Das Wort zum Sonntag, in dem Gott fehlt

Lesezeit: ~ 4 Min.

Darum geht es

Benedikt Welter predigt zum fünften Jahrestag der Ahrtal-Flut über Trost und Sinn – und kommt dabei ganz ohne Gott aus, weil ein Gott, der 184 Menschen ertrinken lässt, in dieser Predigt keine gute Figur machen würde.

Es gibt Predigten, die man daran erkennt, was in ihnen fehlt. Benedikt Welter, römisch-katholischer Priester und seit 2016 Sprecher im ARD-„Wort zum Sonntag“, nimmt den fünften Jahrestag der Flutkatastrophe von 2021 zum Anlass. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 starben im Ahrtal 135 Menschen, weitere 49 in Nordrhein-Westfalen, insgesamt über 180. Welter erinnert daran mit ruhigen, teils schönen Sätzen. Nur eines tut er nicht: Von Gott reden. Und genau das ist der interessanteste Satz seiner Predigt – der, den er nicht gesagt hat.

Die naheliegende Frage, die nicht vorkommt

Stellen wir uns die Situation nüchtern vor. Ein katholischer Geistlicher spricht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über eine Naturkatastrophe, die binnen Stunden fast zweihundert Menschen in den Tod riss. Was ist die klassische, jahrtausendealte Aufgabe der Theologie an genau diesem Punkt? Die Theodizee: die Rechtfertigung eines allgütigen, allmächtigen Gottes angesichts sinnlosen Leids. Wo war dieser Gott in der Flutnacht? Warum hat der, der angeblich jeden Spatzen vom Dach fallen sieht, die Sturzflut nicht aufgehalten, die Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer „jäh in den Tod“ riss?

Welter stellt diese Frage nicht. Er beantwortet sie nicht. Er umgeht sie so vollständig, dass man den Verdacht nicht los wird, die Umgehung sei die eigentliche Botschaft. Sein Gott taucht im ganzen Text an zwei Stellen auf: Das Leben „schenkt“ mir Qualität – wobei offenbleibt, wer da schenkt – und ganz am Ende, in der Grußformel „Einen gesegneten Sonntag“. Das ist alles. Zwischen dem ersten und dem letzten Satz predigt ein Priester über Tod, Trauer und Trost, ohne den zu bemühen, in dessen Namen er auftritt.

Man kann das großzügig deuten: als seelsorgerliches Taktgefühl, das den Trauernden keine billige Vorsehungsrhetorik zumutet. Diese Deutung ehrt Welter – und entlarvt zugleich sein Geschäft. Denn wenn der Gottesbezug ausgerechnet dort peinlich würde, wo Menschen wirklich leiden, dann ist er überall dort Dekoration, wo er unverfänglich bleibt. Ein Trost, der beim ersten ernsten Anlass verstummt, war nie ein tragender Trost.

Der Humanist wider Willen

Womit tröstet Welter stattdessen? Ausschließlich mit Dingen, die kein Glaubensbekenntnis voraussetzen: Erinnerung, Mitgefühl, Solidarität, Gemeinschaft. „Auch die tun gut, weil im Innen Mitgefühl und so etwas wie Solidarität entsteht.“ Das sind, Wort für Wort, säkular-humanistische Werte. Sie funktionieren für den Katholiken exakt so wie für den Atheisten, weil sie nichts Übernatürliches brauchen, sondern nur Menschen, die füreinander da sind.

Bemerkenswert wird es, wo Welter über die Natur spricht. „Ungerührt dreht sich die Erde um die eigene Achse und um die Sonne herum“, heißt es, und für die Hinterbliebenen werde „der gefühllose, morgendliche Glanz der Sonne wieder und wieder fast zu einem Fluch“. Das ist ein präzise materialistisches Weltbild: Der Kosmos ist gleichgültig, die Naturgesetze kennen kein Erbarmen, im Universum steckt kein Sinn. Erst der Mensch, sagt Welter, gebe dem Geschehen „ein Innen“.

Damit formuliert ein Priester im Abendprogramm die Grundüberzeugung des Humanismus: Sinn ist nichts, was von oben herabgereicht wird, sondern etwas, das wir stiften. Die Erde dreht sich sinnlos – und wir sind es, die ihr Bedeutung geben. Man muss den Satz nur zu Ende denken, den Welter selbst begonnen hat, und man steht mitten in der Aufklärung.

Sein Bild vom Menschen als „Künstlerinnen und Künstler“ im „Dreiklang von gestern und heute und morgen“ verstärkt das nur. Erinnern, mitfühlen, handeln – das ist eine sauber diesseitige Ethik. Kein Jenseits, keine Auferstehung, keine göttliche Belohnung kommt darin vor. Welter beschreibt ein gelingendes Leben so, wie es jeder Säkulare unterschreiben könnte. Übrig bleibt vom Religiösen allein das Etikett.

