2025. Abel bezeichnete Pride-Veranstaltungen laut Berichten als „Symptome einer sittlich entfesselten Gesellschaft“ und als „Verherrlichung geschmackloser Obszönitäten“ (eine Beschreibung, die, nebenbei bemerkt, verblüffend gut das Anbeten von in Menschenfleisch verzauberte Backoblaten beschreibt).

Segensfeiern für homosexuelle Paare lehnte er ab und verglich sie mit dem Segenswunsch eines Alkoholikers, der von seiner Sucht befreit werden wolle: Die Kirche müsse den Segen „verweigern“. Er erklärte, er wolle sich nicht mehr „Priester des Bistums Fulda“ nennen – „In diesem Bistum möchte ich nicht mehr Priester sein.“ Das Bistum teilte mit, es könne Abels Deutung der Stanke-Erklärung, die für Respekt und Dialog geworben hatte, „nicht nachvollziehen“.

Ende August 2025 wurde bekannt, dass Abel in der Pfarrei „Hl. Maria Magdalena Hünfelder Land“ nicht mehr als Zelebrant für Sonntagsmessen eingeplant war; der leitende Pfarrer Michael Müller begründete dies mit Abels „angstmachenden Predigten“.

Es ist bezeichnend, wenn sich Glaubensgemeinschaften ausgerechnet jener ihrer Angestellten entledigen, die einfach nur das predigen, was da nun mal in der „Heiligen“ Schrift geschrieben steht – und zwar so, wie es gemeint ist, statt es bis ins unverfänglich erscheinende Gegenteil zu verbiegen, wie es der christliche Mainstream tut.

Das aktuelle „Signal des Himmels“ ist also kein Ausrutscher, sondern die Fortsetzung einer schon dokumentierten Linie – mit demselben Vokabular. Was 2025 „Perversion“ und „Obszönität“ war, ist 2026 die „Parade der Schamlosigkeit“. Neu ist nur, dass diese Wortwahl nun auf einen Toten und Dutzende Verletzte trifft.

Ein Toter als „Signal des Himmels“

Der entscheidende Satz des Leserbriefs lautet: „Doch sollten alle, die sich noch Christen nennen, derartige Gräueltaten als ein Signal des Himmels verstehen, als einen Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr.“ Man sollte sich klarmachen, was hier behauptet wird. Ein Mensch wurde ermordet, Dutzende wurden verletzt – und diese konkrete Tat wird zu einer Botschaft Gottes umgedeutet, die sich an die Lebenden richtet.

Das ist keine Randbemerkung von Pfarrer Winfried Abel, sondern die zynische Pointe des ganzen Textes. Es ist die klassische Theologie der göttlichen Strafe, angewandt auf ein reales Gewaltverbrechen. Wer den Tod eines Menschen als „Signal des Himmels“ deutet, macht Gott zum stillen Regisseur eines Anschlags und die Getötete zum Mittel eines höheren Zwecks.

Das ist nicht nur moralisch verwerflich, es ist auch logisch haltlos: Eine Handlung, deren Urheber ein konkreter, von Menschen gemachter Täter mit konkretem Motiv ist, lässt sich nicht zugleich als Fingerzeig einer höheren Macht ausgeben. Entweder trägt der Attentäter die Verantwortung – oder der „Himmel“. Beides zusammen geht nur um den Preis, dass die Opfer selbst zum Adressaten der Lehre werden, die man aus ihrem Tod ziehen will.

Genau das ist der Mechanismus der Opferbeschuldigung: Nicht der Mörder soll umkehren, sondern die Ermordeten und ihresgleichen. Eine perfidere Umkehrung von Täter und Opfer ist schwer vorstellbar.

Der Angriff auf die einzige menschliche Reaktion

Bezeichnend ist, woran sich Pfarrer Winfried Abel zuerst stört. Nicht am Terror, sondern an einem Satz des Berliner Erzbischofs Heiner Koch. Koch hatte auf den Anschlag reagiert mit den Worten: „Wie schrecklich! Ein so frohes und bewegendes Fest, brutal zu zerstören. Wir sind mit unseren Gebeten bei allen Opfern und ihren Angehörigen … Der Hass darf nicht gewinnen.“

Der Leserbrief-Schreiber empört sich: „Ein katholischer Bischof nennt also die Parade der Schamlosigkeit und die zur Schau gestellte Verherrlichung der Perversion ein ‚frohes und bewegendes Fest‘!?“ Und weiter, im Ton der Anklage: „Haben die Hirten der Kirche nicht den prophetischen Auftrag, solche Ereignisse im Sinne des Evangeliums zu deuten und ins rechte Licht zu stellen?“

Man muss Kochs Theologie nicht teilen, um zu erkennen: Seine Reaktion war die einzige im ganzen Vorgang, die schlicht menschlich war. Mitgefühl mit Ermordeten und Verletzten, Ablehnung von Hass – mehr steht in seinem Statement nicht.

Dass ausgerechnet dieses Minimum an Empathie Pfarrer Winfried Abel auf die Palme bringt, sagt viel über die zugrunde liegende Prioritätensetzung – und darüber, wie Religion die Köpfe von Menschen ficken kann.

Wer die Trauer um einen ermordeten Menschen für einen theologischen Fehler hält, weil das Opfer der „falschen“ Gruppe angehörte, hat den Kern jeder Ethik verfehlt: dass Menschen nicht danach zählen, ob wir ihre Lebensweise billigen.

