Gott schenkt Freiheit? Die Unabhängigkeitserklärung hat ihn nicht gefragt

Lesezeit: ~ 5 Min.

Darum geht es

Johanna Vering feiert im „Wort zum Sonntag“ zum Independence Day die demokratische Gleichheit – und schreibt sie am Ende dem „christlichen Menschenbild“ zu, obwohl die Unabhängigkeitserklärung ein aufklärerisch-deistisches Dokument ist und die Universalisierung ihrer Rechte großenteils gegen kirchlichen Widerstand erkämpft wurde.

Ein guter Beitrag – bis zu den letzten drei Sätzen

Man muss Johanna Vering zugutehalten: Ihr „Wort zum Sonntag“ zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist über weite Strecken das, was man sich von einem Demokratie-Plädoyer wünscht.

Sie erzählt von der zerbrechenden Gesprächsfähigkeit in der eigenen, teils in den USA lebenden Familie, benennt „nationalen Egoismus“ und den „rabiaten Umgang mit Einwanderern“ – und formuliert daraus einen Appell zur Mitwirkung: zuhören, diskutieren, die eigene Meinung notfalls ändern, Kompromisse tragen, Mehrheitsentscheidungen akzeptieren. Sie wirbt fürs Anpacken statt Meckern, für das Engagement als Wahlhelferin, für die Arbeit als „sachkundige Bürgerin“ im kommunalpolitischen Ausschuss.

Das ist konkret, das ist richtig, und – das ist der Punkt dieses Kommentars – es ist vollständig säkular. Kein einziger dieser Ratschläge braucht Gott, Bibel oder Kirche. Erst in den letzten Sätzen dreht Vering die Bühne um. Und dort passiert das, was auf diesem Blog einen festen Namen hat, weil wir ihm immer und immer wieder begegnen in der christlichen Mainstreamverkündigung: Vereinnahmung.

Die eigentliche Behauptung: „das christliche Menschenbild“

Vering zitiert die Unabhängigkeitserklärung und deutet sie dann:

„In der Unabhängigkeitserklärung der USA spielt bemerkenswerterweise Gott eine Rolle. Die USA berufen sich auf das christliche Menschenbild. Alle Menschen sind gleich, gleichwertig und haben die gleichen Rechte.“

Diese Zuschreibung ist historisch schlicht falsch. Die Formeln, auf die Vering sich stützt – „ihr Schöpfer“, im Original their Creator, sowie „the Laws of Nature and of Nature’s God“ – sind keine christlichen, sondern deistische Wendungen. Thomas Jefferson, der Hauptautor, war Deist; seine private Bibelbearbeitung strich sämtliche Wunder und die Auferstehung. Die Sprache der Erklärung meidet Christus, Kirche und Offenbarung mit Absicht: Sie sollte eine Koalition aus Deisten, Freidenkern und diversen Konfessionen tragen.

Noch deutlicher wird es bei den beiden anderen Gründungsdokumenten. Die US-Verfassung von 1787 erwähnt Gott im operativen Text gar nicht und verbietet in Artikel VI ausdrücklich jeden religiösen Test für öffentliche Ämter. Und der 1797 vom Senat einstimmig ratifizierte Vertrag von Tripolis hält in Artikel 11 unmissverständlich fest, die Regierung der Vereinigten Staaten sei „in keiner Hinsicht“ auf der christlichen Religion gegründet. Auch die Volkssouveränität, die Vering korrekt referiert („alle Gewalt geht vom Volke aus“), ist kein biblisches, sondern ein aufklärerisches Motiv – Lockes Vertrags- und Konsenslehre, nicht Römerbrief 13.

Wer hier ein „christliches Menschenbild“ herausliest, projiziert das Ergebnis in die Quelle. Die Gleichheitsidee in der Form, in der die Erklärung sie formuliert, ist ein Kind der Aufklärung – und die legte, wie schon frühere Beiträge hier gezeigt haben, Wert auf eine bewusst nicht-religiöse Begründung der Freiheits- und Menschenrechte. Vering wiederholt damit exakt die Operation, die Bischof Gerber und andere längst vorgeführt haben (siehe „Bischof Gerber entdeckt Humanismus – und verschleiert die Quellen“ und „Hier fängt Zukunft an – Wenn die Kirche humanistische Werte vereinnahmt“).

Verings Text widerlegt Verings These

Das Bemerkenswerteste ist, dass die Widerlegung im Beitrag selbst steht. Vering sagt:

„Auch wenn ursprünglich diese Rechte erstmal nur weißen freien Männern galten, die Demokratie hat sich aber weiterentwickelt. Und das ist es: Demokratie entwickelt sich.“

Genau. Die 1776 proklamierte „Gleichheit aller Menschen“ galt eben nicht allen Menschen. Versklavte, Frauen, die indigene Bevölkerung, Besitzlose – ausgeschlossen. Die Universalisierung dieser Rechte war die spätere Leistung säkularer Bewegungen: Abolitionismus, Frauenwahlrecht, Bürgerrechtsbewegung. Und diese Entwicklung vollzog sich vielfach gegen den Widerstand kirchlicher Institutionen. Die katholische Kirche verurteilte im Syllabus errorum von 1864 die Aussöhnung des Papsttums mit „Fortschritt, Liberalismus und moderner Zivilisation“; die Religionsfreiheit als Menschenrecht erkannte sie förmlich erst 1965 auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil an. Man darf die Beiträge einzelner christlich motivierter Reformer nicht kleinreden – aber als Institution waren die Kirchen über weite Strecken Bremse, nicht Motor.

