Eine Kritik zum Leserbrief von Pfarrer Winfried Abel aus Hünfeld-Großenbach in der Fuldaer Zeitung
Darum geht es
Ein Leserbrief von Pfarrer Winfried Abel in der Fuldaer Zeitung deutet den tödlichen islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day als göttliches Warnzeichen an die Ermordeten und Verletzten selbst – und entlarvt damit eine Moral, die menschliches Leid religiös instrumentalisiert.
Am 26. Juli 2026 fuhr ein 21-jähriger Mann im Berliner Tiergarten einen Transporter in eine Menschenmenge, die den Christopher Street Day feierte, und ging anschließend mit einer Waffe auf Menschen los. Eine Frau – eine Mutter aus Polen – wurde getötet, rund 30 Menschen wurden verletzt. Der Täter, den die Behörden als islamistisch motiviert einstufen und der zuvor wegen versuchter Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden war, wurde von der Polizei erschossen.
Auf dieses Verbrechen reagiert ein Leserbrief von Pfarrer Winfried Abel aus Hünfeld-Großenbach in der Fuldaer Zeitung. Und er tut etwas, das man zweimal lesen muss, um es zu glauben: Er nimmt den Mord zum Anlass, nicht in erster Linie den Mörder zu kritisieren, sondern die Getöteten und ihre Gemeinschaft. Der Anschlag sei, so schließt der Text, „ein Signal des Himmels“, „ein Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr“.
Der Verfasser: kein einmaliger Ausrutscher
Der Leserbrief steht nicht für sich. Winfried Abel, Jahrgang 1939, wurde 1964 zum Priester geweiht, war von 1970 bis 1983 in der Gefängnisseelsorge und von 1989 bis 2014 Pfarrer in Fulda-Neuenberg, bevor er in den Ruhestand ging. Über den Kreis der Pfarrei hinaus bekannt wurde er vor allem durch regelmäßige Auftritte bei katholisch-konservativen Sendern wie EWTN, K-TV und Radio Horeb sowie als früherer Spiritual eines Priesterseminars.
Schon im Sommer 2025 sorgte Pfarrer Winfried Abel für Schlagzeilen, als er den Kurs seines Heimatbistums Fulda in LGBT-Fragen scharf angriff. Anlass war eine wohlwollende Stellungnahme von Generalvikar Martin Stanke zum Christopher Street Day in Fulda vom 12. Juli 2025. Abel bezeichnete Pride-Veranstaltungen laut Berichten als „Symptome einer sittlich entfesselten Gesellschaft“ und als „Verherrlichung geschmackloser Obszönitäten“ (eine Beschreibung, die, nebenbei bemerkt, verblüffend gut das Anbeten von in Menschenfleisch verzauberte Backoblaten beschreibt).
Segensfeiern für homosexuelle Paare lehnte er ab und verglich sie mit dem Segenswunsch eines Alkoholikers, der von seiner Sucht befreit werden wolle: Die Kirche müsse den Segen „verweigern“. Er erklärte, er wolle sich nicht mehr „Priester des Bistums Fulda“ nennen – „In diesem Bistum möchte ich nicht mehr Priester sein.“ Das Bistum teilte mit, es könne Abels Deutung der Stanke-Erklärung, die für Respekt und Dialog geworben hatte, „nicht nachvollziehen“.
Ende August 2025 wurde bekannt, dass Abel in der Pfarrei „Hl. Maria Magdalena Hünfelder Land“ nicht mehr als Zelebrant für Sonntagsmessen eingeplant war; der leitende Pfarrer Michael Müller begründete dies mit Abels „angstmachenden Predigten“.
Es ist bezeichnend, wenn sich Glaubensgemeinschaften ausgerechnet jener ihrer Angestellten entledigen, die einfach nur das predigen, was da nun mal in der „Heiligen“ Schrift geschrieben steht – und zwar so, wie es gemeint ist, statt es bis ins unverfänglich erscheinende Gegenteil zu verbiegen, wie es der christliche Mainstream tut.
Das aktuelle „Signal des Himmels“ ist also kein Ausrutscher, sondern die Fortsetzung einer schon dokumentierten Linie – mit demselben Vokabular. Was 2025 „Perversion“ und „Obszönität“ war, ist 2026 die „Parade der Schamlosigkeit“. Neu ist nur, dass diese Wortwahl nun auf einen Toten und Dutzende Verletzte trifft.