„Ich verurteile ja, aber …“ – die rhetorische Notbremse

Der Text ist nicht dumm gebaut (wofür hat man schließlich Theologie studiert!). Er ahnt, wie er wirkt, und schiebt eine Absicherung ein: „Hier muss man differenzieren! Die Ablehnung des Christentums rechtfertigt in keiner Weise das brutale und menschenverachtende Vorgehen der islamischen Terroristen … Solchen Terroristen muss das Handwerk gelegt werden.“

Das ist die klassische Formel „Ich verurteile ja, aber …“. Sie soll den Sprecher aus der Schusslinie nehmen und ihm zugleich erlauben, den Gedankengang des Täters weiterzuführen. Denn die formale Verurteilung ändert nichts an der Deutung, die der Brief dann trotzdem übernimmt: dass der Westen dekadent sei, dass die „sittliche Dekadenz“ ein reales Problem sei und dass der Anschlag zur „Umkehr“ mahne. Damit teilt der Autor mit dem Attentäter exakt das Feindbild – die queere Öffentlichkeit – und unterscheidet sich von ihm nur in der Frage der Methode, nicht in der Frage der Bewertung der Opfer.

Auffällig ist auch die Wortwahl „Morde und Gruppenvergewaltigungen“. Der konkrete Berliner Anschlag war die Tat eines Einzelnen mit einem Fahrzeug und einer Waffe; von Gruppenvergewaltigungen ist dabei nichts bekannt. Die Formulierung greift auf ein pauschales Schreckensbild zurück, das rhetorisch aufheizt, ohne durch den geschilderten Fall gedeckt zu sein. Faktentreue sieht anders aus.

Verachtung als Argumentersatz

Wo der Brief nicht deutet, verachtet er. Der CSD ist ihm eine „Parade der Schamlosigkeit“, eine „große Parade der halbnackten Leiber“, eine „Verherrlichung der Perversion“, kurz: „Unkultur“. Das sind keine Argumente, sondern Etiketten. Sie ersetzen die Begründung durch Ekel und setzen als selbstverständlich voraus, was zu zeigen wäre – nämlich dass die öffentliche Sichtbarkeit von Schwulen, Lesben und queeren Menschen etwas Verwerfliches sei.

Zitat Karlheinz Deschner

Dazu tritt eine Verfallserzählung: Pfarrer Winfried Abel beklagt, die „einst prächtige, nun arg zusammengeschrumpfte Fronleichnamsprozession“ werde von der „Parade der halbnackten Leiber“ verdrängt, und zitiert Peter Scholl-Latour mit dem Satz, die Stärke des Islam in Europa sei durch die Schwäche des Christentums bedingt.

Aus dieser Beobachtung – so man sie teilt – wird kurzerhand eine Handlungsanweisung: Der Westen müsse „umkehren“, sonst habe er die Dekadenz verdient, die ihm „Vertreter des Islam“ vorwerfen. Dass eine beschreibende These über gesellschaftlichen Wandel damit in eine Aufforderung zur moralischen Selbstunterwerfung verwandelt wird, fällt dem Verfasser nicht auf. Und der Rückzug auf eine Autorität – hier Scholl-Latour – ersetzt nicht das Argument, das fehlt.

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Die säkular-humanistische Gegenrechnung

Man kann die Sache auch schlicht vom Menschen her denken. Ein Mensch wurde ermordet, weil andere Menschen frei und sichtbar feiern wollten, wer sie sind. Der Christopher Street Day erinnert an den Widerstand gegen eine jahrzehntelange Verfolgung – auch in Deutschland, wo der berüchtigte Paragraf 175 schwule Männer bis weit in die Bundesrepublik hinein kriminalisierte. Diese Freiheit ist kein Zeichen von Verfall, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft: Menschen müssen nicht mehr um Leib und Recht fürchten, weil sie lieben, wen sie lieben.

Aus säkular-humanistischer Sicht folgt daraus dreierlei.

Erstens: Die Würde jedes Menschen hängt nicht von der Billigung seiner Lebensweise ab. Solidarität mit Opfern von Gewalt braucht keine Vorbedingung.

Zweitens: Ein Verbrechen ist ein Verbrechen und kein Fingerzeig einer höheren Macht. Wer Leid zum „Signal des Himmels“ erklärt, betreibt keine Sinnstiftung, sondern widerwärtigen Zynismus – und macht sich zum ungefragten Dolmetscher eines Gottes, dessen Botschaften verdächtig genau mit den eigenen Ressentiments übereinstimmen.

Drittens: Der säkulare Rechtsstaat schützt beides – die Fronleichnamsprozession und den Christopher Street Day. Er zwingt niemanden, das eine schön zu finden, aber er verbietet, das andere mit Gewalt oder mit der Umdeutung von Gewalt zu bekämpfen.

Die bittere Ironie des Leserbriefs ist, dass er die einzige Stimme angreift, die sich menschlich verhalten hat. Erzbischof Koch hat um die Opfer getrauert. Der Leserbrief trauert um die Fronleichnamsprozession.

Zwischen diesen beiden Reaktionen liegt kein theologischer Feinsinn, sondern der ganze Unterschied zwischen Mitgefühl und Menschenverachtung. Ein Toter ist kein Signal. Er ist ein Mensch, den ein anderer Mensch getötet hat.

Alles Weitere ist der Versuch, aus diesem Grauen noch Kapital für die eigene Weltanschauung zu schlagen.

Quellen

KI

…und wenn das nächste Mal wieder ein Mainstream-Berufschrist um die Ecke kommt mit „na, solche Ansichten hat doch heute kein Katholik mehr“ – Pfarrer Winfried Abel liefert hier den erschreckenden Beweis des Gegenteils.

CSD Fulda (KI-Illustration)

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