Vering schreibt also am Ende genau dem „Menschenbild“ eine Errungenschaft zu, die – nach ihrer eigenen, zwei Sätze zuvor gemachten Beobachtung – erst durch die profane, oft antiklerikale Weiterentwicklung der Demokratie zustande kam. Die These frisst sich selbst.

Der Substituierbarkeitstest

Die theologische Pointe kommt als angehängtes Coda:

„Christlich formuliert: Gott ist so sehr mit dem Menschen verbunden, dass er ihm Freiheit schenkt, die er gestalten soll, aber nicht auf Kosten anderer, sondern zum Wohle aller.“

Man streiche diese zwei Sätze – und dem Beitrag fehlt nichts. Der gesamte demokratische Gehalt (Mitwirkung, Kompromiss, Verantwortung, Mehrheitsprinzip) steht ohne die Theologie exakt so da wie mit ihr. Das ist der klassische Befund: Wo sich die religiöse Rahmung ersatzlos entfernen lässt, ohne dass das Argument leidet, ist sie nicht Fundament, sondern Dekoration. Der „Schöpfer“ liefert hier keinen einzigen zusätzlichen Grund, warum man Wahlhelferin werden oder Schul-Tablets im Ausschuss beschließen sollte. „Christlich formuliert“ ist keine Begründung, sondern ein Etikett, das nachträglich auf eine fertige säkulare Ethik geklebt wird.

Das Menschenbild, das sie feiert, treibt die Politik an, die sie beklagt

Hier wird es unbequem, und zwar tagesaktuell. Vering beklagt am US-Beispiel „nationalen Egoismus“ und den „rabiaten Umgang mit Einwanderern“. Nur: Diese Politik hat in den USA eine massive religiöse Basis. Nach dem American Values Atlas 2025 des Public Religion Research Institute (PRRI) qualifiziert sich rund ein Drittel der US-Bevölkerung als Anhänger (12 %) oder Sympathisant (21 %) des christlichen Nationalismus. Und ausgerechnet diese Gruppe hält die härtesten Einwanderungspositionen: Mehrheiten der Anhänger stimmen der Behauptung zu, Einwanderer „unterwanderten und ersetzten“ die kulturelle Identität des Landes, und Mehrheiten befürworten Abschiebungen ohne rechtsstaatliches Verfahren – Werte, die weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegen.

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Das „christliche Menschenbild“ steht in den USA also auf beiden Seiten der Barrikade. Dieselbe religiöse Berufung, die Vering als Quelle universeller Gleichheit feiert, dient dort einer politischen Bewegung, die genau den nationalen Egoismus und die Migrationsfeindlichkeit betreibt, die Vering verurteilt. Ein „Menschenbild“, das je nach Ausdeutung Gleichheit und Ausgrenzung trägt, taugt schlecht als moralischer Kompass – es zeigt in jede Richtung, in die man es dreht.

Verings eigener Alarm verschärft die Ironie noch. Zur Gefahr, Demokratie zu unterwandern, sagt sie: „das hatten wir schon mal und das endete in einem der größten Desaster der Menschheitsgeschichte“. Richtig – und die Bilanz der Kirchen in eben dieser Katastrophe ist, euphemistisch formuliert, ambivalent: Das Reichskonkordat von 1933 verschaffte dem NS-Regime früh internationale Legitimität. Das „christliche Menschenbild“ hat den Zivilisationsbruch nicht verhindert – im Gegenteil. Als Bollwerk gegen die Aushöhlung der Demokratie, das Vering es implizit sein lässt, hat es historisch versagt.

Die säkular-humanistische Alternative

Das Erfreuliche ist: Vering braucht die Theologie für ihre beste Botschaft überhaupt nicht. Demokratie und Menschenrechte stehen nicht deshalb, weil ein Schöpfer sie „schenkt“, sondern weil Menschen sie erdacht, begründet und – gegen Widerstände – erkämpft haben. Ihre Geltung ruht auf nachvollziehbaren Gründen: der gleichen Verletzlichkeit und Interessiertheit aller Menschen, auf Empathie und Vernunft, auf dem historischen Lernprozess aus Willkür und Gewalt. Das ist keine Schwäche gegenüber dem religiösen Fundament, sondern eine Stärke: Ein Recht, das aus einsehbaren Gründen gilt, lässt sich verteidigen, ohne dass man erst an denselben Gott glauben muss.

Und genau das macht Verings Schlusssatz so schade. Ihr Aufruf, „im Kleinen und im Großen demokratisch am Ball“ zu bleiben, ist ein zutiefst humanistischer Satz. Er wird nicht wahrer, wenn man ein „Gott schenkt“ davorschaltet – er wird nur weniger ehrlich über seine Herkunft.