Ein Toter als „Signal des Himmels“
Der entscheidende Satz des Leserbriefs lautet: „Doch sollten alle, die sich noch Christen nennen, derartige Gräueltaten als ein Signal des Himmels verstehen, als einen Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr.“ Man sollte sich klarmachen, was hier behauptet wird. Ein Mensch wurde ermordet, Dutzende wurden verletzt – und diese konkrete Tat wird zu einer Botschaft Gottes umgedeutet, die sich an die Lebenden richtet.
Das ist keine Randbemerkung von Pfarrer Winfried Abel, sondern die zynische Pointe des ganzen Textes. Es ist die klassische Theologie der göttlichen Strafe, angewandt auf ein reales Gewaltverbrechen. Wer den Tod eines Menschen als „Signal des Himmels“ deutet, macht Gott zum stillen Regisseur eines Anschlags und die Getötete zum Mittel eines höheren Zwecks.
Das ist nicht nur moralisch verwerflich, es ist auch logisch haltlos: Eine Handlung, deren Urheber ein konkreter, von Menschen gemachter Täter mit konkretem Motiv ist, lässt sich nicht zugleich als Fingerzeig einer höheren Macht ausgeben. Entweder trägt der Attentäter die Verantwortung – oder der „Himmel“. Beides zusammen geht nur um den Preis, dass die Opfer selbst zum Adressaten der Lehre werden, die man aus ihrem Tod ziehen will.
Genau das ist der Mechanismus der Opferbeschuldigung: Nicht der Mörder soll umkehren, sondern die Ermordeten und ihresgleichen. Eine perfidere Umkehrung von Täter und Opfer ist schwer vorstellbar.
Der Angriff auf die einzige menschliche Reaktion
Bezeichnend ist, woran sich Pfarrer Winfried Abel zuerst stört. Nicht am Terror, sondern an einem Satz des Berliner Erzbischofs Heiner Koch. Koch hatte auf den Anschlag reagiert mit den Worten: „Wie schrecklich! Ein so frohes und bewegendes Fest, brutal zu zerstören. Wir sind mit unseren Gebeten bei allen Opfern und ihren Angehörigen … Der Hass darf nicht gewinnen.“
Der Leserbrief-Schreiber empört sich: „Ein katholischer Bischof nennt also die Parade der Schamlosigkeit und die zur Schau gestellte Verherrlichung der Perversion ein ‚frohes und bewegendes Fest‘!?“ Und weiter, im Ton der Anklage: „Haben die Hirten der Kirche nicht den prophetischen Auftrag, solche Ereignisse im Sinne des Evangeliums zu deuten und ins rechte Licht zu stellen?“
Man muss Kochs Theologie nicht teilen, um zu erkennen: Seine Reaktion war die einzige im ganzen Vorgang, die schlicht menschlich war. Mitgefühl mit Ermordeten und Verletzten, Ablehnung von Hass – mehr steht in seinem Statement nicht.
Dass ausgerechnet dieses Minimum an Empathie Pfarrer Winfried Abel auf die Palme bringt, sagt viel über die zugrunde liegende Prioritätensetzung – und darüber, wie Religion die Köpfe von Menschen f****n kann.
Wer die Trauer um einen ermordeten Menschen für einen theologischen Fehler hält, weil das Opfer der „falschen“ Gruppe angehörte, hat den Kern jeder Ethik verfehlt: dass Menschen nicht danach zählen, ob wir ihre Lebensweise billigen.
„Ich verurteile ja, aber …“ – die rhetorische Notbremse
Der Text ist nicht dumm gebaut (wofür hat man schließlich Theologie studiert!). Er ahnt, wie er wirkt, und schiebt eine Absicherung ein: „Hier muss man differenzieren! Die Ablehnung des Christentums rechtfertigt in keiner Weise das brutale und menschenverachtende Vorgehen der islamischen Terroristen … Solchen Terroristen muss das Handwerk gelegt werden.“
Das ist die klassische Formel „Ich verurteile ja, aber …“. Sie soll den Sprecher aus der Schusslinie nehmen und ihm zugleich erlauben, den Gedankengang des Täters weiterzuführen. Denn die formale Verurteilung ändert nichts an der Deutung, die der Brief dann trotzdem übernimmt: dass der Westen dekadent sei, dass die „sittliche Dekadenz“ ein reales Problem sei und dass der Anschlag zur „Umkehr“ mahne. Damit teilt der Autor mit dem Attentäter exakt das Feindbild – die queere Öffentlichkeit – und unterscheidet sich von ihm nur in der Frage der Methode, nicht in der Frage der Bewertung der Opfer.