Erinnern statt verantworten

Als tragende Denkfigur wählt Welter die Erinnerung und stützt sie auf ein Zitat: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. Vergessen verlängert das Exil.“ Der Satz wird traditionell dem Baal Schem Tov, dem Begründer des osteuropäischen Chassidismus, zugeschrieben und ist vor allem durch die Gedenkstätte Yad Vashem bekannt geworden. Nur: Belegen lässt sich diese Zuschreibung nicht; der Ausspruch gilt als apokryph, und ursprünglich meint das „Exil“ die reale Vertreibung des jüdischen Volkes und die messianische Hoffnung auf Rückkehr – nicht eine allgemeine Gefühlspädagogik des Sich-Erinnerns. Welter löst das Wort aus diesem Zusammenhang und macht daraus eine innerliche Wohlfühlformel: Erinnerung „tut gut“. Ein starkes, konkretes Bild von Vertreibung und Heimkehr wird zur Metapher für seelische Wärme verdünnt.

Und hier zeigt sich die eigentliche Leerstelle hinter der Gottesleerstelle. Die Ahrtal-Katastrophe war eben nicht nur schicksalhaftes Naturgeschehen, dem man mit Andacht begegnet. Sie hatte Ursachen und Verantwortliche: eine durch den Klimawandel verschärfte Wetterlage, versagende Warnketten, bebaute Überschwemmungsflächen, ein Katastrophenschutz, dessen Lücken juristisch aufgearbeitet wurden.

„Das Leben geht weiter“ als Grundton nimmt der Katastrophe genau diese Dimension. Wer nur zum Erinnern und Mitfühlen einlädt, lässt die unbequeme Frage aus, die nach vorn zeigt: Was tun wir, damit sich die Flutnacht nicht wiederholt? Fürs Gedenken ist der Prediger zuständig; fürs Verhindern wäre es die Gesellschaft. Welters Predigt bleibt ganz auf der ersten Seite stehen.

Was bleibt, wenn man das Etikett abzieht

Man kann Welter zugutehalten, dass er die schlimmen Reflexe seiner Zunft vermeidet. Kein „Gottes Wege sind unergründlich“, keine Prüfung, kein höherer Plan hinter dem Tod von Kindern. Und auch keine Strafe Gottes, was ja sauber biblisch begründbar gewesen wäre.

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Das ist auf den ersten Blick mehr wert als vieles, was zu solchen Anlässen von Kanzeln und in Fernsehpredigten gesagt wird. Aber genau diese Zurückhaltung ist verräterisch. Alles, was in dieser Predigt trägt – dass Erinnerung Mitgefühl weckt, dass Solidarität aus Gemeinschaft entsteht, dass wir dem gleichgültigen Kosmos selbst Bedeutung geben, dass ein gutes Leben aus Erinnern, Mitfühlen und Handeln besteht –, funktioniert vollständig ohne Gott. Es ist Humanismus in liturgischer Verpackung und Vereinnahmung.

Die säkular-humanistische Alternative besteht deshalb nicht darin, Welter zu widersprechen, sondern darin, ihn beim Wort zu nehmen und den letzten Schritt zu gehen, vor dem er zurückweicht. Der Trost bei einer Katastrophe kommt von Menschen: von Nachbarn, die Keller auspumpen, von Helfern, von Gemeinschaften, die die Betroffenen „gesehen“ machen.

Der Sinn entsteht in uns, nicht über uns. Und die angemessene Antwort auf 184 Tote ist nicht nur das würdige Erinnern, sondern die nüchterne Verantwortung, aus Ursachen zu lernen und vorzusorgen. Das braucht keinen Segen. Es braucht Menschen, die hinschauen, mitfühlen und handeln – ein Dreiklang, den Welter selbst benennt und dem nur eine Dimension fehlt, die er trotzdem im Titel führt.

Bleibt ein freundlicher Rat an das „Wort zum Sonntag“: Wenn eine Predigt über Leben und Tod auch ohne Gott auskommt, ohne dass jemand ihn vermisst, dann hat sie eine Wahrheit ausgesprochen, die größer ist als ihr Anlass. Man müsste sie nur zugeben.

KI

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1 Kommentar zu „Das Wort zum Sonntag, in dem Gott fehlt“

  1. Nun Herr Welter,

    Es wird Zeit demnächst in Rente zu gehen, bevor der Papst noch von ihren blasphemisch, säkularen Gedankengängen erfährt und sie exkommuniziert.

    Endlich ein Leben in Ruhe und Ehrlichkeit führen, ohne einfältigen Leuten weiter Märchen zu erzählen, an die sie offensichtlich selbst nicht mehr glauben.

    Oder ist das jetzt die neue katholische Art der Publikumsakquise?
    Erst mal hübsch einen auf humanistisch freundlich machen, um doch noch ein paar ver(w)irrte Schäflein in die Kirche zu locken; und dann wenn die Tür hinter ihnen zu ist, schnell absperren, den Schlüssel wegwerfen und eine zünftige Predikt mit Hölle und Feuer einleiten?!

    Na wie siehts aus… die Wahrheit meine ich?

    Antworten

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