Der halbe Paulus: Wenn der Körper zum Tempel wird und der Kontext verschwindet – Goldene Rosine am Band für Annette Behnken

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Annette Behnken macht in ihrem „Wort zum Sonntag“ aus dem paulinischen Satz „Euer Leib ist ein Tempel“ eine warme Botschaft der Selbstannahme – und verschweigt dabei, dass die zitierte Bibelstelle das genaue Gegenteil behauptet: Der Leib gehöre euch gerade nicht selbst.

Worum es geht

Auf den ersten Blick erscheint es wie ein sympathisch gemeinter Auftritt. Annette Behnken wählt als säkularen Rahmen diesmal Hannover, wo bei den „Finals“ Spitzensportler um Hundertstelsekunden und Millimeter kämpfen, und wendet den Blick vom perfekt trainierten Körper zum ganz gewöhnlichen. Ihr eigener sei 57 Jahre alt, das Knie zwicke, das linke Ohr höre nicht mehr – und doch: „So ein Körper ist echt ’ne Wundermaschine.“

Die Pointe folgt prompt: „Unser Körper ist ein Tempel, schreibt Paulus in der Bibel.“ Jeder Körper, so Behnken, sei „ein Ort, an dem sich Heiliges ereignet“, und jedem Menschen sei „so wie ich bin“ das Leben geschenkt, „einmalig und einzigartig“.

Das klingt scheinbar zugewandt, inklusiv und tröstlich.

Das Problem ist nur: Der Satz, auf den Behnken ihre gesamte Botschaft stützt, bedeutet im Original ziemlich genau das Gegenteil dessen, was sie ihn sagen lässt.

Was Paulus wirklich schreibt

Der Halbsatz „euer Leib ist ein Tempel“ stammt aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 6. Wer nur diese fünf Wörter kennt, könnte tatsächlich an Körperwertschätzung denken. Wer aber den Vers davor und danach mitliest, findet etwas anderes. In der Lutherbibel lautet die Passage:

„Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.“

(1. Korinther 6,18–20)

Der Tempel-Vers ist also kein Lob des Körpers, sondern ein Argument in einer Ermahnung zur sexuellen Selbstkontrolle. Die Logik des Paulus ist unmissverständlich: Euer Leib gehört euch nicht – er gehört Gott, der euch „teuer erkauft“ hat. Deshalb, so die Schlussfolgerung, habt ihr über ihn nicht frei zu verfügen, sondern „flieht die Hurerei“.

Der Vergleich mit dem Tempel dient der Eigentumsfrage: Ein Tempel ist heilig, weil eine Gottheit darin wohnt und Anspruch auf ihn erhebt. Nicht der Mensch verfügt über den Raum, sondern der Eigentümer.

Die Dreistigkeit im Detail

Genau hier liegt die argumentative Kern­operation der Andacht – und ihre Dreistigkeit. Behnken zitiert den Satz, der die menschliche Selbstverfügung bestreitet, und macht daraus eine Feier der menschlichen Selbstannahme.

Das Scharnier des Originals lautet „ihr gehört nicht euch selbst“. Behnkens Fazit lautet: „So wie ich bin, ist mir mein Leben geschenkt und bin ich … dem Leben geschenkt. Einmalig und einzigartig.“ Aus „du gehörst dir nicht“ wird „du darfst sein, wie du bist“. Das ist keine Zuspitzung mehr, das ist eine Umkehrung.

Damit dieser Schwenk gelingt, muss zweierlei geschehen. Erstens muss der Kontext verschwinden. Kein Wort fällt über „Hurerei“, kein Wort über das „teuer erkauft“, kein Wort über den Eigentumsanspruch. Übrig bleibt ein aus der Argumentation herausgebrochener Bildbaustein.

Zweitens muss der Begriff „Tempel“ umdefiniert werden: Behnken erklärt kurzerhand, Tempel seien „Orte, an denen ich Heiligem begegnen kann“ – ein vager Erlebnisraum. Bei Paulus ist der Tempel keine Begegnungsstätte für individuelle Heiligkeitsgefühle, sondern ein besetztes Territorium mit einem Besitzer, der Forderungen stellt.