Auffällig ist auch die Wortwahl „Morde und Gruppenvergewaltigungen“. Der konkrete Berliner Anschlag war die Tat eines Einzelnen mit einem Fahrzeug und einer Waffe; von Gruppenvergewaltigungen ist dabei nichts bekannt. Die Formulierung greift auf ein pauschales Schreckensbild zurück, das rhetorisch aufheizt, ohne durch den geschilderten Fall gedeckt zu sein. Faktentreue sieht anders aus.
Verachtung als Argumentersatz
Wo der Brief nicht deutet, verachtet er. Der CSD ist ihm eine „Parade der Schamlosigkeit“, eine „große Parade der halbnackten Leiber“, eine „Verherrlichung der Perversion“, kurz: „Unkultur“. Das sind keine Argumente, sondern Etiketten. Sie ersetzen die Begründung durch Ekel und setzen als selbstverständlich voraus, was zu zeigen wäre – nämlich dass die öffentliche Sichtbarkeit von Schwulen, Lesben und queeren Menschen etwas Verwerfliches sei.

Dazu tritt eine Verfallserzählung: Pfarrer Winfried Abel beklagt, die „einst prächtige, nun arg zusammengeschrumpfte Fronleichnamsprozession“ werde von der „Parade der halbnackten Leiber“ verdrängt, und zitiert Peter Scholl-Latour mit dem Satz, die Stärke des Islam in Europa sei durch die Schwäche des Christentums bedingt.
Aus dieser Beobachtung – so man sie teilt – wird kurzerhand eine Handlungsanweisung: Der Westen müsse „umkehren“, sonst habe er die Dekadenz verdient, die ihm „Vertreter des Islam“ vorwerfen. Dass eine beschreibende These über gesellschaftlichen Wandel damit in eine Aufforderung zur moralischen Selbstunterwerfung verwandelt wird, fällt dem Verfasser nicht auf. Und der Rückzug auf eine Autorität – hier Scholl-Latour – ersetzt nicht das Argument, das fehlt.
Die säkular-humanistische Gegenrechnung
Man kann die Sache auch schlicht vom Menschen her denken. Ein Mensch wurde ermordet, weil andere Menschen frei und sichtbar feiern wollten, wer sie sind. Der Christopher Street Day erinnert an den Widerstand gegen eine jahrzehntelange Verfolgung – auch in Deutschland, wo der berüchtigte Paragraf 175 schwule Männer bis weit in die Bundesrepublik hinein kriminalisierte. Diese Freiheit ist kein Zeichen von Verfall, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft: Menschen müssen nicht mehr um Leib und Recht fürchten, weil sie lieben, wen sie lieben.
Aus säkular-humanistischer Sicht folgt daraus dreierlei.
Erstens: Die Würde jedes Menschen hängt nicht von der Billigung seiner Lebensweise ab. Solidarität mit Opfern von Gewalt braucht keine Vorbedingung.
Zweitens: Ein Verbrechen ist ein Verbrechen und kein Fingerzeig einer höheren Macht. Wer Leid zum „Signal des Himmels“ erklärt, betreibt keine Sinnstiftung, sondern widerwärtigen Zynismus – und macht sich zum ungefragten Dolmetscher eines Gottes, dessen Botschaften verdächtig genau mit den eigenen Ressentiments übereinstimmen.
Drittens: Der säkulare Rechtsstaat schützt beides – die Fronleichnamsprozession und den Christopher Street Day. Er zwingt niemanden, das eine schön zu finden, aber er verbietet, das andere mit Gewalt oder mit der Umdeutung von Gewalt zu bekämpfen.
Die bittere Ironie des Leserbriefs ist, dass er die einzige Stimme angreift, die sich menschlich verhalten hat. Erzbischof Koch hat um die Opfer getrauert. Der Leserbrief trauert um die Fronleichnamsprozession.