Die Demokratie ist, wie Vering treffend sagt, „harte Arbeit“. Sie ist es aber als menschliches Werk, das keine göttliche Beglaubigung benötigt, um zu tragen. Das ist übrigens dieselbe Beobachtung, die sich schon durch frühere Vering-Kommentare zog: der säkulare Kern trägt, das religiöse Etikett wird nachträglich aufgeklebt (vgl. „Mehr als ein bisschen Frieden“).

KI

Belege und Quellen

  • Johanna Vering, „Demokratie ist anstrengend“, Das Wort zum Sonntag, ARD/daserste.de, gesendet zum 4. Juli 2026 (Independence Day). Zitate wörtlich aus dem Beitrags-Transskript.
  • Declaration of Independence (1776), Wortlaut „endowed by their Creator“ sowie „the Laws of Nature and of Nature’s God“; zur deistischen Prägung Jeffersons vgl. die von ihm bearbeitete „Jefferson Bible“ (The Life and Morals of Jesus of Nazareth).
  • Verfassung der Vereinigten Staaten (1787), Art. VI („no religious Test“); Bill of Rights, 1. Zusatzartikel (Establishment Clause).
  • Vertrag von Tripolis (1796/97), Art. 11: „the Government of the United States of America is not in any sense founded on the Christian religion“; einstimmig vom US-Senat ratifiziert, unterzeichnet von John Adams.
  • Pius IX., Syllabus errorum (1864), insb. Satz 80 (Verurteilung der Aussöhnung mit „Fortschritt, Liberalismus und moderner Zivilisation“); Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis humanae (1965) zur Religionsfreiheit.
  • Zur aufklärerischen Herkunft und der bewusst nicht-religiösen Begründung der Menschenrechte vgl. u. a. Konrad-Adenauer-Stiftung, „Christliches Menschenbild“ (kas.de), sowie die ideengeschichtliche Darstellung bei global-ethic-now.de.
  • Reichskonkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich, 20. Juli 1933.
  • PRRI, American Values Atlas 2025, „How Christian Nationalism Affects Views on Immigration“ und „Mapping Christian Nationalism Across the 50 States“ (prri.org): Anteil Adherents/Sympathizers; Zustimmungswerte zu „great replacement“-Aussagen und zu Abschiebungen ohne rechtsstaatliches Verfahren.

Weiterführend auf awq.de:

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1 Kommentar zu „Gott schenkt Freiheit? Die Unabhängigkeitserklärung hat ihn nicht gefragt“

  1. Meine Anfrage per E-Mail an Frau Vehring:

    Ihr „Wort zum Sonntag“ zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung habe ich mit Interesse gesehen – der praktische, säkulare Kern (Mitwirkung, Zuhören, Kompromiss, Engagement als Wahlhelferin und sachkundige Bürgerin) hat mir gut gefallen. Zu Ihrer theologischen Schlussdeutung habe ich einige Nachfragen, über deren Beantwortung ich mich freuen würde.

    1. Sie sagen, die USA beriefen sich auf das „christliche Menschenbild“. Die Unabhängigkeitserklärung verwendet mit „their Creator“ und „the Laws of Nature and of Nature’s God“ jedoch bewusst deistische, nicht-konfessionelle Formeln; Jefferson war Deist, die Verfassung nennt Gott im operativen Text nicht, und der 1797 einstimmig ratifizierte Vertrag von Tripolis hält fest, die USA seien „in keiner Hinsicht“ auf der christlichen Religion gegründet. Worauf stützen Sie die Zuschreibung ans Christentum?

    2. Sie merken selbst an, dass die Rechte zunächst nur „weißen freien Männern“ galten und sich die Demokratie erst weiterentwickelt habe. Diese Universalisierung – Abolition, Frauenwahlrecht, Bürgerrechtsbewegung – wurde vielfach gegen den Widerstand kirchlicher Institutionen erkämpft (Syllabus errorum 1864; die katholische Kirche erkannte die Religionsfreiheit als Menschenrecht erst 1965 an). Wie verträgt sich das mit der Herleitung aus dem „christlichen Menschenbild“?

    3. Ihr gesamter Demokratie-Appell kommt inhaltlich ohne Theologie aus. Welchen zusätzlichen Grund, der nicht schon säkular verfügbar wäre, liefert der Gottesbezug für das, wozu Sie aufrufen?

    4. In den USA trägt gerade eine christlich-nationalistische Strömung die migrationsfeindliche Politik, die Sie beklagen (nach PRRI 2025 befürworten Mehrheiten dieser Gruppe u. a. Abschiebungen ohne rechtsstaatliches Verfahren). Wie belastbar ist ein „Menschenbild“, das sich für Gleichheit ebenso anrufen lässt wie für Ausgrenzung?

    5. Sie verweisen mahnend auf „eines der größten Desaster der Menschheitsgeschichte“. Die Rolle der Kirchen war dabei, euphemistisch formuliert, ambivalent (Reichskonkordat 1933). Warum sollte das „christliche Menschenbild“ als Bollwerk der Demokratie tragen?

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