Man muss das mit einiger Deutlichkeit sagen: Wer eine Bibelstelle zitiert, um eine Aussage zu belegen, trägt die Verantwortung dafür, dass die Stelle diese Aussage auch hergibt. Ein Vers, der die körperliche Selbstbestimmung religiös einhegt, ist kein Beleg für bedingungslose Selbstannahme. Er ist das Gegen­beispiel. Behnken hätte ihre freundliche Botschaft ohne Weiteres ohne Paulus formulieren können – sie wäre dann ehrlicher gewesen. Es ist – wie so oft – einmal mehr ausgerechnet der Glaube, der ihrer Rede die Glaubwürdigkeit raubt.

Ein Muster, kein Ausrutscher

Die Dreistigkeit gewinnt an Gewicht, sobald man sieht, dass der Tempel-Vers kein zufälliger Einzelfall ist. Die Skepsis gegenüber „Leib“ und „Fleisch“ zieht sich als Grundton durch die paulinischen Briefe – und der Ton ist alles andere als eine Feier des Körpers. Ein paar Kostproben, jeweils im Wortlaut der Lutherbibel:

  • Römer 7,18: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt.“
  • Römer 7,24: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“
  • Römer 8,13: „… wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“
  • Galater 5,24: „Die aber Christus Jesus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden.“
  • 1. Korinther 9,27: „… sondern ich schinde meinen Leib und bezwinge ihn …“
  • Kolosser 3,5: „So tötet nun die Glieder, die auf Erden sind …“

Das Vokabular ist eindeutig: töten, kreuzigen, schinden, bezwingen. Der Leib erscheint hier nicht als „Wundermaschine“ und nicht als „Ort, an dem sich Heiliges ereignet“, sondern als Gegner, als Baustelle, als etwas, das unter Kontrolle zu bringen ist. Ein Psychiater hätte bei einem Klienten mit solchen Ansichten alle Hände voll zu tun gehabt.

Selbst die Ehe gerät bei Paulus nicht zum Wert an sich, sondern zum Notventil gegen die Begierde: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“ (1. Korinther 7,1), und wer sich nicht enthalten könne, solle heiraten, „denn es ist besser, zu heiraten, als in Begierde zu brennen“ (7,9). Sexualität wird geduldet, nicht bejaht.

Der Fairness halber: Neutestamentler weisen zu Recht darauf hin, dass Paulus zwischen „Fleisch“ (griechisch sarx, als Macht der Sünde) und „Leib“ (soma) unterscheidet und kein glattes platonisches Leib-Seele-Schema vertritt. Der springende Punkt bleibt davon jedoch unberührt. Erstens ist die Wörterwahl – kreuzigen, töten, schinden – eine Sprache der Unterwerfung, nicht der Wertschätzung.

Zweitens hat die Wirkungsgeschichte dieser Texte über Jahrhunderte handfeste Leibfeindlichkeit, Askese und sexuelle Beschämung gennährt und somit unermesslich viel reales menschliches Leid verursacht. Und genau aus diesem Korpus greift sich Behnken den einen warm klingenden Halbsatz heraus und präsentiert ihn als Hymne auf den Körper. Nicht die Auswahl allein ist das Problem, sondern die Auswahl gerade hier.

Zwei weitere Schwächen

Neben dem verheimlichten Kontext lohnen zwei weitere Beobachtungen. Zum einen die rhetorische Rutschbahn vom Staunen zum Heiligen. Dass der Körper atmen, gehen, verdauen, umarmen und schmecken lässt, ist tatsächlich beeindruckend – es ist das Ergebnis von einigen hundert Millionen Jahren Evolution, kein kleiner Befund. Behnken nennt ihn erst „Wundermaschine“ und deklariert ihn dann zum „Ort, an dem sich Heiliges ereignet“.

Zwischen beiden Aussagen liegt aber ein gewaltiger Sprung, der nicht begründet, sondern nur behauptet wird. Das Staunen über einen lebendigen Organismus ist voll und ganz nachvollziehbar; es „heilig“ zu nennen, fügt kein Wissen hinzu, sondern nur eine fromme Etikette.

Zum anderen die Trivialität, die als Tiefe auftritt. Dass jeder Mensch – ob sportlich oder versehrt, ob in High Heels oder am Rollator – Würde und Wert besitzt, ist ein humaner und richtiger Gedanke. Aber er benötigt keinen Tempel und keinen Paulus. Er folgt bereits aus dem schlichten Umstand, dass es sich um Menschen handelt. Der theologische Überbau leiht einer ohnehin gebotenen Selbstverständlichkeit eine Weihe, die sie nicht braucht – und verknüpft sie ausgerechnet mit einem Text, der Würde an eine Bedingung knüpft: das richtige, gottgefällige Verhalten des Leibes.