Zwischen diesen beiden Reaktionen liegt kein theologischer Feinsinn, sondern der ganze Unterschied zwischen Mitgefühl und Menschenverachtung. Ein Toter ist kein Signal. Er ist ein Mensch, den ein anderer Mensch getötet hat.
Alles Weitere ist der Versuch, aus diesem Grauen noch Kapital für die eigene Weltanschauung zu schlagen.
Quellen
- EWTN.de: Abel nach LGBT-Kritik nicht mehr für Sonntagsmessen eingeplant (28.08.2025)
- CNA Deutsch: Abel nicht mehr für Sonntagsmessen eingeplant
- Osthessen-News: Abel empört sich über Statement des Bistums zum CSD
- EWTN.de: Abel übt scharfe Kritik an Heimatbistum Fulda (21.07.2025)
…und wenn das nächste Mal wieder ein Mainstream-Berufschrist um die Ecke kommt mit „na, solche Ansichten hat doch heute kein Katholik mehr“ – Pfarrer Winfried Abel liefert hier den erschreckenden Beweis des Gegenteils.

Reaktion der Chefredaktion

In der Sache ist Farnung uneingeschränkt zuzustimmen: Er benennt präzise, dass aus der Verurteilung einer Veranstaltung die religiöse Deutung eines Gewaltverbrechens als göttliche Botschaft wird und dass den Opfern damit nachträglich ihre Würde genommen wird. Das ist der Kern, und dass diese Klarstellung von einem Chefredakteur einer Fuldaer Regionalzeitung kommt, verdient Respekt.
Nur der letzte Satz greift zu kurz. Der Leserbrief sei, so Farnung, „eine Einladung, Kirche mit Ausgrenzung, Verachtung und moralischer Überheblichkeit zu verbinden“. Das Wort „Einladung“ klingt, als drohe der Kirche hier etwas Neues, Fremdes, von außen Herangetragenes.
Tatsächlich verhält es sich umgekehrt: Diese Verbindung hat die Kirche über Jahrhunderte nicht erst auf Einladung eingegangen, sondern als Institution aktiv praktiziert, solange sie die Macht dazu hatte — von der Verfolgung Andersgläubiger und der Inquisition bis zur theologischen Verdammung und gesellschaftlichen Kriminalisierung Homosexueller. Und sie praktiziert sie bis heute dort, wo sie noch oder wieder die Macht dazu hat.
Abel lädt die Kirche nicht zu etwas Neuem ein; er erinnert sie an ihre eigene, lange gelebte Norm. Das macht seinen Brief kein Stück besser — aber es macht die Antwort ehrlicher: Ausgrenzung ist für diese Institution historisch kein Ausrutscher am Rand, sondern der Normalfall, den erst der säkulare Druck von außen zurückgedrängt hat.
Beliebigkeit und Fundamentalismus

In einem größeren Zusammenhang ist der Leserbrief lehrreich: Je weiter eine Gesellschaft sich auf Aufklärung und Humanismus zubewegt, desto mehr zerfällt die überlieferte Religion – und was übrig bleibt, ist zu einem kleinen Teil ein radikaler Bodensatz, der sich gerade nicht auflöst, sondern verhärtet und um jeden Preis in der biblisch fundierten Opferrolle (Matthäus 5,10) am jahrhundertelang selbstverständlichen Absolutheitsanspruch festhält.
Für diesen Rest steht Abel: Wo die Kirche Mitgefühl zeigt, wittert er Verrat, und ein Mord gerät ihm zum Fingerzeig Gottes.
Erzbischof Koch steht für etwas anderes, das man nicht mit Beliebigkeit verwechseln sollte. Beliebigkeit hieße, dass Religion überhaupt keine Rolle mehr spielt. Koch aber versucht, seine Kirche als vereinbar mit Aufklärung und Humanismus darzustellen – er meldet einen Kompatibilitätsanspruch an. Aufschlussreich ist, wie er das tut: Er bettet seine Reaktion durchaus in religiöse Praxis ein – „Wir sind mit unseren Gebeten bei allen Opfern“, man halte „Fürbitte in unseren Sonntags-Gottesdiensten“.
Doch eine theologische Begründung dafür, warum die Opfer Mitgefühl verdienen, gibt er nicht. Von Gottesebenbildlichkeit, Schöpfungsordnung oder einem christlichen Sonderanspruch ist keine Rede; der ethische Gehalt – Mitgefühl, Ablehnung von Hass, der Wunsch nach einem „friedlichen Miteinander“ – ist deckungsgleich mit dem, was jeder säkulare Humanist sagen würde.
Das spezifisch Religiöse schrumpft auf die Form: Man betet für die Opfer. Die moralische Substanz aber stammt aus dem humanistischen Wertehorizont.
Genau darin zeigt sich die Richtung der Bewegung: Die Kirche kann sich dank der quasi beliebig auslegbaren biblischen Grundlage diesem Maßstab anschließen und ihre Vereinbarkeit behaupten – oder sie kann, wie Abel, sauber biblisch begründet dagegen anrennen. In beiden Fällen ist es der Humanismus, der den Maßstab setzt, an dem die Religion sich abarbeitet.
Fest steht: Wer das Christentum heute als kompatibel zu den Werten der Aufklärung und zum Humanismus darstellen möchte, hat einen ungleich höheren Aufwand als radikal-fundamentalistische Christen, die sich einfach nur am biblisch-christlichen Fundament zu orientieren brauchen.
Da muss nichts mit hohem Aufwand herausgepickt, weggelassen, in einem unverfänglichen Kontext versteckt oder durch waghalsige sprachliche Tricks entschärft werden, wie das im Mainstream-Christentum notgedrungen der Fall ist, wie jedes einzelne „Wort zum Sonntag“ beweist.
Die Radikalen tragen ihr Glaubenskonstrukt grimmig entschlossen hoch erhoben vor sich her, während es der vergleichsweise fortschrittlichere Rest notgedrungen als Klotz am Bein noch weiter hinter sich her schleppen muss. Vom Fundament ist hier nur noch ein Etikett übrig geblieben, das die Legende von der christlichen Moral repräsentiert. Unverzichtbar, um überhaupt noch von säkularem Humanismus und Aufklärung unterscheidbar zu sein.
Immerhin einen positiven, wenn auch sicher nicht beabsichtigten Effekt hat Abels Leserbrief: Er dürfte etliche Taufscheinchristen wieder mal daran erinnert haben, den bislang versäumten Kirchenaustritt jetzt aber wirklich schleunigst nachzuholen.
https://www.kirchenaustritt.de/hessen
Update (August 2026): Das Bistum distanziert sich – und das Echo reicht weit über Fulda hinaus
Nach dem Leserbrief distanziert sich das Bistum Fulda ausdrücklich von Abel und weist jede Deutung des Anschlags als göttliches Handeln zurück; überregionale Medien berichten breit über den Fall.
Der Leserbrief ist inzwischen weit über die Leserbriefspalte der Fuldaer Zeitung hinaus zum Thema geworden. Innerhalb weniger Tage berichteten unter anderem katholisch.de, queer.de, t-online und weitere Portale über den Fall. Der pensionierte Priester – Winfried Abel ist inzwischen 87 Jahre alt – wird dabei durchgängig kritisch eingeordnet; queer.de etwa sprach von einer „menschenverachtenden Entgleisung“. Mehrere Berichte verwiesen zudem auf Abels bereits im Sommer 2025 dokumentierte queerfeindliche Äußerungen, womit sich der oben beschriebene Befund bestätigt: Der Text ist kein Ausrutscher, sondern Teil einer Linie.
Am deutlichsten fiel die Reaktion des eigenen Bistums aus. Am 1. August 2026 distanzierte sich die Pressestelle des Bistums Fulda „ausdrücklich“ von den Äußerungen; sie gäben „weder die Position des Bistums noch die Haltung seiner Verantwortlichen“ wieder. Zum Kern der Sache heißt es, das Bistum weise „jede Deutung eines terroristischen Anschlags als Ausdruck eines göttlichen Handelns entschieden zurück“. Und weiter: „Es kann und darf nicht hingenommen werden, dass Menschen sich aufgrund ihrer sexuellen Identität als existenziell bedroht erleben.“ Damit widerspricht die Institution genau jenem Punkt, den auch dieser Beitrag als das eigentlich Skandalöse markiert hat – der Umdeutung eines Mordes in ein Zeichen von oben.