Die säkular-humanistische Gegenrede

Aus humanistischer Sicht ist die eigentliche Ironie, dass Behnken das Beste ihrer Botschaft der falschen Quelle zuschreibt. Der Körper ist tatsächlich staunenswert – und zwar ohne heiligen Mieter. Sein Wert liegt nicht darin, dass ein Gott ihn „teuer erkauft“ hätte, sondern darin, dass er der einzige Ort ist, an dem gelebtes Leben überhaupt stattfindet: Empfindung, Beziehung, Handeln, Verletzlichkeit. Dieses Staunen lässt sich vollständig ohne Sakralvokabular haben.

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Entscheidend aber ist der Punkt, an dem säkulare Ethik und paulinischer Text unvereinbar auseinanderlaufen. Der Humanismus sagt: Dein Körper gehört dir. Körperliche Selbstbestimmung – über die eigene Sexualität, die eigene Gesundheit, das eigene Lebensende – ist ein Grundpfeiler eines freiheitlichen Menschenbildes. Paulus sagt das genaue Gegenteil: „ihr gehört nicht euch selbst“.

Es ist kein Zufall, dass genau dieser Vers über Jahrhunderte herangezogen wurde, um Sexualität zu reglementieren und Körper – besonders die von Frauen – unter Aufsicht zu stellen. Eine Andacht, die diesen Vers als Body-Positivity verkauft, verschweigt nicht nur einen Nebensatz. Sie verschweigt die Stoßrichtung.

Die humane Aussage „jeder Körper zählt“ wird nicht dadurch stärker, dass man sie an einen Text kettet, der sie unter Vorbehalt stellt. Sie wird stärker, wenn man sie beim Namen nennt: als säkulares Bekenntnis zur Würde und Selbstverfügung jedes Menschen – bedingungslos, ohne Eigentümer, ohne Kaufpreis.

„Goldene Rosine am Band“ für Annette Behnken

Goldene Rosine am Band

Für das Kunststück, einen Vers über die Aufhebung der körperlichen Selbstverfügung als Botschaft der Selbstannahme zu servieren – und dafür, den entscheidenden Halbsatz „und dass ihr nicht euch selbst gehört“ samt seines gesamten Zusammenhangs sauber verschwinden zu lassen – verleihen wir Annette Behnken hiermit „Die Goldene Rosine am Band“.

Der Preis würdigt das Rosinenpicken in Reinform: Man nehme das Süße, lasse den Teig liegen – und nenne das Ergebnis dann eine Andacht über den ganzen Menschen.

KI

Versehen? Irrtum? Täuschung? Oder doch Betrug?

Als Berufschristin weiß Frau Behnken natürlich, was da bei Paulus tatsächlich geschrieben steht. Unwissenheit oder ein Versehen kommen deshalb als Entschuldigung nicht in Frage.

Der Übergang von einer harmlosen Täuschung bis hin zum handfesten Betrug ist fließend: Schließlich profitiert Frau Behnken davon, dass Menschen auf ihre ins Gegenteil verkehrte Darstellung biblischer Texte hereinfallen und in der Folge das angebliche „Wort Gottes“ irrtümlich für eine „wertvolle Richtschnur für unser Leben“ halten.

Ob es sich hier um eine bewusste Zwecklüge handelt oder um ganz banale Gleichgültigkeit der Stimmigkeit und dem Wahrheitsgehalt der eigenen Rede gegenüber, lässt sich nicht abschließend sagen.

Im ersteren Fall kann Bismarcks Zitat: „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd“ erweitert werden um den Zusatz: „…und wenn Mainstream-Christen versuchen, ihre biblische Glaubensgrundlage als brauchbare oder gar überlegene Moralquelle zu retten.“ Und wenn es Frau Behnken schlicht egal ist, ob ihre öffentlichen Behauptungen und Interpretationen wenigstens einigermaßen mit der eigentlichen biblischen Aussage übereinstimmen, dann bezeichnet man das als Bullshit.

Ausgerechnet die Glaubensinhalte machen die Glaubwürdigkeit zunichte.

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