Ein Detail lohnt den zweiten Blick. Das Bistum begründet die Würde der Opfer nun ausdrücklich theologisch: „jeder Mensch ist Ebenbild Gottes und besitzt eine unveräußerliche Würde“. Interessant ist die Reihenfolge. Das Ergebnis – die unveräußerliche Würde jedes Menschen, unabhängig von seiner sexuellen Identität – ist die säkular-humanistische Position, wie sie in Menschenrechtserklärungen ohne jeden Gottesbezug steht.
Die Gottesebenbildlichkeit wird nachgereicht, um diesem Ergebnis ein religiöses Fundament zu geben. Das ist der schon beschriebene Kompatibilitätsanspruch in Reinform: Die Kirche schließt sich dem humanistischen Maßstab an und deutet ihn nachträglich als ihren eigenen. Es bleibt bemerkenswert, dass eine Institution, die dieselbe Menschenwürde jahrhundertelang gerade nicht für Homosexuelle gelten ließ, sie heute gegen einen ihrer eigenen Priester in Stellung bringen muss.


















Das schlägt dem Fass den Boden aus!!!
Es verwundert, dass dieser Leserbrief überhaupt gedruckt wurde.
In meinen Augen ist das pure Volksverhetzung und gehört strafrechtlich verfolgt.
Was für ein widerlicher Mensch!
Da ist sie wieder, die allumfassende Liebe des Christengottes…
Auch eine Redakteurin des lokalen Nachrichtenportals Osthessen-News (die mit den Buß-Impulsen) schrieb in einem Beitrag, dass die Veröffentlichung für sie „kaum nachvollziehbar“ gewesen sei. Dazu habe ich ihr gerade diese Anfrage geschickt:
Guten Tag Frau Ihle-Becker,
mit Interesse habe ich Ihren Artikel über den Hasskommentar von Pfarrer Abel gelesen. Am Schluss schreiben Sie, es sei „kaum nachvollziehbar“, warum die Fuldaer Zeitung den Leserbrief vollständig abgedruckt hat. Dazu zwei Anmerkungen.
Erstens: Der Redaktion dürfte klar gewesen sein, welches Echo ein solcher Text gerade in Fulda auslöst, wo sich noch mehr Menschen damit schwer tun, sich von Kirche und Religion zu verabschieden als anderswo. Genau so kam es — der Brief wurde ja auch von O|N und sogar überregional aufgegriffen.
Zweitens, und das halte ich für den wichtigeren Punkt: Mit welcher Begründung hätte die Zeitung den Brief nicht veröffentlichen sollen? Weil sie die Haltung des Verfassers nicht teilt? Aus Rücksicht auf die Kirche und ihre Mitglieder? Wegen juristischer Bedenken? Weil es sich um die verquere Einstellung eines einzelnen radikal-fundamentalistischen katholischen Priesters handelt?
Ich halte es im Gegenteil für wichtig, sichtbar zu machen, dass sich auch ein solcher Standpunkt bruchlos biblisch-christlich begründen lässt. Denn damit wird das grundlegende Problem deutlich: Aus derselben Lehre lassen sich diametral entgegengesetzte Positionen ableiten — Nächstenliebe ebenso wie Menschenverachtung. Ein Maßstab, der beides gleichermaßen trägt, taugt nicht als moralische Orientierung. Welche Lesart sich durchsetzt, entscheidet nicht die Schrift, sondern der gesellschaftliche Kontext. Wo Kirchen heute wachsen, geschieht das vielfach im Schulterschluss mit populistischen oder autoritären Kräften; hier, wo das Mainstream-Christentum darum kämpft, die „Legende von der christlichen Moral“ noch möglichst lange am Leben zu erhalten, fallen Stimmen wie die von Pfarrer Abel dagegen besonders auf.
Ein letzter Punkt: Osthessen-News veröffentlicht zweimal wöchentlich die „Impulse“ von Herrn Buß. Viele dieser Texte werfen Fragen auf, etliche enthalten Aussagen, die sachlich falsch sind — so auch im jüngsten Impuls — oder aus anderen Gründen kritikwürdig. Eine redaktionelle Einordnung oder gar Richtigstellung habe ich dort noch nie gelesen. Das wiederum ist für mich kaum nachvollziehbar.
Es würde mich sehr interessieren, worin für Sie konkret das Nicht-Nachvollziehbare an der Veröffentlichung des Leserbriefs lag.
Ich finde es ja auch „gut“, dass dieser Leserbrief so gedruckt wurde und dadurch die ganze Bigotterie offensichtlich wird.
Was mich aber verwundert ist, dass politische Kommentare ähnlicher Machart sofort zensiert, geschweige denn veröffentlicht würden.
Bei Religion, insbesondere der christlichen scheint man dann doch beide Augen zuzudrücken.
Abel ist ein Vertreter jener erzkonservativen katholischen Kaste, die schon unter Bischof Dyba seinerzeit versucht haben, die Menschen in Fulda stramm auf Linie zu bringen. Und das bedeutete vor allem: Kampf gegen alles was alternativ, links und gender war und ist. Also gegen Schwule, Lesben und „Dahergelaufene“, wie es Dyba einst formulierte. Doch eines vergessen die Typen vom Schlage eines Herrn Abel: Gott wohnt in JEDEM Menschen! Also nicht nur in einigen Wenigen oder einem Einzigen. Und was ist das Göttliche in uns allen? Es ist die Liebe! Und wer darf bis heute nicht lieben? Die katholischen Pfarrer, Bischöfe und Kardinäle! Also wohnt Gott NICHT in den Priestern! Was die hasserfüllten Kommentare des Herrn Abel und anderer fehlgeleiteter Priester zweifelsfrei belegen!
Welchen Gott meinst du Konkret?
Der Abrahamitische kanns nicht sein, denn schon dutzente andere Götter haben lange vor diesem bereits die Welt erschaffen (angeblich).
Und die allumfassende Liebe, die der jeweils präverierte Gott verströmt, hat stets in Völkermord und ähnlichen Gräueltaten geendet.
Das passiert, wenn man sich als Hüter der einzigen Wahrheit aufspielt, und Andersdenkende ausschliest, In- vs. Outgroup…
Zum zweiten Blick mit Ebenbild und Würde möchte ich sagen, dass hier die Kirche den Muslimen folgt. Es ist eine Abkehr von den menschengemachten Menschenrechten unseres Grundgesetzes, und Hinwendung zur Kairoer Erklärung der Menschenrechte, die ja auch die Rechte von Gott/Allah ableitet und den Menschen nur die von Gott gegebene Rechte übrig lässt. Im Grundgesetz hat Gott keine Rechte.
Die Sichtweise des Herrn Abel ist uralt und tief verwurzelt in der christlichen Ideologie. Es sei nur erinnert an die Reaktionen der Kirche auf die Pest im Mittelalter oder in neuerer Zeit die Deutung der Krankheit AIDS als Strafe Gottes. Ich meine mich erinnern zu können, dass selbst Covid in diesem Sinne von fundamentalistischen Fanatikern zu missionarisch-propagandistischen Zwecken instrumentalisiert wurde.
Also eigentlich nichts Neues unter der Sonne.
Wer sich ein Bild dieser Denkungsart ganz aktuell machen möchte, muss nur einmal die Kommentare bei kath.net lesen, die zum grossen Teil ganz auf der Linie Abels liegen.
Der Unterschied zu früheren Zeiten ist der, dass zumindest in unseren Breiten Herr Abel verbal gehörig Prügel einstecken muss, während in Zeiten der Herrschaft der Religion über die Menschen umgekehrt die vereinzelten Kritiker der angeblichen Gottesstrafe mit realer Prügel oder Schlimmerem rechnen mussten.
Im Übrigen begrüsse ich die Veröffentlichung dieses armseligen Leserbriefes. Die Öffentlichmachung schlägt nämlich damit zwei Fliegen mit einer Klappe:
Erstens wird deutlich, wes Geistes Kind katholische Kleriker zuweilen sein können und zweitens wird wieder einmal augenfällig, wie sich Islamisten und christliche Fundamentalisten gleichen.
Und ich behaupte, solche Menschen wie Herr Abel hätten im Dritten Reich nichts zu fürchten gehabt.